Reisekrankheit

Von Christina Trappe
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Als Reisekrankheit (Kinetose) bezeichnet man eine Gruppe von Symptomen, die durch Störungen des Gleichgewichtssinns entstehen: Ausgelöst durch Bewegungsreize, wie sie etwa während einer Autofahrt oder einer Flugreise auftreten, bekommen Betroffene Schwindelgefühle, Übelkeit bis zum Erbrechen, Kopfschmerzen und blasse Haut. Lesen Sie, was bei der Reisekrankheit im Körper passiert und was Sie dagegen tun können.

reisekrankheit

Reisekrankheit: Beschreibung

Die Reisekrankheit ist ein weit verbreitetes und ungefährliches Phänomen, das allerdings für Betroffene stark belastend sein kann. Der Fachbegriff "Kinetose" leitet sich ab vom griechischen Wort für bewegen (kinein). Denn es ist der Bewegungsreiz in einem fahrenden Auto oder Schiff oder einem Flugzeug in der Luft, der Menschen mit Reisekrankheit zu schaffen macht.

Wenn jemand zum Beispiel in einem rüttelnden Reisebus sitzt oder in einem Auto auf einer kurvigen Bergstrecke unterwegs ist, kann diese Bewegung den Gleichgewichtssinn durcheinanderbringt und Symptome wie Übelkeit auslösen.

Je nach Art des Fortbewegungsmittels unterscheidet man verschiedene Varianten der Reisekrankheit:

  • Weitverbreitet ist die Seekrankheit - sie kann auf einem fahrenden Schiff oder anderen Wasserfahrzeug einstellen.
  • Von der Landkrankheit spricht man bei Menschen, die nach einer Seereise Symptome einer Kinetose entwickeln, sobald sie wieder auf festem Erdboden stehen. Bereits der Anlegesteg scheint zu schwanken, weil der Körper noch auf die Wellenbewegungen auf dem Schiff eingestellt ist. Diese Erfahrung machen vor allem Seeleute, die lange Zeit auf einem Schiff verbracht haben.
  • Eher selten ist die Flugkrankheit, bei der den Betroffenen auf Flugreisen übel wird. Manchmal tritt sie in Kombination mit Flugangst (Aviophobie) auf, wobei beide Empfindungen einander verstärken können.
  • Die Raumkrankheit kann bei Astronauten auftreten. Die Kinetose wird hier durch die fehlende Schwerkraft im Weltall ausgelöst - vielen Astronauten wird dann erst einmal übel und schwindelig.

Davon abgesehen, kann einem beispielsweise auch beim Reiten auf einem Kamel oder in einem Hochhaus, das im Wind leicht schwankt, übel werden.

Von einer Pseudo-Kinetose spricht man, wenn ein Flugsimulator, ein Computerspiel oder ein 3-D-Kino die Reisekrankheit verursacht. In dem Fall liegt gar keine "echte" massgebliche Bewegung vor, sondern nur der Eindruck durch die Augen.

Seekrankheit

Wie sich eine Seekrankheit äussert und was man dagegen tun kann, erfahren Sie im Beitrag Seekrankheit.

Warum betrifft die Reisekrankheit manche Menschen mehr als andere?

Wie stark der Reiz sein muss, um eine Reisekrankheit auszulösen, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Unter Erwachsenen sind Frauen häufiger von der Reisekrankheit betroffen als Männer. Mediziner gehen davon aus, dass hier der Hormonhaushalt eine Rolle spielt, denn während ihrer Regelblutung und in der Schwangerschaft zeigen Frauen oft schneller als sonst Symptome einer Reisekrankheit.

Im Übrigen können auch Tiere reisekrank werden: Nicht nur so manchem Hund wird im Auto übel, sondern sogar Fische können seekrank werden, wenn sie in einem schwankenden Aquarium transportiert werden.

Reisekrankheit: Symptome

Die Reisekrankheit kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Im Anfangsstadium machen sich meist nur milde Symptome der Kinetose bemerkbar: Betroffene fühlen sich oft müde und müssen häufig gähnen, produzieren mehr Speichel und bekommen eventuell leichte Kopfschmerzen.

Als klassische Reisekrankheit bezeichnet man meist die folgenden Symptome:

In diesem Zustand fällt der Blutdruck ab, und der Herzschlag beschleunigt sich (Tachykardie). Meist erholen sich die Betroffenen aber relativ schnell wieder von der Reisekrankheit, sobald das Gehirn die verschiedenen Sinneseindrücke wieder in Einklang bringen kann.

In seltenen Fällen kann eine Reisekrankheit bedrohliche Ausmasse annehmen, etwa wenn über Tage hinweg schwere Übelkeit mit Erbrechen besteht und der Betroffene dadurch grosse Mengen an Wasser und Salzen (Elektrolyten) verliert. Manche fühlen sich zudem sehr schlapp und sind regelrecht apathisch. Selten führt die Reisekrankheit bis zum Kreislaufkollaps.

Reisekrankheit: Ursachen und Risikofaktoren

Die Reisekrankheit kann durch verschiedenste Ursachen ausgelöst werden, vom schwankenden Schiff bis zur Fahrt ins Weltall. Mediziner nehmen an, dass der Grund dafür ein Konflikt zwischen verschiedenen Sinneseindrücken ist:

Der Körper muss permanent bewusste wie unbewusste Bewegungen koordinieren, um sein Gleichgewicht zu halten. Um seine genaue Lage im Raum einzuschätzen, greift er auf Informationen von den verschiedenen Sinnesorganen zurück:

  • Das Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat) im Innenohr erfasst einerseits über die Bogengänge alle Drehbewegungen des Kopfes. Andererseits nehmen die sogenannten Otolithenorgane (Sacculus und Utriculus) die horizontalen und vertikalen Bewegungen im Raum wahr. Kleine Rezeptorzellen (Haarzellen) registrieren in den verschiedenen Abschnitten des Gleichgewichtsorgans jede Veränderung und senden diese Informationen als elektrische Signale über die zuständigen Nerven ans Gehirn.
  • Auch die sogenannten Propriorezeptoren senden Signale an das Gehirn. Sie sitzen vor allem in den Muskeln und Sehnen und "messen" deren jeweiligen Dehnungszustand. Die Nerven arbeiten dabei so gut zusammen, dass ein Mensch beispielsweise mit geschlossenen Augen seine Arme genau parallel koordinieren kann.
  • Die Augen stellen die dritte wichtige Infoquelle für das Gehirn dar, wenn es um die Verortung des Körpers im Raum geht. Das Gehirn ist etwa daran gewöhnt, dass der Horizont, der Fussboden und Tischplatten eine waagerechte Orientierungsachse sind; Wände, Masten und Laternenpfähle dagegen verlaufen normalerweise senkrecht. Bei der Reisekrankheit spielt gerade dieser visuelle Eindruck eine entscheidende Rolle.

All diese Informationen, die das Gehirn von den Sinneszellen erhält, setzt es normalerweise zu einem sinnvollen dreidimensionalen Bild zusammen. In bestimmten Situationen allerdings sind die Informationen widersprüchlich - etwa wenn die Augen wahrnehmen, dass man still sitzt und einen Stadtplan ansieht (z.B. als Beifahrer im Auto), während das Gleichgewichtsorgan Schwankungen und Erschütterungen meldet. So entsteht das Gefühl der Reisekrankheit.

Risikofaktoren für Reisekrankheit

Verschiedene Faktoren machen anfälliger für die Reisekrankheit:

  • Krankheiten wie Migräne
  • Alkoholkonsum
  • Angst (z.B. Flugangst oder Angst vor der Reisekrankheit selbst)
  • Schwangerschaft
  • Menstruation

Reisekrankheit: Untersuchungen und Diagnose

Bei der Reisekrankheit ist die Diagnose meist eindeutig, zumal die Symptome in charakteristischen Situationen auftreten - etwa während einer Seereise oder Autofahrt - und meist auch wiederholt. Bei leichten und mittleren Beschwerden suchen die Betroffenen oft keinen Arzt auf, da sie oder ihre Mitreisenden sie selbst einordnen können.

Bei schweren Symptomen ist es für die Behandlung jedoch wichtig, dass ein Arzt die genauen Hintergründe abklärt und sicherstellt, dass es sich tatsächlich um die Folgen der Reisekrankheit handelt und nicht etwa um eine Infektion oder eine Vergiftung (Differenzialdiagnose). Bei Fernreisen ist es auch immer ratsam, an Reisekrankheiten im Sinne von beispielsweise Tropenkrankheiten zu denken, wenn Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Schweissausbrüche auftreten.

Um andere Erkrankungen auszuschliessen, fragt der Arzt den Betroffenen oder Begleitpersonen nach den genauen Umständen. Er erkundigt sich auch, ob irgendwelche Medikamente eingenommen wurden und ob das Problem der Reisekrankheit schon länger bekannt ist. In manchen Fällen sind zudem eine körperliche Untersuchung und Blutuntersuchungen nötig, um andere Erkrankungen auszuschliessen.

Reisekrankheit: Behandlung

Die Behandlung der Reisekrankheit ist meist umso einfacher, je frühzeitiger man etwas gegen die unangenehmen Beschwerden unternimmt.

Allgemeine Tipps

Schon bei ersten Anzeichen wie leichten Kopfschmerzen und verstärktem Speichelfluss sollten Sie also gegensteuern: Richten Sie Ihren Blick aus dem Fahrzeug hinaus in die Ferne - beispielsweise auf einer Autofahrt am besten auf die vor Ihnen liegende Strasse oder auf den Horizont. Dies bietet Ihren Augen eine feste Orientierung. Es sind inzwischen sogar Brillen mit einem beweglichen Balken erhältlich, der für die Augen als künstlicher Horizont funktioniert.

Während der Fahrt zu lesen oder sich zum Beispiel mit dem Handy zu beschäftigen, kann die Symptome der Reisekrankheit verstärken. Versuchen Sie daher, auf solche Aktivitäten zu verzichten.

Wenn Ihnen bereits schlecht ist, sollten Sie sich, wenn möglich, flach auf den Rücken legen und die Augen schliessen. Allgemein ist es bei Reisekrankheit oft hilfreich, möglichst viel von der Reisezeit schlafend zu verbringen. Im Schlaf ist der Gleichgewichtssinn nämlich weitgehend ausgeschaltet, und die visuellen Eindrücke fallen weg.

Gegen die Übelkeit kann Ingwer helfen, beispielsweise in Form von frisch aufgebrühtem Ingwertee. Sie können aber auch ein Stück frischer Ingwerwurzel kauen.

Medikamente gegen Reisekrankheit

Bei Bedarf können auch Medikamente gegen Reisekrankheit eingesetzt werden mit Wirkstoffen wie Scopolamin, Dimenhydrinat oder Cinnarizin (in Kombination mit Dimehydrinat). Die Präparate sind in Form von Pflastern, Tabletten oder Kaugummis erhältlich.

Viele Medikamente gegen Reisekrankheit machen sehr müde und verlangsamen die Reaktionen. Deshalb sollten Sie nach der Einnahme kein Fahrzeug führen. Auch sind nicht alle genannten Arzneimittel für Kinder geeignet. Lassen Sie sich am besten vor Reiseantritt von Ihrem Arzt oder Apotheker beraten.

Reisekrankheit: Krankheitsverlauf und Prognose

Eine Reisekrankheit kann jederzeit auftreten, selbst wenn ein Mensch zuvor noch nie davon betroffen war. Bei einigen machen sich die typischen Symptome auch nur phasenweise bemerkbar.

Am leichtesten reisekrank werden Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren. Bei Babys ist der Gleichgewichtssinn noch nicht so ausgeprägt, dass die Bewegungsreize sie stören könnten. Ab dem Jugendalter werden die meisten Menschen wieder unempfindlicher gegen das Ruckeln, Schaukeln oder Schwanken, und Menschen über 50 Jahren leiden nur noch selten unter Reisekrankheit.

Reisekrankheit: Vorbeugung

Wer zur Reisekrankheit neigt, beugt am besten schon vor Abfahrt bzw. Abflug der drohenden Übelkeit vor. Mit folgenden einfachen Massnahmen kann man die Reisekrankheit komplett vermeiden oder zumindest abschwächen:

  • Essen Sie vor Antritt der Reise eine leichte, nicht zu fetthaltige Mahlzeit. Gut geeignet ist zum Beispiel ein Obstsalat oder ein belegtes Brot.
  • Trinken Sie keinen Alkohol - auch am Tag vorher nicht. Verzichten Sie nach Möglichkeit auch auf Koffein oder beschränken Sie sich zumindest auf eine kleine Tasse Kaffee oder Schwarztee.
  • Setzen Sie sich bei Autoreisen nach Möglichkeit selbst hinter das Steuer. Einem Fahrer wird normalerweise nicht übel - vermutlich, weil er seinen Blick konstant auf der Strasse vor ihm hält.
  • Wählen Sie in Bus und Bahn nach Möglichkeit einen Platz in Fahrtrichtung, am besten einen Fensterplatz. Im Auto ist der Beifahrersitz ein guter Platz, im Reisebus die vordere Sitzreihe mit Blick auf die Strasse. Auch ein Sitzplatz in der Mitte eines Busses kann helfen - die Pendelbewegungen sind hier am geringsten.
  • Im Flugzeug kann es helfen, auf Höhe der Tragflächen zu sitzen. Hier ist ein Platz am Gang oft die bessere Wahl, da es vielen Menschen mit Reisekrankheit gut tut, zwischendurch einige Schritte im Gang auf und ab zu gehen.
  • Medikamente gegen Reisekrankheit sind normalerweise dann am wirkungsvollsten, wenn Sie mindestens 30 bis 60 Minuten vor Reiseantritt angewendet werden. Beachten Sie dazu am besten die Empfehlungen auf dem Beipackzettel oder fragen Sie den Apotheker.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
ICD-Codes:
T75
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Baenkler H.-W. et al.: Duale Reihe Innere Medizin, Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2018
  • Diesfeld H. et al.: Praktische Tropen- und Reisemedizin, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2003
  • Jelinek T.: Kursbuch Reisemedizin: Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen, Georg Thieme Verlag, 1. Auflage, 2012
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