Prader-Willi-Syndrom

Von , Arzt
Aktualisiert am
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Das Prader-Willi-Syndrom (PWS) ist die Folge eines angeborenen Defekts in der Erbsubstanz. Betroffene Säuglinge sind kleinwüchsig, geistig unterentwickelt und muskelschwach. Im Kleinkindalter entwickeln sie einen unstillbaren Hunger, der leicht zu einer ausgeprägten Fettleibigkeit führt. Dies wiederum ist mit zahlreichen Folgeerkrankungen verbunden. Lesen Sie hier mehr über Symptome, Diagnose und Therapie des Prader-Willi-Syndroms.

Darstellung eines Chromosoms

Kurzübersicht

  • Symptome: Ausgeprägte Muskelschwäche, fehlendes Sättigungsgefühl bei übermässiger Nahrungsaufnahme, veränderte Gesichtszüge, Kleinwuchs, Entwicklungsverzögerungen, gestörte Pubertätsentwicklung
  • Verlauf und Prognose: Das Prader-Willi-Syndrom erfordert eine umfassende medizinische Versorgung, um Komplikationen entgegenzuwirken. Die Lebenserwartung ist in der Regel normal, wenn es gelingt, das Körpergewicht zu kontrollieren.
  • Ursachen: Ursache des Prader-Willi-Syndroms ist eine genetische Veränderung im Chromosom 15.
  • Diagnose: Die Diagnose ist in der Regel anhand der typischen körperlichen Symptome möglich, die Bestätigung liefert eine genetische Analyse.
  • Behandlung: Die Behandlung erfolgt durch verschiedene Fachärzte, im Vordergrund stehen die Kontrolle der Nahrungsaufnahme, die Normalisierung des Wachstums und die psychosoziale Unterstützung.
  • Vorbeugen: Der genetisch bedingten Erkrankung lässt sich nicht vorbeugen, ihre Folgen lassen sich aber durch eine optimale Therapie eindämmen.

Was ist das Prader-Willi-Syndrom?

Das Prader-Willi-Syndrom (fälschlich auch Willi-Prader-Syndrom) wurde erstmals 1956 von den Kinderärzten Andrea Prader, Alexis Labhart und Heinrich Willi beschrieben. Es handelt sich um eine seltene Entwicklungsstörung des Nervensystems. Diese führt zu einer Funktionsstörung des Hypothalamus, einer wichtigen Schaltzentrale im Gehirn.

Der Hypothalamus steuert Vorgänge wie den Wasser- und Salzhaushalt, die Atmung, den Blutdruck, die Körpertemperatur und die Nahrungsaufnahme, aber auch das emotionale Verhalten. Zudem produziert der Hypothalamus verschiedene Hormone. Diese regulieren wiederum die Bildung weiterer Hormone oder wirken direkt auf ihre Zielorgane ein.

Zu diesen Zielorganen gehören unter anderem die Schilddrüse, die Geschlechtsorgane und die Nieren. Auch das Wachstum unterliegt der Kontrolle von Hormonen, die im Hypothalamus gebildet werden.

Etwa eins von 15.000 Neugeborenen kommt mit dem Prader-Willi-Syndrom zur Welt. Die individuelle Ausprägung des PWS ist sehr unterschiedlich und vielschichtig .

Was sind die Symptome beim Prader-Willi-Syndrom?

Bereits vor der Geburt sind betroffene Kinder auffällig, da sie sich im Mutterleib sehr wenig bewegen. Die Herzfrequenz ist niedriger als normal. Sowohl während als auch nach der Geburt benötigen die Babys viel Unterstützung.

Direkt nach der Geburt fallen betroffene Babys durch Bewegungsarmut, (Muskel-)Schwäche und ein niedriges Geburtsgewicht auf. Viele Neugeborene beginnen nicht zu schreien oder schreien nur sehr schwach. Wegen der ausgeprägten Muskelschwäche und der daraus resultierenden Saug- und Schluckstörung fällt den Säuglingen das Trinken schwer. Sie sind oft untergewichtig und nehmen nur langsam zu.

Insgesamt sind die Babys oft auffallend still und schlafen viel. Babys mit Prader-Willi-Syndrom sehen zudem anders aus. Zu den typischen äusseren Symptomen zählt zum Beispiel ein langes, schmales Gesicht mit mandelförmigen Augen, einer dünnen Oberlippe und einem nach unten gebogenen Mund.

Der Schädel ist oft lang (Dolidochozephalie), Hände und Füsse sind klein. Die Wirbelsäule ist bei einigen Kindern S-förmig verbogen (Skoliose). Die Knochensubstanz im ganzen Körper zeigt im Röntgenbild Schäden und Mängel (Osteoporose/Osteopenie). Die Pigmentierung von Haut, Haaren und Netzhaut ist zum Teil vermindert.

Auch Sehstörungen und Schielstellungen (Strabismus) der Augen sind möglich. Der Hodensack ist klein und häufig leer (Hodenhochstand). Insgesamt ist die Entwicklung der Kinder verzögert.

Zum Ende des ersten Lebensjahres bessert sich die Muskelschwäche etwas, und die Kinder werden oft lebhafter. Zumindest eine milde Schwäche besteht jedoch immer.

Normale Aktivitäten sind für Patienten mit Prader-Willi-Syndrom deshalb schnell ermüdend und anstrengend. Trotzdem haben Kinder genauso Freude an altersentsprechenden Aktivitäten wie gesunde Kinder. Im Kleinkindalter wachsen betroffene Kinder deutlich langsamer.

Ungehemmte Nahrungsaufnahme

Der Hypothalamus steuert unter anderem die Nahrungsaufnahme. Durch seine Fehlfunktion beginnen betroffene Kinder im Kleinkindalter, ungehemmt und exzessiv Nahrung zu sich zu nehmen (Hyperphagie). Der Grund hierfür ist, dass sich bei ihnen kein Sättigungsgefühl einstellt.

Da die Kinder hierdurch viel mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie benötigen, kommt es beim Prader-Willi-Syndrom meist schon im frühen Kindesalter zu einer schweren Fettleibigkeit (Adipositas). Es fällt den Betroffenen äusserst schwer, ihr Essverhalten zu kontrollieren. Die Kinder neigen dazu, Essen zu horten, und sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, an Nahrung zu kommen.

Das Übergewicht bringt typische und zum Teil schwerwiegende Folgeerkrankungen mit sich: Herz und Lunge leiden unter den Belastungen durch die Adipositas. Ein Viertel aller Betroffenen entwickelt bis zum 20. Lebensjahr einen Diabetes mellitus.

Weitere Symptome des Prader-Willi-Syndroms sind Schlafstörungen, Venenerkrankungen (Thrombophlebitis) und Wassereinlagerungen. Im Laufe der Erkrankung kommen mitunter Schlafstörungen hinzu. Neben wiederholten Atempausen sind Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus oder auch des Tiefschlafs möglich.

Die Pubertätsentwicklung ist gestört

Der für gesunde Jugendliche typische Wachstumsschub in der Pubertät ist bei Jugendlichen mit Prader-Willi-Syndrom gering. Betroffene Kinder werden meist nicht grösser als 140 bis 160 Zentimeter.

Obwohl die Pubertät zum Teil schon verfrüht beginnt, kommt die Pubertätsentwicklung in vielen Fällen nicht zum Abschluss. Betroffene bleiben deshalb meist unfruchtbar.

Bei Jungen bleiben der Penis und vor allem die Hoden klein. Pigmentierung und Falten fehlen am Hodensack. Auch der Stimmbruch bleibt unter Umständen aus.

Bei Mädchen bleiben Schamlippen und Klitoris unterentwickelt. Die erste Menstruationsblutung tritt gar nicht, verfrüht oder sehr verspätet, teils erst zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, auf.

Psychische und geistige Entwicklung

Sowohl die geistige als auch die psychomotorische Entwicklung sind beim Prader-Willi-Syndrom gestört. Betroffene Kinder erreichen die Meilensteine der kindlichen Entwicklung oft später als ihre gesunden Altersgenossen. Die sprachliche und motorische Entwicklung dauern zum Teil doppelt so lang.

Die Intelligenzminderung ist beim Prader-Willi-Syndrom meist mild bis moderat, der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) liegt zwischen 60 und 70. Rund 40 Prozent der Erkrankten liegen an der Grenze zur geistigen Behinderung. Unabhängig vom IQ zeigen sich Lernstörungen wie Rechenschwierigkeiten. Die Schulleistungen sind meist unterdurchschnittlich.

Betroffene Kinder zeigen auch Auffälligkeiten in der emotionalen Entwicklung und im Verhalten. Sie wirken manchmal eigensinnig und sind unter Umständen aufbrausend. Wutanfälle sind aufgrund mangelnder Impulskontrolle keine Seltenheit.

Manchmal treten bereits in der frühen Kindheit psychiatrische Auffälligkeiten auf: Einige Kinder sind sehr besitzergreifend und verhalten sich anderen gegenüber trotzig und feindselig (oppositionelle Verhaltensstörung). Manche Kinder mit PWS müssen bestimmte Abläufe zwanghaft wiederholen. Rund 25 Prozent der Betroffenen zeigen autistische Züge. Auch das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) tritt gehäuft auf.

Mit Alter und Übergewicht nehmen die Beschwerden meist zu. Bei älteren Erwachsenen bilden sich die Prader-Willi-Syndrom-Symptome aber oft wieder leicht zurück. Rund zehn Prozent leiden unter Psychosen. Zusätzlich kommen Epilepsien und Formen der „Schlafsucht“ (Narkolepsie) beim Prader-Willi-Syndrom vor.  

Wie verläuft das Prader-Willi-Syndrom?

Grundsätzlich ist für Menschen mit Prader-Willi-Syndrom ein erfülltes Leben möglich. Vor allem eine frühe Diagnose beeinflusst die Langzeitprognose von Menschen mit Prader-Willi-Syndrom positiv. Insbesondere lässt sich die Lebensqualität der Kinder verbessern, indem Eltern oder Pflegepersonen das Essverhalten von Beginn an so gut wie möglich kontrollieren und das Risiko einer Fettleibigkeit verringern.

Auch die Einnahme von Wachstumshormonen trägt oft zu einer höheren Lebensqualität bei, zumal sich durch das Wachstum unter Umständen der Body-Mass-Index stabilisiert.

Bei Kindern mit Prader-Willi-Syndrom ist es ratsam, die Entwicklung, das Verhalten, das Wachstum und das Körpergewicht sorgfältig zu überwachen und dabei auch auf psychiatrische Auffälligkeiten zu achten. So ist es bei auftretenden Problemen möglich, rasch zu reagieren und gegenzusteuern.

Das grösste Risiko für Menschen mit Prader-Willi-Syndrom ist die zunehmende Fettleibigkeit mit den daraus entstehenden Komplikationen. Auch die ansonsten weitgehend normale Lebenserwartung sinkt im Falle einer ausgeprägten Fettleibigkeit. Die erhöhte Sterblichkeit geht dabei vor allem auf Folgeerkrankungen des Herzens, der Gefässe und der Lunge zurück.

Menschen mit Prader-Willi-Syndrom erreichen oft einen gewissen Grad an Selbständigkeit, jedoch keine vollständige Autonomie.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursache des Prader-Willi-Syndroms ist eine Funktionsstörung des Hypothalamus, einem Teil des Mittelhirns. Dadurch entsteht unter anderem ein Mangel des wichtigen Wachstumshormons. Die Störung geht bei rund drei Viertel der Fälle auf einen fehlenden Genabschnitt im Chromosom 15 zurück (15q11-q13). Der entsprechende Genabschnitt ist bei den Betroffenen nur einmal vorhanden, statt wie normalerweise zweimal, nämlich jeweils auf dem väterlichen und dem mütterlichen Chromosom.

Beim Prader-Willi-Syndrom fehlt in der Regel die väterliche Genkopie (70 bis 75 Prozent der Betroffenen). Während bei vielen anderen Genen eine einzige intakte Kopie ausreichend ist, ist dies bei der entsprechenden Region auf Chromosom 15 nicht der Fall. Die noch vorhandene mütterliche Kopie ist nicht in der Lage, die fehlende väterliche Kopie zu ersetzen.

Grund dafür ist eine Besonderheit dieses Chromosomenabschnitts: Er ist auf dem mütterlichen Chromosom normalerweise stillgelegt, sodass immer – auch bei gesunden Menschen – nur die väterliche Kopie zur Geltung kommt. Mediziner bezeichnen diesen Mechanismus als "Imprinting". Bei Menschen, denen die aktive väterliche Kopie fehlt, ist also nur der stillgelegte und deshalb funktionslose mütterliche Genabschnitt vorhanden.

Eine andere Möglichkeit ist, dass bei Betroffenen mit Prader-Willi-Syndrom zwar zwei Kopien des Chromosomenabschnitts vorhanden sind, diese aber beide von der Mutter stammen (uniparentale Disomie, 25 bis 30 Prozent). Aufgrund des Imprintings des mütterlichen Chromosomenabschnitts sind in diesem Fall beide Genkopien stillgelegt.

Noch seltener liegt ein sogenannter „Imprinting-Defekt“ vor (ein Prozent). Bei diesen Betroffenen sind sowohl eine mütterliche als auch eine väterliche Genkopie vorhanden, allerdings sind fälschlicherweise beide Kopien stillgelegt, also auch die vom Vater.

In den meisten Fällen ist die Störung nicht vererbbar. Sie entwickelt sich meist erst im Rahmen der Keimzellentwicklung oder nach der Befruchtung. In seltenen Fällen ist es jedoch auch möglich, dass bereits bestehende Genmutationen ein Prader-Willi-Syndrom verursachen. In diesen Fällen ist das Vererbungsrisiko erhöht. Hat ein Kind das PWS, empfiehlt sich daher für Eltern mit weiterem Kinderwunsch die Beratung durch einen Humangenetiker.

Untersuchungen und Diagnose

Bei Neugeborenen mit einer andauernden und unerklärlichen Schwäche besteht die Möglichkeit eines Prader-Willi-Syndroms. Ein erster Verdacht ergibt sich in der Regel bereits, wenn der Neugeborenenarzt (Neonatologe) oder der Kinderarzt das Neugeborene erstmals untersuchen.

Körperliche Untersuchung

Hauptkennzeichen des Prader-Willi-Syndroms ist die ausgeprägte Schwäche, die sich vor allem beim Trinken zeigt. Auch das Aussehen gibt Hinweise. Verschiedene Reflexe sind bei Neugeborenen mit Prader-Willi-Syndrom nur schwach ausgeprägt.

Bei älteren Betroffenen ist ein im Blut messbarer Mangel des Wachstumshormons diagnostisch hilfreich. Auch die Konzentration der Geschlechtshormone (Östrogen, Testosteron, FSH, LH) ist meistens reduziert. Damit einher geht eine Unterentwicklung der Geschlechtsorgane. Die Funktion der Nebennierenrinde ist in vielen Fällen gestört. Dadurch beginnt die Bildung von Geschlechtshormonen unter Umständen verfrüht.

Auch die Untersuchung der Hirnströme (Elektroenzephalogramm, EEG) ist bei manchen Betroffenen auffällig.

Genetische Untersuchung

Zur Bestätigung des Verdachts auf ein Prader-Willi-Syndrom ist eine genetische Untersuchung erforderlich, da einige andere Erkrankungen ähnliche Symptome hervorrufen.

Zu diesen Erkrankungen zählen das Martin-Bell-Syndrom und das Angelmann-Syndrom. Die Störung beim Martin-Bell-Syndrom liegt jedoch auf dem X-Chromosom, einem der beiden Geschlechtschromosomen (fragiles-X-Syndrom). Beim Angelmann-Syndrom ist zwar in den meisten Fällen die gleiche Stelle auf dem Chromosom 15 gelöscht – im Gegensatz zum PWS aber nur jenes auf dem mütterlichen Chromosom.

Behandlung

Das Prader-Willi-Syndrom ist nicht heilbar. Mit Hilfe einer konsequenten unterstützenden Therapie lassen sich die Symptome jedoch lindern. Die wichtigsten Bestandteile der Behandlung sind Nahrungskontrolle, Hormonersatztherapie und die Behandlung der Verhaltensauffälligkeiten.

Für eine optimale Behandlung ist es sinnvoll, die Aktivität und motorische Entwicklung des erkrankten Kindes regelmässig durch den Arzt kontrollieren zu lassen. So ist es bei Bedarf möglich, die Entwicklung mit Physiotherapie oder ähnlichen Methoden zu unterstützen.

Aufgrund der Störungen im Knochenstoffwechsel sollte der Kinderarzt auch die Skelettentwicklung regelmässig überprüfen.

Ernährung

Besonders wenn die Muskelschwäche stark ausgeprägt ist, ist im Säuglingsalter eine ausreichende Ernährung wichtig. Um die Nahrungszufuhr zu erleichtern und sicherzustellen, dass das Kind genug wächst, besteht die Möglichkeit, Sonden oder spezielle künstliche Brustwarzen einzusetzen. Ergänzend ist ein Fütterungsplan ratsam, in dem Kalorienaufnahme und Gewichtskontrolle gut dokumentiert werden.

Mit zunehmendem Alter entwickeln die Kinder eine Essstörung mit übermässiger Nahrungszufuhr. Dann ist es wichtig, einen Essensplan mit einer genau festgelegten Kalorienzufuhr einzuhalten. Möglicherweise müssen die Eltern den Zugang zu Nahrungsmitteln strikt kontrollieren.

Die Essstörung beim PWS wirkt sich besonders gravierend auf den Krankheitsverlauf aus, da die Betroffenen sich zusätzlich zu der erhöhten Kalorienzufuhr wenig bewegen. So entwickelt sich leicht eine schwerwiegende Fettleibigkeit mit entsprechenden Folgeerkrankungen.

Diese schränken die Lebenserwartung von Menschen mit Prader-Willi-Syndrom mitunter ein. Es ist deshalb entscheidend, dass betroffene Kinder schon frühzeitig mit Hilfe ihrer Eltern oder Pflegepersonen lernen, mit Nahrungsmitteln richtig umzugehen.

Trotz strikter Kalorienbegrenzung ist es wichtig, dass Betroffene über die Nahrung ausreichend mit Vitaminen und Mineralien versorgt sind. Beim Prader-Willi-Syndrom treten häufig Störungen des Knochenstoffwechsels auf. Deshalb ist es unter Umständen sinnvoll, Vitamin D und Kalzium einzunehmen.

Wachstums- und Sexualhormone

Mittlerweile ist es üblich, beim Prader-Willi-Syndrom bereits im Säuglingsalter Wachstumshormone zu verabreichen. Diese Therapie wirkt sich massgeblich auf die körperliche Entwicklung der Kinder aus und ist solange sinnvoll, bis sich die Wachstumsfugen im Knochen verschlossen haben (Röntgenkontrolle).

Wie bei jeder Therapie sind auch unter der Einnahme von Wachstumshormonen Nebenwirkungen möglich. Dazu zählen Wassereinlagerungen an den Füssen (Fussödeme), eine Verschlechterung der Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) oder eine Druckerhöhung im Schädel. Zu Therapiebeginn treten manchmal Störungen der Atmung auf. In dieser Zeit ist es wichtig, den Schlaf zu überwachen.

Bei Pubertätsstörungen lassen sich die Beschwerden durch Sexualhormone lindern. Diese sind als Depot-Injektionen, Hormonpflaster oder Gel verfügbar. Unter Umständen bessern sich durch den Einsatz von Sexualhormonen auch die Verhaltensauffälligkeiten. Östrogene unterstützen zudem den Knochenaufbau, haben jedoch auch eine Vielzahl von Nebenwirkungen.

Grundsätzlich sind während einer Hormontherapie regelmässige Kontrolluntersuchungen beim Arzt sinnvoll, um den Behandlungserfolg zu überprüfen und Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.

Psychologische Förderung

Betroffene Kinder benötigen Hilfe bei der Verhaltensentwicklung. Besonders wichtig ist es beim Prader-Willi-Syndrom, die sozialen Fähigkeiten mit dem Kind zu trainieren und Interaktionen mit Gleichaltrigen und Bezugspersonen zu fördern. In der Schule ist für manche Kinder eine Eins-zu-Eins-Betreuung erforderlich.

Bei erwachsenen Betroffenen ist es unter Umständen notwendig, die Wohn- und Arbeitsumgebung anzupassen. Psychiatrische Auffälligkeiten erfordern in einigen Fällen eine medikamentöse Therapie. Ziel der intensiven Begleitung ist eine bestmögliche Selbstständigkeit der Betroffenen.

Chirurgische Versorgung

Manchmal sind beim Prader-Willi-Syndrom operative Eingriffe sinnvoll, um bestimmte Beschwerden zu lindern. Kinder mit Prader-Willi-Syndrom leiden beispielsweise häufiger an einer Fehlstellung der Augen. Insbesondere eine Schielstellung lässt sich gut operativ behandeln, um Sehsstörungen zu verhindern. Manchmal ist es schon ausreichend, das gesunde Auge zeitweise abzudecken.

Auch die Unterentwicklung der Geschlechtsorgane erfordert unter Umständen einen chirurgischen Eingriff, um den Hoden aus dem Unterbauch in den Hodensack zu verlagern. Manchmal hilft eine Hormonbehandlung dabei, den Hodensack zu vergrössern und so dem Hoden das Absinken ermöglichen.

In schweren Fällen erfordert eine S-Stellung der Wirbelsäule (Skoliose) eine operative Korrektur.

Vorbeugen

Da das Prader-Willi-Syndrom auf einem Gendefekt beruht, lässt sich der Erkrankung nicht vorbeugen. Allerdings lassen sich schwerwiegende Folgeerkrankungen und Komplikationen verhindern. Vor allem sollten Eltern und Pflegepersonen mit den Kindern frühzeitig den Umgang mit Nahrungsmitteln trainieren und die Kalorienaufnahme strikt kontrollieren.

Ausserdem lässt sich der Krankheitsverlauf durch die Einnahme von Wachstums- und Sexualhormonen und regelmässige Kontrolluntersuchungen bei den entsprechenden Fachärzten positiv beeinflussen.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Aktualisiert am :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

ICD-Codes:
Q87
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich