Morbus Cushing

Von , Ärztin
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Mareike Müller

Mareike Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und Assistenzärztin für Neurochirurgie in Düsseldorf. Sie studierte Humanmedizin in Magdeburg und sammelte viel praktische medizinische Erfahrung während ihrer Auslandsaufenthalte auf vier verschiedenen Kontinenten.

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Bei Morbus Cushing wird im Körper zu viel Kortisol produziert. Eine der häufigeren Ursache ist ein Tumor in der Hirnanhangdrüse. Frauen sind häufiger als Männer betroffen. Beschwerden sind unter anderem Übergewicht, Kräfteverlust und erhöhte Infektanfälligkeit. Lässt sich die Ursache, etwa ein Tumor, beseitigen, sind die Heilungschancen gut. Lesen Sie hier alles über Ursachen, Symptome und Behandlung bei Morbus Cushing.

Morbus Cushing, Nebennieren produzieren zu viel Kortisol

Kurzübersicht

  • Symptome: Veränderte Fettverteilung, Stammfettsucht, "Mondgesicht", hingegen relativ dünne Gliedmassen, Muskelschwäche, Knochenschwund, erhöhte Infektanfälligkeit, bei Frauen: unreine Haut, Anzeichen von Vermännlichung (z.B. starke Gesichtsbehaarung)
  • Krankheitsverlauf und Prognose: Abhängig von Ursache, Behandelbarkeit und Dauer der Erkrankung; oft erfolgreiche Behandlung möglich, Risiko für Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen
  • Ursachen und Risikofaktoren: Überproduktion des Hormons Kortisol, z.B. durch Tumore der Hypophyse, Nebennierenrindentumore, Medikamenteneinnahme
  • Untersuchungen und Diagnose: Verschiedene Laboruntersuchungen, ggf. bildgebende Verfahren (MRT), Ultraschalluntersuchung
  • Behandlung: Abhängig von der Ursache, Entfernung des auslösenden Tumors durch Operation, Bestrahlung, Medikamente, selten Entfernung der Nebennieren
  • Vorbeugen:Keine gezielte Vorbeugung, regelmässige Kontrolluntersuchung bei Einnahme von Glukokortikoiden, keine missbräuchliche Einnahme von Steroiden

Was ist Morbus Cushing?

Morbus Cushing wurde nach seinem Beschreiber, dem Neurochirurgen Harvey Cushing, benannt. Patienten, die an Morbus Cushing leiden, haben zu grosse Mengen Kortisol in ihrem Körper (Hyperkortisolismus). Kortisol ist ein Hormon, das in den Nebennierenrinden produziert wird. Es gilt als Stresshormon und mobilisiert Energiereserven in Belastungssituationen.

Damit Kortisol in der Nebennierenrinde gebildet wird, muss diese durch ein anderes Hormon dazu angeregt werden: das Adrenocorticotrope Hormon (ACTH oder Kortikotropin). ACTH wird in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) gebildet. Bei einem Morbus Cushing zirkuliert oft zu viel ACTH in der Blutbahn, wodurch ein sogenannter ACTH-abhängiger Hyperkortisolismus entsteht.

Neben Morbus Cushing gibt es noch andere Formen des Hyperkortisolismus wie zum Beispiel das Cushing-Syndrom, das nicht vom ACTH aus der Hirnanhangdrüse ausgelöst wird.

Entsteht Morbus Cushing im Körper von sich aus, zählt man ihn zu den sogenannten endogenen Hyperkortisolismus-Formen (endogen = von innen heraus). Das bedeutet, dass der Körper selbst zu viel ACTH und damit Kortisol produziert. Im Gegensatz dazu entsteht ein exogenes Cushing-Syndrom (von aussen verursacht), wenn Menschen über längere Zeit Glukokortikoide oder ACTH einnehmen.

Der endogene Hyperkortisolismus ist im Gegensatz zum exogenen sehr selten. Experten schätzen, dass pro Jahr etwa zwei bis drei von einer Million Menschen daran erkranken. Vor allem Frauen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr sind betroffen. Man geht davon aus, dass etwa drei Viertel von ihnen einen Tumor in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) haben, der ACTH produziert.

Welche Symptome treten bei Morbus Cushing auf?

Die folgenden Symptome sind typisch bei Morbus Cushing:

  • Umverteilung der Fettdepots: Vor allem am Rumpf ("Stammfettsucht") und im Gesicht wird Fett gespeichert. Deshalb haben Patienten ein sogenanntes "Vollmondgesicht" und einen "Stiernacken", aber vergleichsweise dünne Arme und Beine.
  • Kräfteverlust: Die Muskelmasse nimmt ab (Myopathie) und die Knochen werden brüchig (Osteoporose).
  • Infektanfälligkeit: Weil das Abwehrsystem des Körpers durch Kortisol teilweise unterdrückt wird, vermehren sich Krankheitserreger leichter. Die Wundheilung ist gestört.
  • Bluthochdruck
  • Erhöhte Blutzuckerwerte
  • Streifige, rötliche Verfärbungen der Haut (Dehnungsstreifen, Striae rubrae) vor allem an den Oberarmen und -schenkeln sowie an den Flanken
  • Dünne, pergamentpapierartige Haut, an der manchmal offene Stellen (Ulzera) auftreten

Zusätzlich treten bei Frauen mit Morbus Cushing Symptome wie die folgenden auf, die auf einen Überschuss männlicher Hormone zurückzuführen sind:

  • Zyklusstörungen
  • Veränderung des Behaarungstyps: Frauen wachsen verstärkt Haare im Gesicht, auf der Brust und am Bauch (Hirsutismus)
  • Vermännlichung (Virilisierung): Frauen bekommen eine tiefere Stimme, männliche Körperproportionen oder ihre Klitoris wächst.

Ausserdem entwickeln manche Patienten mit Morbus Cushing psychische Symptome, zum Beispiel Depressionen. Bei Kindern mit Morbus Cushing kommt es häufiger zu einem Wachstumsstillstand.

Wie hoch ist die Lebenserwartung bei Morbus Cushing?

Morbus Cushing muss die Lebenserwartung nicht einschränken. Die Prognose hängt unter anderem von der Ursache ab und davon, wie gut sich diese behandeln lässt. Auch spielt es eine Rolle, wie lange die Erkrankung schon besteht.

Aufgrund der vielen verschiedenen Wirkungen von Kortisol auf den Körper treten in manchen Fällen verschiedene Komplikationen im Verlauf eines Morbus Cushing auf. Dazu zählen unter anderem Knochenbrüche, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Ist ein Tumor der Hirnanhangdrüse der Grund, gelingt mit einer Operation in etwa 80 Prozent der Fälle eine Heilung des Morbus Cushing. Bereits kurz nach der Operation ist der ACTH-Spiegel im Blut wieder normalisiert. Sollten alle anderen Therapieoptionen nicht helfen und beide Nebennieren entfernt werden, müssen die Patienten lebenslang Kortisol und Mineralkortikoide durch Medikamente ersetzen.

Welche Ursachen hat Morbus Cushing?

Die Hauptursache für Morbus Cushing ist in 80 Prozent der Fälle ein Mikroadenom der Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Ein Mikroadenom ist ein kleiner, in den meisten Fällen gutartiger Tumor. Im gesunden Körper gibt es Regelkreise, die die Mengen an gebildeten Hormonen steuern. Ein Mikroadenom unterliegt nicht diesem Regelkreis. Deshalb übersteigt die Menge an Hormonen im Körper die erforderlichen Mengen.

Liegt ein Morbus Cushing vor, wird vermehrt Kortikotropin (ACTH) produziert. ACTH stimuliert die Nebennierenrinde dazu, Kortisol zu bilden. Deshalb spricht man auch von einem ACTH-abhängigen Hyperkortisolismus. ACTH führt zusätzlich zu einer Produktion von männlichen Hormonen (Androgenen) in der Nebennierenrinde. Deshalb haben Frauen mit Morbus Cushing Symptome einer "Vermännlichung".

Neben einem Mikroadenom gibt es weitere Ursachen für Morbus Cushing.

In einigen Fällen liegt eine Funktionsstörung des Hypothalamus vor. In diesem Gehirngebiet wird Kortikoliberin (CRH) produziert. Dieses Hormon stimuliert die Produktion von ACTH in der Hypophyse. Zu grosse Mengen Kortikoliberin aus dem Hypothalamus veranlassen eine gesteigerte Bildung von ACTH in der Hypophyse, die schliesslich zu einer Überproduktion von Kortisol in der Nebennierenrinde führt.

Wie lässt sich Morbus Cushing feststellen?

Bei Verdacht auf Morbus Cushing werden Sie von Ihrem Hausarzt zu einem Facharzt für Endokrinologie überwiesen. Dabei handelt es sich um einen Spezialisten für Störungen des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts. Zunächst befragt er Sie ausführlich zu Ihrer Krankheitsgeschichte (Anamnese). Dabei stellt er unter anderem folgende Fragen:

  • Haben Sie an Gewicht zugenommen?
  • Haben sich Ihre Körperproportionen verändert?
  • Haben Sie Muskel- oder Knochenschmerzen?
  • Sind Sie häufiger erkältet?

Anschliessend untersucht Ihr Arzt Sie körperlich. Dabei achtet er auch auf Ihre Hautfarbe und mögliche Hautveränderungen. Er klopft Ihre Wirbelsäule ab und fragt, ob Sie dabei Schmerzen haben. Ihr Arzt bittet Sie, ohne Unterstützung der Arme aus der Hocke aufzustehen, um Ihre Muskelkraft zu testen. Ausserdem nimmt er Ihnen Blut ab.

Morbus Cushing: Laboruntersuchungen

Ihr Blut wird im Labor auf verschiedene Werte hin untersucht, die für Morbus Cushing sprechen. Dazu zählen die Menge an Kortisol in Ihrem Blut, der Blutzuckerspiegel, die Konzentration von Cholesterin, die Zahl von Abwehrzellen und die Konzentration der Elektrolyte (insbesondere der Blutsalze Natrium und Kalium).

Bei Morbus Cushing ist die Menge an Kortisol im Blut erhöht und zeigt keine unterschiedlichen Werte im Tagesverlauf wie es normalerweise wäre. Der Blutzuckerspiegel ist erhöht, da die Leber vermehrt Zucker (Glukose) bildet. Der Cholesterinwert ist erhöht. Verschiedene Blutzellen sind vermehrt (Leukozyten, Thrombozyten und Erythrozyten), während andere vermindert sind (eosinophile Granulozyten und Lymphozyten).

Morbus Cushing: Spezifische Tests

Des Weiteren wird ein sogenannter Dexamethason-Hemmtest durchgeführt. Dem Patienten wird abends vor dem Schlafengehen Dexamethason (ein Glukokortikoid wie Kortisol) verabreicht. Am nächsten Morgen sollte der körpereigene Kortisolspiegel im Blut gefallen sein. So weist der Arzt nach, dass kein Hyperkortisolismus vorliegt.

Sollte der Wert des Kortisols am nächsten Morgen erhöht sein, werden Tests durchgeführt, um den Hyperkortisolismus zu bestätigen. Dazu zählt unter anderem die Bestimmung von Kortisol im Urin über einen Zeitraum von 24 Stunden. Bei Morbus Cushing ist der Wert erhöht.

Um zwischen den unterschiedlichen Formen des Hyperkortisolismus zu unterscheiden, wird nun die Menge an ACTH im Blut bestimmt. Ist sie hoch, liegt ein ACTH-abhängiger Hyperkortisolismus vor, wie es bei Morbus Cushing der Fall ist.

Morbus Cushing: Bildgebende Diagnostik

Durch den Radiologen wird eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes durchgeführt. Auf dem MRT-Bild lassen sich Tumore des Hypophysenvorderlappens erkennen. Nicht immer gelingt dies, da die Tumore manchmal sehr klein sind.

In einer Ultraschalluntersuchung (Sonografie) oder Computertomografie (CT) lässt sich die Nebenniere darstellen. Bei einem Morbus Cushing ist sie vergrössert.

Morbus Cushing: Andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen

Ihr Arzt muss Morbus Cushing von anderen Krankheiten und Auslösern abgrenzen, die ähnliche Symptome und Befunde verursachen. Dazu zählen unter anderem:

  • Einnahme von hormonellen Kontrazeptiva ("Pille")
  • Einnahme von Steroiden wie Kortison oder Sexualhormonen (ohne ärztliche Anordnung)
  • Metabolisches Syndrom (Krankheitsbild bestehend aus Fettsucht (Adipositas), Bluthochdruck und erhöhten Blutfettwerten)
  • Tumore der Nebennierenrinde
  • Diabetes mellitus
  • Osteoporose (Knochenschwund)

Wie lässt sich Morbus Cushing behandeln?

Liegt ein Mikroadenom in der Hypophyse als Ursache des Morbus Cushing vor, wird dieses operativ entfernt. Dabei erlangen die Neurochirurgen durch die Nase oder durch das Keilbein (einen Knochen der Schädelbasis) Zugang zur Hypophyse. Nach einer Operation muss für kurze Zeit Kortisol künstlich verabreicht werden.

Sollte eine Operation als Therapie nicht infrage kommen, etwa weil schwere Erkrankungen vorliegen, die eine Operation unmöglich machen, oder weil kein ursächlicher Tumor gefunden wurde, gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten. Dazu zählt die Einnahme von Medikamenten. Diese wirken über unterschiedliche Mechanismen. Zu den möglichen Wirkstoffen zählen zum Beispiel Pasireotid, Ketoconazol oder Metyrapon.

Ausserdem ist eine Bestrahlung der Hypophyse eine Möglichkeit, Morbus Cushing zu behandeln. Auf diese Weise zertört man das Mikroadenom. Selten ist es erforderlich, beide Nebennieren operativ zu entfernen (Adrenalektomie). Diese Option ist keine ursächliche Therapie und wird selten gewählt, wenn andere Therapieoptionen versagt haben.

Patienten müssen dann lebenslang Kortisol und Mineralkortikoide, die ebenfalls in der Nebennierenrinde produziert werden, durch Medikamente künstlich ersetzen.

Gibt es eine Vorbeugung vor Morbus Cushing?

Da es für die meisten Ursachen von Morbus Cushing, etwa Hypophysentumore, keine Vorbeugung gibt, lässt sich die Krankheit nicht durch eine bestimmte Massnahme vermeiden.

Für Menschen, die aufgrund einer anderen Grunderkrankung Glukokortikoide einnehmen müssen, ist es jedoch ratsam, auf bestimmte Symptome (etwa Gewichtszunahme, veränderte Fettverteilung) zu achten. Bei Auffälligkeiten ist es empfehlenswert, den Arzt darauf anzusprechen. In der Regel verordnen Ärzte Glukokortikoide aber in einer Dosierung, die keine Cushing-Symptome auslöst.

Generell sollten Sie nicht ohne medizinischen Grund oder ohne ärztliche Verordnung auf eigene Faust Glukokortikoide oder Steroide (etwa missbräuchlich zum Muskelaufbau) einnehmen.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Mareike Müller
Mareike Müller

Mareike Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und Assistenzärztin für Neurochirurgie in Düsseldorf. Sie studierte Humanmedizin in Magdeburg und sammelte viel praktische medizinische Erfahrung während ihrer Auslandsaufenthalte auf vier verschiedenen Kontinenten.

ICD-Codes:
E24
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Gerlach, U. et al.: Innere Medizin für Gesundheits- und Krankenpflege. Thieme Verlag, 8. Auflage 2015
  • Herold, G. et al.: Innere Medizin. Selbstverlag 2022
  • Horn, F.: Biochemie des Menschen: Das Lehrbuch für das Medizinstudium. Thieme Verlag, 8. Auflage 2020
  • Klotz, T. et al.: Innere Medizin in Frage und Antwort. Urban & Fischer Verlag, 10. Auflage 2018
  • Schaps, K. P. et al.: Das Zweite – kompakt: Chirurgie, Orthopädie, Urologie. Springer Verlag, 1. Auflage, 2007
  • Siewert, J. R. et al.: Praxis der Viszeralchirurgie: Endokrine Chirurgie. Springer Verlag, 3. Auflage 2013
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