Sehnenriss – Schulter

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Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

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Betrifft ein Sehnenriss Schulter und Oberarm, haben die Betroffen meist heftige Schmerzen und bewegen das Schultergelenk nur noch eingeschränkt. Die Diagnose wird durch eine eingehende Untersuchung und Ultraschall oder ein anderes bildgebendes Verfahren gestellt. Je nach Art und Schwere der Verletzung wird der Sehnenriss entweder operiert oder konservativ behandelt. Lesen Sie hier alles Wichtige zum Thema Sehnenriss in der Schulter!

Sehnenriss: Arzt betastet Schulter einer Patientin

Kurzübersicht

  • Therapie: Operativ, minimal-invasiv oder offen: Verbinden der beiden Enden durch verschiedene Techniken; konservativ: Schmerzlinderung, Ruhigstellung, dann Bewegungsübungen
  • Symptome: Druckschmerzen und nächtliche Schmerzen, Bewegungseinschränkung in der Schulter, mitunter auch im Ellenbogengelenk, Bluterguss
  • Ursachen: Häufig durch Vorschäden wie Abnutzung, äussere Krafteinwirkung im Rahmen eines Unfalls, begünstigt durch längerfristige Einnahme von Anabolika, Rauchen oder zu hohe Blutfette
  • Untersuchungen: Körperliche Untersuchung, bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Magnetresonanztomografie (MRT), Röntgen, falls auch eine Knochenverletzung vermutet wird
  • Prognose: Heilungsdauer abhängig vom Ausmass des Risses und der Behandlung, nach konservativer Therapie treten mitunter dauerhafte Muskelverkleinerungen und häufig eine Muskelschwäche im Schulterbereich auf, das Aufsuchen eine Schulterspezialisten empfehlenswert, wichtig sind geeignete Rehabilitationsmassnahmen

Was ist ein Sehnenriss in der Schulter?

Ein Sehnenriss in der Schulter gehört zu den häufigsten abnutzungsbedingten Sehnenverletzungen und ist oft die Ursache für Schulterschmerzen.

Das Schultergelenk ist eine komplexe Struktur mit einem Hauptgelenk und drei kleineren Nebengelenken. Die Knochenführung des Schultergelenks ist im Vergleich zu anderen Gelenken relativ frei. Dadurch lässt sich der Arm in viele Richtungen bewegen. Das Schultergelenk wird durch eine Vielzahl von Muskeln, Bändern und Sehnen stabilisiert, die bei hoher Belastung mitunter reissen.

Besonders wichtig ist ein Ring aus vier Muskeln (Rotatorenmanschette), die am Schulterblatt entspringen und mit ihren Sehnen am Kopf des Oberarmknochens ansetzen. Diese Sehnen sind bei Belastung besonders anfällig für einen Sehnenriss. Schulter-Schmerzen gehen häufig von der Rotatorenmanschette aus.

Im Bereich des Schultergelenks verläuft noch eine weitere Sehne: die lange Bizepssehne, die – ausgehend vom Armbeugermuskel am Oberarm (Bizeps) – durch eine knöcherne Rinne zum oberen Rand der Schulterpfanne zieht. Sie reisst manchmal ebenfalls.

Wie wird ein Sehnenriss in der Schulter behandelt?

Ein Sehnenriss in der Schulter lässt sich prinzipiell sowohl operativ als auch nicht-operativ (konservativ) behandeln. Wenn neben dem Sehnenriss noch Knochenbrüche, Gefäss- oder Nervenverletzungen bestehen, ist eine komplexe Behandlungsstrategie erforderlich.

Die beste Behandlung bei einem Sehnenriss in der Schulter hängt von vielen Faktoren ab. Dazu zählen vor allem der Grad der Schädigung, Stärke der Beschwerden, das Alter und individuelle Anforderungen des Betroffenen an die Schulter. Ziel jeder Therapie ist die Schmerzverminderung und die Verbesserung der Gelenkfunktion. Danach plant der behandelnde Arzt zusammen mit dem Patienten die Therapie und entscheidet, ob eine Operation angezeigt ist oder nicht.

In fast allen Fällen wird zunächst eine Schmerz- und Entzündungsbehandlung begonnen. Manchmal wird dazu Kortison direkt ins Gelenk gespritzt. Eine strikte Ruhigstellung wird aufgrund der Gefahr einer Gelenkversteifung nicht empfohlen. Stattdessen wird bereits in der frühen Phase der Behandlung die frühfunktionale Physiotherapie ("Schulterschule") geplant und begonnen.

Operation

Besonders bei verletzungsbedingten Sehnenrissen, ausgeprägter Aktivität und wenig vorgeschädigten Sehnen wird ein Sehnenriss in der Schulter operiert. Andererseits sollte unter anderem bei Gelenkinfektionen, Nervenschäden und einer fortgeschrittenen Degeneration auf eine OP verzichtet werden. Das Ergebnis des Eingriffs ist entscheidend vom Sehnenzustand abhängig. Nur bei einer guten Sehnen-Qualität ist eine Sehnennaht erfolgreich anwendbar.

Ein Sehnenriss in der Schulter wird möglichst innerhalb weniger Wochen operiert, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Dabei unterscheidet man die offene Sehnenreparatur von der minimal-invasiven Variante. Ein offener Eingriff erlaubt auch schwierigere Techniken. Allerdings muss dafür der um die Schulter liegende Deltamuskel von Teilen des Schulterblatts gelöst werden. Bei einer minimal-invasiven Operation ist dies nicht notwendig. Hier wird durch den nur kleinen Zugang zum Gelenk das umgebende Gewebe geschont.

Die minimal-invasive Technik ist dafür komplizierter und erlaubt aufgrund der Enge nur einfachere Sehnenreparaturen. Wenn ein Knochenstück mit der Sehne ausgerissen ist, dann wird dieses in einer offenen Operation versorgt. Minimal-invasive Eingriffe sind mitunter auch ambulant möglich.

Für die Vernähung der Sehnenenden gibt es eine Reihe von verschiedenen Techniken. Welche im Einzelfall angewendet wird, hängt von der Art des Risses ab. Zusätzlich ist es manchmal notwendig, den Raum um die Sehne durch Dekompression zu vergrössern oder ein (körpereigenes) Sehnentransplantat einzusetzen.

Verletzte Sehnen heilen langsam, daher erfolgt eine vorsichtige Nachbehandlung. Nach einer Operation wird die Schulter zunächst für zwei bis sechs Wochen in einem Verband geschützt (wie Gilchrist-Verband, Abduktionsschiene).

Mit einer Schulteradduktionsschiene wird der Arm in 30 Grad Abhebung gehalten. Der Betroffene bewegt das Schultergelenk zunächst nur passiv. Ab der dritten Woche beginnt er langsam mit assistierten, aktiven Bewegungsübungen. Ab der siebten Woche lassen sich aktive Bewegungen uneingeschränkt durchführen. Sportliche Aktivitäten sind erst ab dem dritten Monat wieder zu empfehlen.

Konservative Behandlung

Eine konservative Behandlung wird bei einem nicht-unfallbedingten, langsam entstehenden Sehnenriss in der Schulter erwogen. Besonders gut geeignet ist diese Behandlungsform bei Patienten, die nur eingeschränkt aktiv sind, sowie bei einer sogenannten "Frozen Shoulder" (Schultersteife).

Meist unterteilt man die Behandlung in drei Phasen: Zunächst werden die Schmerzen und Entzündungsprozesse in der Schulter gelindert, etwa mit Medikamenten und/oder einer Kältebehandlung. Eventuell spritzt der Arzt auch Kortison in das Gelenk. Im zweiten Schritt beginnt der Patient ein langsames Aufbautraining, um die Stabilität des Schultergelenks zu sichern und einem Muskelabbau entgegenzuwirken. Zuletzt steigert er das Training kontinuierlich. So ist der Betroffene in der Lage, die für den Alltag, den Sport oder die Arbeit nötigen Bewegungen wieder auszuüben.

Ein frühes Stabilisations- und Aufbautraining ist essenziell, um Muskelabbau und Gelenkversteifungen zu verhindern und die Beweglichkeit der Schulter schnell wieder herzustellen. Gelegentlich dauert es aber bis zu sechs Monaten, bis die Schulter wieder voll belastbar ist.

Wenn die Schmerzen weiter bestehen oder nach anfänglicher Besserung wieder stärker werden, suchen Sie erneut Ihren Arzt auf. Dann ist manchmal eine Operation notwendig.

Welche Symptome treten auf?

Wie bei allen Sehnenrissen bemerken Betroffene bei einem Schulter-Sehnenriss eine Bewegungseinschränkung, etwa beim Heben des Arms. Das Gelenk verliert ausserdem an Stabilität, sodass es in bestimmten Fällen auskugelt (luxiert). Weitere Symptome, die bei einem Sehnenriss in der Schulter mitunter auftreten, sind Druckschmerzen, nächtliche Schulterschmerzen und Blutergüsse.

Bei einem Riss der langen Bizepssehne ist manchmal neben der Beweglichkeit der Schulter auch jene des Ellenbogengelenks vermindert.

Was sind Ursachen und Risikofaktoren?

Ein Sehnenriss in der Schulter ist oft abnutzungsbedingt. Eine mechanische Schädigung führt unter Umständen zu einer Entzündung von Sehnen und Schleimbeuteln im Schultergelenk. Die betroffenen Sehnen reissen bei Belastung möglicherweise an, und später werden sie dann komplett durchtrennt.

Die Muskelsehnen an der Schulter sind aufgrund der anatomischen Besonderheiten sehr anfällig für einen Riss. Einige Muskelsehnen verlaufen nämlich unter dem Gelenkdach der Schulter (subakromial) und werden so leicht zwischen dem Kopf des Oberarmknochens und dem knöchernen Gelenkdach eingeklemmt.

Neben degenerativen Veränderungen führen oft Unfälle (wie ein Auskugeln der Schulter, die Schulterluxation) zu einem Sehnenriss.

Schulter-Sehnenrisse werden durch verschiedene Faktoren begünstigt. Dazu zählen Rauchen, verschiedene Medikamente (wie Anabolika), hohe Blutfette (Hypercholesterinämie) und Tätigkeiten mit einer hohen Schulterbelastung.

Welche Untersuchungen und Diagnosen gibt es?

Haben Sie den Verdacht, dass eine Schultersehne gerissen ist, suchen Sie einen Orthopäden oder Unfallchirurgen auf. Es gibt auch Ärzte, die sich auf Erkrankungen und Verletzungen der Schulter spezialisiert haben. Eine frühe Diagnose von Schulterschäden ist wichtig, um schwereren Verläufen und Komplikationen vorzubeugen.

Vor der Untersuchung wird der Arzt Ihnen unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Seit wann besteht die Bewegungseinschränkung?
  • Lässt sich der Schmerz lokalisieren?
  • Haben Sie die Schulter besonders belastet?
  • Bestehen Vorerkrankungen an der Schulter?

Um dem Verdacht auf einen Sehnenriss in der Schulter nachzugehen, wird der Arzt Sie untersuchen. Dazu machen Sie Ihren Oberkörper frei. Bereits beim Ausziehen des Oberteils fallen dem Arzt mögliche Bewegungsschwierigkeiten auf. Beim Blick auf die betroffene Region bemerkt der Arzt Veränderung, wie zum Beispiel die Entrundung der Schulter (das sogenannte Epauletten-Phänomen, bei dem die Form der Schulter an das Schulterstück einer Uniform erinnert). Beim Abtasten identifiziert er Schmerzpunkte und stellt eventuelle Unregelmässigkeiten fest.

Danach testet der Arzt die Bewegungsfähigkeit der Schulter und vergleicht diese mit der (gesunden) Gegenseite. Um herauszufinden, welche Muskelsehne betroffen ist, führt der Arzt verschieden Provokationstests durch. Je nach Art der Arm- und Schulterhaltung sowie der Bewegung erkennt der Arzt die betroffene Muskelsehne (unter anderem durch den Jobe-, Lift-off- oder Belly-press-Test).

Ultraschall (Sonografie)

Bei Verdacht auf einen Sehnenriss in der Schulter wird zunächst eine Ultraschalluntersuchung der Schulter durchgeführt. Während der Untersuchung begutachtet der Arzt das Gelenk in verschiedenen Positionen und während der Bewegung. Wenn der Sehnenverlauf nicht nachvollziehbar ist, sich untypisch darstellt oder sich trotz Bewegung nicht verändert, erhärtet sich der Verdacht auf einen Sehnenriss.

Magnetresonanztomografie (MRT)

Die MRT-Untersuchung (auch Kernspintomografie genannt) ist ein bildgebendes Verfahren, das Körperstrukturen ohne Strahlenbelastung detailliert darstellt. Sie eignet sich auch bei Verdacht auf einen Sehnenriss. Allerdings erfolgt die Aufnahme nur in einer Gelenkposition (statisch), sodass keine Bewegungen aufgezeichnet werden.

Röntgen

Im Röntgenbild werden Sehnen nicht dargestellt. Erkennen lässt sich darauf nur ein eventueller Knochenschaden, der mitunter zusätzlich mit einem Sehnenriss (Schulter) einhergeht.

Wie sind Krankheitsverlauf und Prognose?

Eine allgemeine Aussage zur Prognose bei einem Sehnenriss in der Schulter lässt sich nur schwer treffen. Entscheidend ist zum Beispiel, welche Sehne in welchem Ausmass betroffen ist. Nach konservativer Behandlung klagen mehr als 50 Prozent der Betroffenen über eine dauerhafte Muskelverkleinerung und fast alle Patienten über eine zumindest geringe Schwäche im Schulterbereich. Generell ist das Risiko einer Re-Ruptur (eines erneuten Reissens) nach einer Operation umso grösser, je schwieriger die Rekonstruktion der Sehne und je grösser der Riss war.

Durch die Behandlung bei ausgewiesenen Schulterspezialisten wird die Prognose, vor allem bei einer operativen Versorgung, häufig deutlich verbessert. Essenziell für den Erhalt von Funktion und Kraft ist in jedem Fall eine frühfunktionelle Rehabilitation nach einem Sehnenriss in der Schulter.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

ICD-Codes:
M66
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Fischer, A. K.: Vergleich des Sehnen-Knochen-Kontaktes von single- und double-row-Technik mit unterschiedlichen Nahttechniken, Dissertation an der Med. Fakultät der Universität Göttingen, Göttingen 2013
  • Grifka, J.: Orthopädie Unfallchirurgie. Springer Verlag, 10. Auflage 2021
  • Hermann, S. J. et al.: Tears of the rotator cuff. Causes – Diagnosis – Treatment, Acta Chir Orthop Traumatol Cech. 2014;81(4):256-66.
  • Klöppel, G. et al. (Hrsg.): Pathologie – Urogenitale und Endokrine Organe, Gelenke und Skelett. Springer Verlag, 2. Auflage 2016
  • Postl, L. K. L. & Kirchhoff, C.: Footprint und Zementaugmentation, Oper Orthop Traumatol 2012, 24:495–501
  • Pschyrembel Online: Epauletten-Phänomen, unter www.pschyrembel.de (Abruf: 14.02.2022)
  • Sambandam, S. N. et al.: Rotator cuff tears: An evidence based approach, World J Orthop 2015 December 18; 6(11): 902-918
  • Warth, R. J. et al.: Clinical and structural outcomes after arthroscopic repair of full-thickness rotator cuff tears with and without platelet-rich product supplementation: a meta-analysis and meta-regression. Arthroscopy. 2015 Feb;31(2):306-20.
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