Matomo pixel

Schleudertrauma (Peitschenschlagsyndrom, HWS-Distorsion, Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule)

Schleudertrauma nach einem Autounfall
Auffahrunfall: Das akute Schleudertrauma ist häufig durch Kollisionen im Straßenverkehr bedingt. (angelhell / iStockphoto)

Ein Schleudertrauma (Peitschenschlagsyndrom) ist eine Weichteilverletzung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Zu den häufigsten Ursachen eines Schleudertraumas gehören Verkehrsunfälle.

Kurzfassung:

  • Bei einem Schleudertrauma (Peitschenschlagsyndrom) kommt es zu Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Muskelsteifheit und Schwindel.
  • Die häufigsten Auslöser für ein Schleudertrauma sind Auffahrunfälle, aber auch Sport- und Freizeitunfälle spielen eine Rolle.
  • Der Arzt stellt die Diagnose meist anhand der Symptome und der Anamnese.
  • Das Schleudertrauma wird konservativ und symptomatisch behandelt.
  • In der Regel heilt ein Schleudertrauma innerhalb von wenigen Tagen bis hin zu wenigen Wochen wieder vollständig aus.

Bei einem Schleudertrauma (Peitschenschlagsyndrom) handelt es sich um eine Weichteilverletzung im Bereich der Halswirbelsäule, die durch eine plötzliche, ruckartige Bewegung und Überstreckung des Kopfes infolge einer unerwarteten Krafteinwirkung ausgelöst wird. Meist passiert diese Verletzung infolge eines Verkehrsunfalls (häufig Auffahrunfall), bei der Ausübung von Sport (v.a. Kampfsport, Skifahren, Eislaufen) oder bei Freizeitunfällen (z.B. bei einer Achterbahnfahrt).


Welche Symptome treten bei einem Schleudertrauma auf?

Die Symptome treten in der Regel nach einer gewissen Latenzzeit auf. Diese Verzögerung variiert zwischen einigen Stunden bis hin zu mehreren Tagen. Folgende Symptome sind nach einem Schleudertrauma möglich:

Je nach Schweregrad der Verletzung können zusätzlich folgende Beschwerden auftreten:

  • Schluckstörungen
  • Schlafstörungen
  • Sehstörungen
  • Hörstörungen (Tinnitus)
  • Lähmungen im Bereich des Gesichts und der oberen Extremitäten
  • Desorientiertheit
  • Bewusstseinsstörungen
  • Gangunsicherheit
  • depressive Verstimmungen

Wie schwer ein Schleudertrauma ist und wie stark die Symptome ausgeprägt sind, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Wie stark war die Gewalteinwirkung?
  • Waren die Muskeln zum Zeitpunkt des Unfalls angespannt?
  • In welchem Zustand sind die Muskeln? (je stärker, desto widerstandsfähiger)
  • Welche anatomischen Merkmale weist der Betroffene auf? (Menschen mit langem, grazilem Hals sind gefährdeter.)


Wie wird die Diagnose Schleudertrauma gestellt?

Nach einem Unfall sollte die Halswirbelsäule möglichst ruhig gehalten und ein Arzt aufgesucht werden. Dies empfiehlt sich sowohl aus medizinischen als auch aus versicherungstechnischen Gründen. (Der Arzt muss die Diagnose Schleudertrauma schriftlich bestätigen, damit dem Betroffenen bei Fremdverschulden Schmerzensgeld zusteht.)

Der erste Ansprechpartner nach einem Schleudertrauma ist ein Arzt für Allgemeinmedizin. Dieser führt nach einer ausführlichen Anamnese (= Erhebung der Krankengeschichte) eine körperliche Untersuchung durch. Dabei wird das genaue Ausmaß der Erkrankung ermittelt und eine eventuelle Gehirnerschütterung ausgeschlossen.

+++ Mehr zum Thema: Gehirnerschütterung +++

Bei starken Schmerzen und/oder neurologischen Ausfällen (Kribbeln der Finger, Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungserscheinungen) ist die sofortige Abklärung im Krankenhaus dringend angeraten.

Eine Röntgenuntersuchung wird zum Ausschluss von Knochenbrüchen oder Gelenksverletzungen in der Halswirbelsäule gemacht. Bei Verdacht auf eine Verletzung des Nervensystems können neurologische Untersuchungen wie die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) oder der elektrischen Aktivität in der Muskulatur (EMG) folgen. In seltenen Fällen erfolgt eine Liquoruntersuchung (bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung), ein Ultraschall der Halsschlagader (bei Verdacht auf Verletzung der Halsschlagader), eine Computertomografie (CT) oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns (bei Verdacht auf Hirnverletzung).


Schleudertraumen werden in 4 Gruppen eingeteilt:

Symptome

Grad 0

Grad 1

Grad 2

Grad 3

Grad 4

Nackenschmerzen

nein

ja

ja

ja

ja

Muskel-/Skelettstörungen

nein

nein

ja

ja

ja

Neurologische Ausfälle

nein

nein

nein

ja

ja

Brüche, verrutschte Gelenke

nein

nein

nein

nein

ja

Muskel-/Skelettstörungen = Bewegung des Nackens beeinträchtigt
Neurologische Ausfälle = geschwächte Muskelreflexe, Gefühlsstörungen, Schwäche

  • Schweregrad 0: keine HWS-Beschwerden, keine Ausfälle.
  • Schweregrad 1: HWS-Beschwerden in Form von Schmerzen, Muskelsteifheit und Überempfindlichkeit; keine Ausfälle
  • Schweregrad 2: HWS-Beschwerden in Form von Schmerzen, Muskelsteifheit und Überempfindlichkeit sowie Beschwerden der Muskulatur und des Skeletts (z.B. Bewegungseinschränkungen)
  • Schweregrad 3: HWS-Beschwerden in Form von Schmerzen, Muskelsteifheit und Überempfindlichkeit sowie neurologische Ausfälle
  • Schweregrad 4: HWS-Beschwerden in Form von Schmerzen, Muskelsteifheit und Überempfindlichkeit sowie Bruch oder Fehlstellung der Halswirbelsäule


Wie wird ein Schleudertrauma behandelt?

Die Therapie eines Schleudertraumas richtet sich nach dem Schweregrad der Verletzung:

  • Eine leichte Verletzung wird symptomatisch behandelt. Bei Bedarf können schmerzstillende Medikamente oder Muskelrelaxanzien zum Einsatz kommen. Lokale Wärme oder Kälte, sanfte Massagen und Lockerungsübungen können zur Genesung beitragen. Nach kurzer Zeit kann wieder zu den gewohnten Alltagsaktivitäten zurückgekehrt werden.
  • Schwere Verletzungen mit Knochen- und Muskelbeteiligung bedürfen einer speziellen – manchmal auch operativen – Behandlung.
  • An die Akutbehandlung eines Schleudertraumas kann eine Physiotherapie anschließen.
  • Bei langfristigen Beschwerden muss das Behandlungskonzept erweitert werden: Schmerztherapie durch Antidepressiva, Verhaltens- und Physiotherapie können helfen.
  • Eine Ruhigstellung mit Halskrawatte oder Halskrause (spezielle Orthese zur Ruhigstellung der HWS) wird bei einem Schleudertrauma bis Schweregrad 2 mittlerweile nicht mehr empfohlen, da eine zu lange Ruhigstellung zu Funktionseinschränkungen der Halswirbelsäule führt.

+++ Mehr zum Thema: Nackenschmerzen +++


Prognose: Sind bei einem Schleudertrauma Spätfolgen zu erwarten?

In der Regel heilt ein Schleudertrauma innerhalb von wenigen Tagen bis hin zu wenigen Wochen wieder vollständig aus. Das Risiko für Spätfolgen ist sehr gering. In seltenen Fällen können die Nackenschmerzen ein paar Monate andauern, insbesondere dann, wenn schon vor dem Schleudertrauma eine Schädigung an der Halswirbelsäule bestand. Beim chronischen Verlauf entwickeln Patienten ein sogenanntes "Schmerzgedächtnis" – dabei bleiben die Beschwerden bestehen, auch wenn die Verletzung längst ausgeheilt ist.


So können Sie Ihren Nacken stärken:

  1. Stellen Sie sich mit dem Rücken zur Wand und bewegen Sie Ihre Augen, als würden Sie auf einer großen Uhr abwechselnd auf die Zwei, Vier, Acht und Zehn schauen. Wiederholen Sie diese Übung. Diese Augenbewegung erzwingt eine leichte Mitbewegung der tiefer liegenden Nackenmuskulatur.
  2. Treten Sie einen Schritt nach vorne. Beugen Sie den Nacken vorsichtig nach vorne – wie bei einer Verbeugung – und wieder zurück in die Ausgangsposition.
  3. Legen Sie Ihr Kinn an die Brust und beugen Sie jetzt wieder den Nacken vorsichtig nach vorne und wieder zurück in die Ausgangsposition.
  4. Beugen Sie den Nacken zur Seite, sodass Ihr rechtes Ohr zur rechten Schulter zeigt. Versuchen Sie während dieser Bewegung, Ihren Blick auf einen bestimmten Punkt vor Ihnen in Augenhöhe zu richten. Dann zurück in die Ausgangsposition.
  5. Beugen Sie den Nacken zur Seite, sodass Ihr linkes Ohr zur linken Schulter zeigt. Versuchen Sie während dieser Bewegung, Ihren Blick auf einen bestimmten Punkt vor Ihnen in Augenhöhe zu richten. Dann zurück in die Ausgangsposition.
  6. Drehen Sie Ihren Kopf nach rechts und versuchen Sie über Ihre rechte Schulter zu schauen. Versuchen Sie mit Ihren Augen einer waagrechten Linie in Augenhöhe auf der Wand zu folgen.
  7. Drehen Sie Ihren Kopf nach links und versuchen Sie über Ihre linke Schulter zu schauen. Versuchen Sie mit Ihren Augen einer waagrechten Linie in Augenhöhe auf der Wand zu folgen.
  8. Sie können auch mit einem Strandball oder einem anderen weichen Ball trainieren: Halten Sie den Ball mit der Stirn gegen eine Wand und versuchen Sie, ihn in Kreisen oder "Achtern" zu führen. Versuchen Sie dies auch mit dem Ball zwischen Hinterkopf und Wand.

+++ Mehr zum Thema: Erste Hilfe +++

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:
Univ.Prof. Dr. Manfred Zehetgruber, ,
Medizinisches Review:
Univ.Prof. Dr. Manfred Zehetgruber, Univ.-Prof. Dr. Christian Gäbler
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs: Schleudertrauma; https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/gehirn-nerven/ursachen-symptome (letzter Zugriff: 14.01.2019)

S1-Leitlinie „Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule“. AWMF-Reg.-Nr. 030/095; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-095l_S1_Beschleuningstrauma_der_HWS_2012_abgelaufen.pdf (letzter Zugriff: 14.01.2019)
 

Weitere Artikel zum Thema

Nackenschmerzen sind weit verbreitet. Lesen Sie hier, welche Ursachen es gibt und wie Sie vorbeugen können.

Die Therapie der Nackenschmerzen unterscheidet sich je nach Dauer der Schmerzen. Welche Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen, lesen Sie hier.

Unter Erste Hilfe versteht man alle lebensrettenden Maßnahmen, die bis zum Eintreffen professioneller Hilfe (z.B. Rettungsdienst) geleistet werden.

mehr...