Ballismus

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Als Ballismus bezeichnet man eine seltene Bewegungsstörung, die sich durch Symptome wie unwillkürliche, schleudernde Bewegungen von Armen und Beinen äussert (ballistische Bewegungen). Die Ursache ist eine Schädigung eines bestimmten Hirnareals. Zur Behandlung kommen Medikamente gegen Epilepsie zum Einsatz. Lesen Sie hier alles zu Symptomen, Diagnostik und Therapie des Ballismus!

Illustration des Gehirns

Kurzübersicht

  • Symptome: Schleudernde, grosse Bewegungen der Extremitäten, ausgehend von den körpernahen Abschnitten wie Oberarme und Oberschenkel. Nicht willentlich kontrollierbar, verstärkt bei äusseren Reizen oder Aufregung, Aussetzen im Schlaf oder in Narkose, Gesichts-Grimmassieren
  • Ursachen: Schädigung bestimmter Hirnareale des Zwischenhirns infolge von Verletzungen, Raumforderungen, Entzündungen, Infektionen (wie Toxoplasmose bei AIDS)
  • Diagnose: Anhand des typischen Bewegungsmusters, neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren (CT, MRT), Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion), evtl. Elektroenzephalografie (EEG)
  • Behandlung: Medikamente zur Unterdrückung der ballistischen Attacken, Neuroleptika, Antikonvulsiva, Parkinson-Mittel, ggf. Operation
  • Verlauf und Prognose: Manchmal spontane Rückbildung binnen zwei Monaten, häufiger bleibende Symptome
  • Vorbeugen:Keine spezifische Massnahme zur Vorbeugung bekannt

Was ist Ballismus?

Das Wort Ballismus stammt aus dem Griechischen und bedeutet „werfen“ oder „schleudern“.

Der Ballismus ist ein neurologisches Krankheitsbild, das mit typischen Bewegungsstörungen einhergeht. Diese äussern sich als weit ausfahrende, schnelle und schleudernde Bewegungsfolgen (ballistische Bewegungen), die impulsartig auftreten. Das Schleudern bezeichnet man auch als Jaktation. Die Bewegungsstörung entsteht als Folge einer Hirnschädigung. Diese hat wiederum unterschiedliche Ursachen (etwa Verletzungen, Infektionen, Tumore).

Der Ballismus zählt zu den sogenannten hyperkinetischen Bewegungsstörungen. Hyperkinetisch bedeutet: mit „übermässiger Energie“.

Oft tritt der Ballismus einseitig auf. In diesem Fall spricht man vom Hemiballismus. Ähnliche überschiessende Bewegungen treten bei der Chorea oder auch der Athetose auf. Zum Teil wird der Ballismus auch als eine Form von Chorea verstanden. Damit bezeichnet man schnelle und unkontrollierbare Bewegungen des Gesichts und der stammfernen Abschnitte der Arme und Beine.

Was sind typische Symptome von Ballismus?

Typische Symptome von Ballismus sind die schleudernden, plötzlichen Bewegungen der Betroffenen. Diese treten manchmal beidseitig, häufiger jedoch halbseitig auf. Es handelt sich um grosse, weit ausfahrende, raumgreifende Bewegungen. Der Erkrankte ist nicht in der Lage, diese zu kontrollieren. Ärzte bezeichnen dieses Bewegungsmuster auch als ballistische Bewegungen.

Besonders ausgeprägt ist diese Bewegungsstörung an den rumpfnahen Abschnitten der Arme und Beine, also den Oberarmen und Oberschenkeln. Während der meist schubweise auftretenden Ballismus-Attacken besteht eine hohe Verletzungsgefahr für den Betroffenen, da die Bewegungen unkontrolliert ablaufen.

Zu den Symptomen des Ballismus zählt ausserdem ein unkontrolliertes Gesichts-Grimmassieren, das manchmal von Weinen oder Lachen begleitet ist. Dabei verziehen Betroffene ihr Gesicht plötzlich und unwillkürlich in Grimassen.

Äussere Reize, erhöhte Aufmerksamkeit oder psychische Erregung verstärken in der Regel die Symptome des Ballismus. Während des Schlafs oder in Narkose treten die Symptome hingegen nicht auf.

Ballismus: Ursachen und mögliche Erkrankungen

Ursache für den Ballismus ist ein Schaden im Bereich der Bewegungskontrolle des Gehirns (unter anderem Globus pallidus, Putamen oder Nucleus caudatus). Oft handelt es sich dabei um eine spezielle Hirnregion, den sogenannten Nucleus subthalamicus. Dieser Kern (=Nucleus) grauer Hirnsubstanz gehört zum sogenannten Zwischenhirn. Er befindet sich an einer zentralen Position im Gehirn unterhalb einer wichtigen Umschaltstelle für ein- und ausgehende Nervensignale, dem Thalamus.

Der Nucleus subthalamicus ist in einen wichtigen Regelkreis der Bewegungssteuerung und -regulation eingebunden und hat eine hemmende Funktion. Da das Gehirn aus zwei Hälften besteht, gibt es ihn zweimal. Fällt er nur auf einer Seite aus, tritt die Bewegungsstörung auch nur einseitig auf (Hemiballismus). Eine Überaktivität des Nucleus subthalamicus hingegen führt zu hypokinetischen Bewegungsstörungen, das heisst, dass Betroffene besonders bewegungsarm sind.

In den meisten Fällen ist eine (zeitweise) Blutunterversorgung dieses Nucleus subthalamicus durch eine Blutung oder einen Gefässverschluss für die Ballismus-Symptome verantwortlich. Aber auch Infektionen (wie Syphilis, Tuberkulose, Toxoplasmose im Stadium AIDS) sowie Tumore und Metastasen zählen zu den Ursachen für eine Schädigung des Nucleus subthalamicus. In seltenen Fällen sind Hirnverletzungen für den Ballismus verantwortlich.

Ballismus: Wann sollten Sie zum Arzt?

Ballismus ist immer ein ernst zu nehmendes Symptom, das von einem Neurologen abgeklärt werden muss.

Was macht der Arzt?

Der Spezialist für Diagnose und Therapie des Ballismus oder Hemiballismus ist der Neurologe, ein Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems. Meist kann der Arzt die Diagnose bereits durch die Beschreibung der typischen Symptome oder eine beobachtete Attacke stellen.  Es ist jedoch nicht ganz einfach, die drei ähnlichen Bewegungsstörungen Chorea, Athetose und Ballismus auseinanderzuhalten.

Für die Unterscheidung ist eine genaue Beschreibung der Attacken wichtig. Zunächst wird der Arzt daher unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Wie lange dauert die Bewegungsstörung an?
  • Wie häufig treten Ballismus-Episoden auf?
  • Gibt es Faktoren, die einen Ballismus auslösen?
  • Tritt die Bewegungsstörung aus der Ruhe heraus oder bei Bewegung auf?

Danach wird der Arzt den Patienten detailliert neurologisch untersuchen. Dazu prüft er die Funktion der zwölf Hirnnerven, einzelner Hirnbereiche und der Sensibilität sowie Motorik.  

Falls erforderlich, wird er auch Blut und Hirnwasser untersuchen. Um Hirnwasser zu gewinnen, muss eine sogenannte Liquor- oder auch Lumbalpunktion durchgeführt werden. Dazu wird eine Nadel zwischen den unteren Lendenwirbeln eingebracht, um etwas Hirnwasser aus dem Raum, der das Rückenmark umgibt, zu entnehmen.

Auch sogenannte bildgebende Untersuchungen wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) werden zur Diagnosestellung herangezogen. Dabei zeigen sich Verkalkungen oder Infarkte im Bereich des Nucleus subthalamicus.

In bestimmten Fällen wird eine Aufzeichnung der Hirnströme (Elektroenzephalogramm) durchgeführt.

Welche Behandlung erfolgt bei Ballismus?

Um die ballistischen Bewegungen zu unterdrücken, kommen verschiedene Medikamente infrage. Dazu zählen Wirkstoffe, die gegen Epilepsie eingesetzt werden (Antikonvulsiva), bestimmte Parkinson-Medikamente (Anticholinergika) sowie Neuroleptika.

Seltener werden sogenannten Benzodiazepine eingesetzt. Während einer Ballismus-Attacke besteht die Gefahr, dass sich Betroffene selbst verletzen. Daher ist es wichtig, Patienten vor den ausschlagenden Bewegungen zu schützen.

In schweren Fällen wird der Arzt als langfristige Behandlung einen neurochirurgischen Eingriff in Form einer elektrischen Stimulation oder einer Entfernung bestimmter Hirnbereiche erwägen (stereotaktische Hirnoperation).

Sind Tumore oder andere raumfordernde Prozesse die Ursache des Ballismus, besteht auch hier unter Umständen die Behandlung in einer Operation.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf bei Ballismus lässt sich nicht allgemein vorhersagen und hängt von der auslösenden Erkrankung ab. In manchen Fällen bildet sich die Bewegungsstörung innerhalb von zwei Monaten wieder zurück. Oft lässt sich die neurologische Störung aber kaum beeinflussen und bleibt bestehen.

Lässt sich Ballismus vorbeugen?

Ballismus geht auf eine Schädigung im zentralen Nervensystem zurück. Die Ursachen für diese Schäden können sehr unterschiedlich sein. Daher gibt es keine generelle Massnahme, durch die man den Bewegungsstörungen des Ballismus vorbeugen kann.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Quellen:
  • Gleixner, C. Müller, M. Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, 2017
  • Klingelhöfer, J., Berthele, A.: Klinikleitfaden Neurologie. 7. Auflage, Urban & Fischer Verlag 2021
  • Pinto, M.: BASIC Neurologie. 6. Auflage Urban & Fischer Verlag, 2019
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