Reizblase – Medikamente

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Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

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Zur Behandlung einer überaktiven Blase stehen verschiedene Reizblase-Medikamente zur Verfügung. In den meisten Fällen handelt es sich um sogenannte Anticholinergika. Diese mindern die Symptome effektiv, haben aber mitunter erhebliche Nebenwirkungen. Mehr zum Thema Reizblase-Medikamente erfahren Sie hier!

Reizblase: Medikamentenblister

Welche Medikamente gegen eine Reizblase gibt es?

Eine medikamentöse Therapie der überaktiven Blase wird oft begleitend zu Verhaltensanpassung und Blasentraining verordnet.

Anticholinergika gegen Reizblase

In den meisten Fällen stammen Reizblase-Medikamente aus der Gruppe der Anticholinergika. Diese Wirkstoffe hemmen Nerven, die bei der Reizblase-Symptomatik beteiligt sind. Das tun sie, indem sie bestimmte Andockstellen (Rezeptoren) für den Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Acetylcholin blockieren.

Da Muskarin-Rezeptoren der Detrusorzellen (Muskelzellen der Blasenwand) beteiligt sind, werden die Wirkstoffe auch als Antimuskarinika bezeichnet.

Rezeptoren gibt es überall im Körper, und zwar in Form unterschiedlicher Typen. Im Bereich der Harnblase finden sich die Rezeptor-Subtypen M2 und M3. Vor allem der M3-Rezeptor muss blockiert werden, um die Harnblasenmuskulatur zu hemmen. Wirken die Reizblase-Medikamente jedoch auch auf andere Rezeptor-Subtypen, so kommt es mitunter zu (deutlichen) Nebenwirkungen.

Wahl des richtigen Anticholinergikums

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Präparate aus der Gruppe der Anticholinergika. Der behandelnde Arzt wird entscheiden, welches davon in welcher Dosierung im Einzelfall am sinnvollsten ist.

Besonders häufig werden Oxybutynin und Tolterodin als Reizblase-Medikamente genutzt – sie haben verhältnismässig wenig Nebenwirkungen. Oxybutynin wird als Tablette oder Wirkstoffpflaster (Transdermalpflaster) angewendet. Manchmal wird der Wirkstoff auch als Lösung direkt in die Blase eingebracht.

Andere Anticholinergika, die sich zur Reizblase-Therapie eignen, sind zum Beispiel Darifenacin, Trospiumchlorid und Desfesoterodin.

Kontraindikationen

Anticholinerge Reizblase-Medikamente sollten in bestimmten Fällen nicht verwendet werden. Zu diesen Kontraindikationen zählen zum Beispiel ein unbehandeltes Glaukom (Grüner Star), mechanische Verengungen (Stenosen) im Magen-Darm-Trakt und Harnverhalt.

Nebenwirkungen und Interaktionen

Die Einnahme von Anticholinergika ist mitunter mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden. Diese betreffen vor allem die Augen, den Magen-Darm-Trakt und das zentrale Nervensystem. Vornehmlich klagen Patienten über Mund- und Augentrockenheit sowie Verstopfung. Auch die kognitive Funktion wird manchmal durch Anticholinergika beeinflusst, was vor allem bei älteren Patienten zu beachten ist.

Aufgrund solcher Nebenwirkungen setzen manche Patienten die anticholinergen Reizblase-Medikamente auf eigene Faust ab. Das ist aber keinesfalls ratsam. Stattdessen wird Patienten empfohlen, das Gespräch mit dem behandelnden Arzt suchen. Vielleicht ist eine Dosisanpassung oder ein Umstieg auf ein besser verträgliches Präparat möglich.

Bevor der Arzt Anticholinergika verschreibt, wird er abklären, ob der Patient noch andere Medikamente einnimmt und wenn ja, welche. Bei gleichzeitiger Einnahme von anticholinergen Reizblase-Medikamenten und bestimmten anderen Wirkstoffen sind nämlich Wechselwirkungen möglich.

Lokale Östrogentherapie

Bei manchen Frauen ist die Reizblase-Symptomatik auf fehlendes Östrogen zurückzuführen, vor allem nach Eintritt in die Wechseljahre. Bei ihnen wird meist eine sogenannte lokale Östrogenisierung durchgeführt. Dabei werden die Hormone etwa als Creme in die Scheide eingebracht. Das soll bei dauerhafter Anwendung die Elastizität des Beckenbodens stärken. Im Vergleich mit Placebos zeigte sich, dass Frauen mit überaktiver Blase hiervon nachweislich profitierten.

Pflanzliche Medikamente

Bei folgenden Substanzen konnten in Studien mit einer kleinen Patientenzahl Effekte gezeigt werden, die auf eine Wirksamkeit hinweisen sollen:

  • Bryophyllum pinnatum (Kalanchoe, ein Dickblattgewächs)
  • Gosh-jinki gan oder Weng-li-tong (Kombinationen verschiedener Kräuter)
  • Ganoderma lucium (Glänzender Lackporling, ein Pilz)
  • Kombination aus Crataeva nurvala (Kaperngewächs), Equisetum arvense (Acler-Schachtelhalm) und Lindera aggregata (Fieberstrauch)
  • Samen des Gartenkürbis (Cucurbita pepo)

Für alle genannten rezeptfreien Phytotherapeutika sind grössere klinische Studien notwendig, um die Wirksamkeit zu belegen.

Pflanzliche Medikamente haben ihre Grenzen. Wenn die Beschwerden weiterhin bestehen, nicht besser oder sogar schlimmer werden, sollten Sie immer einen Arzt aufsuchen.

Beta-3-Rezeptoragonisten

Ebenfalls als Reizblase-Medikamente in Betracht kommen Beta-3-Rezeptoragonisten wie Mirabegron. Im Gegensatz zu den Anticholinergika stimulieren sie die Rezeptoren für den Nervenbotenstoff Noradrenalin. Diese Stimulation hat zur Folge, dass die Blasenmuskulatur gehemmt wird – damit wird die Inkontinenz bekämpft. Die Nebenwirkungen sollen ein wenig geringer sein als bei den Anticholinergika. Der behandelnde Arzt wird als Nebenwirkung auf eine mögliche Blutdruckerhöhung achten.

Weitere Medikamente

Wenn Anticholinergika und Beta-3-Rezeptoragonisten nicht ausreichend helfen, fragen sich Betroffene manchmal, was sich sonst noch tun lässt. Möglicherweise werden dann Botox-Injektionen versucht. Das Nervengift wirkt lokal an den Nerven der Blase und hilft, den übermässigen Harndrang zu unterdrücken. Allerdings ist die Wirkdauer einer solchen Injektion auf sechs Monate begrenzt. Trotzdem erleben Patienten dadurch oft eine merkliche Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Schlägt keines der Reizblase-Medikamente an, sind andere Therapiemethoden zu erwägen, wie eine sakrale Neuromodulation. Mehr dazu lesen Sie hier.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Katharina Larisch
Autor:
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

ICD-Codes:
N32N31
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
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