Infliximab

Von , Apotheker, Arzt
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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Infliximab ist ein künstlich hergestellter Antikörper, der einen zentralen Entzündungsbotenstoff im Körper abfängt und so antientzündlich wirkt. Der Wirkstoff wird bei schweren Autoimmunerkrankungen eingesetzt und muss direkt als Infusion verabreicht werden. Hier lesen Sie alles Wissenswerte zu Wirkung und Anwendung von Infliximab, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

So wirkt Infliximab

Infliximab ist ein mithilfe gentechnischer Methoden hergestellter Antikörper, der mit hoher Selektivität den Entzündungsbotenstoff Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha) bindet. SO kann dieser nicht an seine Bindungsstelle (Rezeptor) andocken. Dadurch wirkt Infliximab entzündungshemmend und dämpfend auf Immunreaktionen (immunsuppressiv).

Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen an. Betroffen ist meist ein bestimmtes Organsystem wie beispielsweise der Darm (bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa), die Gelenke (bei rheumatoider Arthritis) oder die Haut (bei Schuppenflechte = Psoriasis).

Bei solchen Autoimmunerkrankungen ist das Immunsystem also nicht generell überaktiv, sondern weist eine Art Fehlfunktion bezüglich einer Art von Gewebe auf - die Immunzellen (vor allem weisse Blutkörperchen) gegen dagegen vor. Unter anderem schütten Fresszellen (Makrophagen) - eine Untergruppe der weissen Blutkörpchen - entzündungsfördernde Stoffe wie TNF-alpha aus.

Dieses kleine Eiweissmolekül signalisiert weiteren weissen Blutkörperchen, dass ein entzündlicher Prozess stattfindet und die betroffene Stelle vermehrt durchblutet werden soll. Sie schwillt dadurch an und schmerzt. Durch weitere Entzündungsbotenstoffe wird der ganze Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Der Patient fühlt sich dadurch krank und schwach.

Therapeutische Antikörper wie Infliximab werden direkt in die Blutbahn verabreicht und fangen TNF-alpha ab. Dabei reicht eine Infusion aus, um über mehrere Wochen den neu gebildeten TNF-alpha aus dem Blut zu binden und mit ihm zusammen abgebaut zu werden.

Da es sich bei Infliximab jedoch um ein Mischeiweiss menschlicher und tierischer Herkunft (Maus) handelt, können Patienten darauf mit einer Unverträglichkeit reagieren. Deshalb wird Infliximab erst eingesetzt, wenn andere wirksame Arzneistoffe wie Glucocorticoide ("Kortison") oder Methotrexat (MTX) nicht oder nur unzureichend wirken.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach der Infusion von Infliximab verteilt sich der Antikörper über den Blutkreislauf. Dort entfaltet er seine Wirkung und wird langsam - wie auch andere Eiweisse im Blut - abgebaut.

Etwa acht bis neun Tage nach der Infusion ist der Blutspiegel des Wirkstoffes um die Hälfte gesunken. In Untersuchungen konnten noch acht Wochen nach der Verabreichung Infliximab-Antikörper im Blut nachgewiesen werden.

Wann wird Infliximab eingesetzt?

Infliximab wird zur Behandlung verschiedener Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Er ist unter anderem zugelassen zur Therapie von:

  • Rheumatoider Arthritis und Psoriasis-Arthritis (entzündliche Gelenkerkrankungen)
  • Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (entzündliche Darmerkrankungen)
  • Psoriasis (Schuppenflechte)

Die Behandlung mit Infliximab erfolgt meist langfristig. Der Wirkstoff wird im Abstand mehrerer Wochen durch einen Arzt verabreicht.

So wird Infliximab angewendet

Infliximab wird in der Regel als Infusion verabreicht. Dabei wird ein Venenzugang gelegt, über den man den Antikörper über eine Zeit von zwei Stunden direkt in die Blutbahn leitet. Danach muss der Patient noch ein bis zwei Stunden überwacht werden, falls akute Unverträglichkeitsreaktionen gegen Infliximab auftreten.

Zu Beginn der Behandlung werden in kürzeren Abständen von zwei Wochen kleinere Wirkstoffmengen verabreicht, um die Verträglichkeit von Infliximab zu steigern. Nach einigen Monaten können grössere Wirkstoffmengen in grösseren Abständen (sechs bis acht Wochen) gegeben werden.

Die therapiebegleitende Einnahme weiterer Wirkstoffe erfolgt meist durch den Patienten selbst. Oft wird Infliximab mit Methotrexat, nicht-steroidalen Antirheumatika (wie Naproxen, Piroxicam, Diclofenac) oder Glucocorticoiden ("Kortison") kombiniert, um die Wirksamkeit der Therapie zu steigern.

Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, sich nach initialer intravenöser Gabe durch einen Arzt den Antikörper mittels Fertigspritze oder Fertigpen selbst zu injizieren.

Welche Nebenwirkungen hat Infliximab?

Da der Wirkstoff das Immunsystem unterdrückt, kommt es sehr häufig zu Nebenwirkungen wie Virusinfekten, Atemwegsinfekten und Nasennebenhöhlenentzündung. Auch Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Schmerzen und Reaktionen an der Infusionsstelle treten sehr häufig auf.

Bei einem von zehn bis hundert Behandelten zeigen sich auch unerwünschte Wirkungen in Form von Brustschmerzen, Fieber, Wassereinlagerungen, Harnwegsinfekten und anderen bakteriellen Infektionen, Schuppenflechte und Leberfunktionsstörungen.

Auch Durchfall, Verstopfung, Verdauungsstörungen, Blutungen im Magen-Darm-Trakt, Nasenbluten, Atemnot, niedriger oder hoher Blutdruck, Herzrasen und -klopfen, Bindehautentzündung, Schwindel, Blutarmut (Anämie) und Blutbildveränderungen sind möglich.

Aufgrund seiner immunsuppressiven Wirkung muss der behandelnde Arzt vor der ersten Gabe ausschliessen, dass der Patient an Tuberkulose, anderen schweren bakteriellen oder oppertunistischen Infektionen (Infektionen, die vor allem bei gestörter Immunabwehr auftreten) leidet.

Was ist bei der Behandlung mit Infliximab zu beachten?

Gegenanzeigen

Infliximab darf nicht verabreicht werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Antikörper, anderen murinen Proteinen oder einem der sonstigen Bestandteile des Medikaments
  • Tuberkulose
  • schweren Infektionen
  • oppertunistischen Infektionen
  • mässiggradiger oder schwerer Herzschwäche (Herzinsuffizienz)

Wechselwirkungen

Im Allgemeinen haben Antikörper ein vergleichsweise geringeres Wechselwirkungspotenzial. Infliximab sollte aufgrund seiner immunsuppressiven Wirkung allerdings nicht mit Lebendimpfstoffen kombiniert werden, weil dann keine ausreichende Immunreaktion auf den Impfstoff erfolgt und somit kein Impfschutz gewährleistet ist.

Vor der ersten Gabe des Antikörpers werden etwaige empfohlene Impfungen aufgefrischt.

Die gleichzeitige Anwendung weiterer Antikörper, die gegen TNF wirken (wie Adalimumab und Etanercept), ist therapeutisch nicht sinnvoll.

Altersbeschränkung

Kinder ab sechs Jahren dürfen mit Infliximab in entsprechend reduzierter Dosierung behandelt werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Bisherige Untersuchungen an Frauen, die während der Schwangerschaft mit Infliximab behandelt wurden, zeigten keine erhöhte Rate an Fehlbildungen bei den Neugeborenen. Die verfügbaren Daten sind jedoch begrenzt, weshalb Infliximab bei Schwangeren nur dann eingesetzt werden sollte, wenn dies unbedingt erforderlich ist.

Infliximab tritt in geringen Mengen in die Muttermilch über. In den wenigen verfügbaren Fallberichten wurden bisher keine Nebenwirkungen beim Säugling festgestellt. Die Fachinformation empfiehlt aber Patientinnen sicherheitshalber, nur dann zu stillen, wenn sich im Blut des Säuglings kein Infliximab nachweisen lässt.

Mehr zur Anwendung des Antikörpers in Schwangerschaft und Stillzeit lesen Sie unten unter "Weitere Informationen zu Infliximab".

So erhalten Sie Medikamente mit Infliximab

Infliximab unterliegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz der Rezeptpflicht.

Seit wann ist Infliximab bekannt?

Infliximab wurde 1989 an der New York University entwickelt und in den Folgejahren getestet. Bereits 1998 erteilte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde (FDA) die Zulassung für den Wirkstoff in den USA. Ein Jahr später wurden Arzneimittel mit dem Wirkstoff Infliximab auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugelassen.

Weitere Informationen zu Infliximab

Im März 2022 kommunizieren die Zulassungsinhaber von Infliximab-haltigen Arzneimitteln mittels Rote-Hand-Brief über Sachverhalte im Zusammenhang mit Säuglingen, die in der Schwangerschaft oder Stillzeit dem Antikörper ausgesetzt waren.

Säuglinge, die während der Schwangerschaft exponiert waren

Infliximab ist plazentagängig und wurde bis zu zwölf Monate nach der Geburt im Blutserum von Säuglingen nachgewiesen. Solche Babys, die während der Schwangerschaft dem Wirkstoff ausgesetzt waren, könnten ein erhöhtes Risiko für potenziell lebensbedrohliche Infektionen haben.

Aus diesem Grund sollten Lebendimpfstoffe (z.B. BCG-Impfstoff - gegen Tuberkulose) Säuglingen, die gegenüber Infliximab exponiert waren, bis zwölf Monate nach der Geburt nicht gegeben werden.

Falls ein eindeutiger klinischer Nutzen für den jeweiligen Säugling besteht, kann die Anwendung eines Lebendimpfstoffs zu einem früheren Zeitpunkt in Betracht gezogen werden, falls kein Infliximab-Serumspiegel beim Säugling nachweisbar ist oder die Anwendung von Infliximab auf das erste Schwangerschaftsdrittel beschränkt war.

Säuglinge, die während der Stillzeit exponiert waren

Niedrige Spiegel an Infliximab wurden in Muttermilch nachgewiesen. Nach Einnahme über die Muttermilch wurde Infliximab auch im Serum von Säuglingen nachgewiesen. Die Anwendung von Lebendimpfstoffen bei Säuglingen, die gestillt werden, während die Mutter Infliximab erhält, wird nicht empfohlen - ausser ein Infliximab-Serumspiegel ist beim Säugling nicht nachweisbar.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Infliximab, unter: www.embryotox.de (Abruf: 27.02.2022).
  • Rote-Hand-Brief zu Infliximab-haltigen Arzneimitteln vom 07.03.2022, unter: www.pei.de.
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