Wochenbettdepression

Von , Studentin der Humanmedizin
Sophie Matzik

Sophie Matzik ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion.

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Als Wochenbettdepression (postnatale Depression) wird eine Form der Depression bezeichnet, die Mütter - aber auch Väter! - im ersten Jahr nach der Geburt entwickeln können. Sich möglichst schnell professionelle Unterstützung zu holen, ist dann sehr wichtig. Im Extremfall muss eine Wochenbettdepression in einer stationären Einrichtung behandelt werden. Lesen Sie hier, wie Wochenbettdepressionen entstehen und wie sie behandelt werden.

wochenbettdepression

Wochenbettdepression: Beschreibung

Die Wochenbettdepression (postpartale Depression, PPD) ist eine psychische Erkrankung, die viele Mütter, aber auch Väter, nach der Geburt betrifft. Insgesamt werden drei bedeutende psychische Krisen und Erkrankungen nach einer Geburt unterschieden:

  1. Postpartales Stimmungstief, auch Baby Blues oder "Heultage" genannt
  2. Postpartale Depression
  3. Postpartale Psychose

Im eigentlichen Sinn des Wortes bezieht sich der Begriff Wochenbettdepression nur auf die postpartale Depression. Er wird jedoch umgangssprachlich auch für die beiden anderen Formen postnataler Störungen verwendet. Außer Wochenbettdepression und postpartale Depression gebrauchen Mediziner auch die Begriffe postnatale Depression und postpartum Depression (Partus (lat.): Entbindung).

Wochenbettdepression: Schleichender Beginn, oft unterschätzt

Eine Wochenbettdepression kann sich im gesamten ersten Jahr nach der Geburt entwickeln und sich über mehrere Wochen bis Jahre erstrecken. Sie ist gekennzeichnet durch Stimmungstief, Hoffnungslosigkeit und soziale Abschirmung. Der Beginn der Wochenbettdepression ist meist schleichend, und die Erkrankung wird von Betroffenen und Angehörigen oft erst spät erkannt.

In der Bevölkerung wird die Wochenbettdepression oft nicht ernst genug genommen. Mütter, Väter und Angehörige sollten daher verstärkt auf Anzeichen einer Wochenbettdepression achten. Denn manche Betroffene sind suizidgefährdet. Im schlimmsten Fall kann es zu einem erweiterten Suizid kommen, das heißt, der betroffene Elternteil tötet zuerst das Kind (Infantizid) und dann sich selbst.

Häufigkeit der Wochenbettdepression

Schätzungsweise etwa zehn bis 15 Prozent aller Mütter sind von einer Wochenbettdepression betroffen. Auch fünf bis zehn Väter entwickeln eine postnatale Depression, entweder als Folge der mütterlichen Wochenbettdepression oder unabhängig davon.

Postpartale Angstzustände werden als eigenständige Kategorie betrachtet, da eine Angststörung nicht notwendigerweise eine Depression mit sich bringt. Eine unbehandelte Angststörung nach der Geburt kann sich allerdings zu einer Wochenbettdepression entwickeln.

Postpartale Psychose

Eine postpartale Psychose (Wochenbettpsychose) ist die schwerste Form einer psychischen Krise nach der Geburt. Sie entwickelt sich bei etwa ein bis zwei von 1.000 Geburten. Die postpartale Psychose tritt meist in den ersten sechs Wochen nach der Entbindung auf, meist sogar sehr plötzlich innerhalb der ersten beiden Wochen. Die Symptome sind ähnlich einer Wochenbettdepression, aber stärker und zudem begleitet von psychotischen Symptomen wie Realitätsverlust, Störungen des Denkens, Verhaltens und der Affekte. Auch Halluzinationen und Wahnvorstellungen können auftreten. Betroffene sind zudem suizidgefährdet. Außerdem kann es auch zur Kindstötung (Infantizid) kommen. Wer an einer postpartalen Psychose leidet, sollte sich daher sofort stationär behandeln lassen.

Baby Blues

Der Baby Blues ist eine Phase erhöhter psychischer Empfindlichkeit nach der Geburt. Meist vergeht er nach einigen Tagen wieder. Mehr dazu im Beitrag Baby Blues.

Wochenbettdepression: Symptome

Die Symptome der Wochenbettdepression sind vielfältig und nicht alle Anzeichen müssen sich bei jeder Betroffenen zeigen. Oft treten Symptome nur vereinzelt auf und werden nicht auf eine postnatale Depression zurückgeführt. Deshalb sollte auch auf zunächst unauffällige Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Schlafstörungen oder eine übermäßige Reizbarkeit geachtet werden. Darüber hinaus kann eine Wochenbettdepression Symptome auslösen wie:

  • Energiemangel, Antriebslosigkeit
  • Traurigkeit, Freudlosigkeit
  • inneres Leeregefühl
  • Gefühl von Wertlosigkeit
  • Schuldgefühle
  • ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber
  • Hoffnungslosigkeit
  • sexuelle Unlust
  • Herzbeschwerden
  • Taubheitsgefühle
  • Zittern
  • Ängste und Panikattacken

Außerdem zeigen Mütter mit Wochenbettdepression häufig ein allgemeines Desinteresse. Dieses kann auf das Kind und seine Bedürfnisse oder auch auf die ganze Familie bezogen sein. Betroffene vernachlässigen sich in dieser Zeit oft selbst und sind teilnahmslos ihrem Kind gegenüber. Sie versorgen das Kind zwar korrekt, aber wie eine Puppe und ohne persönlichen Bezug.

Auch Tötungsgedanken können in schweren Fällen von Wochenbettdepression auftreten. Diese können sich nicht nur auf die eigene Person (Suizidgefahr) beziehen, sondern auch noch auf das Kind (Kindstötung = Infantizid).

Wochenbettdepression: Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen der Wochenbettdepression bei Frauen sind noch nicht vollständig geklärt.

Als wichtiger Faktor wird immer wieder die Hormonumstellung im weiblichen Körper nach der Geburt angeführt. Dann sinken nämlich die Konzentrationen der weiblichen Hormone Östrogen und Progesteron. Diese wirken im Körper an verschiedenen Stellen, unter anderem auch im Gehirn. Sie haben eine stabilisierende Wirkung auf die Stimmung und wirken Depressionen und Psychosen entgegen. Nach der Geburt des Mutterkuchens sinken die Konzentrationen dieser Hormone im Körper, während die Konzentration des Hormons Prolaktin ansteigt. Das wird vielfach als Auslöser von Symptomen der Wochenbettdepression wie Stimmungseinbrüchen und Anfällen von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit angesehen.

Allerdings gibt es auch Argumente, die gegen die Hormonumstellung als Ursache der Wochenbettdepression bei Frauen sprechen. So konnte zum Beispiel in Untersuchungen kein Unterschied zwischen dem Hormonstatus von psychisch erkrankten Müttern und gesunden Müttern nach der Geburt festgestellt werden. Auch konnten Forscher keine Korrelation zwischen den hormonellen Veränderungen einerseits und dem Auftretenszeitpunkt und der Dauer der Wochenbettdepression andererseits finden. Zudem nimmt manche postpartale Depression ihren Anfang schon während der Schwangerschaft.

Die hormonelle Umstellung nach der Geburt als Ursache der Wochenbettdepression ist also umstritten. Es gibt aber andere Faktoren, die bekanntermaßen das Auftreten der psychischen Störung begünstigen können:

Dazu gehören zum Beispiel die familiären Umstände und die soziale Situation. Eine schwierige finanzielle Situation und eine mangelnde Unterstützung durch den Partner begünstigen die postnatale Depression. Symptome und Ausmaß hängen vielfach davon ab, wie sehr es der Frau an Unterstützung mangelt.

Auch psychische Erkrankungen, die bei der Frau vor der Schwangerschaft bestanden haben oder in der Familie auftreten, erhöhen offenbar das Risiko für eine Wochenbettdepression. Dauer und Symptome werden dann oft von dem Ausmaß der psychischen Erkrankung beeinflusst. Zu diesen Erkrankungen gehören etwa Depressionen, Zwangsstörungen, Angststörungen, Panikstörungen und Phobien.

Nicht zu vernachlässigen sind auch die körperliche und geistige Erschöpfung (z.B. bei Schlafmangel). Auch Umstellungen des Stoffwechsels (Veränderung der Schilddrüsenhormone), Schreikinder und Faktoren in der Biografie der Frau (wie traumatische Erlebnisse in der Kindheit) können zur Entstehung der Wochenbettdepression beitragen.

Wochenbettdepression: Untersuchungen und Diagnose

Für die Diagnose einer Wochenbettdepression gibt es bisher keine allgemein anerkannte Vorgehensweise. In vielen Fällen ist die Diagnose subjektiv. Sie wird durch Angehörige oder Betroffene selbst vermutet; in Gesprächen mit dem Haus- oder Frauenarzt ergibt sich dann meist ein klareres Bild.

Als bisher hilfreichstes Diagnose-Instrument hat sich die sogenannte Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale (EPDS) erwiesen. Dies ist ein Fragebogen, der bei Verdacht auf eine postpartale Depression von Betroffenen mit ihrem Arzt zusammen ausgefüllt wird. So lässt sich die Stärke der Wochenbettdepression ermitteln.

Wochenbettdepression: Behandlung

Die individuelle Behandlung bei Wochenbettdepression hängt von derem Schweregrad ab. Bei einer leichten Form reichen oft praktische Unterstützung bei der Babypflege und im Haushalt, um die Symptome zu mildern. Diese Unterstützung kann von Familienangehörigen, Freunden und/oder der Hebamme kommen. Manchmal ist auch eine Haushaltshilfe oder ein Kindermädchen sinnvoll. Dadurch sind alle Familienmitglieder entlastet und können an dem Zusammenhalt der Familie und der Zukunftsplanung arbeiten.

In schwereren Fällen von Wochenbettdepression ist eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Die Selbsthilfe reicht hier meist nicht mehr aus. Je nach eigenen Präferenzen und Empfehlungen des Arztes können Betroffene zwischen verschiedenen Therapieformen wählen wie Gesprächs- oder Körpertherapie. Der Partner und sonstige Familienangehörige sollten in die Therapie mit einbezogen werden. Sie können dabei mehr Verständnis für die Betroffene entwickeln, den richtigen Umgang mit der Erkrankung lernen und die Frau so besser unterstützen.

Bei Bedarf erhalten Frauen mit Wochenbettdepression zusätzlich eine medikamentöse Therapie (Antidepressiva).

In besonders schweren Fällen von Wochenbettdepression ist eine stationäre Behandlung notwendig. So gibt es in einigen Städten sogenannte Mutter-Kind-Kliniken, in denen Mütter mit ihren Kindern stationär betreut werden können.

Vorbeugende Maßnahmen bei Risikogruppen

Frauen, die schon in der Schwangerschaft durch eine Neigung zu Ängsten oder Depression auffallen, wird in der Regel schon während der Geburtsvorbereitung eine erhöhte Unterstützung angeboten. In der ersten Zeit nach der Geburt kümmert sich das Pflegepersonal der Klinik oder der Partner verstärkt um das Baby, damit die Mutter sich ausruhen kann und Zeit hat, sich an die neue Lebenssituation anzupassen.

Wochenbettdepression bei Männern

Depressionen nach der Geburt treffen auch Väter – und zwar gar nicht so selten. Etwa 5 Prozent der Männer leiden nach der Geburt eines Kindes darunter.

Die Ursachen von postpartalen Depressionen bei Vätern sind noch relativ unklar. Die besonderen psychischen und physischen Belastungen der neuen Situation dürften aber eine zentrale Rolle spielen.

Sorgen und Stress statt Vaterglück

Denn auch für Männer verändert sich das Leben nach der Geburt eines Kindes tiefgreifend. Durch den Neuankömmling haben sie weniger Zeit für sich selbst, für Hobbys und Freundschaften. Auch die Paarbeziehung tritt in den Hintergrund.

Viele Väter belastet zudem das Gefühl, jetzt große Verantwortung übernehmen zu müssen. Auch eine idealisierte Vorstellung von der Vaterrolle und das Gefühl, dieser nicht gerecht zu werden, können eine Depression begünstigen.

Weitere Risikofaktoren sind

  • frühere depressive Erkrankung
  • Probleme in der Partnerschaft
  • finanzelle Sorgen
  • hohe Erwartungen an die Vaterrolle

Eine besondere Belastung für Väter besteht auch, wenn das Kind als Frühchen zu Welt kommt.

Besonders hoch ist die Gefahr einer postpartalen Depression zudem für Männer, deren Frauen eine Wochenbettdepression entwickelt haben.

Anzeichen

Alarmsignale für eine Wochenbettdepression bei Männern sind etwa Erschöpfung, Antriebslosigkeit und das Gefühl innerer Leere. Manche Männer werden reizbar, leiden unter Stimmungsschwankungen und schlafen schlecht. Andere entwickeln grundlose Schuldgefühle, sorgen sich mehr und fühlen sich ängstlich.

Meist treten depressive Symptome nicht unmittelbar nach der Geburt in Form eines "Baby Blues" bei Männer auf, sondern stellen sich erst nach zwei bis sechs Monaten schleichend ein. Halten die Beschwerden an, sollten Betroffene sich baldmöglichst professionelle Hilfe suchen. Denn die Gefahr ist groß, dass die Depression chronifiziert und dann umso schwerer zu behandeln ist.

Hilfe suchen ist wichtig – auch fürs Kind

Leider zögern gerade Männer, sich in einer solchen Situation in Therapie zu begeben. Statt ein strahlender und stolzer Papa ein Häuflein Elend zu sein, ist für viele Väter mit Scham behaftet. In dem Fall sollten sie sich vor Augen führen, dass auch ein Kind darunter leidet, wenn der Vater depressiv ist. Und sie selbst verpassen die Gelegenheit, sich an der einzigartigen Babyzeit ihres Kindes zu erfreuen.

Wochenbettdepression: Krankheitsverlauf und Prognose

Während der Wochenbettdepression verlieren Betroffene und Angehörige oft die Hoffnung, dass die Krankheit je wieder ausheilt. Die Prognose der Wochenbettdepression ist aber gut. In der Regel erholen sich die Betroffenen vollständig.

Ein gutes familiäres Umfeld und die Hilfe des Partners/der Partnerin und der Familie erleichtern allen Müttern und Vätern die erste Zeit nach der Geburt extrem und helfen, die Symptome einer Wochenbettdepression unter Kontrolle zu halten.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Sophie Matzik

Sophie Matzik ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion.

ICD-Codes:
F53
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Bundesverband der Frauenärzte e.V.: www.frauenaerzte-im-netz.de (Abruf: 08.04.2018)
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.familienplanung.de (Abruf: 08.04.2018)
  • Cameron EE et al.: Prevalence of paternal depression in pregnancy and the postpartum: an updated meta-analysis. J Affect Disord 2016; 206: 189-203
  • Paulson J, Bazemore S: Prenatal and postpartum depression in fathers and its association with maternal depression: a meta-analysis. JAMA 2010; 303: 1961-9
  • Peripartale psychische Erkrankungen: Auch Männer sind betroffen, www.universimed.de, Abruf 24.06.2021
  • Salis, B.: Psychische Störungen im Wochenbett, Elsevier/Urban & Fischer Verlag, 2007
  • Schauenburg, H.: Psychotherapie der Depression, Georg Thieme Verlag, 2007
  • Stiefel, A. et al.: Hebammenkunde: Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf, Georg Thieme Verlag, 2012
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