Aciclovir

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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Aciclovir ist eines der bekanntesten und meist genutzten Mittel gegen Virusinfektionen. Es revolutionierte die Therapie von Herpes-Infektionen, nachdem es 1979 patentiert wurde. Aciclovir weist eine gute und selektive Wirksamkeit auf. Schwere Nebenwirkungen sind deshalb selten. Hier lesen Sie alles Wissenswerte zu Wirkung und Anwendung von Aciclovir, Dosierung und Nebenwirkungen.

So wirkt Aciclovir

Aciclovir ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Nukleosid-Analoga mit antiviralen Eigenschaften.

Viren bestehen lediglich aus einer Hülle und ihrem langen, fadenförmigen Erbgut im Inneren. Sie sind daher nicht in der Lage, sich eigenständig zu vermehren, sondern benötigen dafür Wirtszellen wie etwa menschliche Zellen: Nach dem Eindringen in eine Zelle, nutzen sie die zelleigene Maschinerie zur Vervielfältigung ihres Erbgutes und ihrer Hülle.

Herpes-Viren, zu denen die Erreger von Lippenherpes und Genital-Herpes (Herpes simplex) sowie Windpocken und Gürtelrose (Varizella-Zoster-Virus) zählen, bringen ein Enzym mit, das eine schnelle Vermehrung ihres Erbgutes in der Wirtszelle sicherstellt. So können sich Herpes-Viren rasant im Wirtsorganismus vermehren.

Der Wirkstoff Aciclovir dringt in die von den Viren infizierten Zellen ein, wird selektiv vom genannten viralen Enzym aktiviert und in das Virus-Erbgut eingebaut. Aufgrund seiner chemischen Struktur kann danach kein weiterer Baustein an das fadenförmige Virus-Erbgut angehängt werden. Die Folge ist ein sogenannter "Kettenabbruch" der Erbgutvermehrung: Das unvollständige Virus-Erbgut kann nicht mit einer Hülle umschlossen werden – es können also keine neuen Viren entstehen.

Des Weiteren blockiert Aciclovir das virale Enzym DNA-Polymerase, das für die Vermehrung des Virus-Erbguts wichtig ist.

In nicht-infizierten Zellen wird Aciclovir nicht aktiviert. Deshalb sind schwere Aciclovir-Nebenwirkungen selten.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Aciclovir, das über den Mund eingenommen wird, kann im Dünndarm nur sehr schlecht (zu etwa 10 bis 30 Prozent) resorbiert werden. Außerdem wird es schnell im Körper abgebaut - schon rund drei Stunden nach der Einnahme ist die Hälfte des Wirkstoffes wieder ausgeschieden (Halbwertszeit). Das passiert fast vollständig über die Nieren (also mit dem Urin). Etwa ein Zehntel des Wirkstoffes wird vorher zu einem besser wasserlöslichen Abbauprodukt verstoffwechselt.

Wann wird Aciclovir eingesetzt?

Der Wirkstoff Aciclovir wird gegen Infektionen mit Herpes- und Varizella-Zoster-Viren angewendet. Dazu zählen:

  • Lippenherpes (Herpes labialis)
  • Genital-Herpes (Herpes genitalis)
  • Gürtelrose (Herpes Zoster)
  • Entzündung des Gehirns aufgrund einer Herpesinfektion (Herpes-Enzephalitis)
  • Windpocken (Varizella-Zoster-Infektion) bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem, beispielsweise HIV-Infizierten

Darüber hinaus wird Aciclovir zur Vorbeugung von Herpesinfektionen bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem eingesetzt, beispielsweise vor Organtransplantationen oder einer Chemotherapie zur Krebsbehandlung.

Die Anwendung erfolgt bei akuten Infektionen meist nur wenige Tage. Zur vorbeugenden Anwendung bei wiederkehrenden Herpesinfektionen oder vorerkrankten Patienten kann die Therapie auch langfristig durchgeführt werden, mitunter bis zu zwölf Monate.

So wird Aciclovir angewendet

In der Selbstmedikation wird ausschließlich Aciclovir-Creme gegen Lippenherpes eingesetzt. Bei den ersten Anzeichen der Infektion sollte die Creme fünfmal täglich alle vier Stunden auf den betroffenen Bereich aufgetragen werden, auch in der "Bläschenphase".

Vor und nach dem Auftragen sind die Hände gründlich zu waschen, um eine weitere Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Alternativ kann ein Wattestäbchen zum Auftragen der Creme verwendet werden.

Die Behandlung sollte solange erfolgen, bis alle Bläschen verkrustet oder abgeheilt sind, was im Durchschnitt vier Tage dauert. Bei längeren Krankheitsverläufen kann die Creme auch länger angewendet werden, maximal aber zehn Tage.

Die verschreibungspflichtige Therapie mit Aciclovir-Tabletten erfolgt nach Anweisung des Arztes. Die Aciclovir-Dosierung beträgt dabei 200 bis 800 Milligramm, die zwei- bis fünfmal täglich eingenommen werden.

Weiterhin stehen für die Behandlung von Herpes-bedingten Augeninfektionen eine Aciclovir-Augensalbe und für die Therapie schwerer, stationär zu behandelnder Infektionen Aciclovir-Infusionslösungen zur Verfügung.

Welche Nebenwirkungen hat Aciclovir?

Aciclovir-Nebenwirkungen sind bei einer lokalen Therapie (wie der Anwendung einer Aciclovir-Creme bei Lippenherpes) sehr selten.

Bei der Einnahme von Tabletten treten bei einem von zehn bis hundert Behandelten Schwindel, Kopfschmerzen, Juckreiz, Hautausschlag, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf. Selten (bei einem von tausend bis zehntausend Patienten) kommt es zu allergischen Reaktionen und Atemnot. Wenn diese auftreten, sollte umgehend ein Arzt verständigt werden.

Was ist bei der Anwendung von Aciclovir zu beachten?

Wechselwirkungen

Mit anderen Medikamenten wurden bisher keine klinisch relevanten Wechselwirkungen festgestellt. Aciclovir kann aber unter Umständen die Wirkung und Nebenwirkungen von Theophyllin verstärken.

Der Wirkstoff wird größtenteils über die Nieren ausgeschieden. Deshalb muss bei eingeschränkter Nierenleistung (Niereninsuffizienz), wie sie teilweise bei älteren Patienten vorkommt, die Aciclovir-Dosis entsprechend vom Arzt angepasst werden.

Altersbeschränkung

Aciclovir-Präparate können ab der Geburt verabreicht werden. Die Dosierung wird dann individuell anhand des Körpergewichts bestimmt.

Schwangerschaft und Stillzeit

Seit der Markteinführung wurden bei einer großen Zahl von schwangeren Patientinnen keine Schäden am Kind dokumentiert, wenn diese während der Schwangerschaft Aciclovir eingenommen haben. Bisherige Beobachtungen sprechen gegen ein giftige Wirkung für den Fötus (Fetotoxizität).

Aciclovir darf deshalb in der Schwangerschaft bei entsprechender Indikation systemisch gegeben werden. Die lokale Anwendung von Aciclovir (etwa als Creme bei Lippenherpes) ist in der Schwangerschaft problemlos möglich.

Bis jetzt wurden keine Auffälligkeiten bei gestillten Säuglingen beschrieben, wenn die Mutter mit Aciclovir behandelt wurde. Auch in der Stillzeit darf das virenhemmende Mittel daher nach ärztlicher Anordnung angewendet werden – sowohl äußerlich bei Lippenherpes als auch innerlich.

So erhalten Sie Medikamente mit Aciclovir

Zur Selbstmedikation von Lippenherpes kann man Aciclovir-Creme in Deutschland, Österreich und der Schweiz rezeptfrei in der Apotheke erwerben.

Für alle anderen Anwendungsgebiete und Darreichungsformen muss eine genaue Diagnose beim Arzt erfolgen, weshalb der Wirkstoff hier nur rezeptpflichtig erhältlich ist.

Seit wann ist Aciclovir bekannt?

Der Wirkstoff Aciclovir ist eine Weiterentwicklung von antiviralen Stoffen, die im karibischen Schwamm Cryptotethya crypta gewonnen wurden. Der Wissenschaftler Howard Schaffer wirkte maßgeblich an der Entwicklung mit und war auf dem 1979 eingereichten Patent für Aciclovir als Erfinder aufgeführt.

Die Wissenschaftlerin Gertrude B. Elion forschte mit Howard bei Burroughs Wellcome und wurde 1988 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, unter anderem wegen ihrer Arbeiten zum Wirkstoff Aciclovir.

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • De Clercq, E., et Field, H. J. (2006). Antiviral prodrugs - the development of successful prodrug strategies for antiviral chemotherapy. British journal of pharmacology, 147(1), 1–11.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Wirkstoff, unter: www.embryotox.de (Abruf: 16.07.2021).
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