Fibröse Dysplasie

Von Christina Trappe
Aktualisiert am
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Die fibröse Dysplasie (Morbus Jaffé-Lichtenstein) ist eine meist angeborene Fehlbildung der Knochen. Sie tritt vor allem bei Kindern und Jugendlichen auf. Statt richtig zu wachsen, bilden einzelne Knochen nur faserige Geschwulste. Lesen Sie hier alles Wichtige zu dieser Erkrankung.

Fibröse Dysplasie Aufgeschwemmte Knochen

Kurzübersicht

  • Prognose: Grundsätzlich gut, Verlauf endet häufig mit Ende der Pubertät; auch die schwere und sehr seltene Verlaufsform McCune-Albright-Syndrom ist behandelbar
  • Ursachen und Risikofaktoren: Nicht erbliche Mutation eines spezifischen Gens (GNAS-Gen) auf Chromosom 20, Ursache ist noch nicht erforscht, tritt in der Regel vor, manchmal auch erst nach der Geburt auf
  • Symptome: Ist nur ein Knochen betroffen, bleibt die Erkrankung oft ohne Symptome, ansonsten unter anderem Knochenschmerzen; beim sehr seltenen McCune-Albright-Syndrom verschiedene Symptome, neben Knochenverformungen unter anderem verfrühte Pubertät und Pigmentstörungen
  • Diagnostik: Röntgenaufnahme, Computertomografie, Gewebeproben und weitere Untersuchungen wenn mehrere Knochen betroffen sind
  • Behandlung: Je nach Schwere und Ort Behandlung der Symptome; Schienen betroffener Knochen, Physiotherapie, chirurgische Abtragung von Knochenwucherungen; beim McCune-Albright-Syndrom Behandlung der weiteren Symptome; Therapie der Ursachen ist bislang nicht möglich

Was ist Fibröse Dysplasie?

Die fibröse Dysplasie ist eine in der Regel angeborene Erkrankung, bei der ein oder mehrere Knochen sich nicht in ihrer normalen Zellstruktur entwickeln; stattdessen entstehen Geschwulste aus faserigem Bindegewebe. Am häufigsten geschieht dies an einem Oberschenkelknochen, aber auch Schienbein, Rippen, Schädel- und Kieferknochen sind relativ oft betroffen.

Die fibröse Dysplasie beruht auf einem Gendefekt, ist jedoch nicht erblich. Männliches und weibliches Geschlecht sind gleichermassen betroffen, wobei Verlaufsformen mit mehreren betroffenen Knochen (polyostotische fibröse Dysplasie oder Jaffé-Lichtenstein-Syndrom) öfter bei Mädchen vorzukommen scheinen. Am häufigsten erkranken Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 15 Jahren, seltener auch Erwachsene.

Obwohl sie zu den häufigsten Knochenkrankheiten zählt, ist die fibröse Dysplasie insgesamt eine seltene Erkrankung. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da die fibröse Dysplasie in vielen Fällen ohne spürbare Symptome verläuft; Mediziner gehen daher davon aus, dass sie häufig nicht diagnostiziert wird.

Fibröse Dysplasie: Unterschiedliche Erscheinungsformen

Ärzte unterscheiden verschiedene Formen der Erkrankung:

  • Monostotische fibröse Dysplasie (70 Prozent): nur ein Knochen ist betroffen
  • Polyostotische fibröse Dysplasie (25 Prozent): mehrere Knochen sind betroffen (Jaffé-Lichtenstein-Syndrom)
  • McCune-Albright-Syndrom (sehr selten): fibröse Dysplasie mit "Café-au-Lait-Flecken" (Pigmentstörung) und vorzeitiger Geschlechtsreife

Das McCune-Albright-Syndrom wird oft als eigenständige Erkrankung aufgeführt, beruht aber auf derselben genetischen Grundlage wie die fibröse Dysplasie.

Ist fibröse Dysplasie heilbar?

Die fibröse Dysplasie hat eine gute Prognose. Der Verlauf variiert von Fall zu Fall. Bei manchen Erkrankten vergrössern sich die Herde im Verlauf der Pubertät schubweise, sodass die betroffenen Knochen weiter aufgetrieben werden. In der Regel entstehen allerdings keine neuen Herde. Spätestens im Erwachsenenalter kommt die fibröse Dysplasie meist zum Stillstand und der Knochen wird nicht weiter umgebaut. Drei von vier betroffenen Patienten sind unter 30 Jahre alt.

Dass sich die fibröse Dysplasie zu einem bösartigen Knochentumor (Osteosarkom) entwickelt, ist sehr selten und kommt in weniger als einem Prozent der Fälle vor. Ebenso selten sind schwere Verläufe, wenn etwa die fibröse Dysplasie die Schädelknochen betrifft und diese so verformt sind, dass sie das Gehirn in seiner Funktion einschränken.

Auch die sehr seltene Verlaufsform des McCune-Albright-Syndroms mit vielen betroffenen Knochen, vorzeitiger Pubertät und einer Vielzahl weiterer möglicher Symptome ist grundsätzlich nach den Symptomen behandelbar. Ohne Therapie haben Betroffene unter Umständen eine verminderte Lebenserwartung.

Wird eine fibröse Dysplasie frühzeitig behandelt, haben Betroffene keine Einschränkungen ihrer Lebensqualität.

Ursachen und Risikofaktoren

Die fibröse Dysplasie geht auf eine Veränderung im Erbgut zurück: Das sogenannte GNAS-Gen (Guanine nucleotide-binding protein) des 20. Chromosoms ist verändert (mutiert). Dies führt dazu, dass das Enzym Adenylylcyclase zu viel cAMP (zyklisches Adenosinmonophosphat) produziert, einen bestimmten Stoff, der eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung in der Zelle spielt.

Letztlich führt die Mutation dazu, dass die schwammartige innere Schicht des Knochens – die sogenannte Spongiosa – nicht richtig ausgebildet wird. An ihrer Stelle befindet sich eine weiche, nicht mineralisierte, bindegewebsartige Knochensubstanz (Osteoid). Die Zellen teilen sich, bevor sie richtig ausdifferenziert sind, was dazu führt, dass der Knochen oft regelrecht aufgetrieben wird.

Der Gendefekt betrifft nur Körperzellen und nicht die Keimzellen (Spermien und Eizellen) – man spricht hier von einer somatischen Mutation. Vermutlich mutiert das Gen während der embryonalen Entwicklung oder im frühen Kindesalter. Die Mutation steckt also nicht von Anfang an im Erbgut. Das bedeutet, dass der GNAS-Gendefekt nicht erblich ist. Warum es zu dieser Mutation kommt, ist noch nicht abschliessend erforscht. Die Mutation tritt manachmal bereits vor, manchmal erst nach der Geburt auf.

Wie äussert sich fibröse Dysplasie?

Die fibröse Dysplasie verläuft sehr unterschiedlich. Daher variieren die Symptome je nach Schweregrad und danach, welche Knochen betroffen sind. Während einige Betroffene völlig symptomfrei sind, zeigen sich bei anderen verschiedene Beschwerden:

  • Leicht ziehende Knochenschmerzen
  • Belastungsschmerzen (etwa bei betroffenem Oberschenkelknochen)
  • Schwierigkeiten beim Gehen, so dass manche Betroffene hinken
  • Häufige spontane Knochenbrüche bei eigentlich leichter Belastung (Ermüdungsfrakturen)
  • Äusserlich sichtbare "Beulen", Verkrümmungen und andere Veränderungen der Knochen (wie etwa ein sichtbar deformierter Gesichtsschädel)
  • Rasche körperliche Entwicklung bei betroffenen Kindern und Jugendlichen (schnelles Wachstum und frühe Pubertät)
  • Pigmentstörungen, sogenannte Café-au-Lait-Flecken

Die letzten beiden Symptome zählen zum sogenannten McCune-Albright-Syndrom; die wenigsten Menschen mit fibröser Dysplasie sind hiervon betroffen. "Café-au-Lait-Flecken" sind gleichmässig hellbraune, scharf begrenzte Flecken, die zum Beispiel auch bei der Erbkrankheit Neurofibromatose Typ 1 (Morbus Recklinghausen) auftreten. Beim McCune-Albright-Syndrom konzentrieren sie sich oft auf eine Körperhälfte – genau wie die fibröse Dysplasie beziehungsweise die von ihr betroffenen Stellen ("Herde").

Die verfrüht einsetzende Pubertät geht auf eine Veränderung im Hormonhaushalt zurück. Manchmal tritt die fibröse Dysplasie gemeinsam mit anderen hormonellen Erkrankungen auf, etwa Diabetes, Morbus Cushing oder einer Schilddrüsenüberfunktion.

Je nach betroffener Region drücken die faserigen Wucherungen auf Nerven oder Blutgefässe in oder an den Knochen, was zu Symptomen wie Schmerzen oder Durchblutungsstörungen führt.

Selten gibt es neben den Knochendeformationen bei der fibrösen Dysplasie Funktionsstörungen von Organen wie Herz, Leber, Bauchspeicheldrüse oder anderen Organen, wenn sich in diesen gutartige Tumore, sogenannte Myxome, bilden.

Häufig betroffene Knochen

Grundsätzlich sind fibröse Dysplasien in allen Knochen möglich, besonders oft treten sie aber in folgenden Regionen auf:

  • Schädelknochen
  • Gesicht, dabei häufig der Kiefer
  • Rippen
  • Oberarm
  • Hüfte
  • Oberschenkel
  • Schienbein

Fibröse Dysplasie: Untersuchungen und Diagnose

Um eine fibröse Dysplasie zu diagnostizieren, erkundigt sich der Arzt zunächst nach den Symptomen und der Krankengeschichte (Anamnese). Er fragt zum Beispiel nach möglichen Schmerzen, in welchen Situationen diese auftreten und ob eine oder mehrere Stellen betroffen sind. Bei einer körperlichen Untersuchung sieht er sich die auffälligen Stellen an und tastet sie ab, um sie auf Veränderungen zu überprüfen.

Eventuell nimmt der Arzt dem Betroffenen Blut ab. Im Fall einer fibrösen Dysplasie zeigt sich ein normaler Kalzium- und Phosphatspiegel im Blutserum; dafür ist oft der Wert für das Enzym alkalische Phosphatase erhöht. Dieser Blutwert zählt zu einer Gruppe von Enzymen, die unter anderem oft Veränderungen im Knochenstoffwechsel anzeigen.

Die wichtigste Methode, um eine fibröse Dysplasie zu diagnostizieren, ist die Röntgenuntersuchung. Nicht selten lenkt erst ein Röntgenbild den Verdacht auf die seltene Erkrankung, zum Beispiel nach einem Knochenbruch. Der Arzt sieht hierbei eine häufig spindelförmige, milchglasartig getrübte, verdickte Stelle im betroffenen Knochen, wo die Knochenstruktur durch Bindegewebe ersetzt ist. Teilweise sehen die Veränderungen wie Knochenzysten aus.

Die äussere Knochenschicht (Kortikalis) ist meist dünner als in einem gesunden Knochen. Eine Computertomografie (CT) hilft dem Arzt, die Veränderungen noch genauer zu betrachten. Dabei liegt der Untersuchte in einem speziellen Gerät, das Schicht für Schicht sehr genaue Röntgenaufnahmen des Körpers in Form von Schnittbildern anfertigt.

Ein weiteres bildgebendes Verfahren ist die Skelettszintigrafie. Mit dieser nuklearmedizinischen Untersuchung lassen sich Veränderungen im Knochenstoffwechsel anzeigen. Gibt es den Verdacht auf eine polyostotische fibröse Dysplasie, hilft die Skelettszintigrafie dabei, alle betroffenen Knochen (Herde) aufzuspüren.

Gerade wenn nur ein einzelner Knochen verändert ist (monostotische fibröse Dysplasie), ist die richtige Diagnose durch die bildgebenden Verfahren manchmal schwierig, da sich einige andere Erkrankungen ähnlich darstellen (etwa Knochenzysten, benignes fibröses Histiozytom, Hämangiom, Chondrosarkom). In dem Fall entnimmt der Arzt eine Gewebeprobe von der veränderten Stelle (Biopsie), die anschliessend unter dem Mikroskop untersucht wird.

Bei der fibrösen Dysplasie stellt sich eine typische Struktur aus unterschiedlich dichtem, kollagenhaltigem Bindegewebe dar, durchzogen von kleinen Bälkchen aus Knochengewebe (sogenannte Knochentrabekel). An ihrer Oberfläche finden sich nur wenige "Ur-Knochenzellen" (Osteoblasten), dafür strahlenförmig angeordnete Kollagenfasern.

Behandlung

Eine ursächliche Behandlung ist bei der fibrösen Dysplasie nicht möglich. Ist der Oberschenkelknochen oder das Schienbein betroffen, ist es je nach Fall sinnvoll, den Knochen zum Beispiel mit einer Schiene zu entlasten. So beugt man möglichen Knochenbrüchen an den instabilen Stellen vor.

Dies besprechen Betroffene am Besten mit einem erfahrenen Orthopäden, da es gerade im Wachstum manchmal zu weiteren Knochenverformungen kommt. Eine Physiotherapie mit Kraftübungen trägt dazu bei, die umliegenden Knochen und Muskeln zu stärken.

Verursacht die fibröse Dysplasie starke Schmerzen, werden diese meist mit Schmerzmitteln (Analgetika) eingedämmt. Ein relativ neuer Therapieansatz sind sogenannte Bisphosphonate – Medikamente, die auch zur Behandlung der Osteoporose und anderer Knochenkrankheiten eingesetzt werden. Sie scheinen eine positive Wirkung auf die Knochenschmerzen und die Bruchneigung zu haben, die die fibröse Dysplasie begleiten und verlangsamen den Verlauf der Erkrankung.

In seltenen Fällen ist die fibröse Dysplasie so ausgeprägt, dass zum Beispiel Knochen im Gesicht stark deformiert sind. Dann ist eine Operation unter Umständen aus ästhetischen Gründen sinnvoll.

Dabei plant der Chirurg die Operationen mittlerweile mit modernen 3D-Bildgebungs- und Modellierungsverfahren, so dass empfindliche Strukturen wie Nerven und Blutbahnen bei dem Eingriff geschont werden.

Vorbeugung

Eine grundsätzliche Vorbeugung der fibrösen Dysplasie ist nicht möglich, da die eigentliche Ursache für die Genveränderung bisher nicht bekannt ist. Allerdings lässt sich spezifischen Symptomen vorbeugen wie etwa Knochenbrüchen durch Schienen an der geschwächten Knochenstruktur oder beim McCune-Albright-Syndrom durch Medikamente, die die vorzeitige Geschlechtsreife hemmen.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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ICD-Codes:
Q78M85
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Adler, C.-P.: Knochenkrankheiten. Springer Verlag, 3. Auflage 2006
  • Krämer, J., Grifka, J.: Orthopädie, Unfallchirurgie. Springer Verlag, 9. Auflage 2013
  • Winkelmann, W.: Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Tumoren, tumorähnliche Erkrankungen. Thieme Verlag, 1. Auflage 2005
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