Matomo pixel

"Wir hatten Corona!"

Corona Tests
Ein positiver Corona-Test bedeutet nicht, dass Symptome auftreten müssen. (AND-ONE / iStockphoto)

Wie fühlt sich eine Infektion mit COVID-19 an und wird man danach überhaupt wieder richtig fit? Wir haben mit den beiden Personal Trainern Birgit und Daniel Schlerith über ihre Erkrankung gesprochen.

1. netdoktor.at: Sie waren unter den ersten Corona-Patienten in Österreich. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Birgit Schlerith: Es ist zwar nicht bestätigt, aber mit großer Wahrscheinlichkeit bei Freunden, die bei uns zum Abendessen waren. Zu dieser Zeit gab es noch keine Reisewarnungen oder Ausgangsbeschränkungen und unser Freund war die Woche davor auf einem Fußballmatch in Italien.

2. Wie wurden Sie über Ihre Infektion informiert?

Birgit Schlerith: Ich habe einen Anruf von meiner Freundin bekommen, die mir gesagt hat, dass sie und ihr Mann positiv getestet wurden und dass sich die Behörden bei uns melden würden. Daraufhin habe ich die Gesundheitsnummer 1450 angerufen.

Daniel Schlerith: Meine Frau hat zwei Tage vor dem Anruf Symptome bekommen, wobei wir da nicht an Corona gedacht haben. Zu diesem Zeitpunkt war das noch kein großes Thema. Wir sind eine Patchworkfamilie mit fünf Kindern. Meine zwei kleinen Töchter waren zum Glück nicht bei uns im Haus, daher waren nur drei Kinder in das Geschehen involviert.

Birgit Schlerith: Ich habe eine 5-jährige Tochter, einen 10-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter. Der Sohn war in der Schule, die jüngste Tochter bei mir zu Hause und meine große Tochter am Weg in die Schule. Sie wurde von meinem Mann gleich abgefangen und nach Hause gebracht. Mein Sohn wurde von meinem Ex-Mann von der Schule abgeholt und bei ihm unter Quarantäne gestellt.

3. Welche Symptome hatten Sie?

Birgit Schlerith: Ich habe Belastungsasthma und hatte gerade in dieser Zeit mein Training geändert, die Belastung und die Leistung erhöht. Als ich dann Muskelschmerzen bekam, habe ich das mit meinem 3½-stündigen Training vom Vortag in Verbindung gebracht. Für mich war es also nicht verwunderlich, dass die Muskeln schmerzten. Komisch ist mir dann aber die ausbleibende Besserung vorgekommen.

Daniel Schlerith: Ich hatte keine Symptome.

4. Wie ging es weiter?

Daniel Schlerith: Wir wurden ins Krankenhaus gebracht und dort getestet. Meine Frau hatte zu diesem Zeitpunkt Husten und Fieber, deshalb musste sie im Spital bleiben. Mich hat man mit den beiden Mädchen nach Hause gebracht und unter Heimquarantäne gestellt. Das war schon beängstigend! Man fragt sich, wie schlimm die Erkrankung ist bzw. sein wird – vor allem wegen der bestehenden Vorerkrankung (Anm.: Asthma) meiner Frau. Da spielen auch die Unwissenheit über COVID-19 und das Verhalten der Ärzte, das in unserem Fall vorbildlich war, eine wesentliche Rolle. Es macht einfach Angst, wenn sich ein Arzt in kompletter Schutzausrüstung nicht richtig traut, den Patienten anzugreifen, und man "weggesperrt" wird.

5. Wurden auch die Kinder getestet?

Birgit Schlerith: Die beiden Mädchen wurden getestet, waren aber beide negativ.

6. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Daniel Schlerith: Uns wurde anfangs angelastet, dass wir uns nicht richtig verhalten und die Infektion selbst verschuldet hätten. Was nicht stimmt, denn wir haben in der Sekunde reagiert, als wir zu Verdachtsfällen wurden. Ich hatte keine Symptome – woher hätte ich wissen sollen, dass ich mich infiziert habe?

Birgit Schlerith: Was mich gestört hat bzw. immer noch stört, sind die Panik und die Hysterie, die sich ausbreiten. Es ist nicht notwendig, dass man sich in einem Land wie Österreich mit Vorratsdosen und Klopapier eindeckt. Und auch dass sich Menschen gegenseitig Vorwürfe machen, wenn jemand keine Maske trägt, spazieren geht oder Sport machen möchte. Das entwickelt sich in eine furchtbare Richtung. Es muss doch auch ein gesunder Mittelweg möglich sein!

Daniel Schlerith: Es gibt in der Bevölkerung immer noch sehr viel Unwissenheit und Verunsicherung.

Birgit Schlerith: Beispiel Antikörpertests: Viele wissen gar nicht, was ein positiver Antikörpertest bedeutet, und könnten mit dem Ergebnis nichts anfangen. Bin ich jetzt ansteckend? Habe ich es bereits hinter mir? Da müsste noch viel Aufklärung passieren. Wir wollen Corona nicht verharmlosen. Gewisse Sanktionen sind sicher notwendig, damit auch die letzten Unbelehrbaren Respekt vor der Erkrankung haben, aber Respekt ist auch bei Influenza (Anm.: "echte" Grippe) angebracht. Dagegen lassen sich die wenigsten impfen oder kurieren sich richtig aus, sondern sitzen am Arbeitsplatz und stecken andere an.

7. Wurde Ihnen von Bekannten und Freunden Hilfe angeboten?

Daniel Schlerith: Kurzzeitig hat sich wirklich die Spreu vom Weizen getrennt und man hat gemerkt, wer die echten Freunde sind und wer einem Vorwürfe macht.

Birgit Schlerith: Aber zu 98% waren die Rückmeldungen positiv. Die Sache ist die: Angst ist ein hässlicher Motivator, darum wollen wir niemanden anprangern oder sind jemandem böse. Menschen, die Angst haben, neigen dazu, Dinge zu tun und zu sagen, die sie im Normalfall nicht tun oder sagen würden. Wichtig ist, dass man für das nächste Mal dazulernt.

8. Würden Sie mit dem heutigen Wissen an eine Corona-Infektion denken?

Daniel Schlerith: Nein, eigentlich nicht. Wenn das Coronavirus keinen Namen hätte, wäre es wahrscheinlich spurlos an uns vorübergegangen. Die Muskelschmerzen und der Husten hätten uns an eine normale Grippe oder einen grippalen Infekt denken lassen. Der Husten könnte bei meiner Frau als Asthmatikerin beispielsweise mit der Grunderkrankung in Verbindung stehen. Ich glaube, wir würden auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht daran denken, dass wir Corona haben könnten. Was wir beide im Nachhinein festgestellt haben, ist, dass wir im Rahmen der Infektion Gerüche anders wahrgenommen haben. Das war das einzige Symptom, das sich von einer Grippe unterschieden hat. Spaghetti haben zum Beispiel plötzlich nicht mehr nach Spaghetti gerochen.

9. Wie ging es Ihnen psychisch? Hatten Sie Angst, dass der Verlauf kompliziert werden könnte?

Daniel Schlerith: Es war mental eine schwierige Situation, besonders für meine Frau, die ja allein im Krankenhaus war. Zum Glück konnten wir videotelefonieren.

Birgit Schlerith: Ich kann mich noch genau erinnern, wie der Arzt zu mir ins Zimmer gekommen ist und mir gesagt hat, dass unsere Tests positiv sind. Es war 22 Uhr und ich hatte bereits geschlafen – so aufgeweckt zu werden, ist natürlich nicht angenehm. Von da an habe ich versucht, auf meine Selbstheilungskräfte zu bauen, mich mit meinem Körper auseinanderzusetzen und mich mental zu stärken – zum Beispiel mit Meditation. In dieser Nacht ging es mir kurzzeitig nicht so gut, da hat sich eine Krankenschwester in Schutzausrüstung zu mir gesetzt und mir gut zugeredet. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Auch die Sicherheit meiner Familie im Hintergrund hat mich mental gestärkt, zur Genesung beigetragen und mir die Angst genommen.

Daniel Schlerith: Damals wusste man noch nicht, dass COVID-19 zu 80% symptomlos verläuft, daher habe ich täglich auf den "Ausbruch" gewartet. Es gab Phasen der Angst und der Verzweiflung: Meine Frau war für unbestimmte Zeit im Krankenhaus und ich fragte mich, was mit den Kindern passieren würde, wenn ich auch eingeliefert werde.

10. Spüren Sie die Krankheit noch?

Birgit Schlerith: Wir sind beide wieder fit und frei von Nachwirkungen.

11. Sie sind Personal Trainer – wann glauben Sie, können Sie wieder Ihrem Beruf nachgehen? Theoretisch können Sie nach überstandener Krankheit niemanden mehr anstecken ...

Daniel Schlerith: Wir könnten zwar mit drei Meter Abstand zum Kunden arbeiten, manchmal braucht es aber auch direkten Kontakt. Darum ist es wichtig, dass wir nicht ansteckend sind. Da meine Frau das Krankenhaus erst nach zwei negativen Tests verlassen durfte, hat sie jetzt den schriftlichen Beweis, dass sie nicht infektiös ist. Wer zu Hause in Quarantäne ist, gilt 14 Tage nach dem positiven Testergebnis als nicht mehr ansteckend. Da ich dafür aber gerne eine schriftliche Bestätigung hätte, kümmere ich mich gerade privat um eine neuerliche Testung. Außerdem wäre es wichtig, dass es klare Strukturen gibt: Warum darf ein Friseur aufsperren, aber ich als Personal Trainer, der die Gesundheit fördert, nicht? Ich muss den Kunden nicht mit Handschlag begrüßen, ich kann Übungen auch aus drei Meter Entfernung anleiten. In unserem 60-qm-Studio ist immer nur eine Person mit einem Trainer – die vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen könnten also ohne Probleme eingehalten werden. Derzeit können wir nur Online-Training anbieten, wir hoffen aber, dass sich das bald ändert.

12. Nehmen Sie auch Positives aus der Krise für sich mit?

Birgit Schlerith: Unsere Familie wurde dadurch noch mehr zusammengeschweißt. Wir hatten in der Quarantäne keine Probleme untereinander – im Gegenteil: Man ist sich viel mehr bewusst, was man aneinander hat, genießt die Zeit mit den Kindern. Aus unserem schnellen Leben wurde das Tempo rausgenommen, und das war gut so.

Daniel Schlerith: Was wir auf jeden Fall aus der Krise gelernt haben, ist: Wenn wir krank sind, sind wir krank! Und wir werden uns die Zeit nehmen, uns gut auszukurieren. Menschen sollten nicht krank arbeiten gehen, weil sie Angst um ihren Job haben. Gesundheit ist unser höchstes Gut!

Vielen Dank für das Gespräch!

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

 netdoktor.at-Magazin Mai 2020

Weitere Artikel zum Thema

mehr...