EBM - Schnupfen

Winterzeit ist Schnupfenzeit und Erkältungsmedikamente sind derzeit der Renner in den Apotheken. Mittel gegen Husten und Schnupfen gibt es dabei in großer Zahl, doch nicht alle Präparate haben tatsächlich einen Beweis für ihre Wirksamkeit geliefert.

Mediziner der evidenzbasierten Zeitschrift "Clinical Evidence" verlassen sich bei ihrer Bewertung allein auf Daten aus qualitativ hochwertigen Studien, bei denen die Präparate gegen ein Scheinmedikament (Placebo) getestet wurden.

++ Mehr zum Thema: Evidence Based Medicine (EBM) ++

Die Kriterien der EBM-Experten für eine wirksame Behandlung sind Heilungsraten, Dauer der Beschwerden, Krankenstandsdauer und Komplikationen. Hier ihr Urteil:

Wahrscheinlich nützlich – in dieser Form werden folgende Behandlungen bewertet:

  • Die Nasenschleimhaut abschwellende Medikamente (Norephedrin, Oxymetazolin, Pseudoephedrin; Anwendung meist als Spray) – diese Substanzen bessern erwiesenermaßen kurzfristig (drei bis zehn Stunden) die Beschwerden im Zusammenhang mit der verstopften Nase.
  • Antihistaminika (Chlorpheniramin und Doxylaminin) verringern bei erkälteten Personen die Schnupfenbeschwerden nach zwei Tagen. Allerdings wird der tatsächliche Nutzen dieser Behandlung als eher mäßig bewertet.

Wahrscheinlich nicht nützlich oder schädlich – in dieser Form wird die Rolle der Antibiotika bei Erkältungskrankheiten bewertet:

So fanden systematische Untersuchungen und eine nachfolgende Kontrollstudie keinen deutlichen Unterschied zwischen Antibiotika und Placebo in Hinblick auf Heilungs- und Besserungsraten nach sechs bis 14 Tagen. Zwar wurden Patienten, die eine bakterielle Infektion als Ursache ihrer Erkältung aufwiesen, mit Antibiotika schneller wieder gesund – aber leider gibt es derzeit noch keine Möglichkeit, sofort und exakt festzustellen, ob die Symptome von einem Virus oder einem Bakterium ausgelöst werden. Diese Differenzierung ist erst durch Untersuchung eines Rachenabstrichs im Labor möglich. Und bis die Ergebnisse vorliegen, sind die Beschwerden meist schon abgeklungen.

Unklarer Nutzen – folgende Maßnahmen bzw. Mittel können derzeit nicht eindeutig bewertet werden:

  • Echinacea – in der medizinischen Literatur finden sich eingeschränkte Hinweise darauf, „dass manche Präparate die Symptome im Vergleich zu Placebo bessern können“ (Clinical Evidence). Kontrollierte Medikamentenstudien fanden jedoch keinen nennenswerten Nutzen in Hinblick auf Dauer und Schwere der Symptome. Eine Bewertung einzelner Produkte, die sich zum Teil erheblich in der Konzentration und Qualität ihrer Inhaltsstoffe unterscheiden, ist derzeit nicht möglich.
  • Inhalieren mit Wasserdampf – die Wirksamkeit ist bislang noch nicht in Studien überprüft worden.
  • Zink (Nasen-Gel oder Pastillen) – zwei Studien ergaben widersprüchliche Ergebnisse. Daher können diese Medikamente derzeit nicht bewertet werden.
  • Schmerzmittel und fiebersenkende Medikamente (Analgetika, NSAR) – diese Medikamente wurden in der Indikation „Erkältungskrankheit“ noch keiner Überprüfung in Studien unterzogen.

Allheilmittel Vitamin C?

Ob das bei Husten und Schnupfen besonders beliebte Vitamin C tatsächlich etwas bringt, überprüften Mediziner der "Cochrane-Collaboration". Sie werteten sämtliche Studien aus, in denen Vitamin C in einer Dosierung von mindestens 200mg täglich eingenommen wurde; insgesamt 29 Studien mit 11.000 Teilnehmern. Die Ergebnisse:

Vorbeugende Einnahme

  • Kriterium „Erkrankungsrisiko“ (Wahrscheinlichkeit des Auftretens) – keine signifikante Reduktion der Erkrankungswahrscheinlichkeit in der Normalbevölkerung. Lediglich bei Personen unter Extrembelastungen (z.B. Marathonläufer) zeigte sich eine Risikoreduktion um 50%.
  • Kriterium „Erkrankungsdauer“ – Reduktion um 8% bei Erwachsenen sowie um 13,5% bei Kindern
  • Kriterium „Schwere der Erkrankung“ (gemessen an der Zahl der Krankenstandstage) – leichte Vorteile unter Vitamin C

Einnahme erst im Erkrankungsfall

  • Kriterium „Erkrankungsdauer“ – kein deutlicher Vorteil gegenüber einem Scheinmedikament
  • Kriterium „Schwere der Erkrankung“ – ebenfalls kein Nutzen feststellbar

In Summe scheint die hilfreiche Wirkung von Vitamin C bei Erkältungen doch eher begrenzt zu sein. Lediglich bei vorbeugender Anwendung konnte in Bezug auf Dauer und Schwere der Erkältung ein Nutzen gefunden werden. Nachtrag der "Cochrane"-Autoren: Falls Vitamin C bei bereits bestehenden Erkältungsbeschwerden eingenommen wird, so sollte die Dosierung wahrscheinlich bei 8g täglich liegen, um einen Nutzen zu erzielen.

Rezeptfreie Medikamente speziell gegen Husten

Wenn es darum geht, akute Hustensymptome zu bekämpfen, steht ein breites Arsenal an Arzneien bereit. Die Experten der "Cochrane"-Gruppe haben auch hier das vorhandene Studienmaterial unter die Lupe genommen. Im Detail sehen die Ergebnisse wie folgt aus:

Husten beim Erwachsenen

  • Hustenstopper (Antitussiva) – klassischer Vertreter dieser Klasse von Medikamenten ist Codein. Allerdings war seine Wirksamkeit in den Studien nicht besser als Placebo. Dextromethorphan war in zwei Studien besser als Placebo, in einer dritten auf dem Niveau des Scheinmedikaments.
  • Hustenlöser (Expektoranzien) sollen das Abhusten des Schleims erleichtern. In einer (größeren) Studie war Guaifenesin in der subjektiven Beurteilung durch die Patienten besser als Placebo, in einer (kleineren) Studie konnte kein deutlicher Nutzen verzeichnet werden.
  • Schleimlöser (Mukolytika; z.B. Acetylcystein, Ambroxol, Bromhexin) verflüssigen den Schleim, so dass er leichter abgehustet werden kann. Eine Studie fand eine Reduktion der Hustenfrequenz sowie der Beschwerden an Tag vier und acht im Vergleich zu Placebo.
  • Antihistaminika – kein Nutzen in drei Studien

Husten beim Kind

  • Hustenstopper – nicht wirksamer als Scheinmedikamente (eine Studie)
  • Hustenlöser – keine Studien speziell für Kinder
  • Schleimlöser – eine Studie brachte positive Ergebnisse an Tag vier bis zehn.
  • Antihistaminika – kein Nutzen (eine Studie)
  • Antihistaminika in Kombination mit abschwellenden Mitteln – kein Nutzen in zwei Studien

Das Fazit der Experten: Es gibt keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise, die für oder gegen rezeptfreie Medikamente bei akutem Husten sprechen. Die oben angeführten Ergebnisse – in Summe nicht wirklich berauschend – sollten jedenfalls mit Vorsicht betrachtet werden, da sich die analysierten Studien in den von ihnen untersuchten Patientengruppen, der Studienaufmachung sowie in ihren Ergebnissen stark unterscheiden.

Was bringen Antibiotika bei akuter Bronchitis?

Bei akuter Bronchitis sollte nicht routinemäßig zu Antibiotika gegriffen werden, so die Empfehlung vieler Experten. Der Grund für die Zurückhaltung ist der lediglich geringe Nutzen im Vergleich zu den möglichen Nebenwirkungen der Medikamente. Eine Autorengruppe der "Cochrane Collaboration" überprüfte nun auch diese These und berechnete den tatsächlichen Benefit, der von einer Antibiotika-Einnahme zu erwarten ist.

Insgesamt neun Studien mit 750 Patienten erfüllten die strengen Qualitätsrichtlinien, die bei "Cochrane" an wissenschaftliche Arbeiten gestellt werden. Bei der Gesamt-Analyse zeigte sich, dass nur einer von fünf Patienten mit weniger Husten und verkürzter Krankheitsdauer von den Antibiotika profitierte. Sehr deutlich stieg in der Gruppe der Antibiotika-Nehmer allerdings die Nebenwirkungsrate.

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Quellen

Arroll B: Common cold. In: Clinical Evidence, BMJ Publishing Group Ltd., November 2004.

Douglas RM et al: Vitamin C for preventing and treating common cold. In: The Cochrane Library, Issue 4, 2004

Schroeder K et al: Over-the-counter medications for acute cough in children and adults in ambulatory settings. In: The Cochrane Library, Issue 4, 2004.

Smucny J et al: Antibiotics for acute bronchitis. In: The Cochrane Library, Issue 4, 2004.

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