Winterdepression

Von , Masterstudium in Psychologie
Aktualisiert am
Julia Dobmeier

Julia Dobmeier absolviert derzeit ihr Masterstudium in Klinischer Psychologie. Schon seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich besonders für die Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen. Dabei motiviert sie insbesondere der Gedanke, Betroffenen durch leicht verständliche Wissensvermittlung eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen.

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Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, verfallen manche Menschen in eine Winterdepression: Sie sind niedergeschlagen und antriebslos, haben ein starkes Schlafbedürfnis und Heisshunger auf Süsses. Lesen Sie hier alles Wichtige zu Symptomen und Behandlung einer Winterdepression.

Winterdepressionen treten regelmäßig auf

Kurzübersicht

  • Symptome: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, Heisshunger auf Süsses
  • Behandlung: Lichttherapie, Antidepressiva, Psychotherapie
  • Ursachen und Risikofaktoren: Mangel an Tageslicht, gestörter Hormonstoffwechsel
  • Diagnostik: Anamnesegespräch, körperliche Untersuchung, Blutuntersuchung, Fragebögen
  • Verlauf und Prognose: Symptome klingen im Frühjahr und Sommer meist von allein wieder ab
  • Vorbeugen: Viel Aufenthalt im Freien, ggf. vorbeugend Medikamenteneinnahme oder Lichttherapie

Was ist eine Winterdepression?

Die Winterdepression gehört zu den saisonal auftretenden Störungen des Gefühlslebens (SAD = seasonal affective disorder oder saisonal abhängige Depression). Wie der Name andeutet, tritt sie in der dunklen Jahreszeit auf: Winterdepressionen beginnen in den Herbstmonaten und enden meist im Frühling. In dieser Zeit klagen die Betroffenen über Energielosigkeit und übermässige Traurigkeit. Sie haben ein ausgeprägtes Schlafbedürfnis und meist mehr Appetit als sonst, vor allem auf Süsses.

SAD treten deutlich seltener auch zu anderen Jahreszeiten, etwa im Sommer, auf. Manche Patienten mit SAD sind zudem nicht depressiv, sondern manisch. Das bedeutet, sie sind unangemessen euphorisiert, neigen zur Distanzlosigkeit und Selbstüberschätzung.

Saisonal auftretende Störungen des Gefühlslebens (SAD) wie die Winterdepression werden der Gruppe der "rezidivierenden depressiven Störungen" zugeordnet.

Nicht jede Depression im Winter ist eine Winterdepression

Natürlich erkranken auch im Winter Menschen an klassischen Depressionen. Nur etwa jede zehnte Depression, die im Winter auftritt, ist tatsächlich eine echte Winterdepression. Schätzungen zufolge leiden in Europa etwa ein bis drei Prozent der Erwachsenen an einer SAD.

Frauen sind häufiger von Winterdepressionen betroffen als Männer. Auch Kinder und Jugendliche erkranken manchmal. In südlicheren Ländern kommen Winterdepressionen insgesamt seltener vor. In den nördlicheren Breiten, wo die Winter länger und dunkler sind, sind sie häufiger.

Winterblues

Eine harmlosere – weil deutliche schwächere – Form ist der Winterblues. Antriebslos und missgelaunt schleppen sich die Blues-Betroffenen durch die dunklen Tage, richtig depressiv sind sie aber nicht. Unter Fachleuten wird diese milder verlaufende Form auch subsyndromale SAD (s-SAD) genannt.

Welche Symptome treten auf?

Die Symptome einer Winterdepression weichen in mancher Hinsicht von denen der klassischen Depression ab. So sind Menschen mit Winterdepression extrem müde bis hin zur Schlafsucht (Hypersomnie). Insbesondere am Morgen finden sie nur schwer aus dem Bett.

Ein weiteres typisches Symptom für eine Winterdepression ist ein gesteigerter Appetit und ein Heisshunger auf Kohlenhydrate, vor allem Süssigkeiten. Daher legen Betroffene im Winter regelmässig an Gewicht zu.

Stärkeres Schlafbedürfnis und Lust auf Süsses sind im Winter nichts Ungewöhnliches. Erst wenn diese Bedürfnisse ausarten und zur Belastung werden, ist eine Behandlung notwendig.

Weitere Symptome einer Winterdepression sind:

  • Energielosigkeit
  • Allgemeine Lustlosigkeit
  • Unausgeglichenheit
  • Gedrückte Stimmung
  • Gereiztheit
  • Antriebslosigkeit
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte und der eigenen Person

Was kann man gegen eine Winterdepression tun?

Es gibt verschiedene Methoden, eine Winterdepression zu behandeln. Sie kommen einzeln oder in Kombination miteinander zum Einsatz.

Ärztliche Behandlung

Eine Winterdepression belastet viele Betroffene so stark, dass sie eine Therapie beim Arzt in Anspruch nehmen. Für sie stehen eine Lichttherapie, eine medikamentöse Behandlung sowie Psychotherapie zur Verfügung.

Lichttherapie

Die wichtigste Therapieoption für Patienten mit einer Winterdepression ist die Lichttherapie, die den Tag künstlich verlängert. Dazu setzt sich der Patient zwei Wochen lang täglich vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang für maximal eine Stunde vor ein Lichtgerät mit etwa 2.500 Lux. Alternativ wird eine stärkere Lichtquelle mit 10.000 Lux verwendet. Dann reichen 30 Minuten Lichttherapie am Tag aus.

Zum Vergleich: Ein heller Sonnentag strahlt mit bis zu 100.000 Lux.

Besonders überragend ist der Effekt aber wohl nicht: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen analysierte verschiedene Studien zur Wirkung der Lichttherapie bei einer Winterdepression und kam zu dem Schluss, dass diese bestenfalls geringfügig effektiver war als eine Scheinbehandlung (Placebo).

Da der Körper für die Bildung von Vitamin D Licht braucht, entsteht in den Wintermonaten häufig ein Vitamin-D-Mangel. Dieser wird ebenfalls als Faktor bei der Entstehung einer Winterdepression diskutiert. Bisher gibt es jedoch keine Studien, die den Erfolg einer Behandlung mit Vitamin D bei einer Winterdepression belegen.

Medikamentöse Behandlung

Insbesondere bei schweren Winterdepressionen ist zusätzlich eine medikamentöse Behandlung nötig. Dabei werden Medikamente gegeben, die auch bei anderen Depressionsformen eingesetzt werden, vor allem selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI).

Auch die Einnahme von Johanniskraut hat sich bei Winterdepression bewährt. Wegen möglicher Wechselwirkungen mit diversen anderen Medikamenten muss die Einnahme aber mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Zudem darf Johanniskraut nicht in Kombination mit einer Lichttherapie angewendet werden, weil die Heilpflanze die Haut lichtempfindlicher macht, sodass die Bestrahlung leichter Hautschäden verursacht.

Psychotherapie

Zusätzlich zu Licht und Medikamenten hilft eine Psychotherapie. Zur Behandlung einer Winterdepression hat sich beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie bewährt.

Was selbst tun?

In den trüben Monaten braucht der Körper so viel natürliches Tageslicht wie möglich. Das gilt nicht nur für Menschen mit Winterdepression, sondern für jeden. Bewegen Sie sich also auch im Winterhalbjahr viel im Freien, etwa durch:

  • Radfahren
  • Joggen
  • Langlaufen oder Skifahren
  • Nordic Walking
  • Lange Spaziergänge

Die Bewegung an der frischen Luft aktiviert den Kreislauf möglichst früh am Tag. Gehen Sie also in den ersten Morgenstunden ins Freie. Übrigens: Auch ein bedeckter Himmel ist deutlich heller als jede gewöhnliche künstliche Lichtquelle.

Zudem ist ein gut durchstrukturiertes Tagesprogramm ratsam und wirkt sich bei einer Winterdepression ebenfalls positiv aus.

Was verursacht eine Winterdepression?

Wenn jemand regelmässig in der dunklen Jahreszeit depressiv wird, liegt das nach Expertenmeinung vor allem an den veränderten Lichtbedingungen im Winter: Depression in der dunklen Jahreszeit ist die Folge einer lichtbedingt veränderten Hormonproduktion.

Wenig Licht, viel Melatonin

Wenn es abends dunkel wird und weniger Licht ins Auge fällt, ist das ein Signal für die Zirbeldrüse tief im Inneren des Gehirns. Sie schüttet das Hormon Melatonin aus – der Mensch wird müde. Da im Winter die Lichtintensität insgesamt geringer ist, wird auch tagsüber mehr Melatonin ausgeschüttet.

Bei Patienten mit einer Winterdepression ist der Informationsfluss von den Sehzellen im Auge ins Gehirn gestört. Die Betroffenen haben Sehzellen, die weniger lichtempfänglich sind als bei anderen Menschen. Ist im Winter Licht Mangelware, wird ihr Gehirn daher stärker zur Produktion des Schlafhormons angeregt als ohnehin im Winter üblich. Dies ist eine mögliche Erklärung für die starke Müdigkeit und die depressiven Symptome.

Viel Melatonin, wenig Serotonin

Sehr wahrscheinlich ist auch der Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Serotonin an der Entstehung der Winterdepression beteiligt. Für die Produktion von Melatonin wandelt der Körper Serotonin um – der Serotoninspiegel sinkt. Das hat Einfluss auf das Gemüt, denn Serotonin gilt als Glückshormon. Es hebt unter anderem die Stimmung. Antidepressive Medikamente, die den Spiegel an Serotonin im Gehirn erhöhen (SSRI = Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer), bessern daher oftmals eine Winterdepression.

Fehlt dem Gehirn Serotonin, versucht es, den Mangel auszugleichen: Eine unbändige Lust auf Süsses überkommt viele Menschen mit einer Winterdepression. Zucker und einige Inhaltstoffe von Schokolade helfen nämlich, den Gehirnzellen wieder mehr Serotonin zur Verfügung zu stellen.

Verstellte biologische Uhr

Der menschliche Körper folgt einem biologischen Rhythmus. Vor allem der Schlaf-Wach-Rhythmus wird dabei über den Lichteinfall im Auge reguliert. Bei Menschen mit Winterdepressionen ist die biologische Uhr offenbar verstellt: Der Körper schüttet erst verspätet Melatonin aus, und die Produktion läuft in den Morgenstunden auf höherem Niveau weiter.

Wie wird eine Winterdepression festgestellt?

Nur ein psychiatrischer Facharzt ist in der Lage, einen leichten Winterblues von einer Winterdepression oder einer klassischen Depression zu unterscheiden. Deshalb ist es ratsam, bei trüber Stimmung in der kalten Jahreszeit einen solchen Arzt aufzusuchen.

Anamnese

Zuerst wird der Arzt Ihre Krankengeschichte erheben (Anamnese). Dazu fragt er zum Beispiel, wie häufig, wie lange und wie schwer die Symptome auftreten. Um die depressiven Symptome besser einzuschätzen, nimmt er spezielle Fragebögen zuhilfe.

Für die Diagnose einer Winterdepression sind die oben genannten, alljährlich in der dunklen Jahreszeit wiederkehrenden Symptome ausschlaggebend. Dabei treten die depressiven Symptome innerhalb mehrerer Wintersaisons auf und klingen binnen 90 Tagen wieder vollständig ab.

Weitere Aspekte des Anamnesegesprächs sind eventuelle Grunderkrankungen und die Anwendung von Medikamenten. Denn manche Präparate lösen gelegentlich Depressionen aus oder verstärken sie.

Untersuchungen

An das Anamnesegespräch schliessen sich eine körperliche Untersuchung (unter Berücksichtigung internistischer und neurologischer Aspekte), Blutuntersuchungen, Ultraschall (Sonografie) und in seltenen Fällen eine Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT) des Kopfes an.

So schliesst der Arzt andere mögliche Ursachen für die Beschwerden aus, wie zum Beispiel einen Mangel an Vitamin B12, eine Demenz oder eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose).

Wie verläuft eine Winterdepression?

Die meisten Patienten mit einer Winterdepression haben eine gute Prognose, denn in der Regel hilft eine konsequente Behandlung. Im Frühling kündigt sich die Besserung mit Leistungssteigerung und Aktivitätszunahme an, im Sommer sind die Betroffenen symptomfrei.

Selten kommt es nach Abklingen der Winterdepression im März bis Mai zu einer Nachschwankung mit einer sehr gehobenen Stimmungslage. Die Übergänge zu einer manisch-depressiven Erkrankung (bipolaren Störung) sind hier fliessend. Ein Facharzt für Psychiatrie ist in der Lage, die verschiedenen Krankheitsbilder voneinander abzugrenzen.

Sind schon mehrere saisonal bedingte depressive Episoden (SAD) aufgetreten, ist die Gefahr relativ gross, im nächsten Herbst wieder mit der Stimmung einzubrechen. Der Rückkehr einer Winterdepression lässt sich mit einer antidepressiven Dauertherapie wirkungsvoll vorbeugen (Prophylaxe).

Wie lässt sich einer Winterdepression vorbeugen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einer Winterdepression vorzubeugen:

  • Bewegen Sie sich auch im Winterhalbjahr viel im Freien, um Tageslicht zu tanken.
  • Beginnen Sie gegebenenfalls vorbeugend im Herbst mit einer Lichttherapie, wenn Sie schon in den Vorjahren unter Winterdepression litten.
  • Je nach Schwere der Winterdepression ist – wie bei anderen Depressionen – möglicherweise die vorbeugende Einnahme von Antidepressiva sinnvoll. Diese werden dann in geringer Dosierung das ganze Jahr über eingenommen. Besprechen Sie dies in jedem Fall mit einem Arzt.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl
Autor:
Julia Dobmeier
Julia Dobmeier

Julia Dobmeier absolviert derzeit ihr Masterstudium in Klinischer Psychologie. Schon seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich besonders für die Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen. Dabei motiviert sie insbesondere der Gedanke, Betroffenen durch leicht verständliche Wissensvermittlung eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen.

ICD-Codes:
F53F39F92F33F34
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Dilling, H. & Freyberger, H. J.: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. Huber Verlag, 9. Auflage, 2019
  • Fischer-Börold, C & Krumme, F.: Depressionen. Schlütersche Verlagsgesellschaft, 1. Auflage, 2007
  • Hegerl, U. et al.: Das Rätsel Depression. Eine Krankheit wird entschlüsselt. Beck Verlag, 3. Auflage, 2016
  • Hegerl, U. & Niescken, S.: Depressionen bewältigen. Die Lebensfreude wiederfinden. Trias-Verlag, 3. Auflage, 2013
  • Huber, G.: Psychiatrie. Schattauer-Verlag, 7. Auflage, 2005
  • Krause, R. & Stange, R.: Lichttherapie. Springer-Verlag, 1. Auflage, 2012
  • Leucht, S. & Förstl, H.: Kurzlehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme Verlag, 2. Auflage, 2018
  • Machleidt, W. et al.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme Verlag, 7. Auflage, 2004
  • Margraf, J. & Schneider, S.: Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Springer Verlag, 4. Auflage, 2018
  • Mehler-Wex, C.: Depressive Störungen (Manuale Psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen). Springer-Verlag, 1. Auflage, 2008
  • Renneberg, B. et al.: Einführung Klinische Psychologie. Ernst Reinhardt Verlag, 1. Auflage, 2009
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