WPW-Syndrom

Von , Arzt
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Florian Tiefenböck

Florian Tiefenböck hat Humanmedizin an der LMU München studiert. Im März 2014 stieß er als Student zu NetDoktor und unterstützt die Redaktion seither mit medizinischen Fachbeiträgen. Nach Erhalt der ärztlichen Approbation und einer praktischen Tätigkeit in der Inneren Medizin am Uniklinikum Augsburg ist er seit Dezember 2019 festes Mitglied des NetDoktor-Teams und sichert unter anderem die medizinische Qualität der NetDoktor-Tools.

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Beim WPW-Syndrom (Wolff-Parkinson-White-Syndrom) wird das Herz durch eine oder mehrere zusätzliche Leitungsbahnen fehlerhaft erregt. Infolgedessen schlägt es anfallartig zu schnell. Diese Form der Herzrhythmusstörung ist durch eine Verödung der überzähligen Leitungsbahnen behandelbar. Erfahren Sie alles Wichtige über die Symptome und die Behandlung des WPW-Syndroms.

Wolff-Parker-White-Syndrom: Stethoskop

Was ist das WPW-Syndrom?

Das WPW-Syndrom ist eine Herzrhythmusstörung. Der Name Wolff-Parkinson-White-Syndrom geht auf die US-amerikanischen Kardiologen L. Wolff, P.D. White und J. Parkinson zurück. Sie beschrieben im Jahr 1930 die Anzeichen des WPW-Syndroms bei jungen Betroffenen. Dazu zählen Anfälle von plötzlichem Herzrasen (Tachykardien), die unabhängig von körperlicher Belastung oder Stress auftreten, und Veränderungen im sogenannten Elektrokardiogramm (EKG).

Das Herz hat einen Taktgeber, den sogenannten Sinusknoten. Er sitzt im rechten Vorhof des Herzens und gibt vor, wie schnell das Herz schlägt. Dazu sendet er elektrische Signale an den sogenannten Atrioventrikularknoten (AV-Knoten), der zwischen den Vorhöfen und den Herzkammern liegt. Pro Minute erreichen etwa sechzig bis achtzig Erregungen den AV-Knoten. Der AV-Knoten leitet die Erregungen über zwei Leitungsbahnen an die linke und rechte Herzkammer weiter, die daraufhin kontrahieren.

Zusätzliche Erregungsleitung

Beim WPW-Syndrom haben die Betroffenen eine zusätzliche (akzessorische) Leitungsbahn zwischen Vorhof und Kammer, das sogenannte Kent-Bündel. Die vom Sinusknoten einlaufenden Impulse werden deshalb sowohl über den AV-Knoten als auch über das Kent-Bündel an die Herzkammern geleitet. Da der Impuls über das Kent-Bündel schneller bei den Herzkammern eintrifft, kommt es hier zu einer verfrühten Erregung.

Da die zusätzliche Leitungsbahn auch in die „falsche“ Richtung leitet, laufen die elektrischen Signale der Muskelzellen in den Herzkammern zurück in den Vorhof. Es entsteht eine sogenannte kreisende Erregung zwischen Vorhöfen und Kammern. Diese lässt das Herz sehr schnell, aber in einem gleichmässigen Rhythmus schlagen.

Die zusätzliche Leitungsbahn des WPW-Syndroms ist angeboren. Meistens treten Beschwerden wie Herzrasen im Jugendalter auf, manchmal auch schon im Kleinkindalter oder erst im Erwachsenenalter. Das WPW-Syndrom kommt bei Männern häufiger vor als bei Frauen.

Wie kann das WPW-Syndrom therapiert werden?

Die einzige, aber sehr wirksame Möglichkeit, Betroffene vom WPW-Syndrom zu heilen, ist die sogenannte Ablation. Darunter verstehen Mediziner einen Eingriff, bei dem sie die zusätzliche Leitungsbahn veröden. Medikamente lindern die Symptome beim WPW-Syndrom nur vorübergehend.

Darüber hinaus gibt es für akute Tachykardien bestimmte Massnahmen, die den Herzschlag verlangsamen. Wenn der Betroffene tief einatmet, die Luft anhält und gegen die angehaltene Luft presst, sinkt häufig der Herzschlag. Des Weiteren ist es hilfreich, die Halsschlagader zu massieren, eiskaltes Wasser zu trinken oder einen Eisbeutel auf das Gesicht zu legen. Reflektorisch wird dabei der Herzschlag gedrosselt.

EPU und Ablation

Den grössten Stellenwert bei der Behandlung eines WPW-Syndroms hat die sogenannte elektrophysiologische Untersuchung (EPU). Bei der EPU ist es möglich, die zusätzliche Leitungsbahn aufzusuchen und direkt zu veröden (Katheterablation).

So lässt sich die fehlerhafte Leitung im Herzen dauerhaft unterbrechen. Durch die Ablation ist das WPW-Syndrom in fast 99 Prozent der Fälle heilbar. Menschen bestimmter Berufsgruppen, wie Piloten oder Zugführer, mit einem diagnostizierten WPW-Syndrom dürfen ihren Beruf aus Sicherheitsgründen nur weiter ausüben, wenn sie sich erfolgreich einer Ablation unterzogen haben.

Medikamente

Bestimmte Medikamente, mit beispielsweise Adenosin oder Ajmalin als Wirkstoff, stoppen das Herzrasen beim WPW-Syndrom. Betroffene erhalten diese meistens über die Vene. Des Weiteren gibt es Medikamente, die Betroffene dauerhaft einnehmen, um das Herzrasen zu verhindern. Ein Beispiel hierfür sind Beta-Blocker.

Elektrokardioversion

Manchmal ist bei einer Tachykardie eine sogenannte Elektrokardioversion nötig. Dabei erhält das Herz des Betroffenen über zwei Elektroden auf der Brust einen kurzen Stromstoss. Der Betroffene wird hierfür in der Regel narkotisiert. Durch den Stromstoss fällt das Herz manchmal in seinen normalen Rhythmus zurück.

Welche Symptome treten beim WPW-Syndrom auf?

Das WPW-Syndrom verursacht nicht in allen Fällen Beschwerden. Manchmal entdeckt der Arzt die zusätzliche Leitungsbahn lediglich zufällig durch Veränderungen im Elektrokardiogramm.

Zu den häufigsten Symptomen gehört plötzlich auftretendes Herzrasen (Tachykardie). Das Herz schlägt dabei zwischen 150 und 240 Mal pro Minute. Normal sind in Ruhe 60 bis 80 Schläge pro Minute. Der Puls ist bei der WPW-Tachykardie sehr regelmässig.

Manche Betroffene empfinden das Herzrasen als verstärktes Herzpochen. In der Medizin spricht man dann von Palpitationen. Andere Betroffene verspüren ein Herzstolpern. Diese Missempfindungen verschwinden meist genauso abrupt, wie sie gekommen sind. Zusätzlich leiden die Betroffenen zum Teil unter Schwindel, Brustschmerzen und Atemnot.

Angst und Ohnmacht

Das Herzrasen löst bei vielen Betroffenen Angst aus. Schwindel und Atemnot verstärken dieses Gefühl. Durch die hohe Herzfrequenz pumpt das Herz manchmal nicht mehr ausreichend Blut in die Körperorgane. Manche Menschen verlieren daher das Bewusstsein.

WPW-Syndrom bei Neugeborenen

Sehr selten treten beim WPW-Syndrom Symptome im Babyalter auf. Die Babys sind während einer Tachykardie auffallend blass und atmen sehr schnell. Möglicherweise verweigern sie das Essen und Trinken, sind leicht reizbar oder weinen viel. In manchen Fällen bekommen sie Fieber.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursache für das WPW-Syndrom ist nicht bekannt. Mediziner nehmen jedoch an, dass die zusätzliche Leitungsbahn aufgrund eines Fehlers in der embryonalen Entwicklung des Herzens entsteht. Forscher fanden des Weiteren heraus, dass das WPW-Syndrom gehäuft in Kombination mit anderen angeborenen Herzfehlern auftritt. Dazu zählen Defekte in den Trennwänden zwischen der rechten und linken Herzseite (Ventrikelseptumdefekte).

Auch bei der seltenen Ebstein-Anomalie, bei der die Herzklappe zwischen dem rechten Vorhof und der rechten Herzkammer fehlgebildet ist, findet sich oft ein WPW-Syndrom. Da bestimmte Genveränderungen mit dem WPW-Syndrom in Verbindung stehen, ist die Veranlagung für ein WPW-Syndrom sehr wahrscheinlich vererbbar.

Untersuchungen und Diagnose

Zunächst stellt der Arzt einige Fragen zu den Symptomen. Beispielsweise erkundigt er sich, ob und wie häufig Anfälle von Herzrasen auftreten, wie lange diese dauern und ob sie zu Schwindel oder sogar zur Ohnmacht geführt haben. Im Anschluss folgt eine körperliche Untersuchung.

Elektrokardiogramm

Eine wichtige Untersuchung bei Verdacht auf das WPW-Syndrom ist das Elektrokardiogramm (EKG). Dabei zeichnet ein Schreiber die elektrische Aktivität des Herzens auf. In einigen Fällen diagnostiziert der Arzt hierbei bereits ein WPW-Syndrom.

Langzeit-EKG und Event-Recorder

Manchmal ist ein Langzeit-EKG erforderlich, da das Herzrasen nur phasenweise auftritt. Ein tragbares EKG-Gerät schreibt dann für 24 Stunden den Herzschlag auf. Manchmal gelingt es dem Arzt dadurch, eine Tachykardie zu erfassen.

Ist dies nicht möglich, kommt ein sogenannter Event-Rekorder zum Einsatz. Er ist kleiner als ein Langzeit-EKG-Gerät und wird über einen längeren Zeitraum getragen. Wenn die Betroffenen Herzrasen verspüren, drücken sie einen Knopf auf dem Rekorder, der daraufhin beginnt, die Herzaktion aufzuzeichnen. Es gibt auch Rekorder (LOOP-Recorder), die der Arzt in einem kleinen Eingriff unter die Haut im Bereich der linken Brust implantiert. Somit ist es nicht nötig, dass der Betroffene auf seinen Herzschlag achtet und spürbar ein Gerät trägt.

Belastungs-EKG

Gelegentlich führt der Arzt ein Belastungs-EKG durch. Dabei belastet sich der Betroffene auf einem Hometrainer körperlich, während er an einem EKG-Schreiber angeschlossen ist. Die körperliche Belastung löst in einigen Fällen eine Tachykardie aus.

Elektrophysiologische Untersuchung

Manchmal erfolgt ausserdem eine elektrophysiologische Untersuchung (EPU), um das WPW-Syndrom zu diagnostizieren. Dabei handelt es sich um eine besondere Form der Herzkatheteruntersuchung. Der Arzt führt dazu zwei dünne Drähte (Katheter) über die Leistenvenen in die grosse Hohlvene ein und schiebt diese bis zum Herzen vor. Dort messen die Katheter elektrische Signale an verschiedenen Stellen der Herzmuskelwand. Während der Untersuchung ist es gleichzeitig möglich, das Syndrom zu therapieren.

Krankheitsverlauf und Prognose

Das WPW-Syndrom wird nur sehr selten gefährlich. Betroffene haben in der Regel eine normale Lebenserwartung. Das Herzrasen ist aber häufig sehr unangenehm und einige Menschen leiden stark unter der Herzrhythmusstörung. Da es teilweise über Stunden anhält, sind die Betroffenen nach einer Tachykardie erschöpft. Eine Ablation ist jedoch eine sehr wirksame Therapie, die die Betroffenen in den meisten Fällen heilt.

Bei Menschen mit häufigem Herzrasen besteht allerdings die Gefahr, dass eine bösartige Herzrhythmusstörung ausgelöst wird. Dabei tritt eine anhaltende elektrische Erregung im Vorhof auf, das sogenannte Vorhofflimmern. Die zusätzliche Leitungsbahn gibt die Impulse ungefiltert an die Kammern weiter. Hierdurch kommt es in einigen Fällen zu Kammerflimmern. Das ist eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung, bei der das Herz so schnell schlägt, dass es das Blut nicht mehr wirksam in den Körper pumpt.

Männer zwischen 30 und 50 Jahren sind besonders gefährdet, eine solche Herzrhythmusstörung zu entwickeln.

Da das WPW-Syndrom höchstwahrscheinlich eine erbliche Komponente hat, ist es ratsam, im Erkrankungsfall die Familienmitglieder über die Erkrankung zu informieren. Diagnostiziert der Arzt das WPW-Syndrom frühzeitig, lassen sich Komplikationen vermeiden.

Das WPW-Syndrom ist aufgrund des unreifen Herzaufbaus für Kinder häufig gefährlicher als für Erwachsene.

Autoren- & Quelleninformationen

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Nina Buschek
Autor:

Florian Tiefenböck hat Humanmedizin an der LMU München studiert. Im März 2014 stieß er als Student zu NetDoktor und unterstützt die Redaktion seither mit medizinischen Fachbeiträgen. Nach Erhalt der ärztlichen Approbation und einer praktischen Tätigkeit in der Inneren Medizin am Uniklinikum Augsburg ist er seit Dezember 2019 festes Mitglied des NetDoktor-Teams und sichert unter anderem die medizinische Qualität der NetDoktor-Tools.

ICD-Codes:
R00I48I46I47I49I45I44
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Bunch, T.J. et al.: Long-Term Natural History of Adult Wolff-Parkinson-White Syndrome Patients Treated with and without catheter ablation. Circ Arryhthm Electrophysiol 2015; 8(6): 1465-71
  • Erdmann, E.: Klinische Kardiologie. Springer-Verlag, 8. Auflage 2011
  • Fauci, A.S. et al.: Harrison’s Principles of Internal Medicine. McGrawHill Medical, 20. Ausgabe 2018
  • Gerok, W.: Die Innere Medizin: Referenzwerk für den Facharzt. Schattauer Verlag, 11. Auflage 2007
  • Herold, G. et al.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2022
  • Landesärztekammer Baden-Württemberg, www.aerztekammer-bw.de (Abrufdatum: 30.11.2021)
  • Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie: Tachykarde Herzrhythmusstörungen (Stand: November 2018), unter: www.dgpk.org
  • Lewalter, T. & Lüderitz, B.: Herzrhythmusstörungen: Diagnostik und Therapie. Springer-Verlag, 6. Auflage 2010
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