Eiweiß

So tödlich wie Rauchen

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Eiweiss hat eine bislang unbekannte, dunkle Seite: Schon ein moderater Konsum kann das Krebsrisiko in die Höhe treiben. Allerdings gilt das nicht für jeden Menschen.

Joghurt zum Frühstück, mittags ein Lachsfilet, abends eine Portion Mozzarella - das klingt ziemlich gesund. Tatsächlich aber könnte eine solche Ernährung auf Dauer tödlich sein. Denn ein reichlicher Verzehr tierischen Eiweisses ist offenbar erschreckend riskant: Wer sehr viel Fleisch, Fisch, Käse & Co. konsumiert, vervierfacht sein Risiko, an Krebs zu sterben. Das gilt zumindest für Menschen mittleren Alters. Damit wäre eine proteinreiche Ernährung genauso gefährlich wie Tabakkonsum.

Diese Erkenntnis basiert auf einer grossen Langzeitstudie: Mehr als 6300 Teilnehmer über 50 Jahren wurden dafür zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt und über einen Zeitraum von nahezu 20 Jahren begleitet. „Uns hat nicht interessiert, ob eine bestimmte Ernährung einem in den nächsten drei Tagen guttut, sondern, ob sie hilft, hundert Jahre alt zu werden“, sagt Studienleiter Valter Longo von der University of Southern California im Gespräch mit NetDoktor.

Eiweisskonsum im Visier

Für ihre Untersuchung teilten Longo und seine Kollegen die Ernährung der Teilnehmer in drei Kategorien ein: Bestand die Nahrung zu mehr als 20 Prozent aus Proteinen, wurde dies als hoher Eiweisskonsum klassifiziert. Ein Anteil von 10 bis 19 Prozent an Eiweiss galt als moderat. Einen Eiweissverzehr von weniger als 10 Prozent stuften sie als niedrig ein. Darüber hinaus unterteilten die Forscher die Teilnehmer in zwei Altersgruppen: Eine Gruppe umfasste die 50- bis 65-Jährigen, die zweite die Altersgruppe über  66 Jahre.

Vierfaches Krebstodrisiko

Die Auswertung ergab, dass ein hoher Eiweisskonsum das Krebstodrisiko unter den Teilnehmern mittleren Alters auf mehr als das Vierfache nach oben schnellen liess. Auch wer Eiweiss nur in moderaten Mengen verzehrte, war nicht auf der sicheren Seite: Das Risiko, an Krebs zu sterben, war in dieser Gruppe noch immer dreimal höher als unter den Proteinsparern. Das galt allerdings nicht für Veganer: Stammte das Eiweiss überwiegend aus pflanzlichen Quellen wie Hülsenfrüchten, war der negative Effekt kaum noch vorhanden.

Auch andere Todesursachen stiegen mit dem Eiweisskonsum, beispielsweise das, an den Folgen von Diabetes zu versterben. Insgesamt erhöhte sich das Risiko für einen vorzeitigen Tod in der Gruppe der Hochkonsumenten um 74 Prozent.

Riskanter Proteinhunger

Diese Erkenntnis ist erschreckend, da viele Menschen weit mehr als die maximal empfohlenen 0,8 Gramm Eiweiss pro Kilo Körpergewicht am Tag verzehren. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – für manche gehört ein ordentliches Stück Fleisch ganz einfach zu einer Mahlzeit dazu. Andere wollen mit eiweissreicher Ernährung ihre Muskeln füttern und greifen sogar zu Proteinriegeln und Shakes. Und dann ist da noch das Heer derjenigen, die mit sogenannten Low-Carb-Diäten abspecken wollen. Wenig Kohlenhydrate bedeutet im Gegenzug häufig mehr Eiweiss. „Solche Diäten könnten langfristig tatsächlich sehr riskant sein“, sagt Longo.

Im Alter mehr Proteine essen

Interessanterweise konnten die Forscher in der Gruppe der Teilnehmer über 65 Jahren kein erhöhtes Sterberisiko im Zusammenhang mit einem hohen Eiweisskonsum feststellen. Im Gegenteil: Bei den Älteren überwogen die Vorteile einer proteinreichen Ernährung offenbar – ihr Sterberisiko sank mit einem moderaten oder reichlichen Eiweisskonsum.

Zweischneidiger Wachstumsfaktor

Grund für die altersabhängig unterschiedliche Auswirkung des Eiweisskonsums ist wohl der Wachstumsfaktor IGF-1, der mit höherem Eiweisskonsum steigt. IGF-1 ist wichtig für das Wachstum von Kindern und den Muskelaufbau, fördert aber auch das Spriessen von Krebsgeschwüren. „Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Krebszellen“, sagt Longo. „Die Frage ist: Wächst daraus auch ein Tumor?“ Nun habe sich gezeigt, dass der persönlich Eiweisskonsum darauf erheblichen Einfluss habe. In Tests mit Mäusen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass bei Tieren mit hohem Eiweisskonsum tatsächlich der IGF-1-Spiegel stieg - und mit ihm das Krebsrisiko.

Das erklärt auch, warum Eiweiss Senioren nicht schadet: Da mit dem Alter der IGF-1-Spiegel auf natürlichem Wege sinkt, hat eine proteinreiche Ernährung keinen negativen Einfluss mehr, stärkt aber die schwindende Muskulatur.

Eiweissarm ernähren

Ob eine eiweisslastige Kost auch bei Erwachsenen unter 50 langfristig das Krebstodrisiko in die Höhe treibt, können die Forscher noch nicht sagen. „Um das belegen zu können, bräuchten wir viel höhere Teilnehmerzahlen“, erklärt der Wissenschaftler - denn in den jüngeren Altersstufen stürben naturgemäss viel weniger Menschen als unter den älteren. „Trotzdem glauben wir, dass die Effekte auf das Krebsrisiko auch bei jüngeren Erwachsenen vorhanden sind.“

Quelle: Morgan E. Levine. Low Protein Intake Is Associated with a Major Reduction in IGF-1, Cancer, and Overall Mortality in the 65 and Younger but Not Older Population, Cell Metabolism, Volume 19, Issue 3, 407-417, 4 March 2014

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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