Mit der Angst im Wartezimmer

Die Videobrille ist für Patienten mit Iatrophie eine willkommene Ablenkung.
Die Videobrille ist für Patienten mit Iatrophie eine willkommene Ablenkung. (HappyMed)

Iatrophobie lautet der Fachbegriff, der die Angst vor Ärzten und ärztlichen Behandlungen meint. Doch Betroffene müssen nicht mit ihrer Furcht leben - es gibt Methoden, um der Panik vor dem Weißkittel zu begegnen.

Manche Menschen leben lieber mit unerträglichen Schmerzen, als
damit einen Arzt aufzusuchen. Im Gegensatz zu Hypochondern fürchten sie nicht die Krankheit selbst, sondern den Kontakt mit Medizinern und die Vorstellung einer Unter-
suchung oder Therapie. Das Problem: Durch das ewige Aufschieben von eigentlich dringenden Interventionen verschlimmern sich die Beschwerden, was wiederum mehr und schwierigere Behandlungen nach sich ziehen kann. Ein Teufelskreis. Die gute Nachricht: Die Angststörung lässt sich auf verschiedene Weisen behandeln.

Mund auf, Angst an

Besonders weit scheint die Angst vor dem Zahnarzt verbreitet zu sein. Der in den Praxen vorherrschende sterile Geruch sowie die durch Mark und Bein gehenden Bohrgeräusche reichen oft schon aus, um bei Betroffenen Panikattacken auszulösen. Sie meiden zahnärztliche Behandlungen selbst dann, wenn karieszerfressene Zähne bereits starke Beschwerden verursachen.

Eine einfache Lösung kann die sogenannte audiovisuelle Entkoppelung sein. Die Patienten setzen dafür vor Behandlungsbeginn eine spezielle Video-
brille auf, die sie vom Geschehen ablenken soll. So bietet etwa die Firma HappyMed Geräte an, die in Österreich schon in vielen Ordinationen zur Anwendung kommen.

Furchtlos

Der Erfolg gibt der Methode recht: Untersuchungen zeigen, dass Patienten, die eine Videobrille tragen, 20 Minuten früher aus dem Aufwachraum entlassen werden können als jene mit einer herkömmlichen Sedierung. Gerade beim Zahnarzt ist eine starke Ruhigstellung nämlich manchmal der einzige Ausweg, um einen ängstlichen Patienten erfolgreich behandeln zu können. Durch den Einsatz der Brille konnten außerdem bei 33% der Patienten die Beruhigungsmittel komplett weggelassen werden. 92% würden die Brille nochmals verwenden wollen. Die Nutzer berichteten von geringerer Nervosität und Unsicherheit sowie von gesteigertem Wohlbefinden. Auch die Behandlungsdauer wurde als um 55% kürzer wahrgenommen als ohne Brille.

Gezielte Ablenkung

Mit der Angst ist es so eine Sache: Umso mehr wir uns darauf konzentrieren, desto schlimmer werden die negativen Gefühle, der Stress und die Schmerzen. Genau hier setzt die Videobrille an. Denn unser Gehirn kann nur eine begrenzte Menge aufgenommener Informationen verarbeiten – also das, was wir sehen, hören und fühlen. Besonders beim Arzt oder bei einer Behandlung im Krankenhaus sind es diese Sinneseindrücke, welche die Angst überhaupt erst auslösen oder gar verschlimmern. Der Bohrer des Zahnarztes ist dafür wieder das beste Beispiel.

Schlimmer geht immer!

Dazu kommt eine gewisse Erwartungsangst, die sich durch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung („Self-FulfillingProphecy“) nährt: Wenn wir uns sagen „beim Arzt wird es schrecklich, ich werde furchtbare Schmerzen haben“, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass genau das tatsächlich – wie prophezeit – eintritt. Die Videobrille lenkt alle Sinne ihres Trägers auf positive Empfindungen. Angsteinflößendes wird ausgeblendet, der Patient „audiovisuell von seiner Umgebung entkoppelt“, sodass sogar Nadelstiche oder andere unangenehme Prozeduren nur noch reduziert wahrgenommen werden.

Darling, ich bin im Kino!

Stattdessen schaut der Patient Kinofilme, spannende Dokumentationen, Kindern tauchen in Zeichentrickserien oder andere für die jeweilige Altersgruppe geeignete Produktionen ein. Die Brille wird so lange getragen, wie die medizinische Behandlung dauert: Das können die Mundhygiene beim Zahnarzt und sogar mehrstündige Operationen sein, bei denen nur eine lokale Betäubung notwendig ist. Erfahrungen gibt es dazu mit Eingriffen an der Hüfte, am Knie, der Prostata sowie bei kosmetischen Behandlungen: Anstatt sich in die Angst hineinzusteigern und „Blutspritzer an der Decke zu zählen“, durchleben die Brillenträger Abenteuer mit Indiana Jones oder Liebesdramen mit Hugh Grant. Übrigens: Die Geräte eignen sich selbst für Brillenträger, die Dioptrien können für beide Augen separat eingestellt werden. Auch im Aufwachraum, bei Chemotherapien oder während einer Dialyse sorgt die Brille für Ablenkung und Unterhaltung. In Arztpraxen oder Spitälern, die das Device anbieten, ist die Nutzung für die Patienten kostenlos.

Beispiel aus der Praxis

Dr. Birgitta Schwinner ist Zahnärztin in Wien und hat mehr als genug Erfahrung mit ängstlichen Patienten. „Da der Stress- und Angstlevel beim Zahnarzt oft ziemlich hoch ist, bietet die Videobrille eine wunderbare Ablenkung und trägt zur Entspannung bei. In meiner Praxis empfehle ich sie jedem Patienten, von der Mundhygiene bis zu chirurgischen Eingriffen. Besonders hoch ist die Nachfrage natürlich in der Kinderzahnheilkunde und bei Angstpatienten, aber der reine Ablenkungsfaktor spricht auch die restlichen Patienten an. Generell lege ich viel Wert auf eine gemütliche, wohnliche Ordinationsatmosphäre mit einem freundlichen Team“, so Dr. Schwinner.

Der Angst auf der Spur

Die Gründe für die Entstehung einer Iatrophobie sind unterschiedlich. Oft wurzelt die Angst in schlechten Erfahrungen in der Kindheit, langwierigen Krankheitsgeschichten mit Fehldiagnosen sowie unnötigen Behandlungen oder im Kontakt mit unsensiblen Ärzten. Die konkreten angstbehafteten Situationen sind individuell verschieden: Manche fürchten Spritzen, eine Blutabnahme, Schmerzen oder schlichtweg das Gefühl,
dem Arzt und seinen 'Machenschaften' ausgeliefert zu sein.

Therapeutische Hilfe

Bei stark ausgeprägter Iatrophobie sollte eine Psychotherapie angedacht werden. Denn es handelt sich um eine echte Angststörung, die behandlungsbedürftig ist. Langfristige Vermeidung von Arztterminen verschlimmert die Problematik nur! Stattdessen sollten sich Iatrophobiker langsam an das Thema herantasten, am besten mit einem erfahrenen Verhaltenstherapeuten. Dieser kann die Patienten im Rahmen einer Konfrontationstherapie auch zu Arztbesuchen begleiten. So lernen sie, sich der Furcht Schritt für Schritt zu stellen, etwa mit konkreten Entspannungsübungen, die vorab geübt und schließlich vor Ort angewendet werden. Auch das sogenannte EMDR-Verfahren, das zur Desensibilisierung bei Angststörungen dient, kann hilfreich sein. Hingegen ist ein Händchen haltender Partner im Wartezimmer kein wirksamer Ersatz für eine professionelle Therapie.

Was tun im Akutfall?

Wenn für langfristige Therapien keine Zeit mehr bleibt und sofort eine medizinische Abklärung bzw. eine Behandlung erforderlich ist, kann die Einnahme von ärztlich verordneten Beruhigungsmitteln sinnvoll sein. Einige Zahnärzte setzen neben der Verabreichung von Vollnarkosen auf eines der ältesten Sedativa der Welt: Lachgas. Das süßlich riechende Distickstoffoxid entspannt, hält die Angst in Schach und hat zudem eine schmerzlindernde Wirkung. Es darf auch bei Kindern eingesetzt werden (ab 4 Jahren). Wer sich eine Lachgassedierung wünscht, sollte sich jedoch vorab erkundigen, ob sein Arzt das Mittel im Angebot hat. In Österreich findet es eher selten Verwendung. Häufiger setzen heimische Mediziner auf die Wirkung von Hypnose. Wie bei der Videobrille wird dabei der Fokus auf nur eine bestimmte Sache gerichtet. Was um den Patienten herum passiert, gerät in den Hintergrund. Die (freiwillig!) in Trance versetzte Person spürt häufig weniger Schmerzen, kann eine lange Behandlung besser durchstehen, spannt den Kiefer weniger an und erlebt mitunter einen reduzierten Würgereiz, der mit Prozeduren im Mund oft einhergeht. Aber wie funktioniert das eigentlich?

Denk an was Schönes!

Bei der Einleitung der Hypnose wird die Aufmerksamkeit von äußeren Reizen auf das innere Erleben gelenkt. Der Arzt fragt den Patienten, der seine Augen geschlossen hat, nach einem schönen Erlebnis, etwa nach dem letzten Urlaub. Während dieser Assoziationen erfolgt im besten Fall eine körperliche Entspannung. Die Atmung und der Pulsschlag werden langsamer. Je besser sich der Betroffene auf das innere Erleben konzentriert, desto besser funktioniert die Methode. Hypnose (Hypnotherapie) kann bei anderen psychischen Krankheiten oder Problemen ebenso Anwendung finden. Dazu gehören Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden, starker Stress, Traumen oder sogar ein unerfüllter Kinderwunsch.

Handlungsbedarf

Zusammenfassend lässt sich sagen: Egal, mit welcher Methode die Angst vor dem Arzt bekämpft wird - Hauptsache, es wird etwas dagegen unternommen! Denn früher oder später braucht jeder einmal einen Doktor...

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. Birgitta Schwinner
Redaktionelle Bearbeitung:
Silke Brenner

Aktualisiert am:

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