Gasbrand

Von , Medizinredakteurin
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Pascale Huber

Pascale Huber hat Tiermedizin an der Freien Universität Berlin studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre als praktizierende Tierärztin, bis sie im Jahr 2009 in den Medizinjournalismus wechselte. Aktuell ist sie Chefredakteurin von tiermedizinischen Fachkreise- und Laienportalen. Ihr Schwerpunkt ist die Erstellung von human- und tiermedizinischem Content für Fachkreise und Patienten.

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Als Gasbrand (auch Gasödem oder malignes Ödem genannt) bezeichnet man eine schwere bakterielle Wundinfektion. Charakteristisch ist, dass sich vermehrt Gas in der infizierten Wunde bildet. Gasbrand verläuft oft tödlich, tritt heute aber selten auf. Lesen Sie hier, woran Sie Gasbrand erkennen und wie Sie der Infektion vorbeugen.

Gasbrand durch Wundinfektion

Kurzübersicht

  • Ursachen und Risikofaktoren: Wundinfektion mit Bakterien (Clostridien), die in der Erde und im Darm von Säugetieren häufig vorkommen; Unfälle, bei denen Schmutz in Wunden gelangt; Krankheiten wie Diabetes mellitus, die die Sauerstoffversorgung im Gewebe verringern
  • Symptome: Wunden schwellen an, der Wundschmerz nimmt plötzlich zu; Verfärbung der Wunde, übelriechendes Sekret, flüssigkeitsgefüllte Bläschen, "Knistern" der Wunde bei Druck
  • Diagnostik: Anhand der Symptome, zusätzlich nimmt der Arzt Proben, die er unter dem Mikroskop auf Bakterien untersucht
  • Behandlung: Wundreinigung, abgestorbenes Gewebe wird entfernt, notfalls amputiert der Arzt betroffene Gliedmassen; gleichzeitig Antibiotika-Therapie
  • Prognose: Ohne Behandlung ist Gasbrand in 50 Prozent der Fälle tödlich (septischer Schock und Multiorganversagen); mit Behandlung gibt es gute Chancen auf Heilung
  • Vorbeugung: Wunden versorgen, reinigen und desinfizieren, grössere Wunden immer ärztlich behandeln lassen

Was ist Gasbrand?

Unter Gasbrand versteht man eine schwerwiegende Wundinfektion mit bestimmten Bakterien, den sogenannten Clostridien der Gasbrand-Gruppe. Diese Bakterien, die nahezu überall in der Umwelt vorkommen, gedeihen ausschliesslich unter Ausschluss von Sauerstoff (anaerobe Bedingungen).

Ärzte unterscheiden zwei Formen von Gasbrand. Bei der häufigeren geraten die Bakterien von aussen in die Wunde (exogene Form). Bei der anderen gelangen die Clostridien über den Darm in die Blutbahn und von dort aus in Weichteilgewebe wie die Muskulatur (endogene Form). Der endogene Gasbrand ist seltener und betrifft in erster Linie Menschen, deren Immunsystem durch eine andere Grundkrankheit geschwächt ist.

Gasbrand entwickelt sich schnell – bereits nach fünf bis 48 Stunden tritt das Krankheitsbild in Erscheinung. Die Bakterien produzieren unter Ausschluss von Sauerstoff Gase (vor allem Kohlendioxid). Dadurch bilden sich in der infizierten Wunde charakteristische Blasen, die dem Gasbrand seinen Namen verleihen. Ausserdem produzieren die Gasbrandbakterien Bakteriengifte, sogenannte Exotoxine (vor allem Phospholipase C und Cytolysin).

Diese stören unter anderem die Blutgerinnung und lösen oft einen septischen Schock aus. Dabei versagen mehrere Organe gleichzeitig (Multiorganversagen) – ohne rechtzeitige Behandlung endet der septische Schock in der Regel tödlich.

In früheren Zeiten kam Gasbrand relativ häufig vor und war wegen seines schwerwiegenden, oftmals tödlichen Verlaufs gefürchtet. Häufig gelangten die Erreger bei medizinischen Eingriffen mit unsauberen Instrumenten in den Körper. Seit das Sterilisieren und Desinfizieren Standard in der Medizin sind, sind Gasbrandinfektionen selten geworden. Ein Meilenstein in der Bekämpfung von Bakterien wie den Gasbrand-Erregern war auch die Entdeckung der Antibiotika.

Ursachen und Risikofaktoren

Ursache für Gasbrand ist eine Infektion mit Bakterien aus der Gruppe der Clostridien. Bei bis zu 80 Prozent der Gasbrand-Fälle handelt es sich um den Erreger Clostridium perfringens vom Typ A, seltener sind Infektionen mit C. novyi, C. septicum, C. hystolyticum und weiteren Bakterien aus der sogenannten Gasbrand-Gruppe.

Clostridien sehen unter dem Mikroskop stäbchenförmig aus; aufgrund des Aufbaus ihrer Bakterienwand zählt man sie zu den grampositiven Bakterien. Die Erreger vermehren sich ausschliesslich unter Sauerstoffausschluss (anaerob).

Ausserdem sind sie in der Lage, Sporen zu bilden. Diese stellen eine Art inaktive Dauerform des Bakteriums dar und sind besonders widerstandsfähig gegenüber Hitze und Desinfektionsmitteln. Sie lassen sich beispielsweise durch einfaches Händewaschen nicht zerstören. Dagegen reagiert die aktive Bakterienform normalerweise empfindlich auf Desinfektionsmittel.

Clostridium perfringens kommt in der Umwelt praktisch überall vor, besonders häufig trifft man den Gasbrand-Erreger jedoch im Erdreich sowie im Darm von Säugetieren an.

Wie infiziert man sich?

Betroffene infizieren sich, wenn ihre Wunden mit den Bakterien in Kontakt kommen, etwa bei Arbeiten mit Schmutz oder Erde (beispielsweise Gartenarbeit). Auch in Fäkalien von Tieren ist Clostridium perfringens oft vorhanden und gelangt entweder über Verletzungen (etwa bei der Stallarbeit) oder durch verunreinigte Lebensmittel in den Körper.

Auch bei Verletzungen, bei denen Schmutz in die Wunde eindringt (zum Beispiel bei Verkehrs- oder Sportunfällen), sind Infektionen mit den Erregern möglich. Gefürchtet war Gasbrand in der Vergangenheit besonders im Zusammenhang mit Kriegsverletzungen.

In früheren Zeiten erfolgten Gasbrandinfektionen häufig durch unsteriles OP-Besteck – heute spielt dieser Infektionsweg kaum mehr eine Rolle. Gelegentlich tritt Gasbrand auch bei Drogenabhängigen auf, die verunreinigte Nadeln verwenden.

Gasbrand entsteht nur, wenn sich die Bakterien unter Luftausschluss in der Wunde befinden. Ist der verletzte Bereich zum Beispiel schlecht durchblutet, etwa wenn sich durch einen Schock die Blutgefässe zusammenziehen, begünstigt dies eine Gasbrandinfektion. Auch Krankheiten, die mit einer verminderten Durchblutung und damit einer geringeren Sauerstoffversorgung des Gewebes einhergehen (zum Beispiel Diabetes mellitus oder Arteriosklerose), erhöhen das Risiko für Gasbrand.

Oft gelangen neben den Clostridien weitere Bakterien in die Wunde. Mediziner sprechen dann von einer Mischinfektion. Die beteiligten Erreger verändern unter Umständen das Milieu im infizierten Gewebe zusätzlich so, dass Gasbrand leichter entsteht.

Neben dem exogenen Gasbrand, bei dem der Erreger von aussen in den Körper gelangt ist, kommen endogene Gasbrand-Erkrankungen vor. Schwerwiegende Krankheiten, welche das Immunsystem stark schwächen, sind oft der Ausgangspunkt der Infektion. Die Bakterien, die auch im Darm vorkommen, passieren die Darmschranke und gelangen über das Blut zu den umliegenden Geweben (etwa in die Muskulatur), wo sie dann den Gasbrand hervorrufen.

Eine gewisse Gefahr für eine Infektion besteht aus dem gleichen Grund bei Operationen am Darm wie bei Blinddarm-OPs oder bei Operationen am Dickdarm. Unter ungünstigen Bedingungen gelangen die Gasbrand-Erreger dabei aus dem Darm in das umliegende Gewebe.

Woran erkennt man Gasbrand?

Die Symptome bei Gasbrand entwickeln sich schnell – im Durchschnitt etwa nach zwei Tagen. In manchen Fällen treten erste Krankheitszeichen schon nach wenigen Stunden auf, spätestens zeigen sich charakteristische Gasbrand-Symptome jedoch am dritten Tag. Folgende Symptome weisen auf eine Wundinfektion mit Gasbrandbakterien hin:

  • Der Wundschmerz nimmt auf einmal deutlich zu.
  • Das Gebiet um die Wunde herum schwillt stark an; es bildet sich ein Wundödem.
  • Der infizierte Bereich verfärbt sich bräunlich-gelb, manchmal auch blau-schwarz.
  • Die Wunde sondert trüb-braunes, übelriechendes Sekret ab.
  • Es bilden sich dunkelblaue, flüssigkeitsgefüllte Blasen unter der Haut.
  • Berührt man die betroffene Stelle, ist ein auffälliges Knistern (Krepitation) zu hören, welches auf das durch die Bakterien gebildete Gas zurückzuführen ist.
  • Die Bakteriengifte zersetzen Muskulatur und Gewebe des betroffenen Bereichs, sodass es abstirbt.

Besteht die Erkrankung weiter fort, tritt oft ein sogenannter septischer Schock auf. Bei diesem lebensbedrohlichen Zustand sinkt der Blutdruck plötzlich drastisch ab, während die Herzfrequenz stark beschleunigt ist. Die Bakteriengifte, die die Gasbranderreger absondern, stören zudem die Blutgerinnung.

In den kleinen Blutgefässen ist die Gerinnung anfangs stark gesteigert, sodass sich kleine Blutgerinnsel (Thromben) bilden. Nach einer Weile verbrauchen sich jedoch die Gerinnungsfaktoren, sodass die normale Blutgerinnung nicht mehr funktioniert. Blutungen in Haut- und Schleimhäuten und innerhalb von Organen sind die Folge. In diesem Zustand versagen in der Regel mehrere Organe gleichzeitig, Ärzte sprechen von einem Multiorganversagen.

Untersuchungen und Diagnose

Meist geht dem Gasbrand eine Verletzung voraus, die in der Regel eine ärztliche Behandlung erfordert. Beobachtet der Arzt, dass die Wunde plötzlich anschwillt und schmerzt, liegt der Verdacht auf eine Wundinfektion nahe. Der Arzt stellt die Diagnose des Gasbrands bereits aufgrund charakteristischer Symptome, wie Blasenbildung oder knisternde Geräusche im Wundbereich.

Um den Erreger zweifelsfrei zu identifizieren, entnimmt er eine Probe des Wundsekrets, gegebenenfalls auch der betroffenen Muskulatur. Die Proben werden anschliessend meist in einem Speziallabor (etwa dem Konsiliarlaboratorium für anaerobe Bakterien der Universität Leipzig) untersucht. Weil es im Fall einer Gasbrandinfektion schnell gehen muss, genügt als erste Diagnose in der Regel bereits, wenn eine sogenannte Gram-Färbung grampositive Stäbchenbakterien unter dem Mikroskop zeigt.

Manchmal lässt sich Gasbrand anhand einer vermehrten Gasansammlung im Gewebe auf einem Röntgenbild erkennen. Da Gasbrand schnell einen lebensbedrohlichen Verlauf nimmt, ist eine möglichst rasche Diagnose erforderlich.

Was tun gegen Gasbrand?

Besteht der Verdacht auf Gasbrand, leitet das Ärzteteam sofort die Behandlung ein – auch dann, wenn noch nicht alle Laborergebnisse vorliegen. Da die Erkrankung zu den schwerwiegendsten bekannten Wundinfektionen zählt und schnell voranschreitet, gilt es bei der Therapie keine Zeit zu verlieren. Die Behandlung des Gasbrands fusst im Prinzip auf zwei Säulen:

  • Wundbehandlung: Die Ärzte reinigen und desinfizieren die Wunde, abgestorbene Gewebeteile werden entfernt, notfalls werden betroffene Gliedmasse amputiert. Ziel ist es, die Wunde möglichst mit Sauerstoff in Kontakt zu bringen, damit sich die Gasbrand-Erreger nicht weiter vermehren.
  • Antibiotika-Therapie: Um die Bakterien abzutöten, setzen Ärzte Antibiotika, wie zum Beispiel Penicillin G, oft kombiniert mit Clindamycin, oder auch Cephalosporine zusammen mit Metronidazol ein.

In manchen Fällen kommt eine sogenannte hyperbare Sauerstofftherapie zum Einsatz. Dabei atmet der Patient in einem Raum, in dem ein erhöhter Luftdruck herrscht (Druckkammer), Sauerstoff ein. Dadurch soll sich der Sauerstoffgehalt im Gewebe steigern. Auch in der Luft, die die Wunde umgibt, ist der Sauerstoffgehalt erhöht. In Fachkreisen ist man allerdings unterschiedlicher Auffassung darüber, ob die hyperbare Sauerstofftherapie bei Gasbrand sinnvoll ist.

Bei einem Schock ist eine intensivmedizinische Betreuung erforderlich. Zur Schockbehandlung verabreichen Ärzte zum Beispiel Infusionen und Medikamente, die den Kreislauf stabilisieren. Kommt es zum Organversagen, muss die Organfunktion – soweit das möglich ist – vorübergehend ersetzt werden, bei Nierenversagen zum Beispiel durch eine Blutwäsche (Dialyse).

Vorbeugen

Es gibt einige Massnahmen durch die sich Wundinfektionen wie Gasbrand vermeiden lassen:

  • Wenn Sie sich eine kleine Verletzung zugezogen haben, reinigen Sie diese mit reichlich Wasser und desinfizieren Sie die Wunde anschliessend.
  • Die Behandlung von grossflächigen oder tiefen Wunden sowie von Bissverletzungen gehört grundsätzlich in die Hand eines Arztes.
  • Stark verschmutzte Wunden (etwa mit Erde, Fäkalien oder Bisswunden) sollten vorbeugend antibiotisch behandelt werden.
  • Erkrankungen wie Diabetes mellitus gehen oft mit einer verminderten Gewebedurchblutung einher. Lassen Sie als Diabetiker Wunden immer von einem Arzt untersuchen.

Gasbrand: Krankheitsverlauf und Prognose

Gasbrand ist eine relativ seltene, jedoch gefürchtete Erkrankung. Die Sterblichkeit ist mit 30 bis 50 Prozent hoch. Bei endogenem Gasbrand, der überwiegend immungeschwächte Personen betrifft, ist das Risiko, an der Erkrankung zu sterben, höher als bei exogenem Gasbrand. Wird Gasbrand frühzeitig erkannt und passend behandelt, ist eine Heilung möglich.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Pascale Huber
Pascale Huber

Pascale Huber hat Tiermedizin an der Freien Universität Berlin studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre als praktizierende Tierärztin, bis sie im Jahr 2009 in den Medizinjournalismus wechselte. Aktuell ist sie Chefredakteurin von tiermedizinischen Fachkreise- und Laienportalen. Ihr Schwerpunkt ist die Erstellung von human- und tiermedizinischem Content für Fachkreise und Patienten.

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