China-Restaurant-Syndrom

Von 
Aktualisiert am
Dr. med. Mira Seidel

Dr. med. Mira Seidel ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Das China-Restaurant-Syndrom bezeichnet eine pseudoallergische Reaktion, die manche Menschen nach dem Verzehr von asiatischem Essen entwickeln. Zu den Symptomen gehören zum Beispiel Schwäche, Kopfschmerzen oder Herzrasen. Lange galt Mononatriumglutamat, ein Geschmacksverstärker, als der Verursacher. Dies konnte bisher jedoch wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Erfahren Sie hier, was hinter dem China-Restaurant-Syndrom steckt.

In vielen asiatischen Speisen befindet sich Glutamat

Kurzübersicht

  • Ursachen: Als Auslöser diskutieren Experten den Geschmacksverstärker Glutamat (Mononatriumglutamat). Es gibt jedoch bis dato keine wissenschaftlichen Beweise.
  • Risikofaktoren: Bei Betroffenen sind asiatische Speisen sowie andere mit Geschmacksverstärker versetzte, industriell gefertigte Fertiglebensmittel ein Risiko.
  • Symptome: Von Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel und Schwitzen über Kribbeln und Ausschläge bis hin zu Herzrasen und Brustenge
  • Diagnostik: Da es keinen Beleg für eine Glutamatunverträglichkeit gibt, untersuchen Allergologen auf andere Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten.
  • Behandlung: Keine Behandlungsmöglichkeiten bekannt
  • Prognose: Keine genaue Prognose möglich, bei Betroffenen ändern sich die Symptome oft im Laufe der Zeit
  • Vorbeugung: Bei bekannter Empfindlichkeit sollte auf glutamathaltige Speisen verzichtet werden.

Was ist das China-Restaurant-Syndrom?

Das China-Restaurant-Syndrom wurde erstmals 1968 beschrieben, als ein Arzt in den USA nach einem Besuch in einem chinesischen Lokal plötzlich bei sich merkwürdige Symptome bemerkte und seine Entdeckung publizierte.

Das neu entdeckte China-Restaurant-Syndrom wurde scheinbar durch bestimmte Zutaten im chinesischen Essen ausgelöst. Im Verdacht standen der Wein, ein hoher Natriumgehalt und das Gewürz Glutamat (Mononatriumglutamat). Vor allem Mononatriumglutamat geriet in Verruf und wurde als Hauptursache für das China-Restaurant-Syndrom angesehen.

Daher rührt die synonyme Bezeichnung „Glutamat-Unverträglichkeit“, die für das China-Restaurant-Syndrom oft verwendet wird. Einen direkten Zusammenhang zwischen Glutamatverzehr und China-Restaurant-Syndrom liess sich bisher durch keine Studie belegen. Es ist jedoch möglich, dass es Menschen gibt, die sensibler auf Glutamat reagieren.

Tausendsassa Glutamat

Mononatriumglutamat, häufig einfach nur „Glutamat“ genannt, wird von bestimmten Geschmacksrezeptoren auf der Zunge wahrgenommen und ruft den Geschmack umami, zu Deutsch: „schmackhaft“, hervor. Durch Glutamat schmecken Speisen vollmundiger und reichhaltiger, ausserdem verstärkt Glutamat den Geschmack anderer Nahrungsmittel – es gilt deswegen auch als Geschmacksverstärker.

Physiologisch betrachtet, hilft der Umami-Geschmack dem Körper, proteinreiche Nahrung zu erkennen. Ausser Glutamat gibt es nur wenige andere Stoffe, die „umami“ schmecken wie etwa die Aspartate, Salze der Asparaginsäure.

Glutamat ist ein natürlicher Bestandteil vieler Lebensmittel. Sein Anteil in tierischen Eiweissen beträgt bis zu 40 Prozent und in pflanzlichen Eiweissen sogar bis zu 20 Prozent. Viel natürliches Glutamat enthalten zum Beispiel Parmesankäse, Tomaten, Fisch und Soja. Sie werden deswegen oft zum Würzen, etwa als Sojasosse und Tomatenmark, verwendet.

In Mitteleuropa nehmen Menschen rund zehn bis zwanzig Gramm natürliches Glutamat pro Tag auf. Glutamat ist in Lebensmitteln vorwiegend an Proteine gebunden. Dieses gebundene Glutamat macht den grössten Teil der täglichen Aufnahme aus. Nur rund ein Gramm der durchschnittlichen täglichen Aufnahme sind in natürlichen Lebensmitteln als nicht-gebundenes, sondern freies Glutamat verfügbar.

Vor allem dieses freie Glutamat wird als Geschmack wahrgenommen. Es wird daher als zugelassener Zusatzstoff und Geschmacksverstärker oft Speisen zusätzlich beigefügt. Nur das freie Glutamat wird mit dem China-Restaurant-Syndrom in Zusammenhang gebracht.

Glutamat ist als unbedenklich geltender Lebensmittelzusatzstoff EU-weit zugelassen (mit den E-Kennungen E620 bis E 625). Es gilt offiziell als "Würzmittel". Eine zulässige Höchstmenge ist nicht definiert. An zusätzlichem freiem Glutamat als Geschmacksverstärker nehmen Europäer dabei pro Tag durchschnittlich 0,3 bis 0,6 Gramm mit der Nahrung auf, Menschen in Asien etwa 1,7 Gramm.

China-Restaurant-Syndrom: Symptome

Die Beschwerden eines China-Restaurant-Syndroms treten etwa eine bis 14 Stunden nach dem Essen auf. Betroffene berichten von Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindel, Schwitzen, Kribbeln, geröteten Hautpartien, Herzrasen und Brustenge.

Kinder zeigen meist andere Symptome wie Zittern, Erkältungsbeschwerden, Reizbarkeit, Schreien und Fieberwahn. Mononatriumglutamat soll ausserdem Nesselsucht und Schwellungen im Gesicht (Angio-Ödem, Quinke-Ödem) hervorrufen.

China-Restaurant-Syndrom und Asthma

Zudem hatten Experten zunächst vermutet, dass Glutamat ein Auslöser von Asthma sei. Studien dazu widerlegten jedoch diesen Verdacht. Eine Gruppe von Forschern zeigte in einer weiteren Untersuchung, dass Mononatriumglutamat unter anderem als Ursache für ganzjährigen allergischen Schnupfen (ganzjährige allergische Rhinitis) in Betracht komme. Dieser Zusammenhang wurde allerdings nur in Einzelfällen beobachtet. Es besteht dahingehend noch mehr Forschungsbedarf.

Insgesamt erinnern die Symptome des China-Restaurant-Syndroms an eine allergische Reaktion. Da es jedoch keine Allergie ist, sprechen Experten von einer sogenannten pseudoallergischen Reaktion.

Ursachen und Risikofaktoren

Das China-Restaurant-Syndrom hat seit der Erstbeschreibung viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine Glutamat-Allergie liess sich jedoch in einer Studie, an der 130 Betroffene mit selbst-diagnostiziertem China-Restaurant-Syndrom teilnahmen, nicht beweisen.

Tatsächliche Beschwerden traten vor allem dann auf, wenn in kurzer Zeit mehr als drei bis fünf Gramm Mononatriumglutamat aufgenommen wurden. Durch den Verzehr normaler Lebensmittel sind derart grosse Mengen nicht erreichbar.

Viele Menschen, die von einem sogenannten China-Restaurant-Syndrom berichten, deuten ihre Beschwerden nicht richtig. Meist stecken andere Auslöser als das Glutamat dahinter, beispielsweise Histamin oder ein hoher Fett- und/oder Natriumgehalt. Möglicherweise werden solche Symptome auch durch die Wechselwirkung oder Zusammenwirkung mit Glutamat ausgelöst.

Ferner belegten Studien, dass es einen sogenannten Nocebo-Effekt im Zusammenhang mit dem China-Restaurant-Syndrom gibt. Allein die Befürchtung, Glutamat zu sich zu nehmen, führte bei Studienteilnehmern zu Symptomen, selbst wenn sie kein Glutamat aufnahmen.

Glutamat als unbedenklich eingestuft

Da Studien bislang keinen Beweis für den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Mononatriumglutamat und dem China-Restaurant-Syndrom lieferten, wurde es von Gesundheitsbehörden als gesundheitlich unbedenklich eingestuft.

Seitdem wird Mononatriumglutamat in grossen Mengen industriell hergestellt und als zusätzliche Würze in Lebensmitteln eingesetzt, besonders in asiatischem Essen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass es die Glutamat-Unverträglichkeit nicht gibt. Manche Menschen reagieren empfindlicher auf Glutamat als auf andere Bestandteile.

Wie wird das China-Restaurant-Syndrom diagnostiziert?

Bei Verdacht auf China-Restaurant-Syndrom sollten Betroffene einen Allgemeinmediziner aufsuchen, auch um eine allergische Reaktion auf andere Lebensmittel auszuschliessen. Eine detaillierte Krankheitsgeschichte, eine körperliche Untersuchung und ein Allergietest sind für den Arzt hilfreich, um die richtige Diagnose zu stellen. Mögliche Fragen des Arztes sind etwa:

  • Haben Sie Allergien? Leiden Sie beispielsweise unter Heuschnupfen?
  • Haben Sie Asthma?
  • Treten die Symptome immer in Verbindung mit bestimmten Nahrungsmitteln auf?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Wenn ja, welche?
  • Leiden Sie unter psychischen Belastungen wie Stress, depressiven Verstimmungen oder körperlichem Stress (z.B. durch intensiven Sport)?
  • Treten die Symptome in fremder Umgebung, wie beispielsweise in freier Natur oder in Wohnungen mit Haustieren, auf?

Eine Allergie auf Nüsse oder Meeresfrüchte ist viel häufiger als Allergien gegen Nahrungsmittelzusätze. Deshalb wird der Arzt eine Lebensmittelallergie bei Beschwerden des China-Restaurant-Syndroms immer in Betracht ziehen und abklären.

Dazu führt der Arzt oft einen Hauttest am Unterarm oder Rücken durch, einen sogenannten Pricktest. Durch eine Blutabnahme lassen sich Antikörper gegen bestimmte Allergene nachweisen. Ist der Zusammenhang der auftretenden Symptome unklar, ist zum Beispiel ein Symptom-Ernährungs-Tagebuch hilfreich.

Eine Ausschluss- und Provokationsdiät liefert oft gute Hinweise. Dabei lässt man das verdächtigte Nahrungsmittel mehrere Wochen aus (Ausschlussdiät), um es dann im Abstand von mehreren Tagen nach und nach wieder in den Speiseplan zu integrieren (Provokationsdiät). Eine solche Diät ist aufwändig und sollte in spezialisierten Arztpraxen oder Kliniken durchgeführt werden.

Was hilft gegen das China-Restaurant-Syndrom?

Gegen das China-Restaurant-Syndrom gibt es keine spezielle Therapie, ausser die Vermeidungstherapie: Betroffene, die glauben, unter dem China-Restaurant-Syndrom zu leiden, sollten auf entsprechende Speisen verzichten. Die Patienten verzichten auf chinesische Suppen oder Würzsossen, da diese besonders viel Glutamat enthalten.

Glutamat ist ein Geschmacksverstärker und daher ein beliebter Zusatz bei Fertiggerichten. Allgemein empfiehlt es sich, auf seine Ernährungsgewohnheiten zu achten und von Fertignahrung und Fastfood auf natürliche, nicht verarbeitete Nahrungsmittel umzusteigen. Versuchen Sie, möglichst ohne Glutamat auszukommen, und verwenden Sie stattdessen lieber frische Kräuter als Gewürz.

Vorbeugen

Wie erkennt man glutamathaltige Nahrungsmittel? Alle verarbeiteten, verpackten Nahrungsmittel haben eine Zutatenliste, die alle Inhaltsstoffe in der Reihenfolge ihres Mengenanteils auflistet. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich also: Jeder in der EU zugelassene Nahrungsmittelzusatz hat eine E-Nummer. Sie ist in allen Mitgliedsländern identisch. Glutamat verbirgt sich hinter den E-Nummern E620 bis 625.

Auch unter den Namen Hefeextrakt, Aroma und Würze verbirgt sich Glutamat, jedoch meist schwächer konzentriert. In der EU gilt Glutamat als sicherer Nahrungsmittelzusatz, da es für ein China-Restaurant-Syndrom keine wissenschaftlichen Nachweise gibt. 

Darüber hinaus sollten Betroffene bei bekannten Beschwerden den Verzehr von glutamathaltigen Speisen, wie zum Beispiel asiatisches Essen, vorsichtshalber vermeiden. Unter Umständen steht hinter den Beschwerden eine andere Lebensmittelallergie. Wer also nach dem Verzehr einer bestimmten Speise Symptome zeigt, tut gut daran, diese Speise in Zukunft zu vermeiden.

Krankheitsverlauf und Prognose

Da Experten bis heute nicht verstanden haben, was genau das China-Restaurant-Syndrom und dessen eigentliche Ursache sind, lassen sich zum Krankheitsverlauf kaum oder keine Prognosen machen. Die Symptome verändern sich oft im Laufe der Zeit. Sie verstärken sich oder schwächen sich ab. Meist begleiten sie Betroffene ein Leben lang, nachdem sie zum ersten Mal aufgetreten sind.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Aktualisiert am :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Dr. med. Mira Seidel
Dr. med.  Mira Seidel

Dr. med. Mira Seidel ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion.

Quellen:
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Glutamat: keine neuen Empfehlungen notwendig, unter: www.dge.de (Abruf 10.12.2021)
  • Trautmann, A. & Kleine-Tebbe, J.: Allergologie in Klinik und Praxis, Georg Thieme Verlag, 3. Auflage, 2017
  • UpToDate; Allergic and asthmatic reactions to food additives, unter: www.uptodate.com (Abruf 10.12.2021)
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich