Rheuma macht depressiv

Die häufigste Folgeerscheinung im Zusammenhang mit Rheuma ist eine psychische Belastung, die in eine Depression mündet.
Die häufigste Folgeerscheinung im Zusammenhang mit Rheuma ist eine psychische Belastung, die in eine Depression mündet. (gpointstudio / iStockphoto)

Die Depression ist die mit Abstand häufigste Begleiterkrankung bei Rheuma. Durch eine effiziente Therapie verschwinden die Beschwerden.

Dass rheumatische Entzündungen oft unerträgliche Schmerzen an unseren Gelenken, der Wirbelsäule und den Muskeln verursachen und das Leben dadurch zur Hölle wird, ist wohl jedermann bekannt. Dass rheumatische Leiden auch zu einer Entzündung von Blutgefäßen und inneren Organen wie Herz, Lunge, Darm und Niere führen und damit die Lebenserwartung deutlich herabsetzen, hat sich auch schon herumgesprochen. Aber die häufigste Folgeerscheinung im Zusammenhang mit Rheuma ist eine psychische Belastung, die in eine Depression mündet.

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Depression als Begleiterkrankung

Laut mehreren internationalen Studien ist die Depression die mit Abstand häufigste Begleiterkrankung bei Gelenksentzündungen und korreliert mit der Schwere der Entzündung. Bei bis zu 55% der Rheumapatienten fanden sich zumindest milde depressive Zustände. Bei knapp 23% war eine mittelschwere Depression vorhanden. Die Betroffenen fühlen sich antriebslos, ängstlich, ständig müde, erschöpft. Dazu kommen Schlafstörungen. Die Stimmung der Patienten ist am Tiefpunkt. Bewegungsmangel und Übergewicht verstärken die Symptome. Depression und Angstzustände wirken sich wiederum auf den Verlauf von Gelenksentzündungen und die Krankheitsaktivität schlecht aus. Dies mündet in einer Negativspirale. Doch das muss nicht sein! Durch eine effiziente Rheumatherapie verschwinden nicht nur die Schmerzen sondern auch die depressiven Beschwerden.

Dabei ist auch das Stadium, in dem Rheuma diagnostiziert wird, entscheidend für den gesamten Krankheitsverlauf. Experten sprechen von einem „therapeutischen Fenster“ innerhalb der ersten drei Monate nach Ausbruch einer Gelenksentzündung. Der rasche Beginn einer effektiven Behandlung in diesem Zeitraum führt oft zu einem kompletten Stopp des rheumatischen Leidens. Sämtliche Symptome wie Schmerzen, Schwellungen, Morgensteifheit, Bewegungseinschränkungen und ein Kraftverlust der entzündeten Gelenke, Muskeln oder der Wirbelsäule können vollständig verschwinden.

Bei zu später Diagnose greift die Entzündung dagegen Gelenke, Wirbelsäule, Sehnen und Muskeln an und zerstört den Gelenksknorpel. Dadurch nützen sich die betroffenen Gelenke rasch ab, verformen sich, werden steif und unbeweglich. Diesen Vorgang kann man dann leider nicht mehr rückgängig machen.

Rasche Diagnose wichtig

Gerade bei chronischen Gelenksentzündungen wie der rheumatoiden Arthritis (früher chronische Polyarthritis) oder der Psoriasisarthritis (Kombination Schuppenflechte mit Gelenksentzündung) und Wirbelsäulenentzündungen wie dem Bechterew zählt jeder Tag. Nicht nur, weil die Schmerzen oft unerträglich sind. Sondern auch, weil Gelenke und Wirbelsäule durch die aggressive Entzündung oft binnen weniger Wochen zerstört werden. Die Betroffenen können sich zum Teil kaum noch bewegen. Aber selbst so schwere Erkrankungen lassen sich heute wirkungsvoll bekämpfen. Laut jüngsten wissenschaftlichen Studien führt eine medikamentöse Intervention in den ersten drei Monaten zum Erhalt einer völlig normalen Körperfunktion ohne Beeinträchtigungen bei bis zu 60% aller Rheumatiker. Dafür ist aber die frühe Diagnose und Therapie Voraussetzung. Deshalb sollte jeder Betroffene bei unklaren Gelenksbeschwerden, die länger als drei Wochen andauern, sofort einen Rheumaspezialisten aufsuchen. Dieser stellt anhand der vorliegenden Symptome die Diagnose. Diverse Bluttests mit Bestimmung von Rheumafaktoren, Röntgenuntersuchungen und in letzter Zeit der frühe Einsatz von Gelenksultraschall und Magnetresonanztomographie bestätigen die Diagnose.

Unser Immunsystem ist krank

Die Ursache der meisten Gelenks- und Wirbelsäulenentzündungen ist eine Störung unseres Immunsystems, welches außer Kontrolle gerät, überaktiv ist und sich gegen unseren eigenen Körper richtet. Über eine Aktivierung diverser Zellen und Botenstoffe des Immunsystems kommt es zu einer entzündlichen Reaktion, wobei neben Gelenken, Wirbelsäule und Muskeln auch innere Organe wie Niere, Lunge, Herz oder Leber betroffen sein können. Dadurch entstehen Schmerzen, Schwellungen aber auch Allgemeinsymptome wie Fieber, Schwitzen und starkes Krankheitsgefühl.

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Biologische Medikamente

Den wirklichen Durchbruch in der Rheumatherapie hat die Entwicklung von neuen Medikamenten gebracht, welche die überaktiven Zellen und Botenstoffe unseres Immunsystems bremsen, die eben die Gelenksentzündungen hervorrufen.

Diese neuen Präparate werden „Biologika“ genannt. Biologika wirken nicht nur auf die Symptome des Rheumaleidens, sondern beeinflussen vor allem den Verlauf der Krankheit mit der Möglichkeit eines kompletten Stopps. Biologika werden entweder als Infusion verabreicht oder vom Patienten selbst subcutan, also unter die Haut, gespritzt.

Seit letztem Jahr ist eine weitere Generation von Rheumamedikamenten, die sogenannten „Small Molecules“ verfügbar. Diese modernen Substanzen werden oral eingenommen und beeinflussen verschiedene Informationswege innerhalb der Zellen, um die Entzündung zu stoppen. Der Rheumatologe wählt das für den Patienten passende Medikament aus.

Wer unter einer schweren Depression leidet benötigt oftmals eine zusätzliche Therapie mit Antidepressiva oder pflanzlichen Mitteln. Die Behandlung sollte immer mit diversen psychotherapeutischen, insbesondere verhaltenstherapeutischen Verfahren kombiniert werden. Sport und Bewegung wirken sich allen Studien zufolge äußerst positiv auf das rheumatische Grundleiden wie auch auf die Depression aus. Die erhöhte Ausschüttung von Endorphinen (Glückshormone) durch Sport ist einer Therapie mit Antidepressiva ebenbürtig. Gelenksschonende Sportarten wie Nordic Walking, Radfahren, Skilanglauf, Schwimmen, moderates Krafttraining oder Tanzen sind auch für ältere Patienten geeignet. Junge Rheumatiker können natürlich auch intensive Sportarten wie Skifahren, Windsurfen, Mountain Biken oder Klettern auswählen. Schon 150 Minuten Sport pro Woche wirken antidepressiv.

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Autoren:
Dr. Thomas Schwingenschlögl
Redaktionelle Bearbeitung:
Silke Brenner

Stand der Information: April 2018
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