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Eingebildet krank?

Psychisch krank
Psychische Erkrankungen sind nicht minder medizinisch relevant wie andere Krankheiten. (Cecilie_Arcurs / iStockphoto)

Der Blick in den Spiegel verrät psychische Probleme oft nicht gleich. Das ist wahrscheinlich einer von vielen Gründen, warum Betroffene ihre Erkrankung häufig lange Zeit nicht ernst nehmen oder einen Arzt aufsuchen. Dabei wäre, wie bei den meisten anderen Krankheiten auch, eine frühzeitige Behandlung wichtig.

Heute weiß man: Körperliches und seelisches Befinden beeinflussen einander wechselseitig. "Ein gesunder Körper hat einen gesunden Geist und umgekehrt", erklärt o. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. med. Siegfried Kasper, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien. Er betont, dass Psyche und Geist immer sehr eng zusammenspielen: "Eine Unterscheidung in Körper und Psyche gibt es nicht mehr. Da ist nicht einerseits die Psyche, die wie eine Blase über einem schwebt, und anderseits der Körper."

Die meisten Krankheiten äußern sich sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Es gibt Erkrankungen, bei denen seelische Symptome im Vordergrund stehen, z.B. Ängste oder Depressionen. Diese können körperliche Beschwerden zur Folge haben. Psychische Störungen entstehen aber auch im Zusammenhang mit oder in der Folge von schweren Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Krebs.

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Immer mehr psychisch Kranke?

Burn-out, Depressionen, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Essstörungen: Sind eigentlich immer mehr Menschen von psychischen Problemen betroffen? "Psychische Erkrankungen nehmen aktuell nicht zu, es wird nur häufiger darüber gesprochen. Früher waren auch sehr viele seelisch krank, nur trauten sie sich nicht, sich zu outen. Heute ist die Bereitschaft dafür größer. Zuzugeben, unter Bluthochdruck zu leiden, war nie ein Problem. Diese Erkrankung ist ja etwas rein Körperliches, also nichts, wofür man sich hätte schämen müssen. Eine psychische Erkrankung war vielen aber unangenehm", so Prof. Kasper. Heute sind psychische Erkrankungen nicht mehr ein so großes Tabuthema wie früher. Das hängt auch damit zusammen, dass sie mittlerweile besser behandelbar sind. Es stehen moderne Medikamente zur Verfügung, die in Kombination mit Psychotherapie besonders wirksam sind.

"Sie sehen gar nicht krank aus!"

Psychische Erkrankungen sind nicht minder medizinisch relevant wie andere Krankheiten. Wer ein gebrochenes Bein hat, lässt sich rechtzeitig behandeln, und so sollte das auch bei seelischen Problemen sein. "Wenn man psychische Erkrankungen nicht frühzeitig therapiert, besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Das heißt: Verschlechterung der Erkrankung, aber auch Reduzierung verschiedener Lebensumstände, wie Verlust des Arbeitsplatzes oder der Partnerschaft", erläutert Prof. Kasper.

"Der Umgang mit einer psychisch kranken Person, die nicht in Behandlung ist, ist oft schwierig und wird oft vermieden – sowohl im Arbeits- als auch im persönlichen Umfeld." Die Folge: Betroffene ziehen sich immer mehr zurück, es kommt zur sozialen Isolation und somit zu einer sekundären Behinderung. "Ein Patient mit Asthma beispielsweise wird seinen Arbeitsplatz auch gefährdet sehen, wenn er immer wieder Anfälle hat und sich nicht behandeln lässt. So ist das auch bei psychischen Erkrankungen. Meistens gestaltet sich dies sogar noch schwieriger, weil man den Betroffenen ihre Krankheit nicht ansieht", so Prof. Kasper. Sie sehen nach außen hin "normal" aus und nicht krank.

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Psychisch gesundes Kind

Die kindliche Psyche ist besonders sensibel. Hier gilt wie im Erwachsenenalter: Eine zeitnahe Diagnose bei Auffälligkeiten sowie eine anschließende Behandlung sind essenziell. "Gerade im Kindes- und Jugendalter ist das Gehirn großen Veränderungen ausgesetzt und sollte frühzeitig in die richtige Richtung gelenkt werden. Sonst besteht die Gefahr, dass sich betroffene Kinder zurückziehen, vielleicht von Altersgenossen gehänselt werden. So können sich schwierige Lebensumstände entwickeln", meint Prof. Kasper.

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Der eingebildete Kranke

Man sagt gemeinhin: "Das ist ja nur psychisch." So etwas gebe es laut Prof. Kasper aber gar nicht: "Diese Dichotomie (Zweiteilung) in körperlich und psychisch existiert nicht mehr. Mir gefällt der Begriff ,Brain Health‘, also Gesundheit des Nervensystems, sehr gut. Man muss dem Patienten vermitteln, dass seine Nerven einfach hypersensibel sind, und nicht, dass er psychisch krank ist", so der Experte. Eine Erkrankung der Nerven wird meistens besser aufgenommen als eine der Psyche, wie die Erfahrung des Psychiaters zeigt. "Ja, das stimmt, ich nehme mir immer alles so schnell zu Herzen", sagen Patienten dann oft. Jemand mit robusten Nerven, der in ein gutes psychosoziales Umfeld integriert ist, merkt schnell, wenn ihm eine Situation nicht guttut, und versucht, etwas daran zu ändern (z.B. neuen Arbeitsplatz suchen, Beziehung beenden). "Der gesunde Mensch geht Problemen also aus dem Weg, während der kranke Mensch in der für ihn sehr belastenden Situation ausharrt."

Hilfe holen, Hilfe anbieten

Besteht der Verdacht, dass ein Familienmitglied oder ein Freund psychisch erkrankt ist, sollte man behutsam vorgehen. Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt, wenn dieser entsprechend versiert ist. Aussagen wie "Sie sind eine hübsche Frau, reißen Sie sich zusammen!" sind fehl am Platz. Eignet sich der Hausarzt nicht als Ansprechpartner, sollte gleich ein Psychiater aufgesucht werden. Betroffene müssen wissen:

  1. Psychische Erkrankungen sind sehr häufig. Sie sind nicht allein mit Ihrem Problem!
  2. Die Unterscheidung zwischen Körper und Psyche gibt es nicht. Körper und Seele spielen eng zusammen.
  3. Man kann etwas dagegen unternehmen. Lassen Sie sich helfen!

Tipps für Angehörige

  • Versuchen Sie Betroffene dabei zu unterstützen, professionelle Hilfe anzunehmen. Gehen Sie dabei behutsam vor. Es ist besser, zu sagen, "Du solltest mal schauen, wie robust deine Nerven sind" als "Du bist psychisch krank"!
  • Akzeptieren Sie seelische Probleme als eine Krankheit und nehmen Sie diese ernst.
  • Hören Sie zu, anstatt Ratschläge zu erteilen! Bieten Sie dem Betroffenen an, über seine Ängste und Probleme zu reden, hören Sie aufmerksam zu und sagen Sie ihm nicht, dass er sich zusammenreißen soll.
  • Fördern Sie die Therapietreue des Patienten! Hat der Arzt Medikamente verschrieben, ist es wichtig, dass diese auch regelmäßig eingenommen werden.
  • Bieten Sie Ihre Unterstützung an, aber setzen Sie den Betroffenen nicht unter Druck.
  • Achten Sie auf sich selbst! Auch Sie sind nicht endlos belastbar. Wenden Sie sich an eine Selbsthilfegruppe wie "Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter".

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Autoren:

Medizinisches Review:
em.O. Univ. Prof. Dr.h.c. mult. Dr.med Siegfried Kasper
Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

netdoktor.at-Magazin "Zukunft der Medizin", Herbst/Winter 2019

 

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