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Stottern

Störung der Sprechflüssigkeit
Stottern tritt meist im Alter zwischen 2 und 4 Jahren erstmals auf. (840458790 / iStockphoto)

Stottern ist eine überwiegend genetisch verursachte Störung der Sprechflüssigkeit und tritt meist in der Kindheit erstmals auf. Je früher die Sprechstörung therapiert wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

Kurzfassung:

  • Stottern ist eine Störung der Sprechsteuerung.
  • Es tritt meist im Alter zwischen 2 und 4 Jahren erstmals auf.
  • Buben sind häufiger betroffen als Mädchen.
  • Stottern ist in vielen Fällen genetisch bedingt.
  • Stottern liegt vor, wenn mindestens 3% der Silben gestottert sind.
  • Stottern ist kein Ausdruck einer psychischen Störung.
  • Je früher die Sprechstörung therapiert wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten.
  • 1% aller Erwachsenen stottert dauerhaft.

 


Als Stottern wird eine Störung der Sprechflüssigkeit bezeichnet. Konkret handelt es sich um eine Störung des Sprechens und dessen Planung im Gehirn. Von 100 Kindern sind etwa 5 betroffen, unter den Erwachsenen weniger als 1 von 100. Buben sind häufiger betroffen als Mädchen.

Stottern wird meist im Alter von 2 bis 4 Jahren das erste Mal beobachtet und verschwindet bei etwa zwei Drittel der Kinder von selbst wieder.

„Normale“ Unflüssigkeiten im Sprechen

„Normale Sprechunflüssigkeiten“ können sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen auftreten und haben keinen Krankheitswert.

Bei einem Kind treten sie am häufigsten im Alter zwischen 2,5 und 3,5 Jahren auf, also genau dann, wenn seine Sprachentwicklung ihren Höhepunkt erreicht hat. Der Wortschatz erweitert sich stetig, Sätze werden länger und komplexer, das Kind denkt schneller, als es sprechen kann. Diese motorische Ungeschicklichkeit bewirkt, dass es zu Verzögerungen oder Unterbrechungen im Redefluss kommt: Das Kind wiederholt Wörter und Satzteile.

Diese Sprechunflüssigkeiten kommen bei allen Kindern vor und verschwinden bei den meisten wieder, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist (mit ca. 4 Jahren).

Bei Erwachsenen treten normale Sprechunflüssigkeiten vor allem dann auf, wenn nach einem bestimmten Wort gesucht wird, wenn sie unsicher sind oder wenn ein komplizierter Sachverhalt erklärt werden muss.

Beispiele für normale Unflüssigkeiten:

  • Pausen: „Ich habe den --- weggeworfen.“
  • Einschübe: „Ich habe den ... äääähm ... weggeworfen.“
  • Wortkorrekturen: „Das ist eine schöne – keine schöne Blume.“
  • Wortwiederholungen: „Können wir das – können wir das nicht auslassen?“ oder „Ich habe – habe das gekauft.“
  • Abgebrochene Wörter: „Das hat niemand ver...“

Merkmale des Stotterns

Im Gegensatz zu Sprechunflüssigkeiten, bei denen Wörter und Satzteile wiederholt werden, werden beim Stottern Laute und Silben wiederholt.

Stotternde Menschen wissen, was sie eigentlich sagen möchten, es fällt ihnen aber schwer, flüssig zu sprechen. Es kommt zu Störungen des Sprechablaufs, des Sprechrhythmus, der Sprechbewegung, der Sprechatmung, der Aussprache und der Stimme.

Das Stottern ist typischerweise – abhängig von der Situation – unterschiedlich stark ausgeprägt und hat eine Vielzahl an individuellen Erscheinungsformen. Es tritt aber immer unbeabsichtigt und wiederholt auf und kann nicht unterdrückt werden.

Kernsymptome des Stotterns

Störung der Sprechflüssigkeit

Folgende Unflüssigkeiten beim Sprechen sind typisch für Stotternde:

  • Wiederholung von Lauten („T-T-T-Tasche“), Silben („Ko-Ko-Kokos“) und einsilbigen Wörtern („mit-mit-mit dem Bus“)
  • Lautdehnung („mmmeine“)
  • hörbare oder stumme Blockierungen („fortg.....ehen“)
  • angestrengte Geräusche vor oder in einem Wort

Mögliche Begleitsymptome

Beim Stottern kommt es nahezu immer zu Begleitsymptomen, die ebenfalls unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und unterschiedlich häufig vorkommen:

  • Anspannung der Gesichtsmuskulatur beim Sprechen
  • zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen
  • Erröten, Schwitzen
  • Angst vor dem Sprechen selbst
  • Angst vor bestimmten Wörtern
  • Schwierige Wörter werden gegen flüssiger zu sprechende getauscht, um Stottern zu vermeiden oder zu verschleiern.
  • Verwendung von Füllwörtern („ähm, ja, also“)

Soziale Aspekte/Leidensdruck

Für Betroffene ist das Sprechen oft anstrengend und frustrierend. Geht die Unbefangenheit gegenüber dem Sprechen verloren, kommt es zu Ängsten, die das Stottern wiederum aufrechterhalten oder sogar noch verstärken. Als Folge davon können Ängste, Scham, vermindertes Selbstwertgefühl, Rückzug, aber auch Wut und Aggression auftreten. Stotternde sind in ihrem Alltag deswegen meist stark beeinträchtigt.

Welche Ursachen hat Stottern?

Beim Sprechen müssen Atmung, Stimmgebung und Artikulation perfekt zusammenspielen. Das Gehirn steuert und koordiniert diese Vorgänge in Sekundenbruchteilen. Wenn diese Feinabstimmung nicht richtig funktioniert, kann es zum Stottern kommen.

Die genauen Ursachen dafür sind nicht bekannt. Fest steht jedenfalls, dass es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren handelt, bei dem vor allem die familiäre Veranlagung eine Rolle spielt. Häufig lässt sich auch keine erkennbare Ursache finden.

  • Genetische Faktoren

Da Stottern oft familiär gehäuft auftritt, wird davon ausgegangen, dass es eine genetische Veranlagung dafür gibt. Das bedeutet, dass Stottern vererbt werden kann, aber nicht muss.

  • Veränderungen im Gehirn

Forschungen haben ergeben, dass sich die Gehirne stotternder Personen sowohl im Aufbau als auch in der Struktur von den Gehirnen nicht stotternder Menschen unterscheiden. Diese Unterschiede führen zu den typischen Schwierigkeiten beim Sprechen. Diese neurologischen Veränderungen sind bis zu 70% genetisch verursacht.

  • Umwelteinflüsse

Es gilt als wahrscheinlich, dass auch Einflüsse aus der Umwelt in der Entstehung des Stotterns (wahrscheinlich 20–30%) eine Rolle spielen; welche das genau sind, ist aber bis dato unbekannt.

  • Ursachen, die ausgeschlossen werden können

Eltern stotternder Kinder suchen häufig die Schuld bei sich selbst. Der Erziehungsstil, der sprachliche Umgang oder Über- bzw. Unterforderung während der Sprachentwicklung ist aber nie die Ursache des Stotterns. Stottern ist auch kein Ausdruck einer psychischen Störung. Traumatische Erlebnisse, besondere Ereignisse oder das Vorliegen einer Sprachentwicklungsstörung können aber dazu beitragen, es auszulösen und aufrechtzuerhalten.

Für Betroffene, aber auch deren Umfeld wichtig, zu wissen: Stotternde unterscheiden sich von nicht Stotternden lediglich dadurch, dass sie stottern!

Welcher Verlauf ist zu erwarten?

Im Einzelfall ist nicht vorhersagbar, ob das Stottern bestehen bleiben oder verschwinden wird.

  • Die meisten Kinder stottern nur eine Zeit lang, bei zwei Drittel der Betroffenen verschwindet es vor dem 6. Lebensjahr von selbst.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass es verschwindet, ist in den ersten Monaten bis innerhalb eines Jahres nach Beginn des Stotterns am größten.
  • Stottert ein Kind ein Jahr lang nicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Stottern verschwunden ist.
  • Bei Jugendlichen, die nach der Pubertät noch stottern, ist es unwahrscheinlich, dass es ohne Behandlung vollständig und dauerhaft verschwindet.
  • Bei Erwachsenen verschwindet es ohne Behandlung nur sehr selten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Stottern bestehen bleibt, ist größer ...

  • bei Buben als bei Mädchen;
  • wenn es mehr als sechs Monate anhält;
  • wenn das Kind beim Beginn des Stotterns älter als 3 Jahre war;
  • wenn ein leibliches Familienmitglied auch im Erwachsenenalter noch stottert.

Arten des Stotterns

  • Originäres neurogenes nicht-syndromales Stottern: häufigste Form, „normales“ Stottern
  • Originäres neurogenes syndromales Stottern: Vorkommen bei bestimmten Erbkrankheiten wie Trisomie 21
  • Erworbenes neurogenes Stottern: entsteht infolge einer Schädigung des Gehirns (Schlaganfall, Verletzung)
  • Psychogenes Stottern: kann als Folge einer psychisch belastenden Erfahrung (Trauma) auftreten

Wie wird Stottern diagnostiziert?

Erster Ansprechpartner ist meist der Kinderarzt. Er wird zunächst überprüfen, ob das Kind tatsächlich stottert oder ob andere Erkrankungen für die Sprechstörung verantwortlich sind. Kann dies ausgeschlossen werden, folgt die Überweisung zu einem Logopäden (Spezialist für Sprachheilkunde). Dieser kann feststellen, wie stark das Stottern ausgeprägt ist und welche Maßnahmen sinnvoll sind.

Zeigt der Betroffene eine Begleitsymptomatik wie Vermeiden, Anstrengung, Mitbewegung, Angst oder Scham, ist eine sofortige Stotterdiagnostik anzuraten.

Wie wird Stottern therapiert?

Ziel einer Stottertherapie ist nicht vorrangig, das Stottern zu beenden, sondern einen entspannteren Umgang damit zu erlernen, der sich wiederum positiv auf den weiteren Verlauf auswirkt.

Es gibt verschiedene wissenschaftlich untersuchte Methoden, die in der Stottertherapie eingesetzt werden. Welche Therapie im jeweiligen Fall am passendsten ist, liegt im Ermessen des Logopäden. Oft ist es auch notwendig, mehrere Behandlungsformen miteinander zu kombinieren.

  • Die Sprechweise formen (Fluency Shaping)

Beim Fluency Shaping wird eine neue Sprechweise trainiert. Bewährte Techniken sind beispielsweise, Wortanfänge weich zu sprechen und Vokale zu dehnen, die Sprechweise wird dadurch deutlich flüssiger. Zudem wird geübt, die Atmung zu kontrollieren.

  • Die Stottersymptome kontrollieren (Stottermodifikation)

Dabei wird am Stottern direkt gearbeitet, indem der Patient lernt, in sein Stottern aktiv einzugreifen. Er lernt, Situationen, in denen Stottern auftritt, frühzeitig zu erkennen und abzuwenden oder sie mithilfe spezieller Techniken zu mildern. Ziel dabei ist, Sprechängste abzubauen und das Selbstbewusstsein zu stärken.

  • Stottertherapie für Kinder bis 6 Jahre

Für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren gibt es eigene Verfahren, mithilfe derer das flüssige Sprechen gestärkt werden soll. Eltern lernen, ihr Kind für flüssiges Sprechen zu loben und es – im späteren Behandlungsverlauf – behutsam auf das Stottern aufmerksam zu machen.

Indirekte Verfahren: Hierzu zählen Elternberatungen und Therapieformen, bei denen mit dem Kind gearbeitet wird, wobei jedoch nicht das Stottern im Vordergrund steht, sondern Sprach- und Sprechauffälligkeiten, die zusätzlich vorhanden oder eine Folge des Stotterns sind.

  • Behandlung von zusätzlich vorhandenen begleitenden Symptomen

Viele Betroffene kämpfen mit Angst vor dem Sprechen, geringer Selbstsicherheit und Niedergeschlagenheit. In manchen Fällen sind die Probleme so ausgeprägt, dass sie eine gesonderte psychotherapeutische Behandlung benötigen.

  • Was nicht hilft

Keine wissenschaftlichen Belege hingegen gibt es dafür, dass Medikamente, Atemtherapien, Homöopathie, Hypnose oder Bachblütentherapien gegen Stottern wirken. Daher wird von diesen und ähnlichen „Versprechungen“ dringend abgeraten!

Tipps für den Umgang mit stotternden Menschen

  • Akzeptieren Sie die Art, wie die Person spricht, und gestalten Sie Sprechsituationen möglichst entspannt.
  • Hören Sie aufmerksam zu und geben Sie der Person Zeit, zu Ende zu sprechen. Stotternde können Wörter und Sätze selbst beenden und brauchen dabei keine Unterstützung.
  • Halten Sie Blickkontakt.
  • Bleiben Sie im Gespräch ruhig und achten Sie auf eine entspannte Gestik und Mimik.
  • Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass es Sie interessiert, was gesagt wird – und nicht, wie es gesagt wird.
  • Fragen Sie ruhig nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben.
  • Verzichten Sie auf gut gemeinte Hilfestellungen wie etwa „Hol erst einmal Luft“.
  • Stottern darf angesprochen werden! Alle Stotternden wissen, dass sie stottern. Man darf dem Kind ruhig sagen: „Ma, das war jetzt ein doofes Wort. Das wollte gar nicht aus deinem Mund heraus.“

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Autoren:

Medizinisches Review:
Carina Kittelberger
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Patientenleitlinie „Redefluss-Störungen“, Stand 01/2018; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/049-013p_S3_Redeflusstoerungen_2018-05-verlaengert.pdf (letzter Zugriff am 09.03.2020)

Landeskrankenhaus Universitätsklinikum Graz: Die Störung des Redeflusses – Stottern; https://hno.uniklinikumgraz.at/Patientenbetreuung/leistungsspektrum/phoniatrie/patienteninformationen/Documents/Die%20St%C3%B6rung%20des%20Redeflusses.pdf (letzter Zugriff am 09.03.2020)

Bundesärztekammer.de: Patienteninformation Stottern – wenn Sprechen schwerfällt, Stand Juni 2017; https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Patienteninformationen/stottern-kip.pdf (letzter Zugriff am 09.03.2020)

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