Postnukleotomiesyndrom

Von , Medizinredakteurin und Biologin
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Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Als Postnukleotomiesyndrom (Postdiskektomie-Syndrom) bezeichnen Mediziner anhaltende Schmerzen nach einer Operation am Rücken. Sie treten besonders häufig nach einer Bandscheibenoperation auf. Im englischsprachigen Raum sprechen Mediziner vom "failed back surgery syndrome". Lesen Sie hier mehr über das Postnukleotomiesyndrom.

Postnukleotomiesyndrom Rückenschmerzen nach OP

Kurzübersicht

  • Symptome: Anhaltende Schmerzen im Rücken nach Rückenoperation, die eventuell ins Bein ausstrahlen; Missempfindungen
  • Ursachen und Risikofaktoren: Nicht gänzlich behobene Ursache der ursprünglichen Schmerzen oder neu entstandene wie Narbenbildung oder Verletzung einer Nervenwurzel; "Schmerzgedächtnis"; psychischer Stress als Risikofaktor
  • Diagnose: Krankenvorgeschichte, körperliche Untersuchung, Röntgen der Wirbelsäule, eventuell Magnetresonanztomografie, Messung der Nervenleitgeschwindigkeit oder Muskelaktivität
  • Behandlung: Schmerztherapie, schmerzstillende Medikamente, Verhaltenstherapie, Physiotherapie, Rückenschule, unter Umständen Psychotherapie, eventuell epidurale Rückenmarkstimulation SCS
  • Prognose: Unbehandelt Übergang zum chronischen Schmerzsyndrom möglich, angepasste Therapie zeigt in der Regel Wirkung

Was ist ein Postnukleotomiesyndrom?

Von einem Postnukleotomiesyndrom sprechen Mediziner, wenn Patienten etwa nach einer Bandscheibenoperation (einer "Nukleotomie") über anhaltende Schmerzen im Rücken klagen, die eventuell bis ins Bein ausstrahlen. Etwa 30 Prozent aller Patienten, die sich einer Bandscheibenoperation unterziehen, entwickeln im Anschluss ein Postnukleotomiesyndrom.

Doch auch andere Rückenoperationen ziehen eventuell ein Postnukleotomiesyndrom nach sich. Dazu gehören beispielsweise Eingriffe, wie Ärzte sie bei einer Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) oder einem Tumor im Wirbelsäulenbereich durchführen.

Andere Bezeichnungen

Das Postnukleotomiesyndrom wird manchmal auch als Postdiskektomiesyndrom oder Postdiskotomiesyndrom bezeichnet. Diskektomie und Diskotomie sind Bezeichnungen für weitere spezifische Bandscheibenoperationen, bei denen die Mediziner Bandscheibenmaterial entfernen. Im englischen Sprachraum verwendet man für dieses Krankheitsbild den Begriff "failed back surgery syndrome" (FBSS).

Symptome

Das Postnukleotomiesyndrom ist durch anhaltende Schmerzen im Rücken und im Beinbereich gekennzeichnet. Auch Missempfindungen (Parästhesien) treten oft auf. Die Beschwerden sind dabei in manchen Fällen die gleichen wie vor der Operation, in anderen Fällen aber verändert – und möglicherweise sogar stärker als vorher. Gegebenenfalls treten auch neurologische Ausfälle auf.

Im Zusammenhang mit den körperlichen Beschwerden entwickeln manche Patienten begleitende Probleme wie Schlafstörungen, Depression, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch sowie – bedingt durch starke körperliche Einschränkungen – soziale oder sogar finanzielle Probleme.

Ursachen und Risikofaktoren

In manchen Fällen entsteht ein Postnukleotomiesyndrom dadurch, dass die Operation nicht die eigentliche Schmerzursache beseitigt hat. Das ist etwa der Fall, wenn sich die betroffene Bandscheibe nicht ausreichend entlasten (dekomprimieren) liess oder die Ärzte in der falschen Wirbelsäulenhöhe operierten.

In anderen Fällen entsteht das Postnukleotomiesyndrom dadurch, dass der Eingriff eine neue Schmerzursache geschaffen hat. Beispiele dafür sind Narbenbildungen, postoperative Instabilität mit Verletzung einer Nervenwurzel oder eine Entzündung der Arachnoidea (Arachnoiditis). Dabei handelt es sich um die mittlere Hirnhaut, die nicht nur das Gehirn, sondern auch das Rückenmark umgibt.

Ausserdem ist es möglich, dass sich die Wirbelgelenke nach operativer Entfernung geschädigter Bandscheiben schmerzhaft verkeilen und dadurch ein Postnukleotomiesyndrom auslösen.

Psychosoziale Faktoren wie Belastungen und Stress im Privatleben oder Job begünstigen eventuell die Entstehung eines Postnukleotomiesyndroms.

Schmerzgedächtnis

Bei anhaltenden Schmerzen nach einer Rückenoperation spielen auch psychische Faktoren eine wichtige Rolle, genauer gesagt das sogenannte Schmerzgedächtnis: Unzureichend behandelte starke Schmerzen hinterlassen mit der Zeit Spuren im Rückenmark und sehr wahrscheinlich auch im Gehirn.

Diese Schmerzspuren bezeichnet man als "Schmerzgedächtnis". Sie senken die Schmerzschwelle ab, das heisst: Die Nervenzellen im Rückenmark, die für die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn zuständig sind, reagieren übermässig empfindlich und interpretieren selbst harmlose, nicht schmerzhafte Reize als Schmerzsignale, die es weiterzuleiten gilt.

Manchmal übermitteln die Nervenzellen sogar ohne jegliche Reizeinwirkung Schmerzsignale ans Gehirn. Dann treten spontane Schmerzen auf, die keine organische Ursache haben.  

Selbst wenn also eine Operation die eigentliche Ursache von Rückenschmerzen beseitigt hat (etwa einen Bandscheibenvorfall), ist es möglich, dass Patienten aufgrund des Schmerzgedächtnisses weiterhin über Schmerzen im Rücken klagen.

Diagnose und Untersuchung

Zur Abklärung eines Postnukleotomiesyndroms befragt der Arzt zunächst ausführlich den Patienten nach dessen Krankengeschichte (Anamnese). Er stellt zum Beispiel folgende Fragen:

  • Welche Beschwerden haben Sie? Wo genau treten diese auf?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden?
  • Sind die Beschwerden die gleichen (in Art und Stärke) wie vor der Rückenoperation?
  • Haben Sie schon irgendwelche Therapiemassnahmen ausprobiert, um die Beschwerden zu lindern?

Der Arzt wird sich auch die bereits vorhandenen medizinischen Unterlagen des Patienten wie die Untersuchungsergebnisse vor der Operation ansehen. Daher sollten Sie zum Arztbesuch möglichst umfangreiche Informationen mitbringen.

Danach folgt eine körperliche (orthopädische) Untersuchung. Dazu gehören auch bildgebende Verfahren: Der Arzt röntgt die Wirbelsäule, wobei oft auch sogenannte Funktionsaufnahmen gemacht werden – also Röntgenbilder der Wirbelsäule in bestimmten Funktionshaltungen wie Beugung oder Seitneigung. Manchmal ist eine spezielle Röntgenaufnahme des Rückenmarkkanals (Myelogramm) angezeigt.

Als weitere bildgebende Verfahren sind Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) möglich. Vor allem bei Verdacht auf eine entzündliche Ursache der Schmerzen ist eine Szintigrafie hilfreich: eine nuklearmedizinische Untersuchung, mit der sich der Stoffwechsel eines Gewebes beurteilen lässt.

Bei neurologischen Ausfällen misst der Arzt zur Abklärung eventuell die Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), beziehungsweise führt eine Elektromyografie (EMG) durch. Bei der EMG misst der Mediziner die elektrische Muskelaktivität.

Im Rahmen der Diagnostik versucht der Arzt in der Regel, alle anderen möglichen Ursachen für die Beschwerden auszuschliessen. Dazu zählen etwa andere Erkrankungen wie eine Entzündung der Bandscheibe und angrenzender Wirbelkörper durch Krankheitserreger (infektiöse Spondylodiszitis) oder psychische Belastungssituationen.

Behandlung

Die Ausprägungen und Ursachen eines Postnukleotomiesyndroms sind sehr vielfältig. Daher passen die Mediziner die Behandlung individuell an den Patienten an.

Meist versuchen sie, die anhaltenden Beschwerden mit konservativen Massnahmen zu lindern. Wichtig ist eine angepasste, wirkungsvolle Schmerztherapie. Dafür kommen vor allem schmerzstillende Medikamente (Analgetika) zum Einsatz, die eventuell aus der Gruppe der synthetischen Opioide stammen.

Oft bewähren sich Kombinationen von Medikamenten mit verschiedenen Ansatzpunkten, also etwa Schmerzmittel plus Wirkstoffe, wie man sie auch bei psychischen Erkrankungen einsetzt (beispielsweise Antidepressiva). Der behandelnde Arzt legt Art, Einnahmezeitpunkt und Dosis der Wirkstoffe in einem individuell abgestimmten Behandlungsschema ("Schmerzschema") fest.

Verhaltenstherapeutische Massnahmen (wie etwa ein Schmerzbewältigungstraining) helfen oft ebenfalls, die Beschwerden bei einem Postnukleotomiesyndrom zu verringern. Das Gleiche gilt für Physiotherapie-Massnahmen und Rückenschule (mit gezieltem Aufbau der Rücken- und Bauchmuskulatur). Ausserdem sollte bestehendes Übergewicht abgebaut werden, um die Wirbelsäule zu entlasten.

Das Erlernen von Entspannungsübungen ist vor allem dann hilfreich, wenn die Entstehung des Postnukleotomiesyndroms auch eine psychische Komponente hat (wie beruflicher oder familiärer Stress). Gegebenenfalls ist dann eine psychosomatische oder psychotherapeutische Betreuung sinnvoll.

Eine erneute Operation ist bei einem Postnukleotomiesyndrom nur selten notwendig und zielführend, etwa bei einer Instabilität im betroffenen Wirbelsäulensegment.

Epidurale Rückenmarkstimulation (SCS)

Studien zufolge ist die epidurale Rückenmarkstimulation (spinal cord stimulation, SCS) bei Postnukleotomiesyndrom eine mögliche Behandlungsmethode, vor allem, wenn andere Therapiemassnahmen (wie Medikamente) keinen Erfolg gebracht haben.

Dabei bringt der Arzt mit einem kleinen Eingriff Elektroden auf der Rückenmarkhaut an, im sogenannten Epiduralraum. Durch diese leitet man dann elektrische Impulse geringer Intensität, um die Nerven im Rückenmark zu stimulieren. Diese Stimulation überlagert die Übertragung der Schmerzsignale an das Gehirn.

Die SCS führt man nur nach Ausschluss bestimmter Faktoren durch, die gegen eine Anwendung sprechen (Kontraindikationen). Dazu gehören beispielsweise eine nicht ausreichend behandelte, aktuelle seelische Störung (wie Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit), schwere Gerinnungsstörungen und bestimmte Formen von Herzschrittmachern. Vor der Anwendung der SCS wägt der Arzt sorgfältig Nutzen und Risiken der Behandlung gegeneinander ab.

Krankheitsverlauf und Prognose

Das Postnukleotomiesyndrom geht in manchen Fällen schleichend in ein chronisches Schmerzsyndrom über. Um dies zu verhindern, ist es wichtig, die Betroffenen sorgfältig zu betreuen und zu behandeln. Das gilt besonders, wenn psychiatrische Begleiterkrankungen wie Alkohol- oder Medikamentensucht, Depressionen oder Angststörungen vorliegen.

Mit einer weiteren Operation lassen sich die Schmerzen bei einem Postnukleotomiesyndrom meist nicht lindern.

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

ICD-Codes:
M96
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Imhoff, A. B. et al.: Checkliste Orthopädie. Georg Thieme Verlag, 3. Auflage, 2014
  • Moskopp, D. & Wassmann, H.: Neurochirurgie. Schattauer Verlag, 4. Auflage, 2015
  • Roth, A.: Orthopädische Befunde. Springer-Verlag, 2013
  • S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurchirurgie: Epidurale Rückenmarkstimulation zur Therapie chronischer Schmerzen, (Stand: 2013, wird aktuell überarbeitet) unter: www.awmf.org
  • Sandkühler, J.: Schmerzgedächtnis: Entstehung, Vermeidung und Löschung, in: Dtsch Ärztebl 2001; 98(42)
  • Thomm, M.: Schmerzmanagement in der Pflege. Springer-Verlag, 2. Auflage, 2016
  • Zalpour, C.: Springer Lexikon Physiotherapie. Springer-Verlag, 2. Auflage, 2014
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