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Polyglobulie (Erythrozytose)

Rote Blutkörperchen Blutkrankheit
Unter Polyglobulie versteht man eine Zunahme der roten Blutkörperchen & Bluteindickung. (Thomas-Soellner / iStockphoto)

Eine Erhöhung der Anzahl an roten Blutkörperchen und die damit verbundene Steigerung des Hämatokritwertes wird als Polyglobulie bezeichnet. Aufgrund der Bluteindickung kann es zu teils schwerwiegenden Durchblutungsstörungen kommen. Die Therapie erfolgt abhängig von der zugrunde liegenden Ursache.

Kurzfassung:

  • Bei einer Polyglobulie ist eine zu große Menge an roten Blutkörperchen im Blut vorhanden.
  • Die primäre Polyglobulie (Polyzythämie) ist eine Erkrankung des Knochenmarks und tritt sehr selten auf.
  • Die sekundäre Polyglobulie (Erythrozytose) ist eine Folge von Sauerstoffmangel. Häufige Ursachen sind Aufenthalte in großen Höhen, starkes Rauchen und Vorerkrankungen von Herz, Lunge oder Niere.
  • Bei beiden Formen der Polyglobulie sind die Hämoglobin- und Hämatokritwerte erhöht.

 


Was ist eine Polyglobulie?

Bei einer Polyglobulie ist die Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit einhergehend auch die Hämoglobinkonzentration im Blut erhöht. Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff, seine Hauptaufgabe ist der Transport von Sauerstoff in die Zellen sowie der Rücktransport von Kohlendioxid in die Lunge.

Aufgrund der erhöhten Anzahl an roten Blutkörperchen wird das Blut zähflüssiger, das Herz muss schneller und stärker pumpen, um die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten.

Welche Ursachen hat eine Polyglobulie?

Eine Erhöhung der Anzahl an roten Blutkörperchen kann unterschiedliche Ursachen haben:

Reaktion auf eine Sauerstoffmangelversorgung des Körpers:

  • Sauerstoffmangel in der Luft: längere Aufenthalte in großen Höhen (Hochgebirge)
  • Rauchen: Einschränkung der Lungenfunktion
  • Lungen-, Herz- oder Gefäßerkrankungen

Folge einer Knochenmarkfunktionsstörung aufgrund von:

Formen der Polyglobulie

Abhängig von der Ursache unterscheidet man zwischen primärer und sekundärer Polyglobulie:

Primäre Polyglobulie (Polyzythämie)

Die Polyzythämie (Polycythaemia vera) ist eine chronische Erkrankung des Knochenmarks, bei der es zu einer unkontrollierten Vermehrung von vorwiegend roten, aber auch weißen Blutkörperchen kommt. Zumeist sind ältere Personen davon betroffen – das mittlere Alter bei Diagnosestellung liegt zwischen 60 und 65 Jahren. Die Erkrankung gehört zu Gruppe der myeloproliferativen Neoplasien (MPN) und tritt insgesamt nur sehr selten auf.

+++ Mehr zum Thema: Polyzythämia vera +++

Sekundäre Polyglobulie (Erythrozytose)

Die weitaus häufiger auftretende sekundäre Polyglobulie wird durch Sauerstoffmangel ausgelöst. Ursachen hierfür können einerseits äußere Umstände, wie etwa ein langer Aufenthalt in großen Höhen (über 4.000 Meter Seehöhe), sein oder anderseits bestimmte Vorerkrankungen, die den Sauerstofftransport im Körper negativ beeinflussen.

+++ Mehr zum Thema: Höhenkrankheit +++

Was passiert im Körper, wenn zu wenig Sauerstoff vorhanden ist?

Kommt es im Organismus zu einem Sauerstoffmangel, reagiert das Knochenmark mit der vermehrten Bildung von roten Blutkörperchen. Gesteuert wird dieser Mechanismus von Erythropoetin, einem Hormon, das in der Niere gebildet wird. Es gewährleistet die Anpassung des Sauerstofftransports an die Bedürfnisse des Körpers.

Welche Symptome treten bei einer Polyglobulie auf?

  • Bluthochdruck

Die hohe Anzahl an roten Blutkörperchen führt zu einer deutlichen Bluteindickung mit einer Erhöhung des Blutvolumens und des Strömungswiderstandes. Dies bedeutet für das Herz Mehrarbeit und äußert sich in einer Erhöhung des Blutdrucks (Hypertonie), in Durchblutungsstörungen und einem erhöhten Thromboserisiko.

Wie wird die Polyglobulie diagnostiziert?

Die erhöhten Erythrozyten- und Hämatokritwerte können über eine einfache Blutuntersuchung festgestellt werden.

Falls keine Ursache gefunden wird, besteht der Verdacht auf eine primäre Polyzythämie. Die Diagnose erfolgt durch den Nachweis der verursachenden genetischen Veränderungen (JAK2-Gen, Calreticulin) in den erkrankten Knochenmarkzellen im Rahmen einer Blutabnahme oder/und durch eine Knochenmarkbiopsie.

Wie wird eine Polyglobulie behandelt?

Primäre Polyglobulie

Die Therapie der Polyzythämie hat in erster Linie die Verminderung des Thromboserisikos durch Senkung der erhöhten Produktion von roten Blutzellen zum Ziel. Gleichzeitig bessern sich auch andere Symptome der Erkrankung.

Als Therapie kommen infrage:

  • Als erste Maßnahme wird der Aderlass angewendet.
  • Hydroxyurea ist ein als Tablette einzunehmender Wirkstoff, der die Bildung der roten Blutzellen behindert.
  • Wirkstoffe zur Vorbeugung von Thrombosen, wie Acetylsalicylsäure oder Heparin
  • Interferon wird zirka einmal pro Woche unter die Haut gespritzt und senkt die Produktion der Blutzellen.
  • Neuartige Medikamente wirken direkt auf die veränderten Eiweißkörper der erkrankten Zellen ein.
  • Eine Stammzelltransplantation ist nur selten erforderlich.

Sekundäre Polyglobulie

Bei der sekundären Polyglobulie steht die Behandlung der Grundkrankheit im Vordergrund. Besteht der Sauerstoffmangel aufgrund äußerer Umstände (Aufenthalt im Hochgebirge), bildet sich dieser in der Regel von selbst zurück.

Ist die Grunderkrankung nicht oder nur unzureichend zu behandeln, erfolgen regelmäßige Aderlässe zur Senkung der Erythrozytenzahl. Dabei werden jeweils rund 300 ml Blut abgenommen und durch Flüssigkeit ersetzt.

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Autoren:
OA Dr. Siegfried Sormann,
Medizinisches Review:
OA Dr. Siegfried Sormann
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Leitlinie „Polycythaemia vera“, Stand April 2019; https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/polycythaemia-vera-pv/@@guideline/html/index.html (letzter Zugriff am 27.08.2020)

Universitätsspital Basel: Sturzabklärung; https://www.unispital-basel.ch/fileadmin/podcast/medart18/03-Mittwoch/PDF/3-Mittwoch_10-Faelle-Innere-Medizin_Fall3_M-Trendelenburg.pdf (letzter Zugriff am 27.08.2020)

Ärzteblatt.de: Angeborene und erworbene Polyzythämien, Stand 2008; https://www.aerzteblatt.de/archiv/58710/Angeborene-und-erworbene-Polyzythaemien (letzter Zugriff am 27.08.2020)

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