Helfen, wo‘s schwierig ist

Ärzte ohne Grenzen hilft dort, wo andere aufgegeben haben
Ärzte ohne Grenzen: Hilfe weltweit (Juanmonino / iStockphoto)

"Ärzte ohne Grenzen" (Médecins sans Frontières) ist die größte internationale Organisation für medizinische Nothilfe. Sie lindert Leid dort, wo andere aufgegeben haben. Dadurch vermittelt sie den betroffenen Frauen, Kindern und Männern in Krisengebieten die wohl wichtigste Botschaft überhaupt: "Man hat euch nicht vergessen!"

Schon als Medizinstudentin wollte Antonia Rau in einem Krisengebiet arbeiten. "Ich hab mir das cool vorgestellt", sagt sie, "heute weiß ich, dass das grober Unfug wäre." Wer in seinem Fachgebiet noch nicht gefestigt ist, wer nicht ein paar Jahre Erfahrung als Arzt sammeln konnte, hat in Krisenregionen nichts verloren. Die Arbeit dort, wo Menschen sie vielleicht am nötigsten brauchen, ist lohnend – doch alles andere als einfach.

Beispiel gefällig? Im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf, wo die Gynäkologin vor ihrem Einsatz bei "Ärzte ohne Grenzen" tätig war, finden im Jahr 750 Geburten statt. In der nordnigerianischen Ortschaft Jahun sind es 700.
Pro Monat.

Malaria und Mangelernährung

Dr. Antonia Rau
Dr. Antonia Rau (Ärzte Ohne Grenzen / iStockphoto)

Dazu kommt, dass der Anteil an komplizierten Geburten sehr, sehr hoch ist, denn in Nigeria bringen Frauen ihre Kinder zu Hause auf die Welt. Wer hier ein Spital aufsucht, tut das nicht "freiwillig", sondern weil es Komplikationen gibt. Rau erinnert sich an ihren Einsatz: "Viele schwangere Frauen kommen mit Malaria. Die Kombination von Malaria und oftmals Mangelernährung führt zu Blutarmut. Wenn da nur noch ein Faktor dazukommt, dann gibt es einfach keine körperlichen Reserven mehr, das zu bewältigen."

Vorsorgemaßnahmen – wie etwa den Mutter-Kind-Pass, der die Müttersterblichkeit in Österreich drastisch senken konnte – gibt es im bevölkerungsreichsten Land Afrikas nicht. Auch deshalb gibt es rund 15 mütterliche Todesfälle im Monat. "Zum Glück wurden wir vor dem Einsatz darauf vorbereitet", sagt die Ärztin, "wir können nur helfen, können einzelne Leben retten, aber wir sind halt auch nicht Gott. An der Grundsituation im Land, an der mangelnden Aufklärung, Bildung und Vorsorge können wir nichts ändern."

Zu sehen, wie Menschen an Krankheiten sterben, die es in unseren Breiten längst nicht mehr gibt oder die vermeidbar gewesen wären, zählt mit zu den schwierigsten Erfahrungen, die sie im Einsatzgebiet machen musste: "Dass du bei einem 17jährigen Mädchen Herzdruckmassage machst und sie stirbt dir unter den Händen – und du weißt genau, dass sie mit einer Vorsorge, wie wir sie hier haben, überlebt hätte ..."

Dennoch: Sie sei fachlich, aber auch menschlich an dem "Ärzte ohne Grenzen"-Projekt gewachsen. Es gab viele schöne, manchmal lustige Momente und Unterstützung durch "dieses bunte, internationale Team." Die in Jahun entstandenen Freundschaften halten bis heute an.

Humanitäre Hilfe

Dr. Antonia Rau mit Kollegin
Aus Kollegen werden Freunde (Ärzte Ohne Grenzen / iStockphoto)

Seit 1971 leistet die internationale Organisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. 1999 wurde sie dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

MSF wird immer dann aktiv, wenn das nationale Gesundheitssystem nicht mehr in der Lage oder willens ist, den Betroffenen zu helfen. Das ist häufig der Fall bei bewaffneten Konflikten oder als Folge von Flucht und Vertreibung, bei Epidemien und Naturkatastrophen. Derzeit laufen Projekte in rund 70 Ländern der Welt, 3000 Mitarbeiter sind jährlich im Einsatz, jeweils in Zusammenarbeit mit einheimischen Ärzten und Pflegern, die von MSF auch geschult werden.

Eigens erstellte, standardisierte Leitlinien helfen dabei, denn die Vielfalt der Nationen bedeutet auch Vielfalt an medizinischem Wissen: Japanische Ärzte behandeln manches nach anderen Methoden als ihre amerikanischen oder österreichischen Kollegen. Die MSF-Leitlinien schaffen hier Klarheit.

Ein Einsatz dauert für gewöhnlich sechs oder zwölf Monate, reich wird man dabei nicht, aber es gibt eine finanzielle Unterstützung, um laufende Kosten zahlen zu können. "Ärzte ohne Grenzen" sucht regelmäßig Mitarbeiter, nicht nur für medizinische, auch für die herausfordernde logistische Arbeit. Allerdings ist nicht jeder geeignet. Extreme Wettersituationen, Insekten, psychische Belastung, strenge Sicherheitsvorkehrungen und einfachste Unterkünfte in Zelten oder Lehmhütten zählen mitunter zum Alltag der Feldarbeit. Wo doch die Möglichkeit besteht, in Häusern zu leben, ist die Herausforderung eine moralische: Kann man damit umgehen, zwar selber ein festes Dach über dem Kopf zu haben, aber täglich mit Menschen zu arbeiten, die unter ärmlichsten Bedingungen existieren müssen?

Perspektivenwechsel

Ärzte ohne Grenzen
(Ärzte ohne Grenzen)

"Man bekommt eine andere Perspektive", reflektiert Rau, "Nach meiner Rückkehr habe ich die Freiheit genossen, überall hingehen zu können. In Nigeria war das aus Sicherheitsgründen nicht möglich, auch wenn wir nicht direkt im Boko-Haram-Gebiet waren. Da merkt man erst, dass das nicht selbstverständlich ist."

Sie selber sei mit der Umstellung nach der Rückkehr gut zurechtgekommen. Für Mitarbeiter, die Kriegserlebnisse und Gewalt zu verarbeiten haben, bietet das MSF-Netzwerk jedoch auch psychologische Hilfe an.

Ignorante Impfgegner

Was die Ärztin nach ihrer Rückkehr allerdings sehr gestört hat, war "auf Facebook irgendwelche Postings zu lesen, dass Impfen böse ist und die Ärzte bloß alle von der Pharmaindustrie gekauft sind! So ein Unsinn macht einen dann ganz anders wütend, wenn man erlebt hat, wie Leute an Krankheiten elendig sterben, die durch Impfungen vermeidbar wären."

Ob sie, nach allem, was sie jetzt weiß, noch einmal einen Einsatz mitmachen würde? "Ja", sagt sie mit Überzeugung. "Ich bin durch Zufall in Friedenszeiten in einem reichen und sicheren Land geboren, hatte immer Zugang zum Gesundheitssystem und zu Bildung." Mit ihrem Engagement bei "Ärzte ohne Grenzen" konnte sie einen kleinen Teil dazu beitragen, dass es auch anderen Menschen besser geht.

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Astrid Leitner

Aktualisiert am:

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