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Vom Traum, wieder gehen zu können

Exoskelett
Das Exoskelett misst 500 Mal in der Sekunde, in welchen Körperstellen noch Aktivität bzw. Kraft vorhanden ist, und unterstützt die Muskelfunktionen nur dort, wo es wirklich notwendig ist. (c) Ekso Bionics (Ekso Bionics)

Die Exoskelett-Therapie soll Menschen mit Lähmungen die Möglichkeit geben, aus dem Rollstuhl aufzustehen und ein paar Schritte zu machen. Welche Auswirkungen das auf ihr Wohlbefinden hat und wie man sich das überhaupt vorstellen kann, erklärt tech2people-Gründer Gregor Demblin.

Gliederfüßer wie Insekten und Krebstiere haben etwas, das sich der Mensch jetzt zunutze macht: Sie besitzen ein Exoskelett – eine äußere, stützende Hülle. Ganz im Gegensatz zum Menschen, dessen Skelett im Inneren des Körpers liegt. Von der Natur inspiriert, haben Forscher Anzüge entwickelt, die mobilitätseingeschränkten Menschen Stehen und Gehen ermöglichen können.

Ein solches Exoskelett hat Gregor Demblin nach Österreich geholt, wo es nun für eine einzigartige Therapie eingesetzt wird: Dabei bewegen die elektrischen Motoren des Exoskeletts die Beine des Patienten und ergänzen oder ersetzen so fehlende Muskelfunktionen.

Für immer im Rollstuhl

Nicht mehr gehen zu können – eine schreckliche Vorstellung, die für viele Menschen nach einem schweren Unfall oder einem Schlaganfall traurige Realität ist. So auch für Gregor Demblin, der seit einem Badeunfall vor 24 Jahren im Rollstuhl sitzt. Vor etwas mehr als sechs Jahren kam der Unternehmer im Internet das erste Mal mit dem Thema Exoskelett in Berührung, was den heute 42-Jährigen vom "wieder gehen Können" träumen ließ. Demblin ist von den Schultern abwärts gelähmt, auch die Beine haben keinerlei Restfunktion mehr. Keine guten Voraussetzungen, darüber waren sich Mediziner einig und rieten ihm von seinem Vorhaben, das Exoskelett auszuprobieren, ab. "Dank meiner Sturheit habe ich es trotzdem versucht", so Demblin im Interview mit netdoktor.at. Was darauf folgte, kann der Unternehmer kaum in Worte fassen: "Das Gefühl war unbeschreiblich. Da mir die Ärzte immer wieder gesagt haben, dass es in meinem Fall nicht funktioniert, bin ich ohne Erwartungen an dieses Vorhaben herangegangen und war dann doppelt überrascht. Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, wenn man nach 23 Jahren sitzen plötzlich wieder stehen und gehen kann. Ich habe in dieser langen Zeit komplett vergessen, wie sich das anfühlt. Ich war von dem Gefühl überwältigt, begeistert, gerührt, mir sind die Tränen gekommen."

500 schweißtreibende Schritte hat er geschafft: "Es war wahnsinnig anstrengend!" Aber das Gefühl, dass "die Organe wieder auf den richtigen Platz rutschen, Schmerzen und Krämpfe weniger werden", entschädige für die Strapazen. Sein erster Gedanke danach: "Das muss ich regelmäßig machen, dann lebe ich bestimmt 20 Jahre länger." Und nur ein paar Sekunden später war klar, dass er dieses Erlebnis bzw. diese Therapie auch anderen Menschen ermöglichen wollte. Eine Vision war geboren.

Der Traum vom Gehen

Gregor Demblin holte das Exoskelett der US-Firma Ekso Bionics nach Österreich. Der 27 Kilogramm schwere, batteriebetriebene bionische "Anzug" soll Gehbehinderten ein Stück ihrer verlorenen Freiheit zurückgeben. Die elektrischen Motoren des Exoskeletts bewegen die Beine des Patienten und ergänzen oder ersetzen so Muskelfunktionen. Auf diese Weise kann er zumindest für kurze Zeit aus dem Rollstuhl aufstehen und eine aufrechte Position einnehmen. Das tut nicht nur der Psyche gut, auch der Körper profitiert enorm. Denn Bewegung ist für den menschlichen Körper lebenswichtig. Personen mit Lähmung und beeinträchtigter Gehfähigkeit bauen im Laufe der Zeit nicht nur Muskeln, sondern auch Knochen ab. Selbst die Funktionen der inneren Organe, etwa des Magens oder des Darms, sind beeinträchtigt, der Kreislauf kommt nicht richtig in Schwung. Schlüpfen sie in das Exoskelett, können sie mit ein wenig Übung selbst aufstehen und einige Schritte machen.

Exoskelett-Therapie in Wien

In dem von Gregor Demblin gegründeten Therapiezentrum in Wien stehen Patienten zwei Exoskelette für das Mobilitätstraining zur Verfügung. Die Nachfrage ist groß, die Möglichkeiten aber leider begrenzt. Ein Exoskelett kostet nämlich stolze 150.000 Euro. Um kostendeckend zu arbeiten, müsste eine Therapieeinheit 200 Euro kosten – eine Summe, die sich viele Betroffene nicht leisten könnten. "Derzeit ist es uns dank Sponsoren möglich, die Therapie für 90 Euro anzubieten. Damit wir das weiterhin tun können, sind wir dringend auf der Suche nach finanziellen Unterstützern", so Demblin.

150 Betroffene haben die Therapie bereits ausprobiert, einige davon kommen regelmäßig. "Es ist wie beim Lauftraining – je öfter, desto besser. Aber wir verzeichnen schon nach wenigen Einheiten ausgezeichnete Erfolge." Demblin erzählt von einem Patienten mit fortschreitender Muskelerkrankung, der in seinem Alltag immer weiter eingeschränkt war. Nach vielen verschiedenen Therapieversuchen, mit denen er nur mäßige Erfolge erzielen konnte, ist er auf die Exoskelett-Therapie gestoßen. „Bereits nach sechs Einheiten hat sich sein Bewegungsradius stark erweitert", schwärmt der Unternehmer.

Der Erfolg gibt ihm recht

Das Exoskelett misst 500 Mal in der Sekunde, in welchen Körperstellen noch Aktivität bzw. Kraft vorhanden ist, und unterstützt die Muskelfunktionen nur dort, wo es wirklich notwendig ist. "So genau können auch erfahrene Therapeuten nicht herausfinden, welcher Muskel noch intakt ist und welcher nicht", meint Demblin. Man trainiert also immer am Limit und erzielt dadurch schnell Erfolge. Zusätzlich entstehen messbare Daten, die für die Forschung und die Weiterentwicklung solcher Geräte wesentlich sind. Zu beobachten, welche Fortschritte Patienten schon nach kurzer Zeit erzielen und wie sehr sie sich über die wiedergewonnene Lebensqualität freuen, bestätigt die Intentionen von Gregor Demblin und seines Teams und lässt sie weiterhin an ihrem Traum festhalten, noch mehr Menschen die Möglichkeit zum Training mit dem Exoskelett zu geben.

Was bringt die Zukunft?

Auf die Frage, ob es in Zukunft möglich sein wird, dass auch Privatpersonen ein Exoskelett zu Hause nutzen, gibt es für den vierfachen Familienvater eine klare Antwort: "Auf jeden Fall! Das ist meine große Vision. Weg vom Therapie- hin zum Mobilitätsgerät. Wenn sich die Stückzahl in der Produktion erhöht, werden die Preise sinken. Das wird zur Folge haben, dass sich mehr Menschen ein Exoskelett leisten können. Ich möchte in der Forschung und Entwicklung mitarbeiten und meinen Beitrag für die Weiterentwicklung von Österreich aus leisten."

Und einen ganz persönlichen, großen Wunsch hat der Visionär auch: "In zehn Jahren möchte ich mit meinen Kindern einen Berg besteigen können. Daran glaube ich ganz fest." Wir wünschen ihm von ganzem Herzen, dass das klappt.

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Wer profitiert vom Exoskelett?

Grundsätzlich kommt diese Therapie für Menschen mit Lähmungen oder Schwächung der unteren Extremitäten infrage, z.B. durch Rückenmarkläsion, Schlaganfall, Multiple Sklerose, Zerebralparesen, ALS oder Schädel-Hirn-Trauma.

Wo gibt es das Exoskelett?
Orthopädisches Spital Speising, Speisinger Straße 109, 1130 Wien
Wie viel kostet die Therapie?
Pro Einheit ab 90 Euro
Mehr Infos:
tech2people.at/therapie

Wenn Sie das Projekt finanziell unterstützen möchten, finden Sie hier alle wichtigen Infos: https://www.tech2people.at/unterstuetzen/spenden/

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Medizinisches Review:

Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

netdoktor.at-Magazin "Zukunft der Medizin", Herbst/Winter 2019
 

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