Kontrollzwang

Von , Masterstudium in Psychologie
Aktualisiert am
Julia Dobmeier

Julia Dobmeier absolviert derzeit ihr Masterstudium in Klinischer Psychologie. Schon seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich besonders für die Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen. Dabei motiviert sie insbesondere der Gedanke, Betroffenen durch leicht verständliche Wissensvermittlung eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen.

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Menschen mit einem Kontrollzwang haben grosse Angst, Schuld am Schaden einer Person zu sein. Sie überprüfen daher immer wieder, ob der Herd tatsächlich aus oder die Haustür fest verschlossen ist. Ist der Kontrollzwang stark ausgeprägt, verlassen die Betroffenen ihre Wohnung nicht mehr. Lesen Sie hier alles Wichtige zum Kontrollzwang.

Kontrollzwang: Hand auf Herdplatte

Kurzübersicht

  • Therapie: Kognitive Verhaltenstherapie mit Konfrontationsübungen, mitunter unterstützt durch Medikamente
  • Symptome: Wiederkehrende Kontrollhandlungen wie das Überprüfen von Gegenständen (z. B. Herd, Türen) in Kombination mit Ängsten und innerer Anspannung; Betroffene wissen, das ihr Verhalten irrational ist
  • Ursachen: Zusammenspiel von biologischen (genetischen) Faktoren und Umwelteinflüssen (wie traumatische Kindheit, ungünstige Erziehung)
  • Diagnostik: Aufnahme der Krankengeschichte mithilfe spezieller Fragebögen
  • Prognose: Gute Prognose, wenn eine frühzeitige Behandlung durch einen geschulten Therapeuten erfolgt

Was ist ein Kontrollzwang?

Der Kontrollzwang ist eine sehr häufige Form der Zwangsstörung. Betroffene sind oft viele Stunden des Tages mit der Überprüfung von Herd, Wasserhähnen und Türen beschäftigt. Die zeitraubenden Rituale hindern sie auf Dauer daran, am Leben teilzuhaben und ihre alltäglichen Aufgaben zu bewältigen. Ein ausgeprägter Kontrollzwang verursacht daher einen erheblichen Leidensdruck.

Diese Form der Zwangsstörung bezieht sich auf die Kontrolle von Gegenständen. Ein zwanghaftes Verhalten, das sich auf die Kontrolle über andere Menschen bezieht, weist eher auf eine Persönlichkeitsstörung hin. Bei einer dissozialen Persönlichkeitsstörung beispielsweise besitzen Betroffene wenig Empathie für andere und manipulieren ihre Mitmenschen mitunter.

Wie überwindet man einen Kontrollzwang?

Das Haus nicht mehr zu verlassen, nicht mehr auf dem Herd zu kochen oder keine Kerzen mehr anzuzünden sind Vermeidungsstrategien, die den Kontrollzwang aufrechterhalten oder sogar verschlimmern. In der Therapie werden deshalb genau solche Strategien aufgedeckt und bearbeitet. Dabei hilft eine Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten, wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI).

Von den psychotherapeutischen Verfahren hat sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie mit Konfrontationsübungen als effektiv erwiesen. Die Betroffenen lernen hier, sich ihren Ängsten zu stellen. Im Falle des Kontrollzwangs bedeutet dies zum Beispiel, das Haus zu verlassen, ohne mehrmals die Türe zu überprüfen.

Im Laufe der Therapie lernen Betroffene mithilfe des Therapeuten, sich auf ein normales Mass an Kontrollmassnahmen zu beschränken, also auf sich selbst zu vertrauen. Denn Menschen mit Kontrollzwang zweifeln immer wieder an sich. Obwohl sie gerade die Tür verschlossen haben, sind sie sich im nächsten Moment bereits unsicher, ob sie auch sicher verriegelt ist. Die Betroffenen üben in der Therapie, dem Drang nach Kontrolle nicht nachzugeben. Mit der Zeit gewinnen sie dabei zunehmend an Sicherheit, und die Angst lässt nach.

Wie äussert sich ein Kontrollzwang?

Die meisten Menschen kennen­ den unbehaglichen Gedanken nach Verlassen des Hauses, ob sie den Herd oder das Bügeleisen wirklich ausgeschaltet haben. Solche Gedanken haben auch Menschen mit einem Kontrollzwang. Symptomatisch für sie ist, dass sie diese als unerträglich empfinden.

Die Betroffenen befürchten, dass durch ihre Schuld ein schreckliches Unheil eintritt. Um dieses Unheil zu verhindern, überprüfen sie immer und immer wieder beispielsweise die Herdplatte. Oft sagen sie laut zu sich: "Der Herd ist aus". Doch ganz sicher sind sie sich nie. Sobald sie sich vom Herd entfernen, tauchen erneut angstvolle Gedanken auf, und sie müssen den Herd von Neuem überprüfen.

Ähnlich ergeht es ihnen mit Wasserhähnen, Lampen und Türen. Das Haus zu verlassen wird so zu einer Qual. Wenn sie es nach langem Hin und Her aus der Tür geschafft haben und den Schlüssel abziehen, drücken sie noch mehrmals an der Türklinke, um sicher zu sein, dass die Tür wirklich verschlossen ist. Manche müssen mehrfach umkehren und erneut alles überprüfen, wieder andere wollen ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen, weil die Ängste zu stark sind.

Eine häufige Angst von Betroffenen mit Kontrollzwang ist auch, jemanden zu überfahren, ohne es zu bemerken. Sie fahren daher immer wieder denselben Weg ab, um sich zu versichern, dass kein Mensch durch sie verletzt worden ist.

Menschen mit Kontrollzwang wissen, dass ihr Verhalten irrational ist, sind aber nicht in der Lage, es zu ändern. Die Kontrollhandlungen werden oft bis zur völligen Erschöpfung wiederholt.

Was sind Ursachen und Risikofaktoren?

Wie die übrigen Zwangsstörungen entsteht der Kontrollzwang aus einem Zusammenspiel von biologischen Faktoren und Umwelteinflüssen. Betroffene haben eine genetische Veranlagung für die Zwangsstörung.

Diese allein reicht aber nicht aus, tatsächlich einen Kontrollzwang zu entwickeln. Es müssen dafür noch weitere Faktoren hinzukommen wie traumatische Kindheitserfahrungen oder ein ungünstiger Erziehungsstil der Eltern. Eine wichtige Rolle spielt eine generelle Ängstlichkeit: Ängstliche Menschen tendieren besonders dazu, bedrohliche Gedanken sehr ernst zu nehmen. Sie wollen um jeden Preis verhindern, dass die Gedanken Wirklichkeit werden.

Details zu Ursachen, Diagnose und Behandlung von Zwangsstörungen wie dem Kontrollzwang erfahren Sie im Beitrag Zwangsstörung. Dort lesen Sie auch mehr über Selbsthilfe bei Zwangserkrankungen. In Selbsthilfegruppen beispielsweise tauschen Gruppenmitglieder Erfahrungen und Tipps für die Umsetzung von geplanten Verhaltensänderungen aus.

Welche Untersuchungen und Diagnosen gibt es?

Ein Kontrollzwang ist eine spezielle Ausprägung einer Zwangsstörung. Ob eine solche vorliegt, ermittelt ein Therapeut mithilfe spezieller Fragebögen. Die Diagnose ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg, die Krankheit in den Griff zu bekommen und den Alltag wieder zu bewältigen.

Wie sind Krankheitsverlauf und Prognose?

Ein Kontrollzwang lässt sich aus eigener Kraft nur schwer besiegen. Betroffene sollten sich daher professionelle Hilfe suchen, und zwar möglichst früh. Denn je länger der Kontrollzwang besteht, desto schwieriger wird es, ihn zu bewältigen. Mit professioneller Hilfe stehen die Chancen aber gut, dass sich die Symptome des Kontrollzwangs deutlich bessern.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Nina Buschek, Christiane Fux
Autor:
Julia Dobmeier
Julia Dobmeier

Julia Dobmeier absolviert derzeit ihr Masterstudium in Klinischer Psychologie. Schon seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich besonders für die Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen. Dabei motiviert sie insbesondere der Gedanke, Betroffenen durch leicht verständliche Wissensvermittlung eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen.

ICD-Codes:
F42
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
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