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Schubförmige Multiple Sklerose (MS)

MS schubförmiger Verlauf
Bei 80% aller MS-Patienten beginnt die Erkrankung mit einem schubförmigen Verlauf. ((c)gpointstudio / Shutterstock)

Die schubförmige Multiple Sklerose ist gekennzeichnet durch definierte Schübe. Ein Schub kann einige Tage bis mehrere Wochen anhalten und die Abstände zwischen zwei Schüben können Wochen, Monate oder zum Teil sogar Jahre betragen.

Kurzfassung:

  • Bei den meisten Patienten mit Multipler Sklerose beginnt die Erkrankung mit einem schubförmigen Verlauf.
  • Unter einem Schub versteht man einen objektiv erfassbaren, neu auftretenden neurologischen Ausfall respektive eine Verschlechterung eines bereits bestehenden Ausfalls für die Dauer von mindestens 24 Stunden.
  • Nach einem Schub können sich die Symptome wieder vollständig zurückbilden (komplette Remission).
  • Die Symptome können nach einem Schub bestehen bleiben oder sich unvollständig zurückbilden (inkomplette Remission).
  • Bei einem Teil der Patienten entwickelt sich mit der Zeit eine sekundär progrediente Verlaufsform, bei der Behinderungen ohne Schübe zunehmen.

 


Was ist schubförmige Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung und die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Bedingt durch ein Ungleichgewicht des Immunsystems werden Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark angegriffen und geschädigt. Fehlgeleitete Immunzellen dringen ins zentrale Nervensystem ein und verursachen Entzündungen an den Myelinscheiden (Hüllstrukturen der Nervenfasern) und den Nervenzellen. Myelinscheiden sind eiweisshaltige Hüllen, welche die Nervenfasern wie eine Art Isolationsschicht umgeben. In Folge der Schädigung werden Nervensignale teilweise unvollständig weitergeleitet.

Die Erkrankung beginnt mit einem ersten Erkrankungsschub. Treten im weiteren Verlauf neuerlich Schübe auf, spricht man von einem schubförmigen Erkrankungsverlauf. Ein MS-Schub ist definiert als ein neues Symptom respektive eine Verschlechterung bereits bekannter Symptome, wobei die Beschwerden länger als 24 Stunden anhalten. Die Beschwerden klingen oftmals innerhalb einiger Tage bis weniger Wochen ab.

Nach dem Schub bilden sich die aufgetretenen Symptome ganz (komplette Remission) oder teilweise (inkomplette Remission) innerhalb von Tagen bis Wochen wieder zurück, wobei auch Schübe über Monate sich verbessern können. Allerdings können nach den Schüben Beschwerden zurückbleiben (inkomplette Remission mit Residuen).

+++ Mehr zum Thema: Multiple Sklerose +++

Wie häufig ist die schubförmige Multiple Sklerose?

Etwa 85 bis 90 Prozent der MS-Patienten weisen zumindest am Beginn der Erkrankung einen schubförmigen Verlauf auf. Das bedeutet, dass die neurologischen Ausfälle im Laufe der Zeit in Schüben auftreten. Je öfter es zu Schüben kommt, die sich nicht wieder zurückbilden, desto eher ist mit einer zunehmenden Behinderung zu rechnen. In den ersten Jahren der Erkrankung wird die Schubrate als am höchsten angegeben.

Symptome der schubförmigen Multiplen Sklerose

Da während eines Schubes sehr viele (multiple) neue Entzündungsherde im zentralen Nervensystem auftreten können, hängen die jeweiligen Symptome davon ab, welche Nervenregionen betroffen sind. Der individuelle Verlauf ist höchst variabel und unterscheidet sich von Patient zu Patient.

Typische Beschwerden sind:

  • Sehstörungen (trübes Sehen, Doppelbilder)
  • Empfindungsstörungen (Missempfindungen, Taubheitsgefühle)
  • muskuläre Störungen (Muskelschwäche, Koordinationsstörungen)
  • Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen
  • psychische Symptome (Konzentrationsstörungen, Depressionen, Ermüdbarkeit)
  • Harnblasenstörungen

Wie diagnostiziert der Arzt einen Schub?

Wurde die Diagnose Multiple Sklerose bereits gestellt, erkennen der behandelnde Arzt und auch die Patienten selbst einen Schub sehr schnell. Schwieriger ist die Erstdiagnose. Da das Erscheinungsbild der MS derart vielfältig ist, gilt es zuerst andere Erkrankungen auszuschliessen, die sich durch ähnlichen Beschwerden äussern können.

Die Diagnostik umfassst:

  • Krankengeschichte
  • neurologische Untersuchung
  • Magnetresonanztomographie (MRT)
  • Liquordiagnostik (Lumbalpunktion)
  • Messung der Nervenleitgeschwindigkeit

Therapie der schubförmigen Multiplen Sklerose

Das Ziel der Behandlung ist eine möglichst rasche Unterbrechung des Schubes und damit der Entzündungsreaktion. Die Verminderung der Krankheitsaktivität kann den langfristigen Verlauf der MS günstig beeinflussen. Zu diesem Zweck verwendet man in der Schubtherapie Kortikosteroide. Diese stark entzündungshemmenden Arzneistoffe sind Mittel der Wahl und werden in der Regel hochdosiert über drei bis fünf Tage intravenös verabreicht.

Kortikosteroide verkürzen die Schubdauer und beschleunigen die nachfolgende Rückbildung der Beschwerden. Bei Bedarf kann sich ein zweiter Zyklus an den ersten anschliessen, um dessen Effektivität zu erhöhen. Bleibt die Kortikoidtherapie ohne Erfolg oder kann eine derartige Hochdosistherapie aus bestimmten Umständen nicht durchgeführt werden, kann in Einzelfällen bei schweren Schüben eine Blutwäsche (Plasmapherese) erfolgen.

Wird die Diagnose einer Multiplen Sklerose gestellt ist in der Regel eine Langzeittherapie angezeigt. Diese wird entweder mit Erstlinien- oder Eskalationsmedikamenten durchgeführt.

Wirkstoffe für die Erstlinientherapie:

  • Interferon-beta-1a
  • Interferon-beta-1b
  • Peginterferon beta-1a
  • Glatirameracetat
  • Dimethylfumarat
  • Teriflunomid
  • Fingolimod
  • Ozanimod
  • Ocrelizumab

Wirkstoffe für die Eskalationstherapie:

  • Natalizumab
  • Cladribin
  • Ocrelizumab
  • Alemtuzumab

Übergang in die sekundär progrediente Verlaufsform

Die schubförmige MS kann mit der Zeit in eine sekundär progrediente Form übergehen. Bei unbehandelten Patienten haben nach zehn Jahren etwa 40% der MS-Patienten eine sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelt, nach 25 Jahren sind es etwa 90 Prozent aller unbehandelten Patienten. Die SPMS äussert sich durch eine langsam schleichende Verschlechterung der Symptome.

Insgesamt nimmt die Häufigkeit der Schübe ab und wird durch eine schleichende Zunahme der krankheitsbedingten Ausfallserscheinungen abgelöst. Phasen in denen die Krankheit ruht können zwar vorkommen, doch die Beschwerden bilden sich kaum noch zurück. Zugelassene Medikamente zur Krankheitsmodifikation bei der SPMS sind:

  • Interferone
  • Mitoxantron
  • Ocrelizumab
  • Siponimod

(Stand der medizinischen Information: Februar 2021)

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. med. Hüseyin Duyar
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Bigaut K, De Seze J, Collongues N. Ocrelizumab for the treatment of multiple sclerosis. Expert Rev Neurother. 2019; 19(2):97-108.

Dobson R, Giovannoni G. Multiple sclerosis - a review. Eur J Neurol. 2019; 26(1):27-40.

Dargahi N, Katsara M, Tselios T, et al. Multiple Sclerosis: Immunopathology and Treatment Update. Brain Sci. 2017; 7(7):78.

Loma I, Heyman R. Multiple sclerosis: pathogenesis and treatment. Curr Neuropharmacol. 2011; 9(3):409-416.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Diagnose und Therapie der multiplen Sklerose, 2014 (letzter Zugriff am 05.11.2020).

Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft: https://www.multiplesklerose.ch/de/ueber-ms/

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