Leistenbruch

Von , Arzt
und , Wissenschaftsjournalistin
Aktualisiert am
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

Carola Felchner

Carola Felchner ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und geprüfte Trainings- und Ernährungsberaterin. Sie arbeitete bei verschiedenen Fachmagazinen und Online-Portalen, bevor sie sich 2015 als Journalistin selbstständig machte. Vor ihrem Volontariat studierte sie in Kempten und München Übersetzen und Dolmetschen.

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Ein Leistenbruch (Leistenhernie, Hernia inguinalis) entsteht, wenn Schichten der Bauchwand den Leistenkanal "durchbrechen". Es bildet sich eine tastbare Schwellung, die sich oft nach innen wegdrücken lässt. Die meisten Patienten sind männlich. Ein Leistenbruch bei Frauen oder Mädchen ist seltener. Lesen Sie hier mehr zum Thema: Was ist ein Leistenbruch genau? Woran lässt sich ein Leistenbruch erkennen? Wie wird er behandelt?

Leistenschmerzen bei Leistenbruch

Kurzübersicht

  • Wichtige Symptome: Sicht- und tastbare Schwellung in der Leistengegend, Ziehen und gegebenenfalls Schmerzen, die unter Belastung stärker werden
  • Ursache: Schwachstelle in der Bauchwand (angeboren oder erworben)
  • Risikofaktoren: z.B. heftige Druckbelastung (Niesen, Husten, Pressen beim Stuhlgang, Heben schwerer Lasten etc.), chronischer Husten (etwa bei COPD oder Rauchen), Übergewicht, autoimmun bedingte Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen), männliches Geschlecht
  • Mögliche Komplikationen: Einklemmung (Inkarzeration)
  • Behandlung: Ein Leistenbruch mit Symptomen wird in der Regel operiert. Wenn bei Männern der Leistenbruch keine oder kaum Symptome zeigt, kann zunächst abgewartet und die Hernie beobachtet werden ("watchful waiting").

Leistenbruch: Symptome

Auch wenn die Bezeichnung etwas anderes vermuten lässt: Bei einem Leistenbruch (Hernia inguinalis) geht kein Knochen kaputt, sondern es wird Gewebe in der Leistengegend durchstossen - der sogenannte Leistenkanal. Diese röhrenförmige Verbindung zwischen der Bauchhöhle und der äusseren Schamregion zieht schräg von hinten nach vorne. In diesem Kanal verlaufen Blut- und Lymphgefässe sowie der Samenstrang beim Mann und eines der Mutterbänder (Haltebänder der Gebärmutter) bei der Frau.

Wird dieser Leistenkanal bei einem Leistenbruch durchstossen, erkennt man dies an einer sicht- und/oder tastbaren Schwellung in der Leistengegend, die sich oft nach innen wegdrücken lässt. Manchmal ist auch die Genitalregion vom Leistenbruch betroffen: Bei der Frau kann dann die Schwellung im Bereich der Schamlippen auftreten, beim Mann am Hodensack.

In den meisten Fällen zeigen sich die Leistenbruch-Symptome (Frau & Mann) auf der rechten Seite.

Leistenbruch: Schmerzen

In vielen Fällen verursacht der Leistenbruch keine Schmerzen. Betroffene berichten eher von einem unbestimmten Druckgefühl oder einem Ziehen. Manchmal beklagen sie auch Bauchschmerzen oder ein Fremdkörpergefühl in der Leistengegend.

Wenn Leistenbruch-Schmerzen auftreten, können sie bis in den Hoden oder die Schamlippen ziehen. Erhöht sich der Bauchdruck, verstärken sich die Beschwerden. Das passiert zum Beispiel in folgenden Situationen:

  • Husten
  • Niesen
  • Pressen, etwa beim Stuhlgang oder Sport
  • Heben schwerer Lasten
  • langes Gehen oder Stehen

In Ruhe und beim Liegen dagegen lassen die Leistenbruch-Symptome nach. Wenn also jemand eher Schmerzen im Liegen bzw. in der Nacht hat, handelt es sich in der Regel nicht um einen Leistenbruch. Stattdessen kann zum Beispiel eine Hüftgelenks- oder Muskelerkrankung dahinterstecken.

Sowohl Schmerz als auch Schwellung verstärken sich bei Belastung. Bei besonders intensiven und schmerzhaften Leistenbruch-Anzeichen kann bereits Gewebe eingeklemmt sein. Dann sollten Sie sofort zum Arzt!

Eingeklemmter Leistenbruch: Warnsymptome!

In seltenen Fällen werden bei einem Leistenbruch Eingeweideteile (wie Darmschlingen) eingeklemmt. Diese werden dann nicht mehr ausreichend durchblutet und können absterben. Die Symptome bei einem Leistenbruch mit Einklemmung sind deutlich intensiver, zum Beispiel:

  • starke Schmerzen
  • Rötungen der betreffenden Stelle
  • Übelkeit und Erbrechen

Wenn jemand solche Symptome zeigt, muss man sofort einen Arzt alarmieren. Es drohen ein Darmverschluss (Ileus) und eine gefährliche Bauchfellentzündung! Unter Umständen folgt der Inkarzeration auch eine lebensbedrohliche Blutvergiftung (Sepsis). Fieber, Kreislaufstörungen, unnatürliche Schläfrigkeit und Verwirrtheit sowie Herzrasen können dabei auftreten.

Starke Schmerzen bei einem Leistenbruch sind ein Hinweis auf (gefährliche) Komplikationen. Gehen Sie sofort zum Arzt!

Leistenbruch-Symptome bei Kindern

Bei Kindern einen Leistenbruch zu erkennen, ist nicht immer einfach. Oft entdecken die Eltern zufällig die sichtbare Schwellung in der Leisten- oder Genitalgegend, wenn sie ihr Kind baden, an- oder ausziehen. Wie bei Erwachsenen tritt ein Leistenbruch bei Kindern meistens rechts auf. Es gibt aber auch Kinder, die den Leistenbruch links oder aber auf beiden Seiten haben.

Wenn ein Baby mit Leistenbruch entspannt auf dem Rücken liegt, kann die Schwellung auch verschwinden. Umgekehrt kann sie sich vergrössern, wenn das Kind weint, hustet oder presst.

Die Vorwölbung ist meistens schmerzlos. Sie kann aber auch mit ziehenden Schmerzen einhergehen. Drückt man darauf, kann das Kind empfindlich reagieren. Bei folgenden Anzeichen ist der Leistenbruch wahrscheinlich eingeklemmt:

  • vermehrtes und scheinbar grundloses Schreien (v.a. Baby und Kleinkind)
  • grosse Unruhe
  • Rötung der Schwellung
  • Weigerung zu essen beziehungsweise zu trinken (Baby)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Blähungen und Völlegefühl
  • Fieber

Bei solchen Symptomen sofort mit dem Kind ins Krankenhaus fahren oder den Notarzt rufen!

Bei Mädchen befinden sich im Bruchsack oft auch der Eierstock und der Eileiter (Ovarialhernie). In diesem Fall operieren Ärzte umgehend, sofern das Ovar nicht von selbst in den Bauch zurückgleitet.

Drücken Sie nicht zu oft auf einen Leistenbruch. Er könnte empfindliche Anteile enthalten wie einen Eierstock. Häufiges Drücken könnte hier dauerhaft schaden.

Leistenbruch: Ursachen und Risikofaktoren

Der Bauchraum ist weitestgehend abgeschlossen und mit einer feinen Haut, dem Bauchfell, ausgekleidet. Er beherbergt Organe wie den Magen, die Leber und den Darm. Durch die Schwerkraft werden die Organe nach unten gezogen. Bindegewebsplatten und -stränge halten sie in ihrer Position. Trotzdem herrscht vor allem im unteren Bauchbereich ein gewisser Druck.

Diesen Druck bekommt auch der Leistenkanal zu spüren. Besonders beim Heben schwerer Lasten, Niesen, Husten und Pressen (etwa beim Stuhlgang) drücken die Bauchorgane auf den Leistenkanal. Normalerweise kann er der Belastung standhalten - dank der kräftigen Muskeln, Bänder und des festen Bindegewebes, die ihn umgeben.

Wird der Druck aber zu gross, entsteht eine Lücke im Leistengewebe (Bruchpforte): Das Bauchfell wölbt sich an dieser Stelle sackartig nach aussen. Deshalb spricht man auch von einem Bruchsack. Manchmal treten auch Eingeweideteile (meist Teile des Darms) - umschlossen vom Bruchsack - durch die Lücke hindurch und aus dem Bauchraum heraus (Bruchinhalt).

Das passiert beim Leistenbruch
Leistenbruch
Bei einem Leistenbruch wird der Druck der Bauchorgane (z.B. beim Husten, Niesen oder Heben schwerer Lasten) auf das Leistengewebe zu gross und der Leistenkanal bricht. Das Bauchfell wölbt sich dann sackartig nach aussen und es kann passieren, dass Teile des Darms durch die Lücke im Leistenkanal heraustreten.

Indirekter Leistenbruch

Die meisten Patienten haben einen indirekten Leistenbruch: Hier tritt der Bruchsack seitlich durch den Leistenkanal und kann bis zum Hodensack beziehungsweise zu den Schamlippen vordringen.

Der indirekte Leistenbruch ist in vielen Fällen angeboren: Er beruht dann auf einem nicht vollständig verschlossenen Leistenkanal. In der Entwicklung des Fetus wird der Leistenkanal von Bauchfell auskleidet. Dieses bildet sich normalerweise bis zur Geburt zurück, der Kanal verschliesst sich spätestens bis zum Ende des zweiten Lebensjahres komplett. Passiert dies nicht, entsteht oft ein angeborener indirekter Leistenbruch. Babys, Kinder und junge Menschen sind am häufigsten betroffen, und zwar Jungen häufiger als Mädchen.

Seltener entwickelt sich ein indirekter Leistenbruch erst später im Leben (erworbener indirekter Leistenbruch). Grund ist eine Bindegewebsschwäche. Dadurch stülpt sich die Bauchwand aus, und der Leistenbruch verläuft innerhalb des Leistenkanals.

Direkter Leistenbruch

Der direkte Leistenbruch ist erworben. Er entsteht an einer Schwachstelle in der Wand des Leistenkanals. Der Bruchsack schiebt sich hier auf direktem Weg durch die Bauchwand, gelangt also nicht bis in die Genitalregion.

Verschiedene Faktoren können diese Wandschwäche und damit den direkten Leistenbruch begünstigen (wie Operationen oder verschiedene Erkrankungen: siehe unten). Meistens entwickeln Erwachsene diese Form von Leistenbruch. Frauen sind eher selten, ältere Männer hingegen besonders häufig betroffen.

Hodenbruch

Bei Männern reicht der Bruchsack manchmal bis in den Hoden. Mediziner sprechen dabei von einer Skrotalhernie (Hodenhernie, Skrotum = Hodensack). Der Hodenbruch gehört typischerweise zu den indirekten Leistenhernien.

Bei Frauen gibt es eine Sonderform, welche meist die Schamlippen betrifft. Ärzte bezeichnen diesen Leistenbruch auch als Labialhernie.

Risikofaktoren

Es gibt verschiedene Faktoren, die einen Leistenbruch begünstigen, etwa weil sie mit einer Bindegewebsschwäche einhergehen (z.B. höheres Alter, genetische Veranlagung, Bindegewebserkrankungen) oder den Druck im Bauchraum erhöhen (etwa Schwangerschaft, chronische Verstopfung, ständiger Husten).

Hier eine Liste mit wichtigen Risikofaktoren für Leistenbruch:

  • höheres Lebensalter
  • männliches Geschlecht
  • chronischer Husten (z.B. bei COPD)
  • Rauchen (begünstigt Husten und Bindegewebsschwäche)
  • chronische Verstopfung
  • Fälle von Leistenbruch in der Familie (bis zu 8-mal höheres Risiko, spricht für genetische Veranlagung eines Leistenbruchs)
  • bereits durchgemachter Leistenbruch
  • Verletzungen der Bauchwand
  • Übergewicht
  • Bauchwassersucht (Aszites)
  • Kollagenosen (Gruppe von Autoimmunerkrankungen des Bindegewebes)

Bei Kindern können eine Nabelhernie (Omphalozele) oder ein Darmvorfall (Gastroschisis) den Druck im Bauchraum erhöhen. Die mögliche Folge ist ein Leistenbruch. Auch Kinder, die als Frühgeburt zur Welt kamen, sind anfälliger für eine Leistenhernie.

In der Schwangerschaft kann die zusätzliche Gewichtsbelastung in der Leistengegend eine Hernie verursachen.

Leistenbruch: Untersuchungen und Diagnose

Gehen Sie bei Verdacht auf einen Leistenbruch zügig zum Arzt. Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt beziehungsweise der Kinderarzt. Behandelt wird eine Leistenhernie dann aber meist von spezialisierten Chirurgen.

Zuerst wird der Arzt in einem ausführlichen Gespräch die Krankengeschichte erheben (Anamnese). Dabei kann er zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  • Welche Beschwerden haben Sie?
  • Haben Sie eine Schwellung in der Leistengegend? Verschwindet diese manchmal, etwa im Liegen?
  • Verspüren Sie Schmerzen? Wo genau treten diese auf?
  • Werden die Beschwerden unter Belastung stärker, z.B. beim Heben schwerer Lasten oder beim Husten?
  • Hatte schon einmal jemand in Ihrer Familie einen Leistenbruch?
  • Sind Sie jemals am Bauch oder im Bereich der Leiste operiert worden?

Sind kleine Kinder betroffen, versucht der Arzt, von den Eltern möglichst viele Informationen für die Anamnese einzuholen.

Körperliche Untersuchung

Bei der körperlichen Untersuchung einer Inguinalhernie bittet der Arzt den Patienten meist zuerst, sich gerade hinzustellen. Er tastet dann dessen Leistenregion ab, um eine eventuelle Schwellung aufzuspüren. Er kann den Patienten auch anweisen, zu husten oder die Bauchmuskeln anzuspannen, wodurch der Druck im Bauchraum steigt. Das verstärkt normalerweise die Schwellung bei einem Leistenbruch.

Die Tastuntersuchung kann der Arzt beim liegenden Patienten wiederholen. Ausserdem richtet er sein Augenmerk auf das Genitale. Möglicherweise reicht der Bruchsack bis in den Hoden (Skrotalhernie, Hodenbruch) oder die Schamlippen (Labialhernie).

In der Regel untersucht der Arzt sowohl die linke als auch die rechte Leistenregion. Ein Leistenbruch tritt nämlich nicht selten auf beiden Seiten auf.

Der Untersucher prüft zudem, ob sich der Inhalt des Leistenbruchs mit den Fingern in den Bauchraum zurückschieben lässt. Wenn das geht, liegt ein sogenannter reponibler Leistenbruch vor. Kann der Arzt den Bruchinhalt aber nicht in die richtige Lage zurückdrücken, handelt es sich um einen irreponiblen Leistenbruch.

Um einen vermuteten Leistenbruch abzuklären, kann auch eine rektale Untersuchung nötig sein. Dabei tastet der Arzt mit einem in den After eingeführten Finger das letzte Stück des Enddarms ab.

Der Arzt hört die Schwellung auch mit dem Stethoskop ab. Kann er dabei Darmgeräusche wahrnehmen, spricht dies dafür, dass sich Darmanteile im Bruchsack befinden.

Die typische Schwellung in der Leistenregion reicht dem Arzt oft schon aus, um die Leistenbruch-Diagnose zu stellen. Wenn nicht, schliessen sich bildgebende Untersuchungen an.

Bildgebung

Weist die körperliche Untersuchung nicht eindeutig auf einen Leistenbruch hin, kann der Arzt die entsprechende Region mittels Ultraschall untersuchen (im Liegen und im Stehen). So kann er auch beurteilen, wie ausgeprägt die Leistenhernie ist und wie dringlich sie behandelt werden muss. Ausserdem kann er auf diese Weise andere Krankheiten, die eine Schwellung in der Leistengegend auslösen können, ausschliessen.

Selten sind andere bildgebende Verfahren nötig (z.B. bei Patienten mit Fettleibigkeit = Adipositas). Das kann dann beispielsweise eine Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT) sein.

Ausschluss anderer Erkrankungen

Manchmal können auch andere Krankheiten hinter einem vermeintlichen Leistenbruch stecken. Zu diesen sogenannten Differenzialdiagnosen gehören zum Beispiel vergrösserte Lymphknoten in der Leistengegend (z.B. bei Lymphdrüsenkrebs). Sie können Schwellungen verursachen, die denen eines Leistenbruchs ähneln.

Hodentumore beziehungsweise Hodenkrebs wiederum können ähnlich aussehen wie eine Skrotalhernie. Sie sind oft weniger schmerzhaft und nehmen nur langsam, aber stetig an Grösse zu. Ausserdem tastet sich der Hoden bei Krebs verhärtet.

Besonders bei Sportlern entpuppt sich eine vermutete Leistenhernie oft als sogenannte weiche Leiste (Sportlerleiste oder Fussballerleiste). Die Betroffenen haben wie bei einem Leistenbruch Schmerzen in der Leistengegend, die sich oft beim Husten, Niesen oder Pressen verstärken. Die sportliche Aktivität (sprinten, Bälle schiessen und mit der Fussinnenseite stoppen etc.) kann nämlich die Muskeln und Sehnen in der Leistengegend sowie den Leistenkanal überlasten und zu kleinen Verletzungen führen - eine weiche Leiste entsteht.

Auch bei einem Wasserbruch (Hydrozele) entsteht eine Beule. Allerdings handelt es sich dabei um eine prall-elastische Vorwölbung im Verlauf des Samenstrangs, die sich nicht verschieben lässt. Im Ultraschall ist der Wasserbruch meist deutlich als eine Art Kugel zu erkennen.

Darüber hinaus kann sich das Venennetz im Hoden erweitern - Varikozele (Krampfaderbruch) genannt. Auch hier schwillt der Hoden an, Schmerzen sind aber eher selten. Manchmal erkennt man schon von aussen die vergrösserten Gefässe, die sich meist gut tasten lassen.

Unter Umständen stellt sich ein vermuteter Leistenbruch beim Mann (Jungen) in Wahrheit als ein in der Leiste befindlicher Hoden (Hodenhochstand) heraus.

Wann ist ein Leistenbruch ein Notfall?

Eine Leistenhernie ist ein Notfall, wenn Anzeichen für eine Einklemmung auftreten. Dazu zählen zum Beispiel starke Schmerzen mit Übelkeit und Erbrechen. In diesem Fall sollten Sie sofort zum Arzt gehen beziehungsweise den Notarzt rufen! Durch die Einklemmung können die Organanteile im Bruchsack absterben, da die Durchblutung abgedrückt wird. Diese Komplikation nennen Mediziner Leistenbruch-Inkarzeration.

Allgemeines zur Leistenbruch-Behandlung

Ein Leistenbruch bei Kindern wird immer operiert, denn die Leistenhernie heilt nicht von allein. Zudem besteht immer die Gefahr, dass Bauchgewebe eingeklemmt wird - je jünger der Patient, desto häufiger passiert dies.

Ein Leistenbruch bei der Frau sollte immer operiert werden, auch wenn er keine Beschwerden bereitet. Es könnte nämlich auch ein Schenkelbruch (Schenkelhernie, Femoralhernie) vorliegen. Diese kann ebenfalls Schmerzen und eventuell auch eine Schwellung in der Leistengegend hervorrufen, ist aber oft schwer eindeutig zu erkennen. Das Gefährliche bei ihr ist, dass sie in bis zu 30 Prozent der Fälle eingeklemmt wird (inkarzeriert). Da Frauen viel häufiger einen Schenkelbruch erleiden als Männer, operieren Ärzte einen (vermeintlichen) Leistenbruch bei Frauen für gewöhnlich.

Ein Leistenbruch beim Mann wird meist operiert. Nur bei einer erstmals auftretenden (primären) Leistenhernie, die keine Symptome verursacht und nicht fortschreitet (sich also nicht vergrössert), kann man gegebenenfalls zunächst abwarten und beobachten ("watchful waiting"). Besonders bei älteren bzw. schwer vorerkrankten Patienten kann dies sinnvoll sein.

Manche Menschen, die schon einmal eine Leistenbruch-OP hatten, bekommen später abermals eine Leistenhernie (Rezidivleistenhernie). Ärzte entscheiden dann im Einzelfall über Zeitpunkt und Art der erneuten Operation.

Unabhängig vom Alter gilt für alle Leistenbruch-Patienten: Sind Eingeweide eingeklemmt, muss sofort operiert werden!

Leistenbruch-OP

Eine Leistenbruch-OP gehört zu den Routine-Eingriffen. Zur Anwendung kommen verschiedene Operationstechniken. Dabei unterscheidet man:

  • Offene Verfahren: Hier setzt der Arzt einen grösseren Schnitt und verlagert den Bruchinhalt zurück in den Bauchraum. Anschliessend nutzt er das umliegende Bindegewebe und Muskulatur, um einen Rückfall zu vermeiden. Netze werden nicht bei jedem Verfahren eingesetzt.
  • Minimal-invasive Verfahren: Diese Operationsverfahren kommen mit mehreren kleinen Schnitten aus. Hierbei legt der Arzt immer ein Netz zur Stabilisierung ein. Die Schmerzen sind oft nicht so anhaltend wie nach offenen Operationen.

Welche Methode im Einzelfall am besten geeignet ist, entscheidet der Arzt von Fall zu Fall.

Mehr über den Ablauf einer Leistenbruch-Operation und die möglichen Komplikationen lesen Sie im Beitrag Leistenbruch – OP.

Übrigens: Obwohl noch zu kaufen, werden sogenannte Bruchbänder heutzutage nicht mehr zur Leistenbruch-Behandlung verwendet. Diese Gürtel-ähnlichen Stützen wurden von aussen über den jeweiligen Leistenbruch gebunden. Allerdings kann das Tragen die Bauchwand schwächen und eine spätere Operation erschweren.

Leistenbruch: Krankheitsverlauf und Prognose

Die meisten Leistenbrüche (Hernien) sind harmlos. Es kann dabei aber jederzeit Eingeweide eingeklemmt werden. Bei einer solchen Inkarzeration muss umgehend (innerhalb weniger Stunden) operiert werden, denn bei einer eingeklemmten Darmschlinge drohen weitere Komplikationen wie:

  • Darmverschluss (Ileus)
  • Darmwand bricht auf, sodass der Inhalt (Kot) austritt (Perforation)
  • gefährliche Bauchfellentzündung (Peritonitis)
  • lebensbedrohliche Blutvergiftung (Sepsis)

Je nach Lage kann der Leistenbruch auch die Blutzufuhr zu Hoden beziehungsweise Eierstöcken unterbrechen. Ohne Behandlung werden die Fortpflanzungsorgane dadurch geschädigt.

Die Leistenbruch-Operationen verlaufen bei den meisten Patienten ohne Komplikationen. Manchmal kommt es aber später zu einem Rückfall (Rezidiv), das heisst: Es bildet sich ein neuer Leistenbruch.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Martin Schäfer
Autoren:
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

Carola Felchner
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Carola Felchner ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und geprüfte Trainings- und Ernährungsberaterin. Sie arbeitete bei verschiedenen Fachmagazinen und Online-Portalen, bevor sie sich 2015 als Journalistin selbstständig machte. Vor ihrem Volontariat studierte sie in Kempten und München Übersetzen und Dolmetschen.

ICD-Codes:
K40
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Berger, D.: "Evidenzbasierte Behandlung der Leistenhernie des Erwachsenen" in: Dtsch Ärztebl Int 2016; 113: 150-8
  • HerniaSurge Group: "International guidelines for groin hernia management", in: Hernia. 2018 Feb; 22(1):1-165.
  • Jauch, K.-W. et al.: Chirurgie Basisweiterbildung, Springer-Verlag, 3. Auflage, 2022
  • Koch, A. et al.: "Leistenhernienreparation – Wo wird wie operiert?" in: Zentralbl Chir 2013; 138: 410-417
  • Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2008
  • Maibaum, S. et al.: Therapielexikon der Sportmedizin, Springer-Verlag, 2. Auflage 2006
  • Menche, N.: PFLEGEN - Biologie Anatomie Physiologie, Elsevier/Urban & Fischer Verlag, 2. Auflage 2021
  • Miserez, M. et al.: The European hernia society groin hernia classification: simple and easy to remember, Hernia 2009 Aug; 13(4): 343-403
  • Pschyrembel Online, Klinisches Wörterbuch: www.pschyrembel.de (Abruf: 06.10.2022)
  • S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: "Leistenhernie, Hydrozele" (Stand 10/2020), unter: www.awmf.org
  • Von Schweinitz, D. & Ure, B.: Kinderchirurgie, Springer-Verlag, 3. Auflage, 2019
  • Weyhe, D. et al.: HerniaSurge: Internationale Leitlinie zur Therapie der Leistenhernie des Erwachsenen, Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Hernie (CAH/DGAV) und Deutsche Herniengesellschaft (DHG), Juni 2018
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