Alkoholsucht: Entzug
Der Alkoholentzug (Entgiftung) ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Alkoholabhängigkeit. Während des Entzugs wird zunächst der Körper entgiftet und die körperliche Abhängigkeit vom Alkohol überwunden. Dabei können schwere körperliche und seelische Symptome auftreten. Ein Alkoholentzug sollte daher nicht ohne ärztliche Aufsicht angegangen werden! Lesen Sie hier, welche Möglichkeiten des Entzugs es gibt und welche Entzugssymptome auftreten können.
Kurzübersicht
- Ambulant oder stationär: Voraussetzung für ambulante Therapie sind u.a. soziale Einbindung, Abstinenzfähigkeit, Fehlen weiter psychischer und körperlicher Erkrankungen
- Entzugssymptome: Schwitzen, Händezittern, Blutdruck-, Temperaturanstieg, Kopfschmerzen Schlafstörungen Angst, Unruhe, Depressivität, Konzentrationsstörungen
- Formen des Entzugs: Kalter Entzug (ohne medikamentöse Unterstützung), warmer Entzug (medikamentöse Unterstützung), schrittweiser Entzug (langsame Reduktion des Konsums), Turboentzug (unter Narkose)
Alkoholentzug: Stationär oder ambulant?
Ein Alkoholentzug kann ambulant oder stationär ablaufen. Ein stationärer Entzug ist notwendig, wenn die seelische oder körperliche Verfassung oder das soziale Umfeld einen ambulanten Entzug nicht zulassen – also wenn einer oder mehrere der folgenden Faktoren zutreffen:
- Der Patient wird von seinem häuslichen Umfeld nicht in seiner Abstinenz unterstützt.
- Es sind früher während eines Entzuges bereits Krampfanfälle oder ein Delirium tremens aufgetreten.
- Frühere Versuche eines ambulanten Alkoholentzugs sind fehlgeschlagen.
- Der Patient konsumiert weitere (insbesondere illegale) Drogen.
- Der Patient zeigt bereits bei noch hohen Promillewerten (2,5 Promille und mehr) Entzugserscheinungen.
- Der Patient leidet unter einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung, einer Leberzirrhose oder anderen gravierenden körperlichen Erkrankungen.
- Der Patient leidet unter weiteren psychischen Erkrankungen wie eine Angststörung oder Depression.
- Der Patient ist suizidgefährdet.
- Der Patient zeigt Orientierungsstörungen oder leidet unter Halluzinationen.
Auch wenn der Betroffene selbst einen stationären Entzug klar bevorzugt, ist dies der bessere Weg als ein ambulanter Entzug.
Stationärer Alkoholentzug
Wird ein Alkoholentzug stationär durchgeführt, hat dies einen grossen Vorteil: Falls schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Entzugserscheinungen (Krampfanfälle, Herz-Kreislauf-Probleme, Delirien etc.) während der Entgiftung auftreten, ist sofort ärztliche Hilfe zur Stelle.
Auch ist die häusliche Umgebung in der Regel mit dem Alkoholkonsum verknüpft und kann einen Rückfall provozieren. Ein weiterer Vorteil eines stationären Entzugs ist, dass hier bereits eine psychologische Betreuung erfolgt, die den Patienten stabilisiert und erste Grundlagen für die anschliessende Therapie schafft.
Ambulanter Alkoholentzug
Ein ambulanter Entzug ist möglich, wenn der Arzt eine schwere Entzugssymptomatik (weitgehend) ausschliessen kann, beispielsweise weil sich der Alkoholkonsum trotz der Abhängigkeit in einem vergleichsweise niedrigen Bereich bewegt hat oder weil vorangegangene Entzüge problemlos verlaufen sind. Trotzdem ist in dieser Zeit eine engmaschige ambulante Betreuung durch einen Arzt wichtig, sodass dieser mögliche Entzugserscheinungen überwachen kann.
Ebenso ist wichtig, dass das Umfeld den Entzug nicht zusätzlich erschwert. Beispielsweise, weil der Betroffene in einer Umgebung lebt oder arbeitet, in der Alkohol konsumiert wird. Ausserdem muss der Patient bereits eine hohe Selbstmotivation mitbringen und psychisch einigermassen gefestigt sein, um den ambulanten Entzug durchzuhalten. Hilfreich ist auch ein soziales Umfeld, das ihn unterstützt.
Wie lange dauert ein Alkoholentzug?
Die Alkoholentzug-Dauer ist von Patient zu Patient verschieden. In der Regel dauert es einige Tagen bis zu einer Woche, bis der körperliche Entzug abgeschlossen ist. Die Rückfallgefahr ist dann jedoch immer noch sehr hoch, da noch die psychische Abhängigkeit besteht. Zusammen mit der psychologischen Betreuung dauert der Alkoholentzug etwa drei bis vier Wochen.
Alkoholentzug: Symptome
Die ersten Symptome treten innerhalb von 24 Stunden nach Absetzen des Suchtgifts Alkohol auf. Besonders schwere Alkoholiker spüren die Entzugserscheinungen sehr rasch.
Typische körperliche Symptome bei Alkoholentzug sind:
- starkes Schwitzen
- Übelkeit und Erbrechen
- Zittern der Hände, der Augenlider, der Zunge
- Kopfschmerzen
- Mundtrockenheit
- allgemeines Unwohlsein und Schwächegefühl
- Temperaturanstieg
- Blutdruckanstieg
Zu den psychischen Anzeichen eines Alkoholentzugs gehören:
- Konzentrationsstörungen
- Schlafstörungen
- Angstzustände
- Depressivität
- Unruhe
Delirium tremens
Besonders gefürchtet ist die schwerste Form der Entzugssymptomatik – das Delirium tremens. Zu Beginn ist der Patient ängstlich und sehr unruhig. Meist folgen dann Krampfanfälle, die üblicherweise in den ersten beiden Tagen der Abstinenz auftreten.
Kennzeichnend für das Delir sind eine starke Desorientierung und Verwirrtheit des Patienten. Oftmals kommen Halluzinationen und Wahnvorstellungen hinzu.
Die Betroffenen sind in diesem Zustand nicht mehr ansprechbar. Die Krampfanfälle, Herzrasen und Kreislaufstörungen bewirken einen lebensgefährlichen Zustand. Das Delir tremens endet unbehandelt in 30 Prozent der Fälle tödlich.
Verschiedene Formen des Alkoholentzugs
Mediziner unterscheiden zwischen einem warmen Entzug mit medikamentöser Unterstützung und einem kalten Entzug ohne Medikamente.
Kalter Entzug
Früher wurde ausschliesslich der kalte Alkoholentzug praktiziert. Beim kalten Alkoholentzug müssen die Patienten ohne medikamentöse Unterstützung auf Alkohol verzichten. Sie stehen in dieser Zeit unter ärztlicher Beobachtung und Betreuung, da das abrupte Absetzen des Alkohols für den Körper gefährlich sein kann.
Warmer Entzug
Mittlerweile gibt es Medikamente, die die Entzugssymptome deutlich reduzieren können. In der stationären Behandlung werden vor allem Clomethiazol und Benzodiazepine eingesetzt. Sie wirken beruhigend und angstlösend und hemmen sowohl Krampfanfälle als auch Delirien. Beide Wirkstoffe haben jedoch ein hohes Suchtpotenzial. Einige Kliniken bevorzugen daher den Entzug ohne diese Medikamente.
Manche Patienten brauchen zusätzlich krampflösende Mittel (Antikonvulsiva), um Krampfanfälle zu vermeiden.
Schrittweiser Entzug (Cut down drinking)
Alternativ zum abrupten Entzug wird der Alkoholkonsum inzwischen mitunter langsam reduziert. Dazu verringert der Patient seinen Konsum mittels eines Trinktagebuches. Der Entzug sollte regelmässig kurzfristig kontrolliert und dokumentiert werden. Unterstützend erhält der Patient meist Naltrexon, das die euphorisierende Wirkung von Alkohol deutlich abschwächt und so den Verzicht erleichtert.
Turbo-Entzug
Der sogenannte "Turbo-Entzug" ermöglicht unter Narkose einen schnellen körperlichen Alkoholentzug. Medikamente wie Naloxon oder Naltrexon beschleunigen den Entzug auf 36 Stunden. Danach muss noch wie bei den anderen Methoden die psychische Abhängigkeit behandelt werden.
Der Vorteil des Turbo-Entzugs ist, dass er nicht abgebrochen werden kann und der Patient die Entzugssymptome nicht bei vollem Bewusstsein erlebt. Häufig halten die Entzugssymptome aber nach der Narkose weiter an, sodass die Behandlung fortgesetzt werden muss. Vor allem aber hat sich diese Methode aufgrund der Gefahr starker Komplikationen und wegen der hohen Kosten nicht in der Praxis durchgesetzt.
Wie geht es weiter nach dem Alkoholentzug?
Mit dem körperlichen Entzug ist die Abhängigkeit von Bier, Wein & Co. nicht überwunden. Der Körper wird weiterhin stark auf Alkohol ansprechen und beim Konsum nach grösseren Mengen verlangen.
Auf die körperliche folgt die seelische Entwöhnung
Der seelische Entzug ist die weitaus grössere Herausforderung für den Patienten als der körperliche Entzug. Hier gilt es eingeschliffene Gewohnheiten und Rituale zu überwinden, die Ursachen für das Abgleiten in die Sucht zu ergründen und die Funktionen, die Alkohol im eigenen Leben hat (z.B. Seelentröster, Frust-Abbau), aufzudecken.
Vor allem muss der Patient Strategien entwickeln, um ein Leben ohne Alkohol nicht nur zu bewältigen, sondern auch dank der neugewonnenen Freiheit vom Suchtmittel mit neuer Qualität zu leben. Für all dies ist professionelle Hilfe im Rahmen einer Alkoholbehandlung nötig. Auch diese erfolgt häufig stationär, teilweise aber auch ambulant.
Mehr zur anschliessenden Therapie einer Alkoholkrankheit dazu lesen Sie im Artikel Alkoholismus.
Autoren- & Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.
- Batra, A. & Bilke-Hentsch, O.: Praxisbuch Sucht. Therapie der Suchterkrankungen im Jugend- und Erwachsenenalter, Thieme Verlag, 2. Auflage 2016
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Alkoholabhängigkeit, Suchtmedizinische Reihe, Band 1, 2013
- S3-Leitlinie “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” (Stand: 28.02.2016)