Vogelgrippe: Rückblick & Ausblick

Bei der Vogelgrippe (Klassische Geflügelpest) handelt es sich um eine Tierseuche, die im Wesentlichen Hausgeflügel und Wasservögel befällt, aber auch viele andere Vogelarten betreffen kann.

In Einzelfällen ist die Erkrankung in den vergangenen Jahren auch auf Säugetiere übertragen worden. Menschen haben sich nur nach sehr intensivem Kontakt mit Geflügel angesteckt. Erreger der Vogelgrippe sind so genannte hoch pathogene aviäre Influenza-Viren vom Typ A. Nach derzeitigem Kenntnisstand können nur Influenza-A-Viren vom Subtyp H5 bzw. H7 die Klassische Geflügelpest auslösen.

Der Begriff "Vogelgrippe" wurde im deutschen Sprachraum bisher meist gleichbedeutend mit "Geflügelpest" verwendet. Infolge der aktuell stattfindenden Ausbreitung des Erregers H5N1 wird die Bezeichnung "Vogelgrippe" mittlerweile stärker eingeengt und immer mehr auf diesen speziellen Virus-Subtyp bezogen. Erkranken Menschen oder Säugetiere an H5N1, wird auch in diesen Fällen von Vogelgrippe gesprochen.

Seit wann gibt es die Geflügelpest?

Die Geflügelpest wurde erstmals 1878 in Italien als Tierseuche beschrieben und breitete sich von dort vermutlich über die restliche Welt aus. Bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts kam es in Europa, Asien und Amerika wiederholt zu größeren Ausbrüchen der Seuche. Erst 1983 trat ein weiterer nennenswerter Ausbruch der Geflügelpest auf - und zwar im US-Bundesstaat Pennsylvania. Erreger war ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H5N2, Millionen Hühner wurden geschlachtet.
Seitdem breiten sich Influenza-Viren unter Geflügel wieder verstärkt aus: Zwischen 1992 und 1995 kommt es zu mehreren Ausbrüchen in Mexiko (H5N2). 1999 tritt die Geflügelpest in Italien auf (H7N1), 2003 in den Niederlanden (H7N7).

Wann und wo waren auch Menschen betroffen?

Eine Übertragung der Geflügelpest auf den Menschen wurde erstmals 1997 in Hongkong registriert. Damals erkrankten 18 Menschen an dem auch zurzeit grassierenden Virus-Subtyp H5N1, sechs von ihnen starben. Da innerhalb von drei Tagen 1,5 Millionen Hühner geschlachtet wurden, konnte die Seuche rechtzeitig eingedämmt werden. 2003 tauchte H5N1 abermals in Hongkong auf, in weiterer Folge kam es zu wiederholten Ausbrüchen in Südostasien. Seit Sommer 2005 breitet sich die Seuche immer weiträumiger aus.

Im März 2003 lösen hoch pathogene aviäre Influenza-A-Viren vom Subtyp H7N7 in den Niederlanden eine Geflügelpest aus. Mehr als 200 Tierhaltungen sind betroffen, 83 Menschen erkranken, ein Mann stirbt. Es handelte sich um einen Tierarzt, der nach heutigem Kenntnisstand bei rechtzeitiger adäquater Behandlung wahrscheinlich überlebt hätte.

Auch wurde in Einzelfällen die Übertragung von aviären Influenza-Viren anderer Subtypen nachgewiesen: So erkrankten 1999/2003 drei Kinder in China an H9N2, 2002/2003 in den USA zwei Menschen an H7N2 und 2004 in Kanada ebenfalls zwei Menschen an H7N3. In allen Fällen verliefen die Erkrankungen mild und die Patienten erholten sich vollständig.

Was ist das Besondere an diesem Virus?

Das hoch pathogene aviäre Influenza-A-Virus vom Subtyp H5N1 verursacht seit 2003 mehr und schwerere Ausbrüche als alle anderen Formen der Geflügelpest zuvor. Noch nie in der Geschichte hat die Tierseuche so viele Länder betroffen und so vielen Vögeln das Leben gekostet. Das Virus erweist sich als besonders hartnäckig. Obwohl geschätzte 150 Millionen Tiere vom Virus getötet bzw. notgeschlachtet wurden, ist die Seuche noch immer nicht unter Kontrolle gebracht.

Es gibt allerdings auch erste Erfolge im Kampf gegen die Vogelgrippe zu verzeichnen:
Japan, Südkorea und Malaysia geben an, die Geflügelpest unter Kontrolle gebracht zu haben und gelten nun als frei von H5N1. In anderen betroffenen Ländern (z.B. China) kommt es dagegen zu wiederholten Seuchenausbrüchen unterschiedlichen Schweregrades.

Welche Länder sind von der H5N1-Geflügelpest betroffen?

Zwischen Sommer 2003 und Februar 2004 kam es zu Ausbrüchen der Geflügelpest in acht asiatischen Staaten: Südkorea, Vietnam, Japan, Thailand, Kambodscha, Laos, Indonesien und China. In manchen dieser Länder war die Tierseuche vor diesem Zeitpunkt noch nicht aufgetreten. Im August 2005 kam Malaysia hinzu, im Sommer 2005 Russland und Kasachstan.

Im Oktober 2005 erreicht die Seuche Europa: Die Türkei und Rumänien melden erste H5N1-Fälle. Mittlerweile breitet sich das Virus in mehreren Staaten Europas, in Nigeria und Indien aus. Auch in Österreich ist H5N1 bereits angekommen - allerdings sind hierzulande noch keine Erkrankungsfälle beim Hausgeflügel aufgetreten, sondern ausschließlich bei wild lebenden Wasservögeln (Stand: 20.02.2006).

Welche Rolle spielen Zugvögel bei der Verbreitung?

Ob Zugvögel bei der Verbreitung der Vogelgrippe eine entscheidende Rolle spielen, oder ob sich H5N1 vielmehr über den Handel und Transport von Geflügel und Geflügelprodukten (Fleisch, Eier, Federn) ausdehnt, ist zurzeit noch umstritten.

Wild lebende Wasservögel sind vermutlich das natürliche Reservoir aller Influenza-A-Viren.
Es wird angenommen, dass Wildenten und andere Wasservögel die Erkrankung schon seit Jahrhunderten auf ihren Zügen mit sich tragen, ohne dabei größere Epidemien auszulösen.
In diesen Vögeln finden sich auch Viren vom Subtyp H5 und H7 - jene Subtypen also, die für die Klassische Geflügelpest verantwortlich sind -, allerdings nur weniger gefährliche, leicht pathogene Formen. Unter bestimmten Umständen könnten H5- bzw. H7-Viren von wild lebenden Vögeln auf Hausgeflügel übertragen werden und sich in diesen zu gefährlicheren, hoch pathogenen Formen umwandeln.

Zugvögel sind meist mit weniger pathogenen Formen von Influenza-Viren infiziert. Hoch pathogene Formen wurden in der Vergangenheit nur in Einzelfällen aus toten Vögeln isoliert. Dass hoch pathogene Viren offenbar rasch zum Tod der Tiere führen, ist aus epidemiologischer Sicht günstig. Denn dies bedeutet, dass erkrankte Zugvögel die Erreger nicht mehr über große Distanzen tragen können. Auch das hoch pathogene H5N1-Virus wurde bisher nahezu ausschließlich an toten Wildvögeln entdeckt. Laut WHO ist allerdings nicht auszuschließen, dass Zugvögel H5N1 an andere Tiere weitergeben.

Wo sind bis dato Menschen erkrankt?

Gesicherte menschliche Erkrankungsfälle mussten bisher in folgenden Ländern registriert werden: Indonesien, Thailand, Kambodscha, Vietnam, zuletzt in der Türkei und im Irak. In Hongkong war es bereits 1997 und 2003 zu Erkrankungen und Todesfällen gekommen.
Eine genauere Übersicht bietet die folgende Tabelle:

Betroffenes Land 2003 2004 2005 2006 Insgesamt
Erkrankte Tote Erkrankte Tote Erkrankte Tote Erkrankte Tote Erkrankte Tote
Kambodscha 0 0 0 0 4 4 0 0 4 4
China 0 0 0 0 8 5 4 3 12 8
Indonesien 0 0 0 0 17 11 9 8 26 19
Irak 0 0 0 0 0 0 1 1 1 1
Thailand 0 0 17 12 5 2 0 0 22 14
Türkei 0 0 0 0 0 0 12 4 12 4
Vietnam 3 3 29 20 61 19 0 0 93 42
Insgesamt 3 3 46 32 95 41 26 16 170 92
Quelle: www.who.int (20.02.2006)

Warum wird die Vogelgrippe so gefürchtet?

Die Verbreitung von H5N1 unter Vögeln kann den Menschen auf zweierlei Art gefährden:

  • Das Virus kann von Vögeln auf den Menschen übertragen worden. Dies ist bisher allerdings erst sehr selten vorgekommen. Von den offiziell erfassten 170 Erkrankten sind aber mehr als die Hälfte gestorben.
  • Viel größer sind dagegen die Ängste, dass sich das Virus verändert und infolge von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Dies könnte zu einem weltweiten Ausbruch der Krankheit, einer so genannten Pandemie, führen.

Drei Vorraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine Grippe-Pandemie entstehen kann:

  • Ein neuer, der menschlichen Abwehr unbekannter Subtyp des Influenza-Virus entsteht.
  • Der neue Virus-Subtyp kann den Menschen anstecken und verursacht ein schweres Krankheitsbild.
  • Das Virus hat die Fähigkeit, sich einfach und beständig in einer menschlichen Population auszubreiten.

Die ersten beiden Voraussetzungen hat H5N1 bereits erfüllt, doch eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden. Die WHO hat dem Erreger die dritte von sechs möglichen Pandemie-Warnstufen zugeordnet (1: keine Gefahr; 6: Beginn der Pandemie).

Warum wird eine Grippe-Pandemie so gefürchtet?

Im letzten Jahrhundert war die Menschheit dreimal mit einer Grippe-Pandemie konfrontiert: Die "Spanische Grippe" (H1N1) forderte 1918/1919 mehr Menschenleben als der 1. Weltkrieg. Schätzungen zufolge starben 20 bis 50 Millionen Menschen. Die "Asiatische Grippe" (H2N2) kostete 1957 über einer Million Menschen das Leben, die "Hongkong-Grippe" (H3N2) 1968 mehr als 750.000 Menschen.

Bei einer Pandemie werden große Teile der Bevölkerung mit dem Erreger angesteckt. Berechnungen der WHO zufolge würde ein Erreger, der ähnlich aggressiv ist wie jener der Asiatischen Grippe heutzutage zwei bis 7,4 Millionen Menschen das Leben kosten. Wäre der Erreger ähnlich aggressiv wie im Fall der Spanischen Grippe, könnten die Todeszahlen ein Vielfaches davon betragen. Während bei einer "normalen" Grippe-Welle vor allem Kinder, Alte und Kranke gefährdet sind, betrifft eine Pandemie auch junge, gesunde Menschen.

Auf Grund der immer größer werdenden Mobilität der Menschen ist zu befürchten, dass sich eine Pandemie heutzutage binnen kurzer Zeit über den gesamten Erdball ausbreiten würde. Bereits angesteckte Personen können den Virus über weite Strecken tragen (z.B. bei Flugreisen), ohne dabei Symptome zu zeigen. Sobald eine Grippe-Pandemie einmal eine gewisse Ausbreitung überschritten hat, gilt sie als praktisch unaufhaltbar, weil sie rasch über Husten und Niesen verteilt wird.

Wird H5N1 eines Tages von Mensch zu Mensch übertragen werden?

Ob der Erreger jemals von Mensch zu Mensch übertragen werden wird, ist unklar. Zurzeit besitzt er diese Fähigkeit nicht. Es wird aber befürchtet, dass sich das Vogelgrippe-Virus H5N1 mit einem Erreger der Humangrippe kreuzt. Dies wäre möglich, wenn Schweine oder Menschen gleichzeitig mit H5N1 und einem Erreger der normalen menschlichen Grippe infiziert sind. Auf diese Weise könnte gleichsam ein neuer, gefährlicherer Erreger "zusammengemischt" werden.

Geschehen etwa 1957 vor Ausbruch der Asiatischen Grippe: Das damalige H2N2-Virus nahm seinen Ausgang von einem Schwein, in dem es drei Gen-Segmente eines Influenza-A-Virus vom Geflügel und fünf Gen-Segmente eines Influenza-A-Virus vom Menschen erhalten hatte. Auch die Hongkong-Grippe wurde durch einen derartigen Mischvorgang (Kreuzung, Reassortierung, Reassortment) ausgelöst.

Im Herbst 2005 gelang US-amerikanischen Forschern die Rekonstruktion des H1N1-Erregers der Spanischen Grippe aus Gewebeproben, die die Jahrzehnte relativ unbeschadet überstanden hatten. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass der Erreger von einem Vogelgrippe-Virus abstammte, der die Fähigkeit entwickelt hatte, den Menschen zu befallen. Ihnen zufolge entstand der Erreger der Spanischen Grippe allerdings nicht wie im Fall der Asiatischen bzw. Hongkong-Grippe durch Reassortierung, sondern erlangte seine Fähigkeit, auf den Menschen überzuspringen, durch mehrere spontane Veränderungen des Erbguts (Mutationen). Seit Bekanntwerden dieser Ergebnisse wird die Gefahr einer H5N1-Pandemie als hoch eingestuft.

Wie gefährlich ist H5N1 zurzeit wirklich?

Die Vogelgrippe ist in ihrer jetzigen Erscheinungsform eine Zoonose, also eine Erkrankung, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Damit ist die Erkrankung in Hinblick auf eine Gefährdung des Menschen zum jetzigen Zeitpunkt ähnlich einzuschätzen wie andere Zoonosen - etwa die Tollwut. Auch bei der Tollwut handelt es sich um eine Virus-Erkrankung, die durch direkten Kontakt mit einem Tier (z.B. Biss von Hund, Katze, Fuchs) ausgelöst wird und mit einer extrem hohen Sterblichkeit einhergeht.

Bisher ist keine Übertragung von Mensch zu Mensch bekannt geworden. Berichte über die Ansteckung pflegender Verwandter durch H5N1-Kranke konnten nicht bestätigt werden. Was viele Experten allerdings beunruhigt, ist der Umstand, dass sich der Vogelgrippe-Erreger seit 1997 permanent verändert hat. Seitdem hat der Erreger seine Fähigkeit zur Auslösung von Krankheiten (Pathogenität) verstärkt, befällt außer Vögel auch Säugetiere (z.B. Pferde, Raubkatzen) und widersteht Umwelteinflüssen besser, überlebt also länger an der Außenwelt.

Manche Wissenschafter gehen allerdings davon aus, dass der Vogelgrippe-Erreger H5N1 die so genannte Spezies-Barriere zwischen Vogel und Mensch nie endgültig überschreiten und somit auch keine menschliche Seuche auslösen wird. Denn alle Grippe-Epidemien (normale Grippe-Welle) und -Pandemien wurden bisher von Influenza-A-Viren der Subtypen H1 bis H3 ausgelöst. Die nächste Pandemie werde daher von einem anderen Subtyp als H5N1 ausgelöst.

Dass die nächste Grippe-Pandemie kommen wird, darin sind sich fast alle Experten einig - es stellt sich allerdings die Frage, wann und durch welchen Erreger.

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Quellen

Current Concepts: Avian Influenza A (H5N1) Infection in Humans (Review Article). In: The New England Journal of Medicine 2005;353: 1374-85.
Weltgesundheitsorganisation ( www.who.int)
Europäische Union - Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz ( www.europa.eu.int)
Robert Koch Institut ( www.rki.de)

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