Tinnitus (Tinnitus aurium, Ohrenklingeln, Ohrengeräusche, Ohrensausen)

Geräusche im Ohr
Tinnitus ist in Österreich ein sehr häufiges Phänomen. (06-25-04 © Stephan Rothe / iStockphoto)

Tinnitus aurium – so der vollständige, aus dem Lateinischen stammende Begriff – bedeutet „das Klingeln der Ohren“. Medizinisch definiert ist der Tinnitus als akustische Wahrnehmung, die ohne entsprechenden akustischen Reiz von außerhalb des Körpers entsteht und keinen Informationsgehalt besitzt. Letzteres grenzt den Tinnitus von akustischen Halluzinationen ab, bei denen die Betroffenen beispielsweise Stimmen hören.

Kurzfassung:

  •  Es wird zwischen zwei Tinnitus-Formen unterschieden.
  • Organische und nicht-organische Ursachen kommen als Auslöser in Frage.
  • Tinnitus äußert sich durch Ohrengeräusche wie Sausen, Brummen, Klingeln, Pfeifen oder Rauschen.
  • Abhängig von der Symptomatik und der Folgeerscheinungen kann der Tinnitus in vier Schweregrade eingeteilt werden.
  • Die Diagnose erfolgt nach einer Anamnese und HNO-Untersuchung.
  • Die Behandlung ist von der Ursache, dem Schweregrad und der Folgeerscheinungen abhängig.

Informationen auf dieser Seite:

Häufigkeit
Formen
Ursachen
Symptome
Diagnose
Behandlung

Wie häufig ist Tinnitus, und wer ist betroffen?

Tinnitus ist ohne Zweifel ein sehr häufiges Phänomen – auch wenn es kaum große epidemiologische Untersuchungen gibt und die Zahlen deshalb auf Schätzungen oder kleinen repräsentativen Umfragen beruhen.

Demnach gab bei einer Erhebung im deutschsprachigen Raum rund ein Viertel der über 10 Jahre alten Befragten an, schon einmal unter Ohrgeräuschen gelitten zu haben oder momentan darunter zu leiden. Bei der Mehrheit bestand die Problematik schon länger als drei Monate.

In Österreich gehen Experten von derzeit 800.000 bis 1.000.000 Menschen mit Tinnitus aus. Bei mindestens 100.000 Österreichern sind die Ohrgeräusche so ausgeprägt, dass sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Tinnitus kann in jedem Lebensalter auftreten, auch bei Kindern. Betroffen sind aber nach wie vor mehrheitlich ältere Menschen über 50 Jahren und hier Frauen häufiger als Männer.

Allerdings werden die Ohrgeräusche in den letzten Jahren zunehmend auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beobachtet. Experten führen dies auf eine zunehmende Lärmbelastung in der Freizeit zurück, vor allem durch laute Musik auf Konzerten, in Diskotheken und über Kopfhörer.

Ohr & Gehör

Wie unser Gehör funktioniert, wie es zur Schwerhörigkeit kommt und was man zur Vorbeugung tun kann, um seine Ohren zu schützen, lesen Sie hier.

Formen von Tinnitus

Prinzipiell werden zwei Formen unterschieden. Beim objektiven Tinnitus gibt es eine körpereigene Schallquelle im Ohr oder in der Nähe des Ohrs, deren Schallaussendungen wahrgenommen werden. Das heißt, die dann oft von den Blutgefäßen oder der Muskulatur ausgehenden Geräusche existieren tatsächlich und sind somit auch für andere hörbar, wenn auch meist nur mit dem Stethoskop oder anderen medizinischen Geräten.

Objektiver Tinnitus körpereigene Schallquelle im Ohr
Subjektiver Tinnitus keine physikalische Schallquelle
Idiopathischer Tinnitus Ohrengeräusche lassen sich nicht auf einen Auslöser zurückführen

Sehr viel häufiger ist aber der subjektive Tinnitus. Hier nehmen die Betroffenen Töne und Geräusche wahr, die sich nicht auf eine physikalische Schallquelle zurückführen lassen und deshalb auch für andere Menschen nicht zu hören sind. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Patienten sich das Brummen, Summen, Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Klopfen nur einbilden.

Der subjektive Tinnitus ist vielmehr auf eine fehlerhafte Informationsbildung bzw. -verarbeitung im auditorischen System zurückzuführen, das sich vom Ohr über den Hörnerv bis zu den Hörzentren im Gehirn erstreckt. Es ist mittlerweile erwiesen, dass die Mehrzahl der Ohrgeräusche im Gehirn generiert wird, auch dann, wenn die primäre Ursache im Ohr (z.B. Knalltrauma) war!

Bei vielen Betroffenen lässt sich allerdings gar nicht definitiv feststellen, worauf die Ohrgeräusche zurückzuführen sind. Dies wird als idiopathischer Tinnitus bezeichnet.

Welche Ursachen hat ein objektiver, von außen hörbarer Tinnitus?

Auslöser eines objektiven Tinnitus sind körpereigene Schallquellen, die in der Nähe des Innenohrs liegen. Ein objektiver Tinnitus ist sehr selten. Zu den möglichen Ursachen gehören:

  • Verengungen der Blutgefäße – vor allem der Arterien; das wahrgenommene Geräusch ist dann in der Regel pulssynchron.
  • Verkrampfungen bzw. Zuckungen der im Ohr gelegenen Muskeln oder der Gaumenmuskulatur; dies äußert sich oft in einem "Klicken" im jeweiligen Ohr, wobei meist nur ein Ohr betroffen ist.
  • Tumore im Mittelohr
  • Kiefergelenkprobleme, also beispielsweise das aneinander Reiben von Gelenkflächen beim Öffnen und Schließen des Mundes
  • aus zahlreichen kleinen Blutgefäßen bestehende Hämangiome (Blutschwämme)
  • Verschlussdefekte der so genannten Eustachischen Röhre, die das Mittelohr mit dem Nasen-Rachen-Raum verbindet

Welche Ursachen hat ein subjektiver Tinnitus?

Ein subjektiver Tinnitus ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern das Symptom einer Störung des auditorischen Systems. Dementsprechend vielfältig sind die möglichen Ursachen. So kann der Tinnitus im Zusammenhang mit fast jeder Erkrankung des Gehörs auftreten.

Experten sind sich einig, dass ein krankhafter Prozess im Bereich des Innenohrs in der Regel den ursächlichen Entstehungsmechanismus darstellt, und zwar insbesondere auf der Ebene der Haarsinneszellen, die dort den Schall in Nervenzellimpulse umwandeln.

Diese elektrischen Signale gelangen dann über den Hörnerv zu den Hörzentren in der Hirnrinde, wo sie weiterverarbeitet werden – und wo letztendlich die akustische Wahrnehmung entsteht.

Durch komplizierte hirnphysiologische Lernprozesse wird der aus dem Ohr kommende Ton im Gehirn so verarbeitet, dass er als „Ohrwurm“ bestehen bleibt – unter Umständen auch dann, wenn die pathologische Ursache erfolgreich behandelt werden konnte. Dies hängt im Wesentlichen vom Grad der Aufmerksamkeit und Fokussierung auf das Ohrgeräusch ab.

Die oft zu beobachtende übersteigerte Aufmerksamkeitslenkung auf den Tinnitus ist daher schädlich. Fachleute sprechen in diesem Fall von einem sekundär zentralisierten Tinnitus. Dass ein subjektiver Tinnitus primär im zentralen Nervensystem entsteht, ist hingegen selten.

Bei Schwerhörigkeit kommt ein weiterer Mechanismus der Tinnitus-Entstehung hinzu: Die dem Ohr zugeordneten Neuronen im Gehirn sind durch fehlende Aktivierung aus dem schwerhörigen Innenohr „arbeitslos“ geworden. Nun versuchen sie fehlende Frequenzen auszugleichen bzw. produzieren durch ungehemmte Spontanaktivität ihre eigenen Töne – und werden so selbst zu einem Tinnitus-Generator.

Zu den möglichen Auslösern und den Faktoren, welche die Entstehung eines subjektiven Tinnitus begünstigen, gehören:

Organische Ursachen

  • bestehende Innenohrschwerhörigkeit

    • altersbedingt
    • genetisch
    • durch Lärmbelastung oder ein Knalltrauma
  • Hörsturz
  • Morbus Menière, ein Krankheitsbild mit akutem Schwindel und Hörverlust
  • akute und chronische Mittelohrentzündung
  • Trommelfelldefekte
  • Otosklerose, die eine zunehmende Unbeweglichkeit des Steigbügels im Mittelohr und einen Innenohrschaden verursachen kann.
  • Funktionsstörungen der Eustachischen Röhre zwischen Mittelohr und Nasen-Rachen-Raum
  • Verengungen und Verschlüsse des äußeren Gehörgangs – auch harmloses Ohrenschmalz
  • Fremdkörper vor dem Trommelfell
  • bestimmte Medikamente, u.a. manche Antibiotika, Antidepressiva, Schmerzmittel und einige in der Krebstherapie eingesetzte Chemotherapeutika
  • Drogen
  • Tumoren des Hör- und Gleichgewichtsnervs – Ohrgeräusche sind hier oft das erste Symptom
  • Erkrankungen außerhalb des Hörsystems wie z.B. Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen ( Arteriosklerose) in den Kopf- und Halsgefäßen, Blutarmut (Anämie), Schilddrüsenstörungen
  • Kiefergelenksprobleme und Zähneknirschen direkt durch das mechanisch entstehende Geräusch aber auch indirekt durch durch die dadurch ausglöste Verspannung der Nackenmuskulatur und die Verspannung des gesamten Kauapparates.
  • Verspannungen der Nackenmuskulatur („Cervicalsyndrom“) und Funktionseinschränkungen der Halswirbelsäule 

Nicht organische Ursachen

  • Stress und psychische Belastung gelten als eine der Hauptursachen eines subjektiven Tinnitus und tragen auch dazu bei, die Ohrgeräusche aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
  • Chronische Lärmbelastung
  • Seelische Kränkungen und Verletzungen
  • Burn out

++ Mehr zum Thema: Die Folgen von Stress auf den Körper ++

Wie äußert sich ein Tinnitus?

Die Beschwerden bei Tinnitus können individuell sehr verschieden sein. Schon das Spektrum der wahrgenommenen Geräuschphänomene ist sehr breit – Sausen, Brummen, Klingeln, Pfeifen, Klopfen, Zischen, Piepsen, Rauschen, Knacken, all das ist möglich.

Die Ohrgeräusche können sowohl einseitig als auch beidseitig auftreten, sie können lauter und leiser werden sowie ihre Tonhöhe verändern. Bei manchen Patienten sind sie permanent da, bei anderen mit Unterbrechungen, kehren also nach „Ruhepausen“ wieder zurück.

Ein Tinnitus kann eine ganze Reihe von Folgeerscheinungen nach sich ziehen. Zu diesen sogenannten sekundären Symptomen gehören:

  • Ein- und Durchschlafprobleme
  • Konzentrationsstörungen
  • Kopfschmerzen (bei massiv gesteigerter Lärm-  und Geräusch-Empfindlichkeit)
  • Schwindel und Benommenheit
  • Eine Überempfindlichkeit des Gehörs (Hyperakusis) ist häufug mit Tinnitus kombiniert, kann aber auch alleine auftreten
  • Störungen des Höreindrucks, z.B. ein Hallen
  • Angstzustände
  • sozialer Rückzug
  • depressive Verstimmung bis hin zu einer manifesten Depression

Schweregrade von Tinnitus

Abhängig davon, welche dieser Folgeerscheinungen auftreten und wie sehr sich der Tinnitus auf die Lebensqualität des Betroffenen auswirkt, erfolgt die Einteilung in insgesamt 4 Schweregrade:

  • Grad 1: Der Tinnitus ist gut kompensiert, es besteht kein Leidensdruck.
  • Grad 2: Der Tinnitus tritt hauptsächlich bei Stille auf und wirkt nur bei Stress und psychisch-physischer Belastung störend.

Die Schweregrade 1 und 2 bezeichnet man auch als „kompensierten Tinnitus“. Die Betroffenen nehmen die Ohrgeräusche zwar wahr, können aber so gut damit umgehen, dass keine sekundären Symptome auftreten. Ihre Lebensqualität ist nicht bzw. nur in seltenen Ausnahmesituationen beeinträchtigt.

Ein dekompensierter Tinnitus hingegen hat spürbare Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche der Patienten, führt zu psychischen und körperlichen Folgeerscheinungen und erzeugt einen hohen Leidensdruck. Man unterscheidet Schweregrad 3 und 4:

  • Grad 3: Der Tinnitus geht mit Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich einher und führt zu einer dauernden Beeinträchtigung im Berufs- und Privatleben.
  • Grad 4: Der Tinnitus führt zu völliger Dekompensation im privaten Bereich und zur Berufsunfähigkeit.

Das Gros der Tinnitus-Patienten gehört den Schweregraden 1 und 2 an.

Wie wird ein Tinnitus diagnostiziert?

Eine Anamnese ist die Grundlage der Tinnitus-Diagnostik. es werden die Krankengeschichte erhoben , Fragen zu den Ohrgeräuschen und zu Auslösern sowie Folgeerscheinungen gestellt.

Es folgt ein Hörtest und eine komplette Untersuchung von Hals-Nasen-Ohren.

++ Mehr zum Thema: Diagnose bei Tinnitus ++

Behandlung des Tinnitus

Die Tinnitus-Therapie richtet sich nach Ursachen, Schweregrad und mögliche sekundäre Symptome.  Entscheidend ist außerdem, ob es sich um einen akuten oder chronischen Tinnitus handelt.

Mögliche Behandlungsmethoden sind:

  • Counselling
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)
  • Entspannungsübungen
  • entzündungshemmende Medikamente 
  • durchblutungsfördernde Medikamente

++ Mehr zum Thema: Behandlung des Tinnitus ++

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. med. Eberhard Biesinger, Facharzt für HNO-Erkrankungen, HNO-Zentrum Traunstein, Deutschland (04/2012), Dr. Johannes Schobel, Facharzt für HNO-Erkrankungen, Tinnituszentrum St. Pölten
Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. (FH) Silvia Hecher, MSc (2012), Dr. med. Stefanie Sperlich (2015)

Stand der medizinischen Information:
Quellen

AWMF online. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie: Tinnitus. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/017-064.html

AWMF online. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie: Hörsturz. Letzte Überarbeitung 06/2010; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/017-010l_S1_Hoersturz_2014-02-verlaengert.pdf​

Gesundheitsberichterstattung des deutschen Bundes, Heft 29: Hörstörungen und Tinnitus

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