Sommerdepression (saisonal abhängige Störung, sommerliche Depression, SAD)

Stimmungstief trotz Schönwetter: Die Sommerdepression betrifft vor allem junge Frauen. (GVS / Fotolia.com)

Die Sommerdepression gehört, ebenso wie die Winterdepression, zu den saisonal affektiven Störungen (SAD). Sie ist eine Sonderform der Depression. Vor allem jüngere Frauen sind davon betroffen.

Während Menschen mit einer Winterdepression vor allem von Müdigkeit und Heißhungerattacken betroffen sind, kommt es bei Menschen mit Sommerdepression vermehrt zu Unruhe, Einschlafschwierigkeiten und Appetitlosigkeit.

Was ist eine saisonal affektive Störung?

Eine saisonal affektive Störung (kurz: SAD) oder saisonal abhängige Depression ist eine Sonderform der Depression. Sie ist durch das Auftreten von depressiven Symptomen im Zusammenhang mit einer bestimmten Jahreszeit charakterisiert und tritt jedes Jahr etwa zur selben Zeit auf. Meist handelt es sich bei einer SAD um eine sogenannte Winterdepression, die in den Herbst- und Wintermonaten beginnt und in der Regel im Frühjahr wieder endet. Diese Form der Depression tritt so häufig auf, dass vielfach der Ausdruck "saisonal anhängige Depression" mit der Herbst-Winter-Depression gleichgesetzt wird.

Bei manchen Menschen kann es jedoch auch in der warmen Jahreszeit zu einer SAD kommen – der sogenannten Sommerdepression. Sie ist ebenfalls eine Form der SAD, tritt allerdings weitaus seltener und meist mit weniger stark ausgeprägten Symptomen auf.

+++ Mehr zum Thema: Winterdepression +++

Warum kommt es zu einer Sommerdepression?

Wissenschaftlich belegt sind die Auslöser einer SAD bisher nicht, wobei sich die wissenschaftliche Datenlage hauptsächlich auf die Herbst-Winter-Depression bezieht. Der in dieser Jahreszeit herrschende Lichtmangel und der Umstand, dass diese Form der Depression durch helles Licht behandelbar ist ("Lichttherapie"), haben in der Forschung bislang die meiste Aufmerksamkeit erhalten.  So soll es durch die jahreszeitlich bedingten Lichtverhältnisse zu einer Störung der Melatoninproduktion im Körper kommen, die für unseren geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus (zirkadianer Rhythmus), unsere innere Uhr, zuständig ist. Melatonin wird in der Zirbeldrüse als Reaktion auf fehlendes Licht ausgeschüttet und signalisiert unserem Körper, dass es Zeit ist, zu schlafen.

Als mögliche Ursache für die Sommerdepression wird diskutiert, dass das vermehrte Licht im Sommer die Melatoninausschüttung vermindert. Dieser Umstand soll demnach nicht nur zu Schlafstörungen, sondern auch zu einer Veränderung verschiedenster biochemischer Prozesse führen, die in weiterer Folge eine Depression auslösen können.

Störungen chronobiologischer Rhythmen werden bei Depressionen im Allgemeinen und bei saisonal abhängigen Depressionen im Besonderen immer wieder diskutiert. Demzufolge braucht unser Körper gesunde Routinen, um die Ausschüttung von Melatonin und Serotonin – einem stimmungsbeeinflussenden Neurotransmitter – zu normalisieren und viele wichtige biochemische Prozesse im Gehirn zu stabilisieren. Da die Sonne in den Sommermonaten früher auf- und später untergeht, kann der gewohnte Tagesablauf bei manchen Menschen durcheinander geraten. Das hat häufig zur Folge, dass auch die Melatonin- und Serotoninproduktion aus dem Gleichgewicht gerät. Bei einer Verminderung des Serotoninspiegels im Gehirn kann es dann zu depressiven Symptomen kommen. Aus diesem Grund werden zur effektiven Behandlung einer SAD beispielsweise auch sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt, die den Serotoninspiegel wieder stabilisieren.

Auch Urlaub, die Sommerferien oder geänderte Arbeitszeiten, die an das schöne Wetter im Sommer angepasst sind, können den gewohnten Tagesablauf unterbrechen und so eine Sommerdepression sogar begünstigen.

Menschen, die an bipolaren Störungen leiden (d.h. Personen, die auch manische oder hypomanische Episoden haben) weisen häufiger eine saisonale Bindung auf als solche, die ausschließlich von Depressionen ("unipolare Depression") betroffen sind.

In einigen Untersuchungen fand man außerdem einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Sommerdepressionen und klimatischen Faktoren, wie etwa der erhöhten Umgebungstemperatur. Ein Fall wurde berichtet, in dem es gelungen ist, die Depression durch intensive Kühlung zu bessern. 

Wer ist von einer Sommerdepression besonders betroffen?

Schätzungen zufolge kommt es bei etwa 4-6 % der Bevölkerung zu einer Sommerdepression. Vor allem Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren sind betroffen.

+++ Mehr zum Thema: Depression +++

Welche Symptome treten bei einer Sommerdepression auf?

Depressionen gehen mit folgenden Symptomen einher:

  • Gedrückte Stimmung
  • Interesse- und Freudlosigkeit
  • Verminderung des Antriebs, erhöhte Ermüdbarkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl
  • Schuldgefühle
  • Pessimismus
  • Suizidgedanken
  • Kognitive Störungen

Daneben treten auch zahlreiche vegetative Symptome auf, dazu zählen vor allem Veränderungen des Schlafes (Ein- und Durchschlafstörungen) und des Appetits (Appetitmangel, Gewichtsabnahme). Herbst-Winter-Depressionen weisen diesbezüglich häufig ein abweichendes Muster auf, in dem sogenannte "atypische" vegetative Störungen auftreten: Die Patienten schlafen oft mehr als sonst und haben verstärkten Appetit, manchmal auch Heißhungerattacken, und nehmen an Gewicht zu. Patienten mit Sommerdepressionen hingegen weisen derartige "atypische" Muster seltener auf. Häufig berichten Betroffene auch von einem Gefühl der Schuld, da sie nicht in der Lage sind, sich am Sommer und an den damit verbundenen Aktivitäten zu erfreuen. Bestärkt wird dieses Gefühl zusätzlich oft dadurch, dass es den Menschen in ihrem Umfeld augenscheinlich besser geht.

Wie wird eine Sommerdepression diagnostiziert?

Um eine SAD diagnostizieren zu können, führt der Arzt (Psychiater) zunächst eine körperliche Untersuchung durch, um mögliche andere Erkrankungen ausschließen zu können. Anschließend erfolgt eine Befragung zum psychischen Befinden und zu den Lebensumständen des Patienten. Zusätzlich kann zur genaueren Diagnosestellung ein spezieller Fragebogen (Seasonal Pattern Assessment Questionnaire - SPAQ) herangezogen werden, in dem die jahreszeitabhängigen Verhaltensmuster des Patienten untersucht werden. Zu den wichtigsten Kriterien für eine klinische Diagnose einer Sommerdepression zählen unter anderem:

  • Die depressiven Symptome müssen über mindestens zwei Jahre ausschließlich in den Sommermonaten auftreten.
  • Die Depression muss am Ende der Sommerzeit wieder abklingen.
  • Es gibt keine andere ursächliche Erklärung für die Depression.
  • Es können andere körperliche Erkrankungen, die die Symptome hervorrufen können, wie z.B. eine Schilddrüsenunterfunktion, ausgeschlossen werden.

Wie wird die Sommerdepression behandelt?

Sommerdepressionen werden grundsätzlich behandelt wie andere Depressionen auch. Das bedeutet, die Behandlung erfolgt mithilfe von Antidepressiva (z.B. selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und/oder einer Psychotherapie (z.B. kognitive Verhaltenstherapie).

+++ Mehr zum Thema: Psychotherapie +++

Auch regelmäßige körperliche Aktivität kann vor allem bei leichten und mittelschweren Depressionssymptomen helfen bzw. vorbeugend wirken. Einen weiterer Therapieansatz zur Behandlung von Depressionen stellt die sogenannte "repetitive transkranielle Magnetstimulation" (rTMS) dar. Sie gilt als vielversprechendes nicht-invasives Verfahren zur Behandlung von Depressionen, bei dem Magnetfelder auf das Gehirn wirken und dadurch bestimmte Hirnareale stimuliert bzw. gehemmt werden.

+++ Mehr zum Thema: Bewegung gegen Depression +++

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ.Prof..Prim.Dr, Hans Rittmannsberger
Redaktionelle Bearbeitung:
Silke Brenner

Stand der Information: Juli 2017
Quellen

S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“, 2. Auflage, 2015; AWMF-Register-Nr.: nvl-005 (Stand: 2015, gültig bis: 2020); http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf (zuletzt aufgerufen am 13.07.2017)

Kasper S, Rosenthal NE: Lichttherapie – Das Programm gegen Herbst- und Winterdepression. Kneipp-Verlag, 1. Auflage, Wien 2010

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