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Impfungen der Zukunft

Impfung
Bis ein Impfstoff auf den Markt kommt, muss er einige wichtige Tests überstehen. (Liuhsihsiang / iStockphoto)

An welchen neuen Impfstoffen wird derzeit gearbeitet, was kommt in naher Zukunft auf den Markt und können wir uns die lästige Spritze vielleicht irgendwann ganz ersparen?

Künftig werden Impfungen nicht nur vor Infektionskrankheiten schützen. Die Forschung konzentriert sich vermehrt auf Impfstoffe gegen Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Alzheimer, Bluthochdruck, aber auch Autoimmun- und Krebserkrankungen. Können wir uns in Zukunft einfach gegen alles impfen lassen? Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, weiß mehr.

 

netdoktor.at: Wie funktioniert eigentlich die Überarbeitung des Österreichischen Impfplans?

Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt: Es gibt ein nationales Impfgremium, das aus insgesamt acht Experten aus unterschiedlichen Gebieten, die das Impfwesen betreffen, besteht. Dieses Gremium überprüft den Impfplan: Hat es Neuerungen gegeben? Haben sich Impfstoffe geändert? Gibt es epidemiologische Veränderungen? Gibt es Lieferprobleme bei Impfstoffen? Nach Berücksichtigung dieser und zahlreicher anderer Aspekte wird der Impfplan jedes Jahr neu adaptiert. Man muss sich vorstellen, dass die Überarbeitung des Impfplans ein laufender Prozess ist, der über das ganze Jahr hinweg stattfindet. Am Jahresende wird dann der Impfplan für das nächste Jahr vom Ministerium für Soziales und Gesundheit veröffentlicht.
 
 

Stimmen sich europäische Länder bei der Erstellung der neuen Impfpläne ab?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Routinemäßig nicht. Wir arbeiten vermehrt mit der STIKO
(Ständige Impfkommission) und der Schweiz zusammen, aber einen völligen Gleichklang
gibt es nicht. Das liegt daran, dass beispielsweise das Vorkommen von Erkrankungen
oder auch die Bezahlungsschemata in den Ländern unterschiedlich sind. Der Österreichische Impfplan ist im internationalen Vergleich insofern einzigartig, als er sowohl Gratisimpfungen wie auch Impfungen, die empfohlen, aber nicht vom Staat bezahlt werden, beinhaltet. In anderen Ländern erfasst der nationale Impfplan hingegen nur die Impfungen, die nach Kosten-Nutzen-Analysen von der öffentlichen Hand übernommen werden. Ein internationaler Austausch auf Expertenebene findet aber regelmäßig statt.
 

An welchen Impfungen wird derzeit gearbeitet? Stichwort: Grippe-(Influenza-)Impfstoff für mehrere Jahre?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Eine universelle Grippeimpfung, die nicht jedes Jahr geimpft werden muss, ist noch immer eine Zukunftsvision. Wir hoffen aber auf einen universellen Influenza-Impfstoff, der auch (konservierte) Sequenzen von Grippeviren abdeckt, die nicht ständig mutieren. Diese Entwicklung wird aber sicher noch einige Zeit dauern. Derzeit wird vor allem an der Verbesserung des Herstellungsprozesses gearbeitet. Die übliche Virusproduktion/Virusvermehrung erfolgte bis dato auf der Basis von Hühnereiern, jetzt werden Viren aber mittels Zellsystemen gezüchtet. Damit ist eine schnellere und Ei-unabhängige Influenza-Impfstoffherstellung garantiert und es kann verhindert werden, dass es zu Veränderungen des Influenza-Virus durch die sogenannte Ei-Adaptation kommt. Aber auch an der Verbesserung der Adjuvanzien (Wirkverstärker in Impfstoffen) wird intensiv geforscht.
 

Was wird sich noch ändern?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Gearbeitet und bald auf den Markt kommen wird ein neuer Meningokokken-Impfstoff. Derzeit gibt es einen 4-fach-Impfstoff, der aus den Serotypen A, C, W und Y besteht, sowie einen separaten Meningokokken-B-Impfstoff. In klinischer Testung befindet sich ein Impfstoff, der alle diese Serotypen enthält. Dieser soll 2021 erhältlich sein. Auch bei den Pneumokokken-Vakzinen gibt es Neuerungen. Der aktuelle Impfstoff deckt 13 Stämme ab, die neue Impfung wird die häufigsten
20 Stämme enthalten und 2022 auf den Markt kommen.
 
 

Welche Rolle spielt die Gentechnik bei der Entwicklung von Impfstoffen?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Gentechnik ist ganz essenziell. Sie hat den großen Vorteil,
dass man nicht von einem Original-Erreger abhängig ist, den man in einem aufwendigen
Verfahren abtöten, isolieren und reinigen muss, sondern man verwendet nun sogenannte Expressionssysteme, mittels derer man nur die schützenden Antigene herstellen kann. Einer der ersten Impfstoffe, der mithilfe von Gentechnik hergestellt wurde, war der Hepatitis-B-Impfstoff. Heute ist dieses Verfahren State-of-the-Art, also der aktuelle Stand der Technik. 
 

Welche neuen Impfungen wären für die Zukunft besonders wichtig?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Die Paletteist nach wie vor sehr breit, sowohl bei den
Infektionskrankheiten als auch bei den nichtinfektiösen Erkrankungen. Bei den Infektionskrankheiten wird an einem RSV-Impfstoff gearbeitet. RSV (Respiratory Syncytial Virus) ist eine Viruserkrankung, die besonders bei Babys häufig vorkommt und zu einer schweren Infektion des Atemtrakts führt. Diese Erkrankung hat oft dramatische Folgen. Eine Impfung gegen Clostridium difficile, einen vor allem für ältere, hospitalisierte Personen sehr gefährlichen und häufigen Durchfallerreger, befindet sich in der Pipeline. Der Keim kann bei älteren Menschen mit Komorbiditäten (Anm.: Begleiterkrankungen) zum Tod führen. Gegen Tuberkulose gibt es nach wie vor keine wirksame Impfung, hier wird ganz intensiv geforscht. Auch bei den Reisevakzinen fehlen Impfstoffe gegen Dengue-FieberZika-Virus und Chikungunya. Malaria ist nach wie vor ein großes Thema, da gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung keine wirksame Impfung für Reisende. Aber auch Vakzine gegen Ebola und HIV wären wichtig. Auch bei den Nicht-Infektionskrankheiten gibt es viele neue Ansätze. Zu diesen Zivilisationserkrankungen
gehören Allergien, Alzheimer, BluthochdruckAutoimmun- sowie Krebserkrankungen.
Hier geht die Entwicklung eher in die Richtung therapeutischer Vakzine. Man setzt
die Impfungen also dann ein, wenn jemand bereits erkrankt ist, und versucht, diesen Zustand mithilfe einer Impfung zu verbessern. Es gibt einige Beispiele für Impfungen gegen Krebs und Alzheimer, welche die Phase der klinischen Testung erreicht haben – den Nachweis der klinischen Wirksamkeit sowie Impfungen, die tatsächlich auf dem Markt sind, gibt es bislang aber kaum. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Bei Krebserkrankungen, die einen infektiologischen Hintergrund haben, wie z.B. HPV oder
Hepatitis B, wird prophylaktisch gegen diese Infektionserreger geimpft. Die Impfung verhindert die Infektion mit dem Virus und in der Folge auch die Krebsentstehung (bei HPV: Gebärmutterhalskrebs, Anal- oder Halskrebs). Bei anderen Krebserkrankungen wie Brust- oder Lungenkrebs, die keinen infektiösen Hintergrund haben, wird auf therapeutische Vakzine gesetzt – da hat das Gebiet der Immunonkologie
zuletzt hervorragende Meilensteine in der Behandlung bewirkt.
 

Pflaster, Nasenspray oder Pillen statt Spritze – woran wird geforscht?

Prof. Wiedermann-Schmidt: Bei der Verabreichung einer Impfung ist entscheidend, wo
die natürliche Eintrittspforte eines Erregers ist und wo er auf das Immunsystem trifft. In
weiterer Folge ist es natürlich auch vorteilhaft, wenn man dem Patienten die Angst vor
der Nadel nehmen kann. Wenn ein Erreger hauptsächlich über die Nase aufgenommen
wird und die Infektion vor allem die Atemwege beeinträchtigt, dann erscheint ein Impfstoff, der als Nasenspray verabreicht werden kann, besonders sinnvoll. Gegen Influenza existiert bereits ein Nasenspray.
Die Entwicklung von oralen Impfstoffen gegen Krankheiten, bei denen der Erreger hauptsächlich mit der Nahrung aufgenommen wird und die Infektion im Magen-Darm-Trakt auftritt, halte ich für ebenso essenziell. Wenn Erreger aber über eine Verletzung eintreten und sich über den ganzen Körper ausbreiten (z.B. über das Blut), dann ist der beste Weg, einen Impfstoff zu injizieren, bei dem die in der Folge gebildeten
Schutzstoffe über das Blut im ganzen Körper verteilt werden. Es gibt auch andere Ansätze, wie eine Impfung via Pflaster, wobei dieses System aber noch völlig unausgereift ist. Derzeit ist der kleine Stich immer noch am effektivsten. 
 

Vielen Dank für das Gespräch!

Hinweis: Dieses Interview entstand einige Zeit vor der Corona-Krise.

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ.Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt PhD.MSc.
Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

 netdoktot.at-Magazin: Zukunft der Medizin

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