Subluxation

Von , Arzt
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Marian Grosser

Marian Grosser studierte in München Humanmedizin. Daneben hat der vielfach interessierte Arzt einige spannende Abstecher gewagt: ein Philosophie- und Kunstgeschichtestudium, Tätigkeiten beim Radio und schließlich auch für Netdoktor.

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Subluxation bezeichnet eine Verrenkung, bei der sich die Knochen eines Gelenks gegeneinander verschoben haben. Die Gelenkflächen liegen aber, zumindest teilweise, noch aneinander. Subluxationen sind dennoch mitunter sehr schmerzhaft und beeinträchtigen die Funktion des Gelenks stark. Hier lesen Sie alles über die verschiedenen Formen von Subluxationen und ihre möglichen Symptome.

Subluxation: angewinkelter Arm mit gerötetem Ellenbogen

Kurzübersicht

    • Betroffene Gelenke: Generell an jedem Gelenk möglich, hauptsächlich aber an besonders verletzungsanfälligen Gelenken wie Schulter, Ellenbogen, Hüfte, Knie
    • Chassaignac-Lähmung: Sonderfall am Ellenbogen nur bei Kindern, häufig durch starke Ruckbewegung am Arm ausgelöst; als Lähmung bezeichnet, da Unterarm unbeweglich wird, Arzt renkt Speichenkopf wieder ein
    • Sonderfall Halswirbel: Verrutschen des ersten Halswirbels gegenüber dem zweiten, Ursache sind Unfälle, Fehlbildung oder Bindegewebsschwäche, Schmerzen im Nackenbereich, motorische oder sensorische Störungen bis hin zu Lähmungen
    • Chiropraktische Behandlung: Methode, bei der der Therapeut die blockierten Wirbel- und Extremitätengelenke manuell löst

Was ist eine Subluxation?

In einem Gelenk sind die Knochen mehr oder weniger beweglich miteinander verbunden. Die aneinander anliegenden Teile der Knochen nennt man Gelenkflächen. Sie weisen eine gleitfähige Knorpelschicht auf. Fast immer halten Bänder, eine Gelenkkapsel und Muskeln die Knochen des Gelenks in ihrer Position.

Durch äussere Gewalteinwirkung ist es möglich, dass deren stabilisierende Funktion nicht ausreicht und sich die Gelenkflächen gegeneinander verschieben. Geschieht das nicht vollständig, sondern haben sie noch teilweise Kontakt zueinander, spricht man von einer Subluxation.

Im Gegensatz dazu berühren sich bei einer vollständigen Verrenkung, der sogenannten Luxation, die Gelenkflächen nicht mehr.

Lesen Sie mehr dazu im Beitrag Luxation.

Welche Körperteile sind betroffen?

Prinzipiell ist eine Subluxation an jedem Gelenk möglich. Genau wie die Luxation betrifft sie aber hauptsächlich jene Gelenke, die aufgrund ihrer Anatomie oder Position am Körper besonders verletzungsanfällig sind, wie Schulter, Ellenbogen, Hüfte, Kniescheibe (Patella). Auch bei Zähnen treten durch Krafteinwirkung von aussen beide Fälle auf, die vollständige oder unvollständige Lageverschiebung. Hat der Zahn noch Kontakt zur Kieferknochenmulde, handelt es sich um eine Subluxation.

An bestimmten Gelenken verrutschen die Knochenanteile fast nie vollständig, sodass hier die Subluxation wesentlich häufiger ist. Ein Beispiel ist die Verrenkung von Wirbelkörpern.

Chassaignac-Lähmung (Pronatio dolorosa)

Eine spezielle Form der Subluxation, die nur bei Kindern auftritt, ist die Chassaignac-Lähmung. Sie ist ein Sonderfall unter den Subluxationen, da sie nur bei Kindern bis zum sechsten Lebensjahr auftritt. Die Chassaignac-Lähmung ist nach dem französischen Chirurgen Charles Chassaignac benannt und eine der häufigsten Verletzungen in diesem Alter. Weil die betroffenen Kinder kaum in der Lage sind, den Unterarm zu bewegen, spricht man – medizinisch nicht ganz präzise – von einer Lähmung.

Wodurch wird eine Chassaignac-Lähmung ausgelöst?

Der (knöcherne) Arm besteht aus dem Oberarmknochen und den beiden Unterarmknochen Elle und Speiche. Am Ellenbogen entstehen durch diese drei Knochen drei Gelenke: Die Elle bildet mit dem Oberarmknochen ein Scharniergelenk und ermöglicht die Beugung und Streckung des Unterarms. Die Speiche bildet gleichzeitig ein Gelenk mit der Elle und ein Kugelgelenk mit dem Oberarmknochen. Das ermöglicht es, den Unterarm gegenüber dem Oberarm ein- und auswärts zu drehen.

Ein typischer Fall, wie eine Chassaignac-Lähmung entsteht, ist dieser: Das Kind steht mit einem Erwachsenen an der Hand an der Strasse und läuft plötzlich los, der Erwachsene zieht das Kind ruckartig an der Hand zurück, weil ein Auto kommt.

Die dabei entstehenden Kräfte führen möglicherweise zur Verrenkung des Speichenköpfchens, auch Radiusköpfchen genannt. Denn bei kleineren Kindern ist der Bandapparat, der den Speichenkopf in seinen zwei Gelenken hält, noch nicht sehr stabil. Das Radiusköpfchen rutscht dadurch in manchen Fällen aus dem Kugelgelenk mit dem Oberarmknochen. Auch bei dem beliebten Spiel "Engelchen flieg" wird eine ungünstige Kraft auf das Ellenbogengelenk ausgeübt.

Die Kinder halten ihren Arm anschliessend leicht gebeugt und einwärtsgedreht. In dieser Schonhaltung haben sie kaum Schmerzen.

Therapie der Chassaignac-Lähmung

Diese Art von Subluxation ist gut zu behandeln. Durch einen gezielten Handgriff des Arztes springt der Speichenkopf im Idealfall zurück in das ringförmige Halteband und die Schmerzen sowie die Bewegungseinschränkung sind genauso schnell behoben, wie sie aufgetreten sind. Nach dem Wiedereinrenken muss der Arm meist nicht besonders geschont werden.

Komplikationen der Chassaignac-Lähmung

Die Pronatio dolorosa ist zwar für das Kind sehr schmerzhaft, aber selten mit Begleitverletzungen verbunden. Sobald der Speichenkopf wieder eingerenkt ist, lassen die Symptome schlagartig nach. Wenn das Ellenbogengelenk allerdings nicht zügig eingerenkt wird, dauert es nach dem Einrenken meist einige Tage, bis sich der Arme wieder schmerzfrei bewegen lässt.

Wie bei jeder Subluxation und Luxation besteht nach einer Verletzung dieser Art ein erhöhtes Risiko für eine erneute Luxation. Wenn der Speichenkopf bereits kurz nach der Reposition wieder aus dem Ringband rutscht, hilft ein Oberarmgips. Dieser wird für etwa zwei Wochen angelegt und hält den Arm in nach aussen gedrehter Position fest. Auf diese Weise verhindert man eine erneute Subluxation.

Subluxation an den Wirbelkörpern

Wenn der erste (oberste) Halswirbel gegenüber dem zweiten Halswirbel verrutscht, spricht man von einer atlanto-axialen Subluxation. Neurologische Symptome bis hin zur Querschnittslähmung sind eventuelle Folgen.

Wie entsteht eine atlanto-axiale Subluxation?

Der erste Halswirbel hat die Struktur eines Ringes, auf dem der Kopf aufliegt. Aus dem zweiten Halswirbel wächst ein knöcherner Vorsprung (Dens axis) von unten durch diesen Ring. Auf diese Weise bilden erster und zweiter Halswirbel das atlanto-axiale Gelenk, das die seitliche Drehung des Kopfes ermöglicht.

Bei Fehlbildungen, etwa bei einem falsch ausgewachsenen knöchernen Vorsprung oder bei Bindegewebsschwächen, kommt es gegebenenfalls zur Verrenkung des atlanto-axialen Gelenks. Chronische Entzündungen dieses Gelenks, wie sie im Rahmen einer Polyarthritis vorkommen, stellen ebenfalls ein Risiko für eine Subluxation dar. Bei äusserer Gewalteinwirkung, zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall, bricht der knöcherne Vorsprung sogar unter Umständen ab und ruft so eine Subluxation hervor.

Symptome und Behandlung der atlanto-axialen Subluxation

Die grösste Gefahr bei einer atlanto-axialen Subluxation ist, dass das Rückenmark, das ebenfalls durch den Halswirbelring verläuft, geschädigt wird. Neben Schmerzen im Nackenbereich, vor allem beim Beugen des Halses, sind motorische oder sensorische Störungen an den Gliedmassen möglich. In schweren Fällen sind alle Gliedmassen gelähmt ("hohe Querschnittslähmung", Tetraplegie).

Bei einer Subluxation durch Fehlbildungen treten die Symptome meist schleichend in den ersten Lebensmonaten auf, bei einer akuten Subluxation dagegen sehr plötzlich. Eine atlanto-axiale Subluxation muss durch ein bildgebendes Verfahren bestätigt werden. Sollte das Rückenmark geschädigt sein, ist eine Operation meist unumgänglich.

Subluxation in der Chiropraktik

In der chiropraktischen Behandlung spielt die Subluxation eine relativ grosse Rolle. Bei dieser Therapiemethode werden unter anderem Subluxationen von Wirbel- und Extremitätengelenken manuell gelöst. Wichtig ist eine sachgemässe Ausführung, um Nerven, Muskeln, Knochen oder Bänder nicht zu verletzen.

Man geht davon aus, dass nicht nur Unfälle und andere Verletzungen die Wirbel verschieben, sondern mitunter auch alltägliche Fehlbelastung und sogar psychischer Stress als Ursache für Subluxationen infrage kommen. Durch die Subluxation der Wirbel werden die austretenden Nerven gereizt, was nicht nur auf Dauer zu Nervenschäden führt, sondern unter ungünstigen Umständen auch Fehlfunktionen an den Organen hervorruft.

Das Konzept der Chiropraktik und ihre spezifische Wirksamkeit sind umstritten und durch Studien nicht eindeutig belegt.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Wallny
Autor:
Marian Grosser
Marian Grosser

Marian Grosser studierte in München Humanmedizin. Daneben hat der vielfach interessierte Arzt einige spannende Abstecher gewagt: ein Philosophie- und Kunstgeschichtestudium, Tätigkeiten beim Radio und schließlich auch für Netdoktor.

ICD-Codes:
M24
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Debrunner, A. M.: Orthopädie – Orthopädische Chirurgie. Verlag Hans Huber, 4. Auflage, Bern 2005
  • Müller, M.: Chirurgie für Studium und Praxis (2020/21). Medizinische Verlags- und Informationsdienste, 2019
  • Niethard, F. et al: Orthopädie und Unfallchirurgie, Duale Reihe. Thieme Verlag, 8. Auflage, 2017
  • Pschyrembel Online: Chassaignac-Lähmung, unter: www.pschyrembel.de (Abruf: 24.01.2022)
  • Pschyrembel Online: Chiropraktik, unter: www.pschyrembel.de (Abruf: 24.01.2022)
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