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PML als Nebenwirkung der MS-Therapie

progressive multifokale Leukenzephalopathie
Das Risiko, als MS-Patient eine PML zu entwickeln, ist insgesamt äußerst gering. (1053434168 / iStockphoto)

Bestimmte Medikamente bei Multipler Sklerose können das Risiko, eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) zu entwickeln, erhöhen. Insgesamt ist das Risiko, als MS-Patient an PML zu erkranken, aber äußerst gering.

Informationen auf dieser Seite:

Was ist MS?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der sich das körpereigene Immunsystem (vor allem sogenannte T- und B-Lymphozyten) gegen die Isolierschicht der Nervenfasern im Gehirn und im Rückenmark richtet und diese zerstört. 

Typische Symptome sind einseitige Sehstörungen, Gefühlsstörungen in verschiedenen Körperregionen, Unsicherheiten beim Greifen und Gehen, Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase

Derzeit gibt es noch keine Medikamente zur Heilung von MS. Die Behandlung zielt daher vorrangig darauf ab, Krankheitsschübe zu verhindern oder deren Häufigkeit zu reduzieren und somit das Fortschreiten der MS zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen.

+++ Mehr zum Thema: Verlaufsformen der MS +++

Immuntherapie bei MS

Einen erheblichen Fortschritt in der Behandlung aller MS-Formen stellt die sogenannte "Immuntherapie“ dar:

  • Dazu werden Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem verändern (modulieren) oder unterdrücken (supprimieren).
  • Die Medikamente werden auch als krankheitsmodifizierend bezeichnet, womit das Ziel deklariert ist, die Entzündungsreaktion im Gehirn und damit MS-Schübe langfristig zu verhindern, den weiteren Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen sowie irreversible Beeinträchtigungen durch die Erkrankung möglichst hintanzuhalten.
  • Welche Form der Immuntherapie zum Einsatz kommt, hängt von der individuellen Situation des Patienten ab.

Immuntherapien werden im Allgemeinen gut vertragen, können aber – so wie alle Wirkstoffe – bei manchen Patienten zum Auftreten von Nebenwirkungen führen. Diese reichen – abhängig vom Wirkstoff bzw. Wirkmechanismus – von harmlosen und gut behandelbaren Ereignissen wie vorübergehenden milden, grippeähnlichen Symptomen bis hin zu sehr selten auftretenden, aber ernst zu nehmenden Erkrankungen wie PML.

+++ Mehr zum Thema: Therapie der MS +++

Was ist PML?

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) ist eine schwere, fortschreitende Gehirnentzündung, die vom sogenannten JC-Virus (JCV, John-Cunningham-Virus – benannt nach dem Patienten, bei dem das Virus erstmals identifiziert wurde) ausgelöst wird.

Viren sind Krankheitserreger, die verschiedenste Infektionserkrankungen hervorrufen können. Viele Viren sind bei Menschen von Natur aus dauerhaft vorhanden und führen daher grundsätzlich zu keinen Erkrankungen.

Unter bestimmten Umständen, vor allem wenn es zu einer Aktivierung (z.B. im Rahmen einer anderen Infektion) oder Störung (z.B. wenn jemand aufgrund einer Erkrankung oder eines Medikaments immungeschwächt ist) des Immunsystems kommt, können diese Viren aktiviert werden und in der Folge Krankheitssymptome verursachen.

Ausbruch von PML

So sind auch JC-Viren weitverbreitet, etwa jeder zweite Mensch trägt das Virus in sich. Die meisten Menschen infizieren sich symptomlos bereits im Kindesalter mit dem Virus und tragen es lebenslang „schlafend“ (latent) in sich, erkranken aber nicht, schon gar nicht an PML, da das Immunsystem die Erreger unter Kontrolle hält.

Kommt es zu einer starken Schwächung des Immunsystems – wie etwa bei AIDS-Erkrankten, Personen, die eine Chemotherapie erhalten, oder unter bestimmten Immuntherapien –, können die latenten JC-Viren reaktiviert werden. Im Rahmen einer PML befallen JC-Viren ausschließlich Zellen in Gehirn und Rückenmark, insbesondere sogenannte Oligodendrozyten, das sind jene Zellen, die für die Bildung der Isolierschicht der Nerven verantwortlich sind. In der Folge kommt es zu einer schweren neurologischen Erkrankung, die zu bleibender körperlicher Behinderung oder in seltenen Fällen sogar zum Tod des Patienten führen kann.

Frühsymptome von PML erkennen

Erste Anzeichen einer PML können sein:

  • Verhaltensänderungen
  • Gedächtnisstörungen
  • Sprachstörungen
  • epileptische Anfälle

Da die ersten Anzeichen einer PML einem MS-Schub ähneln können, ist bei Auftreten von neuen neurologischen Symptomen oder bei Verschlimmerung bereits bestehender MS-Beschwerden unverzüglich der behandelnde Arzt aufzusuchen. In Anbetracht der allgemein guten Wirksamkeit MS-spezifischer Medikamente, vor allem jener, die hochwirksame Therapien sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass unter solch einer Therapie ein weiterer Krankheitsschub auftritt, sehr gering. Daher ist jede neue oder sich verschlechternde neurologische Symptomatik als Verdacht auf PML zu werten und die entsprechende Diagnostik – neurologische Untersuchung und MRT-Untersuchung – unverzüglich vom behandelnden Neurologen einzuleiten. Wenn sich im MRT der Verdacht auf PML erhärtet, ist zum definitiven Nachweis der JC-Virus-Infektion eine Untersuchung des Liquors (Nervenzellwasser) erforderlich.

Wie hoch ist das Risiko an PML zu erkranken?

Das Risiko, an PML zu erkranken, ist insgesamt sehr gering. Bei MS-Patienten, die eine Immuntherapie erhalten, kann das Erkrankungsrisiko für PML unter bestimmten Voraussetzungen jedoch erhöht sein:

  • Antikörper gegen JCV vorhanden (JCV-positiv)

Werden Antikörper gegen JCV im Blut gefunden, bedeutet das, dass der Betroffene (so wie eben fast jeder zweite Mensch) bereits Kontakt mit dem Virus hatte. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Patient eine PML entwickelt. Aber nachdem einer PML eine Reaktivierung des vorhandenen JC-Virus vorausgehen muss, haben eben auch nur Personen mit einer früheren, symptomlosen JC-Virus-Infektion ein Risiko, zu erkranken. Das macht sich der Test zum Nachweis der Antikörper gegen JC-Viren zunutze. MS-Patienten, die negativ für JCV-Antikörper sind, haben praktisch kein erhöhtes PML-Risiko. Aber selbst bei einem positiven Testergebnis ist das Erkrankungsrisiko grundsätzlich gering (≥ 0,1% bis < 1%), kann aber in Kombination mit zusätzlichen Faktoren erhöht sein.

Dieser Antikörpertest ist aber ausschließlich für die Risikobestimmung bei einem einzigen Medikament zur Behandlung von MS nachweislich geeignet. Das heißt, dass dieser Antikörpertest bei anderen MS-Therapien zu keinen verlässlichen oder gar falsch negativen Ergebnissen und Risikoeinschätzungen führen kann!

  • Behandlungsdauer

Das Risiko, unter einer bestimmten MS-Therapie an PML zu erkranken, steigt mit der Behandlungsdauer.

  • Immunsystemunterdrückende Therapie vor Beginn von MS-Therapien

Dies kann bei Autoimmunerkrankungen, Organtransplantationen oder Krebserkrankungen (Chemotherapie) der Fall sein.

  • Anzahl an weißen Blutkörperchen (Leukozyten und Lymphozyten)

Viele MS-Therapien können eine leichte Verringerung weißer Blutkörperchen verursachen, und eigentlich ist das aufgrund des Wirkmechanismus dieser Medikamente auch durchaus erwünscht. Wenn die weißen Blutkörperchen aber durch ein Medikament über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten erheblich erniedrigt sind, so steigt prinzipiell das Risiko für bestimmte Infektionen, auch solchen, die grundsätzlich für den Menschen harmlos sind. Somit birgt diese dauerhafte, schwere Verringerung von weißen Blutkörperchen auch das Risiko, an PML zu erkranken.

Engmaschige Kontrollen bei MS-Patienten

Um das Risiko für eine PML möglichst gering zu halten, werden MS-Patienten, die bestimmte Immuntherapien erhalten, engmaschig kontrolliert. Hierzu werden in erster Linie regelmäßige (alle 3–6 Monate) Laboruntersuchungen durchgeführt, um erniedrigte weiße Blutkörperchen möglichst früh festzustellen.

Bei der Entscheidung für eine bestimmte MS-Therapie, insbesondere wenn es um eine hochwirksame Therapie bei Patienten mit sehr aktivem Krankheitsverlauf geht, wird der oben beschriebene Antikörpertest gegen das JC-Virus durchgeführt. Bei negativem Testergebnis sollte dieser Antikörpertest während der Therapie in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Darüber hinaus wird auch bei manchen Therapien empfohlen, bei dem ohnedies häufig durchgeführten jährlichen MRT speziell auf mögliche noch symptomlose MRT-Veränderungen einer PML zu achten.

Die wichtigste Kontrolle ist aber die regelmäßige neurologische Untersuchung. Das gilt ohnehin ganz allgemein bei MS, weil damit der gegenwärtige klinische Zustand und Verlauf, aber auch die Wirksamkeit (oder ggf. auch Nebenwirkungen) von Medikamenten beurteilt und in der Folge gemeinsame Entscheidungen daraus abgeleitet werden können.

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Patientenbroschüre „Managing side effects of Tysabri®“ (letzter Zugriff am 18.02.2020)

Kompetenznetz Multiple Sklerose: Natalizumab – Tysabri®, Stand März 2019; https://www.dmsg.de/dokumentearchiv/Patientenhandbuecher/KKNMS-DMSG_Patientenhandbuch_Natalizumab_20190503_web_frei.pdf (letzter Zugriff am 18.02.2020)

Tysabri®-Fachinformation, Stand 10/2019 (letzter Zugriff am 18.02.2020)

Anand P, Hotan GC, Vogel A, Venna N, Mateen FJ. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2019: Progressive multifocal leukoencephalopathy (letzter Zugriff am 18.02.2020)

DFP-E-Learning „MS-Diagnose und Therapie unter Beachtung von schweren Nebenwirkungen mit Fokus auf PML-Management“; Stand April 2018 (letzter Zugriff am 18.02.2020)

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Warum MS entsteht, ist bis dato ungeklärt. Forscher gehen davon aus, dass viele unterschiedliche Faktoren an der Entstehung beteiligt sind.

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