Hydrocortison

Von , Apotheker, Arzt
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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Hydrocortison gehört zur Gruppe der Kortikosteroide, die umgangssprachlich unter dem Begriff "Kortison" bekannt sind. Der Wirkstoff hat entzündungshemmende, antiallergische und immunsuppressive Eigenschaften. Das auf natürliche Weise im Körper gebildete Hydrocortison diente als Vorlage für zahlreiche chemisch veränderte Kortikosteroide, die oft noch stärker wirken. Hier lesen Sie alles Interessante zu Wirkung und Anwendung von Hydrocortison, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

So wirkt Hydrocortison

Vom Körper wird Hydrocortison ("Cortisol") aus Cholesterin in der Nebennierenrinde gebildet. Die Menge des gebildeten Hormons wird hauptsächlich durch Hormone der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) reguliert.

Dabei wird besonders in Stresssituationen viel Hydrocortison produziert, um unter anderem dafür zu sorgen, dass der Körper leistungsfähig bleibt. Solcher Stress kann sich für den Körper nicht nur durch einem hektischen Alltag, sondern beispielsweise auch durch Schlafmangel, Suchterkrankungen und Infektionen ergeben.

Bei jeglicher Art von Stress werden im Körper Energiereserven mobilisiert (also Fett abgebaut), leicht verwertbare Zucker in der Leber gebildet und Proteine vermehrt abgebaut. Ausserdem werden das Immunsystem, Entzündungsreaktionen und die Wundheilung, die den Körper viel Energie kosten, gebremst.

Die Ausschüttung von Hydrocortison im Körper unterliegt einem Tag-Nacht-Rhythmus (circadiane Rhythmik). Diese innere Uhr sorgt für sieben bis zehn stossartige Freisetzungen des Hormons über den Tag verteilt, wobei die grösste Freisetzung direkt nach dem Aufwachen erfolgt.

Der Konzentrationsgipfel in der Früh wird beispielsweise bei der Einnahme oraler Kortikosteroid-Präparate genutzt, um so wenig wie möglich in den natürlichen Rhythmus einzugreifen. Bei Diabetikern wiederum steht die morgendliche Freisetzung mit erhöhten Blutzuckerspiegeln in Verbindung ("Dawn-Phänomen").

Nach seiner Ausschüttung gelangt Hydrocortison über die Blutbahn in die verschiedenen Gewebe. Dort dringt es in die Zellen ein und sorgt dafür, dass verstärkt solche Proteine gebildet werden, welche die beschriebenen stressbedingten Effekte unterstützen. Um seine Wirkung wieder zu beenden, wird Hydrocortison in einigen Geweben wie der Niere und dem Darm in das inaktive, also nicht-wirksame Cortison umgewandelt.

Therapeutisch nutzt man sowohl die Hormonwirkung (Einnahme als Tablette) als auch die entzündungshemmende und antiallergische Wirkung (z.B. Salbe, Creme) von Hydrocortison.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach der per oralen Einnahme wird Hydrocortison durch die Darmwand ins Blut aufgenommen, wo es nach etwa einer Stunde die höchsten Blutspiegel erreicht. Der Spiegel sinkt aber bereits nach etwa eineinhalb Stunden um die Hälfte, weshalb man Hydrocortison auch zu den kurzwirksamen Kortikosteroiden zählt.

Im Gewebe hält es sich jedoch länger, dort beträgt seine Wirkdauer acht bis zwölf Stunden.

In der Leber wird Hydrocortison schliesslich abgebaut und dann über die Niere mit dem Harn ausgeschieden. Zwei Tage nach der Einnahme haben 90 Prozent des Wirkstoffs den Körper wieder verlassen. 

Bei der äusserlichen Anwendung etwa als Salbe gelangen nur unwesentliche Mengen des Wirkstoffes in den Blutkreislauf.

Wann wird Hydrocortison eingesetzt?

Hydrocortison wird in folgenden Fällen angewendet:

  • per oral als Ersatztherapie bei einem Mangel an natürlichem Hydrocortison im Körper (Addison-Krankheit)
  • äusserlich bei entzündlichen Hauterkrankungen, Ekzemen und Schuppenflechte (Psoriasis)
  • rektal bei Analekzem oder zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen im unteren Dickdarmbereich (wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn)

Abhängig von der Darreichungsform wird der Wirkstoff teilweise als sogenanntes "Prodrug" verabreicht, das erst im Körper zum eigentlich wirksamen Hydrocortison umgewandelt wird. Bei Kortikosteroiden wird diese chemische Veränderung Veresterung genannt.

In dieser veränderten Form zeigt Hydrocortison bei Anwendung auf der Haut eine bessere Eindringfähigkeit und eine verlängerte Freisetzung sowie bei der Anwendung als Spritze (bei akuten Erkrankungen) eine bessere Wasserlöslichkeit. Die wichtigsten chemischen Formen sind Hydrocortison-Acetat und Hydrocortison-Butyrat.

Je nach Erkrankung kann Hydrocortison kurz- oder langzeitig angewendet werden. 

So wird Hydrocortison angewendet

Hydrocortison wird entweder topisch - also direkt auf erkrankten Körperstellen - oder systemisch angewendet - also geschluckt oder injiziert, wodurch der Wirkstoff über das Blut jedes Gewebe im Körper erreichen kann.

Die nebenwirkungsärmere topische Anwendung (als Salbe, Creme) eignet sich natürlich nur bei entsprechenden Erkrankungen der Haut, des Auges oder der Schleimhaut (beispielsweise des Darms). Üblicherweise werden Hydrocortison-Creme und -Salbe zu Beginn ein- bis zweimal täglich, bei Besserung dann nur noch einmal täglich dünn auf die betroffene Stelle aufgetragen.

Eine Augensalbe mit dem Wirkstoff wird je nach Anweisung des Arztes für maximal zwei Wochen zwei- bis dreimal täglich in die Bindehauttasche eingebracht (nach Herunterziehen des Unterlids) oder von aussen auf den Augenlidrand aufgetragen.

Die Anwendung von Rektalschaum bei entzündlichen Darmerkrankungen erfolgt zu Beginn ein- bis zweimal täglich, nach einigen Wochen dann nur noch einmal alle zwei Tage.

Die systemische Anwendung von Hydrocortison erfolgt durch die Einnahme von Tabletten, wobei bei der Dosierung die täglichen Blutspiegelschwankungen nachgeahmt werden: Morgens wird meist der Grossteil des Wirkstoffs genommen (etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Gesamttagesmenge), zum Nachmittag  die Restmenge.

Insgesamt hängt die Tagesdosis von verschiedenen Faktoren ab, etwa ob die Nebennieren noch geringe Menge des Hormons selbst produzieren oder gar nicht mehr. In bestimmten Situationen (z.B. starker Stress, fieberhafter Infekt) kann eine Dosiserhöhung notwendig sein. Zum Absetzen der Therapie müssen die ärztlichen Anweisungen genau befolgt werden, damit es nicht zu verstärkten Nebenwirkungen kommt.

Welche Nebenwirkungen hat Hydrocortison?

Bei kurzzeitiger, niedrig dosierter Therapie sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.

Anders ist dies bei längerer oder hoch dosierter Therapie, bei der die sogenannte "Cushing-Schwelle" überschritten wird. Das ist eine individuell abhängige Dosis an verabreichtem Kortikosteroid, ab der es zu Nebenwirkungen kommt, wie sie bei der Cushing-Krankheit (krankhaft erhöhter Hydrocortison-Blutspiegel) auftreten.

Die Folgen bei längerem Überschreiten der Cushing-Schwelle können sein: Mondgesicht, Stammfettsucht, Stiernacken, hoher Blutdruck, hoher Blutzucker, vermehrter Durst und häufiges Wasserlassen, Knochenschwund, Muskelabbau, Rücken- und Gelenkschmerzen, verzögerte Wundheilung und verstärkte Infektanfälligkeit.

Aufgrund dieser ernsten Nebenwirkungen hatten vor allem früher viele Menschen Angst vor einer "Kortison-Behandlung". Damals wurden aber noch höhere Dosierungen eingesetzt als heute. Inzwischen können solche Nebenwirkungen durch eine adäquate Dosierung im Regelfall vermieden werden. 

Was ist bei der Anwendung von Hydrocortison zu beachten?

Gegenanzeigen

Bei entsprechender Indikation gibt es ausser einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments im Prinzip keine absolute Kontraindikation - also kein Umstand, der die Anwendung des Wirkstoffes absolut ausschliesst.

Vorsicht ist geboten, wenn Hydrocortison systemisch zum Einsatz kommt und gleichzeitig bestimmte Erkrankungen vorliegen oder eine Impfung geplant ist. Ihr Arzt wird dies bei der Verordnung berücksichtigen, wenn Sie ihn darüber informieren.

Wechselwirkungen

Besonders bei höher dosierter Einnahme von Hydrocortison kann es zu Störungen im Salz- und Wasserhaushalt des Körpers kommen, etwa durch eine vermehrte Kaliumausscheidung.

Diese kann sich bei gleichzeitiger Anwendung von entwässernden Wirkstoffen (Diuretika wie Furosemid oder Hydrochlorothiazid) noch verstärken. Ein durch die vermehrte Ausscheidung entstehender Kaliummangel kann zudem die Wirkung von Herzglykosiden wie Digitoxin und Digoxin verstärken.

Die blutzuckersteigernde Wirkung von Hydrocortison schwächt die blutzuckersenkende Wirkung vieler Diabetes-Medikamente ab.

Auch die Wirkung von Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ wie Phenprocoumon und Warfarin kann abgeschwächt werden. Es empfiehlt sich vor allem zu Beginn der Einnahme eine engmaschige Gerinnungskontrolle.

Bei der Kombination von Hydrocortison mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR), die häufig als Schmerzmittel eingenommen werden (z.B. Ibuprofen, Naproxen, Acetylsalicylsäure/ASS, Diclofenac) vermehrt zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt kommen.

Hydrocortison wird unter Beteiligung des Enzyms CYP3A4 verstoffwechselt. Substanzen, welche dieses Enzym stark hemmen oder seine Bildung anregen (Induktoren), können deshalb die Wirkung von Hydrocortison verstärken oder abschwächen. Beispiele für starke CYP3A4-Hemmstoffe sind:

  • Antipilzmittel (wie Ketoconazol, Itraconazol und Voriconazol)
  • manche Antibiotika (wie Erythromycin, Clarithromycin)
  • manche HIV-Medikamente (wie Ritonavir)
  • Grapefruitsaft und Lakritze

Beispiele für CYP3A4-Induktoren, welche den Effekt von Hydrocortison abschwächen können, sind:

  • Antiepileptika (wie Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon)
  • manche Antibiotika (wie Rifampicin, Rifabutin)
  • manche HIV-Medikamente (wie Efavirenz, Nevirapin)

Altersbeschränkung

In entsprechend angepasster Dosierung kann Hydrocortison in jedem Alter verabreicht werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Die Einnahme von Hydrocortison in der Schwangerschaft und Stillzeit als Ersatztherapie (Substitutionstherapie) kann unter ärztlicher Überwachung erfolgen. Die Behandlung mit stark erhöhten Dosierungen sollte in dieser Zeit möglichst nicht erfolgen.

Auch die äusserliche Anwendung von Hydrocortison ist in allen Phasen der Schwangerschaft sowie in der Stillzeit (unter Aussparung des Brustbereichs) möglich.

So erhalten Sie Medikamente mit Hydrocortison

Zubereitungen zur Anwendung auf der Haut (als Hydrocortison-Acetat) sind in Deutschland und der Schweiz in Konzentrationen von 0,25 bis 0,5 Prozent nicht verschreibungspflichtig und können rezeptfrei in der Apotheke erworben werden. In Österreich ist bislang nur ein Kombinations-Präparat mit Aciclovir (einem Viren-hemmenden Wirkstoff) zur Behandlung von Lippenherpes verfügbar.

Präparate mit Hydrocortison zur per oralen Einnahme, zur Injektion, zur rektalen Anwendung als Schaum oder Zäpfchen und in Konzentrationen über 0,5 Prozent sind in allen drei Ländern verschreibungspflichtig.

Seit wann ist Hydrocortison bekannt?

Hydrocortison, Cortison und verwandte Stoffe wurden vom amerikanischen Chemiker Edward Calvin Kendall entdeckt, der dafür im Jahr 1950 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Hydrocortison wurde bereits 1949 vermarktet und ist heute auch als Generikum erhältlich.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Fachinformation: Hydrokortison, unter: www.fachinfo.de (Abruf: 29.01.2022).
  • Friese, K. et al.: Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 8. Auflage, 2016.
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