Bezafibrat

Von , Apotheker, Arzt
Aktualisiert am
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Bezafibrat dient dazu, erhöhte Blutfettwerte zu senken. Der Wirkstoff gehört zur Klasse der Fibrate. Diese Wirkstoffklasse ist schon lange bekannt und erprobt. Trotzdem wird sie zunehmend durch Statine ersetzt, da diese im Gegensatz zu Fibraten auch eine lebensverlängernde Wirkung besitzen. Hier lesen Sie alles Wichtige zu Wirkung und Anwendung von Bezafibrat, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

So wirkt Bezafibrat

Bezafibrat und andere Fibrate aktivieren bestimmte Andockstellen für körpereigene Botenstoffe in den Leberzellen, die sogenannten Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptoren (PPAR). Über diese Rezeptoren wird die Aktivität von Genen reguliert, die am Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel beteiligt sind.

Die Blockade durch Bezafibrat ist das Signal für die Leberzellen, vermehrt LDL (Low-Density-Lipoprotein, Lipoprotein niedriger Dichte; "schlechtes Fett") und Triglyceride (TG) aus dem Blut aufzunehmen und etwas mehr HDL (High-Density-Lipoprotein, Lipoprotein hoher Dichte; "gutes Fett") zu bilden.

Insgesamt werden durch die Einnahme von Bezafibrat vor allem die Triglyceride gesenkt. Gleichzeitig werden der LDL-Wert leicht erniedrigt und der HDL-Wert leicht erhöht. Ausserdem konnte für Fibrate eine positive Wirkung auf Diabetes, Gerinnungsstörungen und Entzündungen nachgewiesen werden.

Hintergrund

Das Blut enthält sogenannte Lipoproteine, die für den Transport fettlöslicher Stoffe im wässrigen Blut benötigt werden. Zu den fettlöslichen Stoffen gehören Neutralfette (Triglyceride), Cholesterin (ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen und Vorstufe einiger Hormonen und der Gallensäuren) sowie die Vitamine A, D, E und K.

Es gibt verschiedene Gruppen von Lipoproteinen. Die bekanntesten sind LDL und HDL. LDL transportiert Cholesterin und andere fettlösliche Substanzen von der Leber zu anderen Geweben, während HDL den Transport in Gegenrichtung übernimmt.

Hohe LDL-Cholesterin-Werte können daher die "Arterienverkalkung" (Arteriosklerose) fördern, also das "Ablagern" von Fetten in den Blutgefässen. Daher nennt man das LDL-Cholesterin auch "schlechtes" Cholesterin. Umgekehrt dazu sind erhöhte HDL-Cholesterin-Werte günstig, da HDL überschüssiges Cholesterin aus den Geweben zurück in die Leber transportiert, wo es in andere Stoffe umgewandelt werden kann.

Doch auch die Triglyceride (TG) können erhöht sein, entweder isoliert oder in Kombination mit anderen Lipoproteinen. Dies ist besonders häufig bei starkem Übergewicht (Adipositas), Alkoholismus und Typ-2-Diabetes der Fall.

TG-Werte werden im Gegensatz zu LDL und HDL wesentlich durch das Ernährungsverhalten beeinflusst. In der Regel kann man mit der richtigen Ernährung (u.a. wenig Zucker und Süssigkeiten, viele pflanzliche Lebensmittel), der Verringerung des Alkoholkonsums und gegebenenfalls einer guten Diabetes-Einstellung erhöhte TG-Spiegel sehr gut senken.

Der Arzt wird folglich zunächst eine ausgewogene, kalorienreduzierte Diät, Gewichtsabnahme (bei Übergewicht) und sportliche Aktivität empfehlen. Wenn diese Massnahmen die erhöhten TG nicht (ausreichend) senken können, werden Fibrate wie Bezafibrat verordnet.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach seiner Einnahme gelangt der Wirkstoff über den Darm ins Blut, wo er nach einer bis zwei Stunden seine höchste Konzentration erreicht. Bezafibrat wird teilweise an seinem Wirkort, der Leber, abgebaut und über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden.

Bei Einnahme der Bezafibrat-Tabletten mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (Retardtablette) halbieren sich die Blutspiegel nach etwa zwei bis vier Stunden wieder.

Wann wird Bezafibrat eingesetzt?

Die Anwendungsgebiete (Indikationen) für Bezafibrat umfassen:

  • stark erhöhte Triglycerid-Spiegel mit oder ohne gleichzeitig erniedrigten HDL-Spiegeln
  • gemischte Hyperlipidämie (erhöhte Werte für Triglyceride und LDL-Cholesterin), wenn ein Statin kontraindiziert ist oder nicht vertragen wird

Die Behandlung mit Bezafibrat sollte mit einer angepassten Ernährung und anderen nicht-medikamentösen Massnahmen kombiniert werden. Sie kann auch längerfristig erfolgen, wenn nicht-medikamentöse Massnahmen allein die Blutfettwerte nicht ausreichend verbessern.

So wird Bezafibrat angewendet

Bezafibrat kann zum einen in Form von nicht-retardierten Tabletten (sofortige Wirkstofffreisetzung) eingenommen werden. Die übliche Dosierung beträgt dreimal täglich 200 Milligramm. Zum anderen sind auch Retardtabletten verfügbar, also Tabletten mit verzögerter Wirkstofffreisetzung. Sie werden einmal täglich (morgens oder abends) eingenommen (Dosierung: 400 Milligramm Bezafibrat).

Die Tabletten sollten vor oder nach einer Mahlzeit mit einem Glas Wasser eingenommen werden. Bei Patienten mit einem empfindlichen Magen sollte die Behandlung mit einer niedrigen Anfangsdosis begonnen werden, die man dann langsam steigert. Wenn die Therapie gut anschlägt, kann die Dosierung verringert werden.

Welche Nebenwirkungen hat Bezafibrat?

Am häufigsten tritt bei der Behandlung mit Bezafibrat ein erhöhter Kreatinin-Spiegel im Blut auf. Eine zu starke Erhöhung dieses Wertes kann dafür sprechen, dass die Nieren nicht mehr ausreichend gut arbeiten - die Dosis muss dann reduziert oder Bezafibrat komplett abgesetzt werden.

Gelegentlich zeigen sich während der Einnahme von Bezafibrat Nebenwirkungen in Form von Überempfindlichkeitsreaktionen, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Völlegefühl, Übelkeit, Gallenstau, Juckreiz, Lichtempfindlichkeit der Haut, Hauteinblutungen, Muskelschwäche, -schmerzen und -krämpfe sowie eine Erhöhung bestimmter Blutenzymwerte.

Besprechen Sie vor allem Muskelschmerzen und allergische Reaktionen mit Ihrem behandelnden Arzt.

Was ist bei der Einnahme von Bezafibrat zu beachten?

Gegenanzeigen

Bezafibrat darf in folgenden Fällen nicht eingenommen werden:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Lebererkrankungen (mit Ausnahme der Fettleber)
  • Gallenblasenerkrankungen
  • photoallergische Reaktion (seltene Form der Sonnenallergie) in der Vergangenheit nach der Einnahme von Fibraten
  • Dialyse
  • Nierenfunktionsstörungen (machen eine Dosisreduktion und gegebenenfalls ein Absetzen von Bezafibrat nötig)
  • in Kombination mit Statinen, wenn gleichzeitig Erkrankungen vorliegen, die das Risiko für eine Muskelerkrankung (Myopathie) erhöhen, also z.B. Nierenfunktionsstörungen, schwere Infektionen, Wunden

Wechselwirkungen

Der Cholesterinsenker Colestyramin hemmt die Aufnahme von Bezafibrat im Darm. Die beiden Wirkstoffe sollten daher in einem Abstand von mindestens zwei Stunden eingenommen werden.

Wird Bezafibrat mit Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ (wie Phenprocoumon, Warfarin) kombiniert, sollte der Gerinnungswert zu Anfang engmaschig überprüft werden. In Absprache mit dem Arzt wird meist auch die Dosis des Gerinnungshemmers reduziert, da Bezafibrat dessen Wirkung verstärkt.

Auch die Wirkung von blutzuckersenkenden Medikamenten (wie Sulfonylharnstoffe, Insulin) bei Diabetikern wird durch Bezafibrat verstärkt. Eventuell muss also der Arzt die Diabetes-Therapie anpassen.

Bezafibrat sollte nicht gemeinsam mit Monoaminooxidase-Hemmern (MAO-Hemmer) eingenommen werden. MAO-Hemmer werden bei Depression und Parkinson eingesetzt.

Altersbeschränkung

Es ist nichts über die Langzeitverträglichkeit oder Dosierung von Bezafibrat bei Kindern bekannt. Die Anwendung bei dieser Altersgruppe muss daher sehr sorgfältig ärztlich abgewogen werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere und stillende Frauen sollten Bezafibrat nicht einnehmen, weil hierzu nur wenige Daten vorliegen. Wenn möglich, ist die Anwendung bei diesen Patientinnengruppen zu vermeiden.

So erhalten Sie Medikamente mit Bezafibrat

Arzneimittel mit dem Wirkstoff Bezafibrat sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz apotheken- und verschreibungspflichtig. In der Schweiz befinden sich lediglich die Retard-Tabletten im Handel.

Seit wann ist Bezafibrat bekannt?

Fibrate sind bereits seit über 80 Jahren bekannt, wobei ihre Wirkweise erst in den 1990er Jahren entschlüsselt werden konnte. Bezafibrat wurde in Deutschland im Jahr 1977 als Medikament zugelassen.

Seit der Einführung der nebenwirkungsärmeren Statine im Jahr 1987 ging die Anwendung von Präparaten mit dem Wirkstoff Bezafibrat stetig zurück.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Aktualisiert am :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Friese, K. et al.: Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 8. Auflage, 2016.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich