Omikron: Wie gefährlich ist die neue Corona-Mutante?

Von , Medizinredakteurin
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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Eine neue Corona-Variante überrollt nun auch Europa: Omikron. Was weiß man bislang darüber, wie gut wirken die Impfstoffe und wie groß ist die Gefahr? Ein Update.

Testprobe mit Omikron-Variante

Was ist Omikron?

Omikron (B.1.1.529) ist der Name einer neuartigen Variante von Sars-CoV-2. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sie am 26. November als "besorgniserregend" eingestuft ("Variant of Concern").

Aus dem südlichen Afrika kommend, breitet sie sich inzwischen auch zunehmend in Europa aus. Vor allem Dänemark und Grossbritannien sind bereits betroffen. Es bestehen aber keine Zweifel, dass die hochansteckende Variante auch im übrigen Europa bald das Infektionsgeschehen bestimmen wird.

Experten hatten schon zu Beginn der Pandemie immer wieder davor gewarnt, dass sich in Regionen der Welt, die schlecht mit Impfstoff versorgt sind, neue, potenziell gefährlichere Varianten entwickeln könnten. Das könnte hier der Fall sein.

Warum stufen Experten Omikron als besorgniserregend ein?

Es gibt zwei entscheidende Gründe, warum Omikron den Experten Sorge bereitet.

Erstens: Schnelle Ausbreitung durch hohe Ansteckungskraft

Wo Omikron hinkommt, breitet es sich sehr stark aus. In Dänemark beispielsweise, das am 9. September dank der guten Impfquote alle Coronamassnahmen beenden konnte, ist die Zahl der Neuinfektionen inzwischen so hoch wie noch nie in der Pandemie: Am 14. Dezember waren es rund 8300 Fällen innerhalb von 24 Stunden, gab das staatliche Serum-Institut SSI bekannt. Insgesamt habe man 4535 Fälle von Omikron bestätigt. Experten vermuten, dass an der rasanten Ausbreitung Superspreader-Events beteiligt sind.

Auch Daten aus Grossbritannien bestätigen, dass Omikron sogar noch deutlich ansteckender zu sein scheint als die derzeit im übrigen Rest der Welt grassierende Deltavariante. "Es breitet sich mit phänomenaler Geschwindigkeit aus", sagte Gesundheitsminister Sajid Javid am 13. Dezember. "So etwas haben wir noch nie beobachtet."

Demnach infizieren sich in Grossbritannien schätzungsweise 200.000 Menschen pro Tag mit der Omikron-Variante - und ihre Zahl verdoppelt sich alle zwei bis drei Tage. Bis Ende Dezember könnte sich so eine Million Menschen mit der neuen Variante angesteckt haben.

Die neue Variante in Schach zu halten und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, ist dementsprechend noch einmal schwieriger als bei der Deltavariante.

Zweitens: Zahlreiche Mutationen – geringerer Immunschutz?

Omikron weist im Vergleich zu anderen Sars-CoV-2-Varianten, die sich in der Vergangenheit ausgebreitet haben, deutlich mehr Mutationen auf. Inzwischen hat sich bestätigt, dass es sich um eine Teil-Escape-Mutante handeln - also eine Variante, die dem Immunschutz durch Impfung (oder durch eine vorangegangene Infektion) zumindest teilweise entkommen könnte.

Insgesamt zählten Experten der BBC zufolge 50 Mutationen im Omikrongenom. Darunter sind solche, die der Delta-Variante die rasante Ausbreitung ermöglicht haben, ebenso wie solche, die der Beta-Variante ermöglichten, einen aufgebauten Immunschutz teilweise zu umgehen, erklärte Prof. Ravi Gupta von der University of Cambridge gegenüber der BBC.

Mehr als 30 Mutationen betreffen zudem das Spikeprotein, auf das die aktuell in Europa zugelassenen Corona-Impfungen abzielen.

Wie gefährlich die neue Kombination tatsächlich ist, lässt sich allerdings noch nicht abschätzen. "Man versteht nicht immer gleich, was Mutationen dann im echten Leben machen", sagte auch Charité-Virologe Christian Drosten in einem ZDF-Interview.

Angesichts der Vielzahl der Mutationen vermuten manche Infektiologen, dass das Virus in einem Menschen mit schwachen Immunsystem entstanden sein könnte - beispielsweise einer Person mit ungenügend behandelter HIV-Infektion oder anderweitig geschwächtem Immunsystem. Zieht sich eine Corona-Infektion bei solchen Menschen über Wochen oder gar Monate hin, hätte das Virus genug Zeit, häufiger an verschiedenen Stellen zu mutieren - so die Hypothese.

Wie gut wirken die aktuellen Impfstoffe gegen Omikron?

Dass die Schutzwirkung der Impfungen gegenüber Omikron weniger gut ist, scheint inzwischen festzustehen. Zwei Impfdosen allein reichen nicht mehr aus - insbesondere, wenn die letzte Dosis schon Monate her ist.

Ersten britischen Daten zufolge ist der Schutz vor einer Corona-Infektion bei zweimaliger Impfung mit BioNTech nach 15 Wochen auf 34 Prozent reduziert. Bei doppelt mit AstraZeneca Geimpften scheint die Ansteckungsgefahr gegenüber Omikron nach sechs Monaten sogar gänzlich verschwunden zu sein.

Doch das betrifft nur die Ansteckung - und damit die Verbreitung -, aber glücklicherweise nicht den Krankheitsverlauf. Denn hier kommt es weniger auf die Antikörperwirkung an, die nach und nach aus dem Blut verschwinden, sondern auf das Immungedächtnis - die zweite Abwehrlinie des Körpers. Experten rechnen damit, dass der Impfschutz vor schweren Verläufen auch gegenüber Omikron noch immer sehr gut ausfällt. Wie stark er tatsächlich ist, muss sich noch zeigen.

Wie gut schützt Boostern vor Omikron?

Mit einer Boosterimpfung lässt sich die Gefahr, sich anzustecken, aber wieder erheblich senken, zeigen übereinstimmend verschiedene Untersuchungen. Experten aus ganz Europa raten daher dringend zum Boostern (mehr dazu lesen Sie im Beitrag "Boostern gegen Omikron: Jetzt erst recht!").

Fest steht: Jede Impfung und jede Boosterimpfung bereiten den Körper auch auf neue Varianten von Sars-CoV-2 vor. "Keiner kann im Moment sagen, was da auf uns zukommt. Was man aber wirklich mit Sicherheit sagen kann: Es ist besser, wenn man geimpft ist. Und es ist noch besser, wenn man geboostert ist", sagte Drosten.

Sowohl Moderna als auch BioNTech Pfizer haben bereits damit begonnen, die Impfstoffe auf eine mögliche Umstellung zum Schutz vor der Omikron-Variante vorzubereiten.

Ist Omikron für Kinder gefährlicher?

Aus Südafrika melden Mediziner derzeit, dass mit Omikron infizierte Kleinkinder häufiger ins Krankenhaus müssen, als dies bei anderen Coronavarianten der Fall war. "Es gibt eine Zunahme bei Krankenhauseinlieferungen von Kindern der Altersgruppe bis fünf Jahre", sagte die Wissenschaftlerin Michelle Groome vom Nationalen Institut für übertragbare Krankheiten NICD laut Süddeutscher Zeitung.

Im Grossraum um die Hauptstadt Pretoria wurden ersten Beobachtungen zufolge bis Ende der ersten Dezemberwoche rund 100 Kinder unter fünf Jahren stationär behandelt. Damit stellen sie nach der Gruppe älterer Menschen ab 60 Jahren den grössten Anteil an coronainfizierten Krankenhauspatienten. Allerdings sind die derzeitigen Gesamtzahlen auch diesbezüglich so niedrig, dass man keine sichere Prognose ableiten kann.

Aus Grossbritannien und Dänemark sind bislang keine ähnlichen Beobachtungen bekannt.

Macht das Virus kränker als vorherige Varianten?

Wie krank das Virus macht, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen. Dafür reichen die Daten noch nicht aus.

In der BBC hat die Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, Dr. Angélique Coetzee, von eher milden Verläufen berichtet. Allerdings betrafen die Infektionen vor allem junge Menschen, und zwar vielfach auch solche, die bereits eine Infektion überstanden hatten.

"Was wir im Moment noch gar nicht sagen können, ist, wie sich das bei uns verhält. Denn hier hat das Virus andere Bedingungen als in Südafrika", erklärte Drosten im ZDF.

Coetzee warnt im britischen "Telegraph", dass die neue Variante des Coronavirus vorerkrankte ältere Menschen auch deutlich härter treffen könnte. In Südafrika sind nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt.

In Grossbritannien hat sich das bestätigt: Das Land hat inzwischen seinen ersten Omikron-Toten. Selbst wenn sich die Variante doch noch als weniger gefährlich erweisen sollte als seine Vorgänger, könnte die schiere Masse der Infektionen am Ende dann doch so viele Menschen ins Krankenhaus bringen, dass das Gesundheitssystem überfordert wäre.

Verschärfend käme hinzu, dass sich voraussichtlich auch viele Mitarbeiter aus dem Gesundheitssektor anstecken würden, die dann krankheitsbedingt oder durch Quarantäne ausfielen.

Welche Symptome verursacht Omikron?

Auch dazu lässt sich derzeit noch nichts Seriöses sagen. Dem südafrikanischen Ärzteverband zufolge berichten Erkrankte überwiegend von starken Gliederschmerzen sowie einer extremen Müdigkeit.

Doch angesichts der geringen Zahl an beschriebenen Fällen, lassen sich daraus noch keine klaren Rückschlüsse ableiten. Aus Grossbritannien und Dänemark gibt es noch keine Angaben. Ob sich die Symptome von Omikron tatsächlich von der ursprünglichen, der Alpha- und der Deltavariante von Sars-CoV-2 unterscheiden, werden Infektiologen erst in einigen Wochen beurteilen können.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Classification of Omicron (B.1.1.529): SARS-CoV-2 Variant of Concern, WHO, 26. November 2021
  • Covid: South Africa 'punished' for detecting new Omicron variant, BBC-News, 28.11.2021
  • Elisabetta Cameroni et al.: Broadly neutralizing antibodies overcome SARS-CoV-2 Omicron antigenic shift, nature, 23 Dez 2021
  • Frederik Plesner Lyngse et al.: SARS-CoV-2 Omicron VOC Transmission in Danish Households, Preprint BMJ Yale, 27. Dez 2021, doi: https://doi.org/10.1101/2021.12.27.21268278
  • Lin T. Brandal et al.: Outbreak caused by the SARS-CoV-2 Omicron variant in Norway, November to December 2021 separator commenting unavailable, Europe's journal on infectious disease surveillance, epidemiology, prevention and control, 16. Dez. 2021
  • NDR Coronavirus-Update Nr. 107, 3. Jan 2022
  • Press release: Boosters continue to provide high levels of protection against severe disease from Omicron in older adults, UK Health Security Agency, www.gov.uk, 7. Jan 2022
  • SARS-CoV-2 variants of concern and variants under investigation in England - Technical briefing 31, 10. Dezember 2021
  • SARS-CoV-2 variants of concern and variants under investigation in England, Technical briefing: Update on hospitalisation and vaccine effectiveness for Omicron VOC-21NOV-01 (B.1.1.529), UK Health Security Agency , 31. Dezember 2021
  • South African doctor who raised alarm about omicron variant says symptoms are ‘unusual but mild’, The Telegraph, 27.11.2021worried should we be? BBC-News, 26.11.202
  • Wissenschaftler: Kleinkinder nicht vor Omikron gefeit, SZ vom 3.12.2021
  • Wöchentlicher Sttuationsbericht des RKI zum Neuartigen Coronavirus, 06.Jan 2022 www.rki.de,
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