Wer sein Risiko kennt, kann gegensteuern

Primar Univ. Prof. Dr. Heinrich Resch beantwortet Fragen zu Osteoporose und entsprechender Vorbeugung.

Frage: Ab dem 35. Lebensjahr beginnt die Knochenmasse abzunehmen, jede dritte Frau und jeder sechste Mann erkranken im Laufe ihres Lebens an Osteoporose. Was sind frühe Anzeichen der Erkrankung?

Resch: Das Verhängnisvolle an der Osteoporose ist, dass man sie erst bemerkt, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Denn die frühen Stadien des Knochenverlustes verlaufen so, dass man davon nichts mitbekommt. Man nimmt erst die Fraktur, also den Knochenbruch, wahr. Dem geht oft eine Mikrofraktur voraus, die man am konventionellen Röntgen aber nicht unbedingt sieht. Die Fraktur kann den Wirbelkörper betreffen, aber auch die Rippen, die Zehen, das Schlüsselbein oder sogar den Schenkelhals. Im letztgenannten Fall ist es meistens schon ziemlich spät.

Frage: Gibt es keine Möglichkeiten, die Osteoporose frühzeitig zu erkennen?

Resch: Nein, aber wenn ich mir meiner Risikofaktoren bewusst bin, kann ich mich besser darauf einstellen und gegensteuern.

Frage: Welche Risikofaktoren sind das?

Resch: Der wichtigste und gewichtigste Risikofaktor ist das Alter, gefolgt von der genetischen Veranlagung: Wenn es in der Familie Fälle von Osteoporose oder Schenkelhalsfrakturen gegeben hat, weiß man, dass man selbst ein höheres Risiko hat. Eine niedrige Knochendichte ist ein weiterer Risikofaktor. Auch Medikamente können die Erkrankung wahrscheinlicher machen, allen voran Kortison. Außerdem stellt jede Art der rheumatischen Erkrankung einen Risikofaktor dar. Und natürlich Faktoren wie ein zu niedriges Gewicht, Rauchen und regelmäßiger Alkoholgenuss.

Frage: Welche Lebensstilmaßnahmen können vor Osteoporose schützen?

Resch: Am wichtigsten sind regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung. Wir empfehlen, sich pro Woche mindestens drei bis vier Stunden zu bewegen. Wer die Alltagsbewegung forciert, also keine Rolltreppen und Lifte benutzt und möglichst viel zu Fuß geht, muss keine speziellen Turnprogramme absolvieren.

Bei der Ernährung kommen die wenigsten Menschen auf den empfohlenen Kalziumgehalt von 800 bis 1.000 Milligramm täglich. Auch bei der Vitamin-D-Aufnahme liegen die meisten Menschen viel zu niedrig. Man sollte mindestens zwei bis drei Mal pro Woche Fisch essen und eine Flasche Mineralwasser pro Tag trinken - das entspricht etwa dem Gehalt einer halben Kalzium-Kautablette. Ebenso wichtig sind Käse- und Milchprodukte und entsprechende Gemüsesorten wie Fenchel, Grünkohl oder Brokkoli.

Frage: Welche Nahrungsmittel sind für den Knochen eher schädlich? Und begünstigt Kaffee die Osteoporose?

Resch: Die Kalziumräuber unter den Lebensmitteln sind vor allem phosphathaltige Produkte wie Konserven. Denn alles, was einem Konservierungsprozess unterworfen wurde, enthält Phosphat, etwa die meisten Wurstprodukte. Auch Kaffee in großen Mengen ist ein Kalziumräuber. Ein bis zwei Tassen täglich sind kein Problem, sehr wohl aber die großen Mengen, die manche Menschen täglich zu sich nehmen. Das sollte man vermeiden.

Frage: Wirkt Sport in der Kindheit positiv auf die Knochengesundheit im späteren Leben?

Resch: Ja, in der Kindheit kann die Grundlage für nachhaltigen Knochenaufbau geschaffen werden. Australische Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem hüpfende Bewegungen - etwa Ballspielen oder Seilspringen - die Knochendichte bei Kindern am effektivsten fördern.

Frage: Welche Sportarten eignen sich für Erwachsene, die bereits an Osteoporose erkrankt sind?

Resch: Wir empfehlen zum Beispiel Nordic Walking, das man auch gut in der Gruppe machen kann. Bei dieser Art der Bewegung tut man nicht nur etwas für die unteren, sondern auch für die oberen Extremitäten. Auch Schwimmen ist zu empfehlen, ist aber vor allem für ältere Menschen unter Umständen schwieriger möglich. Generell ist Rückenschwimmen dem Brustschwimmen vorzuziehen. Natürlich sind auch Haltungsturnen und spezielle Osteoporose-Gymnastik günstig.

Frage: Inwiefern kann sich das Sonnenlicht positiv auf die Knochengesundheit auswirken? Und welche Rolle spielt Vitamin D dabei genau?

Resch: Vitamin D ist die Vorstufe mehrerer Hormone, die den Kalziumhaushalt im Körper entscheidend beeinflussen. Der wiederum beeinflusst die Knochendichte. Der Körper kann Vitamin D zwar selber herstellen, braucht dafür aber die Bestrahlung durch die Sonne. Wir wissen, dass 50 Prozent der Erdbevölkerung zu niedrige Vitamin-D-Spiegel haben, besonders die mitteleuropäische und die nordische Bevölkerung. Denn je kürzer die Tage und je geringer die Sonnenexposition, desto weniger Vitamin D wird in der Haut aktiviert.

Frage: Kann man in Jugendjahren Sonnenstunden "sammeln"?

Resch: Nein, man kann Sonne leider nicht "auf Vorrat" sammeln. Man kann immer nur im Augenblick die Kraft der Sonne nützen.

Frage: Kann bereits verlorene Knochendichte wieder zurückgewonnen werden?

Resch: Ja, die modernen Medikamente können Knochendichte wieder aufbauen. Im ersten Therapieschritt sollen diese Substanzen den Knochensubstanzverlust aufhalten, in der zweiten Phase können damit bis zu 15 Prozent der verlorenen Knochenmineraldichte wieder aufgebaut werden.

Frage: Muss man bei den modernen Osteoporose-Medikamenten mit Nebenwirkungen rechnen?

Resch: Seitdem wir Medikamente auf alternativem Weg anbieten können, sei es intravenös, unter die Haut gespritzt (subkutan) oder als lösliches Pulver, sind die Nebenwirkungen eigentlich zu vernachlässigen.

Frage: Kann Osteoporose eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen sein?

Resch: Ja, viele Erkrankungen zeigen sich erst in einer späten Phase am Knochen. Ich denke hier vor allem an die Essstörungen oder an chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Auch die Einnahme von Kortison oder eine Brustkrebsbehandlung kann zu einem Knochendichteverlust führen. Bei erfolgreicher Brustkrebstherapie etwa kann es aufgrund verschiedener Ko-Medikationen noch Jahre später zu osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen kommen.

Frage: An welche Ärztin oder welchen Arzt sollte man sich bei Verdacht auf Osteoporose wenden?

Resch: Man sollte immer zur Ärztin oder zum Arzt des Vertrauens gehen. Die Hausärzte verfügen heute in der Regel über genügend Wissen und Erfahrung, um die Osteoporose-Therapie ohne Mithilfe von anderen Facharztdisziplinen in die Wege zu leiten. Das ist ja der "Vorteil" einer Volkskrankheit: Dass sie sehr gut und sehr einfach erkannt und behandelt werden kann. Letztlich werden wir aber auch Orthopäden, vielleicht Stoffwechselexperten (Endokrinologen) und Fachärzte für Physikalische Medizin für die erfolgreiche interdisziplinäre Behandlung benötigen.

 

Danke für das Interview.

Primar Univ. Prof. Dr. Heinrich ReschUniv. Prof. Dr. Heinrich Resch ist Vorstand der II. Medizinischen Abteilung mit Gastroenterologie & Rheumatologie/Osteologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien.

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