Wenn Kinderseelen Hilfe brauchen

Kind malt
Kleinere Kinder drücken ihre Gefühle eher beim Malen oder im Spiel aus. (milanvirijevic / iStock)

Krisensituationen wie die Trennung der Eltern oder der Tod eines nahen Verwandten verlangen Kindern einiges ab. Eine kindgerechte Psychotherapie kann bei der Bewältigung der schwierigen Zeit helfen.

Kinder, Jugendliche und Familien stehen im Laufe ihrer Entwicklung vor den verschiedensten Herausforderungen. Im Allgemeinen können auftretende Probleme mit den im Alltag vorhandenen Ressourcen innerhalb der Familie gut bewältigt werden. Allerdings nicht immer. Manchmal steht man einfach an und weiß sich mit den eigenen Möglichkeiten nicht mehr zu helfen. Gerade in Zeiten, in denen man selbst sehr belastet ist, kann es ratsam sein, zur Aufarbeitung der Situation professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 

Professionelle Hilfe

Ob und wann ein Kind Hilfe durch einen Psychotherapeuten benötigt, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Die psychotherapeutische Behandlung einer sogenannten „krankheitswertigen Störung“, wie beispielsweise ADHS, Depression oder Essstörung, wird in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Sind belastende, aber nicht krankheitsbezogene Lebensereignisse, wie die Trennung der Eltern oder der Tod eines nahen Angehörigen Grund für die Therapie, kommen die Kassen in nur weit geringerem Maße dafür auf. In jedem Fall ist eine genaue diagnostische Abklärung bei einem klinischen Psychologen sinnvoll. 

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Who is who

Ein Psychotherapeut hat meist einen psychosozialen Grundberuf und zusätzlich eine fünfjährige Psychotherapieausbildung absolviert. Für Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen wird eine weitere Zusatzausbildung mit besonderer Ausrichtung auf deren Bedürfnisse verlangt. Zur Führung der Berufsbezeichnung „Psychologe“ ist berechtigt, wer das Universitätsstudium der Psychologie abgeschlossen hat. Klinische Psychologen haben zusätzlich eine postgraduelle Ausbildung genossen. Ihre Aufgabengebiete sind im Speziellen die Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen, Medikamente dürfen sie jedoch nicht verschreiben. Der Psychiater wiederum hat Medizin studiert und eine Facharztausbildung im Bereich Psychiatrie absolviert. Er ist befähigt, körperliche Ursachen für psychische Erkrankungen zu diagnostizieren und entsprechende Medikamente zu verschreiben. 

Warnsignale

Wie Kinder mit Krisensituationen umgehen, lässt sich nicht voraussagen, und längst nicht alle brauchen Unterstützung durch einen Spezialisten. Wenn aber die Reaktionen des Kindes nicht altersgerecht sind, oder – für Eltern und Kinder – über das Maß des Erträglichen hinausgehen, sollten sie professionelle Unterstützung suchen. Das bedeutet nicht, dass das Kind „gestört“ ist, sondern schlicht, dass es Hilfe benötigt. Während sich manche Kinder nach außen gar nichts anmerken lassen, fallen andere plötzlich als Störenfriede in Kindergarten oder Schule auf. Auch körperliche Symptome wie Appetitlosigkeit, Nägelbeißen, wiederkehrende Kopf- und Bauchschmerzen, die ohne erkennbare Ursachen auftreten, können auf ein seelisches Ungleichgewicht hindeuten. Kleinere Kinder reagieren auf seelische Belastung nicht selten mit „Bettnässen“, obwohl sie zuvor schon längere Zeit trocken waren. Bei größeren Kindern kommt es häufig durch Lern- oder Konzentrationsschwierigkeiten zu einem Leistungsabfall in der Schule. Zusätzlich fallen bei manchen Jugendlichen Substanzmissbrauch, Selbstverletzung oder sozial unangepasste Handlungen auf. In den meisten Fällen ist es ratsam, Kindergarten bzw. Schule über die Änderung der Lebensumstände des Kindes zu informieren. So können Verhaltensauffälligkeiten besser zugeordnet und schneller abgefangen werden.

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Spielerischer Zugang

Am Beginn einer Psychotherapie stehen üblicherweise mehrere Gespräche mit einem oder beiden Elternteilen. Diese Termine dienen dazu, alle notwendigen Informationen über das Kind und die Situation zu erfassen. Erst dann folgt die erste Kontaktaufnahme zwischen Kind und Therapeut, in der Regel beim gemeinsamen Spiel, beim Basteln oder Rätseln. Insbesondere kleinere Kinder sind noch nicht in der Lage, ihre Gefühle konkret in Worte zu fassen, sie drücken sich eher beim Malen, in Geschichten oder im Spiel aus. Ein behutsamer Beziehungsaufbau zwischen Therapeut und Kind, Vertrauen und das Gefühl der Sicherheit sind ganz entscheidend für das Gelingen der Behandlung. Bei Jugendlichen tritt das Spiel zunehmend in den Hintergrund und das Gespräch gewinnt an Bedeutung. Gerade für sie kann es befreiend sein, mit einer „neutralen“ Person zu sprechen. Zudem sind Therapeuten ihren Patienten gegenüber zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ausnahmen gelten nur für Situationen, in denen Gefahr in Verzug ist, etwa wenn Jugendliche sich selbst verletzen. 

Mutter-Vater-Kind

Eine Trennung oder Scheidung der Eltern hebt die Welt ihrer Kinder meist aus den Angeln. Sie müssen fortan mit einer Entscheidung leben, die nur die wenigsten von ihnen selbst auch getroffen hätten. Nicht umsonst ist Mutter-Vater-Kind das erste und oft beliebteste Rollenspiel kleiner Kinder. Wenn sich die Lebensumstände für Kinder so drastisch ändern, kann das zu großer Verunsicherung führen. Wut, Ängste aber auch Trauer müssen erst verarbeitet werden, das gelingt nicht jedem Kind gleichermaßen gut. 

Was Eltern tun können

Eine Trennung bedeutet nahezu immer eine große Umstellung für die gesamte Familie, weil Bekanntes verlassen wird und etwas Neues, Unbekanntes folgt. Doch auch im Umgang mit der Krise gilt der Grundsatz: „Auf das Wie kommt es an.“ Kinder brauchen Routine und Stabilität. Umso schwieriger bewältigbar sind für sie tief greifende Veränderungen des Familiensystems. Nicht alle Kinder sind – aufgrund ihres Alters oder ihrer Persönlichkeitsstruktur – gleich gut in der Lage, ihre Emotionen zu zeigen. Besonders wichtig ist daher: Hellhörig bleiben und die Kinder mit ihren Ängsten nicht alleinlassen. 

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Klarheit schaffen

Auch Kinder haben ein Recht auf ehrliche und altersgerechte Information über die Gründe der Trennung, nichts bereitet ihnen mehr Unbehagen als Unklarheit. Nicht genau zu wissen, warum etwas passiert ist, führt häufig dazu, dass Kinder die Schuld bei sich selbst suchen. Wenn möglich, sollten sich Eltern darüber einig sein, was genau dem Kind gesagt wird. Ein „gemeinsames Wording“ und gleichlautende Regeln signalisieren Kontinuität trotz Trennung. Zusätzliche Sicherheit gibt dem Kind das Wissen darüber, wie es in Zukunft im Hinblick auf seinen Alltag weitergeht, was sich konkret ändert, aber auch, was gleichbleibt. Häufig steht auch noch die Befürchtung im Raum, einen der beiden Elternteile zu verlieren. Hier braucht es die Gewissheit, dass trotz Trennung selbstverständlich beide Elternteile erhalten bleiben und dass das Kind auch beide, ohne in einen Loyalitätskonflikt zu geraten, lieben darf. Kinder, denen das Gefühl vermittelt wird, dass die Trennung auf Paarebene „richtig“ war, können sich besser mit den damit verbundenen Folgen abfinden. 

Kinder brauchen Zeit 

Viele Kinder wünschen sich nach der Trennung noch lange Zeit, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen. Experten raten daher, mit den Kindern auch über die Endgültigkeit ihrer Entscheidung zu sprechen und besonders emotionsgeladene Feierlichkeiten wie Geburtstage oder Weihnachten nicht mehr gemeinsam zu feiern. Kinder brauchen vor allem eines, um zu verstehen, was passiert ist: Zeit. Im Schnitt dauert es zwei Jahre, bis sie sich an die neue Situation gewöhnt haben. Und nicht zuletzt kann das Auseinanderbrechen der Familienstrukturen durchaus auch positive Aspekte für das Kind haben: eine verlässliche und liebevolle Beziehung zu beiden Elternteilen – ganz ohne Streit. 

Krise als Chance

Viele Eltern befürchten, ihrem Kind durch die Trennung psychischen Schaden zuzufügen. Dabei wird aber vergessen, dass eine dauerhaft angespannte und lieblose Atmosphäre zwischen den Eltern das Kindeswohl genauso gefährdet – wenn nicht sogar schlimmer. Eine Zielsetzung für eine „gelungene“ Trennung kann sein, sich vorzustellen, wie das eigene Kind im Erwachsenenalter über die Trennung der Eltern sprechen wird. Bei guter Streitkultur, gemeinsamen Entscheidungen zum Wohle des Kindes und gegenseitiger Rücksichtnahme bestehen sehr gute Chancen, dass die Kinder an der neuen Situation wachsen und später einmal selbst ein glückliches und erfülltes Familienleben führen.

Wenn Kinder trauern

Wenn ein Familienmitglied stirbt, brauchen Kinder Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Trauer. Viele Eltern haben die Befürchtung, ihr Kind mit dem Thema zu überfordern, doch genau das Gegenteil ist der Fall: Nur, wenn Kinder altersgerechte und vor allem klar verständliche Informationen bekommen, können sie den Tod in seiner Endgültigkeit begreifen. Verharmlosende Formulierungen wie „Die Oma ist friedlich eingeschlafen“ sind zwar gut gemeint, können aber auch zu Missverständnissen und Ängsten führen, denn Kinder nehmen Erklärungen oft wörtlich. Die gedankliche Verknüpfung von Tod und Schlaf kann bewirken, dass Kinder plötzlich Angst vor dem Einschlafen haben. Trauer bei Kindern unterscheidet sich meist deutlich von der Erwachsener. Sie trauern mit der gleichen Impulsivität, mit der sie sonst spielen: Traurigkeit und Fröhlichkeit wechseln einander spontan ab. Kinder, die aktiv in den Trauerprozess miteinbezogen werden, fühlen sich ernst genommen und mit ihren Sorgen nicht alleingelassen. Zu erleben, dass auch andere über den Verlust eines geliebten Menschen traurig sind, hilft dem Kind, mit der eigenen Traurigkeit besser zurechtzukommen. Gleichzeitig braucht es die Gewissheit, jederzeit mit vertrauten Menschen über das Geschehene sprechen zu können. Hören Sie zu! Ehrliche Antworten verhindern, dass Kinder still leiden und sich in ihrer Fantasie Dinge ausmalen, die noch schlimmer sind als die Realität.

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Aktualisiert am:

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