Ein Spielplatz fürs Gehirn

(Silke Brenner / netdoktor)

Gesunder Körper und gesunder Geist, wie war das nochmal? In Motorikparks entwickeln wir Körpergefühl und Fitness. Davon profitieren nicht nur Muskeln, Kreislauf und Stützapparat, sondern auch das Gehirn.

Fitnessparcours. Die Errungenschaft der 70er-Jahre sollte sitzgeplagten Menschen ein wenig sportlichen Ausgleich bieten. Einfach gestrickte Trainingsgeräte in freier Natur ergänzten den Sonntagsausflug – nach Stelze und Bier – um ein paar Übungseinheiten. Für den Sportwissenschaftler Roland Werthner ist dieses Konzept "Steinzeit", wie er gegenüber netdoktor erklärt. Über Jahre hat er das entwickelt, was heute als Messlatte in puncto Outdoor-Fitness gilt: Motorikparks –  weitläufige Anlagen mit vielen Stationen, die ganz gezielt den gesamten Körper trainieren.

Es geht um Koordination, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Ausdauer gleichermaßen. Das Gehirn als zentrales Steuerungsorgan profitiert leise mit. Ungewohnte Bewegungsabläufe sorgen für neue neuronale Verknüpfungen, die uns auch außerhalb des Sports helfen. Ein Beispiel Werthners: Wer gut rückwärts geht, kann besser substrahieren. Das Mathematikplus gibt es zum Fitnessparcours gratis dazu.

Groß wie ein Golfplatz

Wer zum ersten Mal einen Motorikpark betritt, ist baff. Die Dimension der Anlage sprengt alles, was man an Spiel- und Fitnessplätzen kennt. Auf weitläufigem Gelände sind 130 Einzelgeräte aufgebaut. Im 22. Bezirk bei Süßenbrunn, zwischen Autobahn und Streusiedlungen, tut sich das Abenteuerland für Körper und Geist auf. Die Motorikparks erinnern an Golfplätze, denen die Löcher fehlen. Im Gegenzug laden 24 Stationen zu völlig neuen Bewegungsabläufen ein. Unübliche Trittfolgen, Kletterpartien, ein Kitesurf-Simulator: Jedes Übungsfeld zielt auf eine andere Körperpartie ab.  Erfinder Werthner spricht von "Bewegungsparadiesen", die der sinkenden motorischen Leistungsfähigkeit von Erwachsenen und Kindern entgegenwirken.

  • Motorik

    Am Motorikspielplatz laden 24 Stationen zum Mitmachen ein. Sie alle haben ein gemeinsames Ziel: Der sinkenden motorischen Leistungsfähigkeit von Erwachsenen und Kindern entgegenwirken. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Konzentration und Geschicklichkeit sind hier gefragt. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Jedes Übungsfeld zielt auf eine andere Körperpartie ab. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Es geht um Koordination, Kraft, Schnelligkeit,... (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    ...Beweglichkeit und Ausdauer gleichermaßen. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Das Gehirn als zentrales Steuerungsorgan profitiert beim Training ganz nebenbei mit. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    130 Einzelgeräte sorgen für Abwechslung. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Beim Klettern, Schaukeln, Rückwärtsgehen und Verrenken entwickeln viele Menschen ein ganz neues Körpergefühl. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Und nicht nur Kinder kommen hier auf ihre Kosten, auch Erwachsene können ihre Geschicklichkeit testen und verbessern. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Zwei bis drei Stunden Zeit braucht man, wenn man alle Stationen durchprobieren möchte. (Silke Brenner)

  • Motorikpark

    Damit der gewünschte Effekt dauerhaft eintritt, sollte man alle ein bis zwei Wochen im Motorikpark vorbeischauen. (Silke Brenner)

 

Spielplatz für Alle

(Silke Brenner / netdoktor)

"Der Park fördert besonders die Tiefenmuskulatur", sagt Jasmin Pourhassan. Sie ist als Personal Trainerin speziell für den Motorikpark ausgebildet. Einzelpersonen und ganze Teams können sich von ihr durch die Stationen führen lassen. Das nehmen vor allem Kindergruppen in Anspruch. Erwachsene müssen sich an den Spielplatz für alle erst gewöhnen. Für Erfinder Roland Werthner ist genau das ein zentraler Punkt: "Wir wollen, dass sich Menschen gemeinsam bewegen – vom Opa bis zur Enkeltochter, von Menschen mit Behinderungen bis zum Athleten."

Es kann durchaus passieren, dass man bei einer Übungseinheit im Motorikpark ein paar Leistungssportler trifft, die dort artgerechtes Spitzentraining betreiben.

Scheitern macht besser

"Erwachsene werden auf normalen Spielplätzen schief angeschaut, wenn sie mitmachen", stellt Erfinder Werthner fest. Im Motorikpark sind sie genauso willkommen wie Kinder. Leicht fällt das Training auf den Geräten niemandem. Bis der Körper die vielen Bewegungsformen ganz locker beherrscht, vergehen ein paar Jahre. "Fad wird das nie", so Werthner. Das anfängliche Scheitern an manchen Übungen ist gewollt. "Wenn das zu einfach gemacht ist, tritt der Gewöhnungseffekt ein. Körper und Gehirn lernen dann nicht mehr dazu."

"Müsste aufschreien"

Die Stationen hat der ehemalige Spitzenathlet mit Akribie und wissenschaftlicher Absicherung erfunden. Das Wechselspiel aus Bewegungsablauf und geistiger Entwicklung ist fester Bestandteil des Konzepts. Zufall ist an Werthners Abenteuerparks gar nichts. Der Abstand der Trittstufen, die Schwingbreite von Seilbrücken, die Bewegungsmuster: Die Gestaltung ist aus jahrelangem Training mit jungen Athleten entstanden.

"Ich habe zigtausende Kinder in ganz Europa motorisch getestet." Das Ergebnis stimmt Werthner indes alles andere als glücklich. "Ich müsste aufschreien, wenn ich an die vielen motorischen Defizite denke." Was früher Baumklettern, Nachlaufen und Ballspiele waren, ist heute viel zu oft eine Spielkonsole mit Bildschirm. Beim Klettern, Rückwärtsgehen, Verrenken und Schwingen entwickeln viele Menschen ein bis dato unbekanntes Körpergefühl. Schöner Nebeneffekt: Das Hirn lernt mit, ganz ohne Buch und Schreibtischsessel.

Was bringt denn das?

(Silke Brenner / netdoktor)

Eine Übungseinheit im Motorikpark ist kein Pausenspaß. Zwei bis drei Stunden für alle Stationen muss man schon investieren. Der Effekt unterscheidet sich nach Altersklassen ein wenig. Kinder entwickeln Körperbewusstsein, sichere Bewegungsabläufe und neue Neuronalnetze im Gehirn. Jede Übung kitzelt andere Zonen im Kopf wach und fördert ihre Entwicklung. Der Motorikpark hilft, Bewegungsarmut auszugleichen. Damit der gewünschte Effekt dauerhaft eintritt, sollte man schon alle ein bis zwei Wochen im Motorikpark vorbeischauen. Darin sind sich Trainer und der Erfinder einig.

Die Synapse dankt

Menschen speichern erlernte Bewegungen als motorische Stereotypen ab, erklärt der Sportmediziner Norbert Bachl. Dank der entsprechenden Synapsenbildung - also der Nevenverknüpfung im Gehirn - , bleibt das Gelernte auch später verfügbar. Es sei denn, man lässt es jahrelang brach liegen. Wie so oft gilt: "Use it or lose it!" Je komplexer der Ablauf, desto größer der Effekt für das Hirn. Kinder tun sich mit motorischen Fertigkeiten leicht. Erachsene müssen sich plagen, wollen sie neue Abläufe abspeichern.„Lernen kann man immer allles“, erklärt Bachl. Je älter man ist, desto fordernder wird  es. (Aber es gibt ja auch 80jährige Yogis, die Kopfstand praktizieren.)

Schwieriger ist Besser

Der auf Kinder und Senioren spezialisierte Sportwissenschaftler Klaus Hofmann bestätigt: Je komplexer die Bewegungsabläufe, desto mehr hat der Kopf davon. Körperbeherrschung ist Teamarbeit: Sinneseindrücke, Muskelkraft und die fein dosierte Koordination durch das Gehirn stemmen gemeinsam die schwierigen Aufgaben auf dem Erlebnisparcours. Motorische Fähigkeiten werden am Ende abgespeichert und sind in anderen Situationen abrufbar.

Ein Beispiel: Wer einmal gelernt hat, Stürze zu vermeiden, kann dieses Wissen in anderen Situationen abrufen. Der Motorikpark fördert neben der körperlichen Entwicklung und Fitness auch Orientierung, Koordination, Rhythmisierung und Reaktionsvermögen, erklärt der Experte.

Was das im Alltag heißt? Motorisch trainierte Menschen kommen mit vielen Situationen besser zurecht. Auch Hofmann bietet als Personal Trainer und Gruppencoach geführte Touren im Motorikpark  an.

Reicht Bewegung auch?

Muss es für ein umfassendes Körpertraining unbedingt der Motorikpark sein? Das kommt darauf an. Ausreichende Bewegung ist jedenfalls besser als keine Bewegung. Für Herz, Blutdruck, Blutzucker, Wohlbefinden, Krebsvorsorge und den Kreislauf sind Laufen, Radfahren und Schwimmen wertvoll. Die zusätzlichen Effekte wie Hirnstimulation und gesamtheitliches Training der Tiefenmuskulatur gibt es fast nur im Motorikpark. Es geht auch ohne, aber es verlangt viel Wissen um den menschlichen Körper.

Im Alltag gilt also: Wer ohne Fitnesscenter und Betreuungsteam optimal für seinen Körper da sein will, geht regelmäßig in den Abenteuerpark für Gehirn und Körper. Wenn die Zeit nicht reicht:  Zur Not tut’s der alte Fitnessparcours beim Ausflugsgasthaus auch. Ein bisschen Retro-Training zur Stelze zwischendurch wird der durchtrainierte Körper großzügig verzeihen.

Info und Anreise

22., Süßenbrunnerstraße 101
Für PKW gibt es nur eine beschränkte Anzahl an kostenplfichtigen Parkplätzen.
Anreise mit den U-Bahn und Bus:
U1 Kagraner Platz, Bus 24 A (Station Breitenleerstraße/Arnikaweg)
U2 Stadlau, Bus 86A (Station Breitenleerstraße/Arnikaweg)
Info, Öffnungszeiten und Trainerbuchung:
www.motorikpark-wien.at

 

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Aktualisiert am:

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