Normalwerte und Referenzbereich

Normal- und Referenzbereich
Der Normal- oder Referenzbereich basiert rein auf dem statistischen Durchschnitt. (11-10-11 © Alexander Raths / iStockphoto)

Ob Blutfette, Herzenzyme oder Entzündungsmarker – wenn es um die Einordnung von Laborergebnissen geht, ist immer wieder von sogenannten Normal- und Referenzbereichen die Rede. Diese unterschiedlichen Bezeichnungen verwirren, haben aber die gleiche Bedeutung. Obwohl beide Begriffe umgangssprachlich dasselbe meinen und auch synonym verwendet werden, ist unter Labormedizinern nur der Begriff "Referenzbereich" üblich. Ein Analyseergebnis außerhalb des Referenzbereichs bedeutet nämlich nicht, dass etwas "abnormal“ ist, sondern dass sich das Ergebnis von jenem in einer Referenzgruppe unterscheidet.

Wie wird der Referenzbereich bestimmt?

Um den Referenzbereich zu bestimmen, werden bei einer großen Zahl gesunder Individuen (mehr als 120) Laborwerte bestimmt. Als Referenzbereich ist jener Bereich definiert, in dem die Laborwerte von 95% der gesunden Referenzgruppe gefunden werden. Diesen Bereich nennt man Referenzbereich.

Der Normal- oder Referenzbereich basiert also rein auf dem statistischen Durchschnitt. Diesen Durchschnitt als "normal" zu bezeichnen, wird zunehmend als Etikettenschwindel gesehen – immer gebräuchlicher sind daher die Begriffe Referenzwert bzw. Referenzbereich.

Manche Referenzbereiche müssen für verschiedene Altersgruppen, für Männer und Frauen oder für bestimmte ethnische Gruppen eigens bestimmt und festgelegt werden. Speziell bei Kindern können die Referenzwerte je nach Alter schwanken. Bei Neugeborenen gibt es bei einigen Analysen sogar für unterschiedliche Lebenstage unterschiedliche Referenzbereiche.

Was bedeutet ein Analyseergebnis außerhalb des Referenzbereichs?

Wie oben beschrieben, definiert sich ein Referenzbereich als der Wertebereich, der sich bei 95% der gesunden Bevölkerung findet. Umgekehrt bedeutet das, dass bei einer einzigen Laboranalyse auch 5% der Gesunden ein Ergebnis außerhalb des Referenzbereichs aufweisen. Damit ergibt sich aber auch ein statistisches Problem: Im Durchschnitt wird bei einer Blutabnahme nicht nur ein einziger Wert, sondern es werden etwa 20–30 Werte bestimmt. Wie in der Tabelle ersichtlich, besteht bei 20 Laboranalysen bei einer völlig gesunden Person eine mehr als 50%ige Wahrscheinlichkeit, dass ein Wert außerhalb des Referenzbereichs liegt.

Fazit: Fast jeder hat in seinen Laborbefunden Werte, die als außerhalb des Referenzbereichs gekennzeichnet sind. Dies muss nicht gleichbedeutend mit einer Erkrankung sein und sollte von einem Arzt immer in Zusammenschau mit sonstigen Beschwerden interpretiert werden.

Zahl der Analysen am Befund Wahrscheinlichkeit für ein Analyseergebnis außerhalb des Referenzbereichs
1 5%
5 23%
10 40%
20 64%
50 92%

Warum unterscheiden sich Referenzbereiche zwischen den Labors?

Im Hinblick auf manche Testergebnisse (z.B. bei Tumormarkern) hängt der Referenzbereich auch davon ab, mit welcher Methode die betreffende Untersuchung durchgeführt wird. Das bedeutet, dass Messergebnisse, die in verschiedenen Labors erhoben wurden, nicht unbedingt vergleichbar sein müssen, weil sie womöglich unter Anwendung unterschiedlicher Methoden gewonnen wurden, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Gleiches gilt für die "Einheit", die Sie neben dem erhobenen Wert in Ihrem Laborbefund finden. In der Medizin galten über die Jahrhunderte ihrer Geschichte sehr unterschiedliche Normsysteme, die sich an verschiedenen historisch gewachsenen Messsystemen orientierten. Nicht in allen österreichischen Laborinstituten werden durchgehend dieselben Einheiten verwendet. Die Umrechnung von einer Einheit in eine andere ist allerdings mithilfe bestimmter Umrechnungsfaktoren möglich.

Was sind alte Einheiten, was sind SI-Einheiten?

Das Système international d’unité (kurz SI) regelt die Verwendung von Einheiten in den Naturwissenschaften. Diese Einheiten müssen sich auf die Grundeinheiten und deren dezimale Teiler bzw. Vielfache beziehen. Oftmals werden beide Einheiten angegeben. Auf diese Weise können Sie durch einen Vergleich mit Ihrem Laborbefund den für Sie geltenden Referenzbereich feststellen.

Einheiten der Referenz-/Normalwerte

  • g/dl – Gramm: 1 Gramm pro 100 ml
  • mg/dl – Milligramm: 1 Tausendstel Gramm pro 100 ml
  • µg/dl – Mikrogramm: 1 Millionstel Gramm pro 100 ml
  • ng/ml – Nanogramm: 1 Milliardstel Gramm pro ml
  • mval/l – Milligrammäquivalent: 1 Tausendstel der Stoffmenge, die einem Referenzatom (Wasserstoff) gleichgesetzt ist

Generell sollten Werte, welche die Grenzen über- bzw. unterschreiten, sorgfältig kontrolliert werden. Erst durch die medizinische Bewertung eines Arztes wird ein Analyseergebnis zu einem Laborbefund. Ein solcher Laborbefund ist in vielen Fällen für die Diagnose einer Erkrankung unverzichtbar bzw. bestätigend und soll die behandelnden Mediziner bei Entscheidungsprozessen hinsichtlich der Therapie von Krankheiten unterstützen.

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Autoren:
, Prim. Univ.Prof. Dr. Ursula Köller
Medizinisches Review:
Univ. Prof. Dr. Georg Endler
Redaktionelle Bearbeitung:
Marita Vollborn, Mag. Julia Wild

Stand der medizinischen Information:
Entzündung