Erschöpfter Klinikarzt

Notruf aus der Intensivmedizin

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Experten hatten im Sommer davor gewarnt: Die Impfquote reicht nicht aus, um die hochansteckende Deltavariante des Coronavirus zu bezähmen. Doch angesichts niedriger Inzidenzen von um die 60 schien das vielen kaum vorstellbar. Nun ist die Lage sogar schlimmer als im Jahr zuvor – trotz Impfstoff. Wie konnte das passieren?

Zwar kann man sich mit fast 70 Prozent vollständig geimpfter Bevölkerung höhere Inzidenzen leisten als 2020 - doch „Diesen Impfbonus haben wir verfrühstückt“, erklärt der Modellierer Prof. Andreas Schuppert auf einer Pressekonferenz der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zur Lage der Intensivmedizin in Deutschland. Derzeit könne sich das Virus in hier sehr gut ausbreiten.

„Jeder soll verantwortlich handeln“ – auch Geimpfte

„Die Situation ist nicht mehr unter Kontrolle Wir befinden uns in einer akuten Überlastungssituation“, warnt auch Prof. Gernot Marx, Präsident der DIVI. Vergangene Woche habe man mehr als 1800 Covid-19-Infizierte neu auf Intensivstationen aufgenommen. In Regionen wie Bayern sind bereits 30 Prozent der Intensivbetten seien bereits mit Corona-Patienten belegt.

„Wir brauchen Unterstützung“, appelliert der Intensivmediziner an die Politik und die Bevölkerung. Die Impfung sei nach wie vor der Schüssel zur Pandemiebekämpfung. Impfzentren seien dringend wieder zu öffnen, mobil Impfteams müssten verstärkt werden. Marx ruft aber auch dazu auf, persönlich verantwortungsvoll zu handeln. „Jeder und jede kann helfen!“ Maske tragen, Kontakte und Ansteckungsmöglichkeiten freiwillig zu reduzieren und sich testen zu lassen – all das gelte auch für Geimpfte.

Weniger Betten durch ausgebrannte Pflegekräfte

Verschärft wird die Lage in diesem Herbst, weil mit 3800 durch Corona-Patienten belegten Intensivbetten die Zahlen ebenso hoch sind wie im Herbst 2020 – tatsächlich aber landesweit rund 4000 Betten weniger zur Verfügung stehen. Anders als im Vorjahr sind es diesmal nicht Monitore und Beatmungsgeräte die fehlen, sondern die Menschen, die diese bedienen können.

War die Belastung der Pflegekräfte schon vor Corona zu hoch, hat die dramatische Lage viele Fachkräfte im vergangenen Jahr so stark überlastet, dass sie ihre Arbeitszeit reduziert haben - oder ganz aus dem Beruf ausgeschieden sind. Wie viele es genau sind, darüber gibt es keine Angaben. „Wir sehen es aber an der geschrumpften Bettenzahl“, sagt Marx.

Das gilt nicht nur für die Intensivkräfte: Wo immer möglich, werden Pfleger und Pflegerinnen aus anderen Bereichen zur Versorgung der Schwerstkranken abgezogen – daher herrscht auch auf anderen Stationen Überlastung.

Monate warten auf eine OP

Ein Teil der Kliniken, darunter auch die Berliner Charité, hat bereits begonnen, planbare, aufschiebbare Operationen abzusagen. So bedeutet das etwa für Menschen mit Bänderrissen, aber auch solche mit stabil scheinenden Hirn-Aneurysmen ein unter Umständen monatelanges Warten auf den Eingriff.

Besonders schlimm ist die Lage in Bayern, Sachsen und Thüringen. Dort wird schon jetzt praktiziert, was auch dem Rest der Republik bald drohen könnte: Mit Krankenwagen, Hubschraubern und Transportflugzeugen werden transportfähige Intensivpatienten in ganz Deutschland in Regionen umverlegt, die noch Luft haben.

Das bedeutet zusätzliche Belastungen für Patienten, Angehörige und Personal. „Kleeblatt-System“ nennen es die Experten, da das Land kleeblattähnlich in Sektionen aufgeteilt wurde.

Das dicke Ende kommt erst noch

Vorerst wird sich die Lage zwangsläufig noch verschärfen. Denn von den mehr als 45.000 Neuinfizierten, die beispielsweise am Montag gemeldet wurden, werden erfahrungsgemäss 0,8 Prozent ein Intensivbett brauchen. Das bedeutet: In etwa zwei Wochen benötigen rund 360 weitere Menschen ein Intensivbett – an einem einzigen Tag.

Auch wenn es gelingt, die Inzidenz bei dem aktuellen Wert von 400 zu stabilisieren, würden bald 4500 Intensivbetten allein von Corona-Patienten belegt, hat der Modellierer Schuppert errechnet. Klettern die Inzidenzen auf 600 oder 800, wird die Lage nochmals schwieriger.

Kommt die Triage?

Trotzdem geben die Mediziner in einem Punkt Entwarnung. „Das heisst dennoch, dass jeder Notfallpatient, auch jeder Covid-Notfallpatient in den nächsten Wochen versorgt wird“, sagt Marx. Bleibt zu abzuwarten, ob das „Kleeblatt“ nicht doch irgendwann schlappmacht.

Weil es mitunter schnell gehen muss, wird zumindest in Sachsen von Medizinern bereits laut über eine mögliche Notwendigkeit zur Triage nachgedacht.

Das bedeutet konkret: Wenn nur noch ein Beatmungsgerät vorhanden ist, aber zwei Patienten es brauchen, müssen die Ärzte entscheiden, wer von ihnen eine Überlebenschance bekommt – und wer wahrscheinlich sterben muss. Der Impfstatus wird dabei keine Rolle spielen.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Pressekonferenz der DIVI vom 22.11.2021
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