Grippezeit - das sollten Sie beachten

Die kalte Jahreszeit ist auch die Zeit der guten Ratschläge und Rezepte: Fast jeder hat eine Meinung oder ein Hausmittel gegen Erkältung und Grippe parat. Was aus ärztlicher Sicht wirklich gegen virale Infekte hilft, wie man sich am besten davor schützt und sie am schnellsten wieder loswird, das verrät die Wiener Virologin Dr. Monika Redlberger im Interview mit netdoktor.at.

Frage: Alle Jahre wieder kommt es im Winter zu einer Grippewelle. Ab wann spricht man eigentlich von einer "Grippewelle"?

Redlberger: Die Grippewelle ist charakterisiert durch ein plötzliches Auftreten von sehr vielen Erkrankungsfällen. Die Wellen unterscheiden sich in ihrer jeweiligen Ausprägung: Manche sind schwächer, manche stärker. Das ist auch abhängig von dem Grippevirus, das die Erkrankungen verursacht. Die Grippewelle ist ein globales Phänomen und vor allem in Europa kann man eine Welle meist schon von weitem anrollen sehen.

Frage: Worin unterscheidet sich eine echte Grippe vom "normalen" grippalen Infekt?

Redlberger: Ein Charakteristikum der echten Grippe ist ein rasch einsetzender Krankheitsbeginn, man hat ganz plötzlich Schüttelfrost und innerhalb von zwei bis drei Stunden entwickelt man hohes Fieber, ein massives Krankheitsgefühl und trockenen Husten. Im Gegensatz dazu stehen grippale Infekte, die meist langsam und schleichend beginnen, selten mit hohem Fieber einhergehen und deren typisches Charakteristikum die rinnende Nase ist. Das hat man bei der Grippe in der Regel nicht oder nur verspätet.

Frage: Wer ist besonders gefährdet, an einer Influenza zu erkranken?

Redlberger: Besonders gefährdet sind alte und chronisch kranke Menschen sowie kleine Kinder. Aber auch "normale Erwachsene" und junge Erwachsene können sehr schwer an der Grippe erkranken. Auch bei diesen Patientinnen und Patienten kann es zu Komplikationen kommen. Besonders gefürchtet ist die Grippe aber wie gesagt bei Patienten, die schon vorher chronisch erkrankt sind. Denn wenn dann noch eine schwere Infektionserkrankung wie die Grippe dazukommt, kann das dazu führen, dass der Organismus die Erkrankung nicht mehr bewältigen kann.

Frage: Wie steckt man sich mit der Grippe an - und wie lässt es sich vermeiden?

Redlberger: Die Übertragung des viralen Infekts erfolgt durch Tröpfcheninfektion, also durch direktes Anniesen oder Anhusten. Aber auch eine Schmierinfektion ist möglich. Dazu kann es etwa dann kommen, wenn sich jemand beim Niesen die Hand vor hält und einem anderen Menschen anschließend diese Hand gibt. Wenn der sich dann ins Gesicht oder in die Augen greift, hat man eine wunderbare Übertragungsmöglichkeit für das Influenza-Virus gefunden.

Die Infektion kann aber nicht nur durch direkten Kontakt erfolgen, sondern auch in der Straßenbahn oder der U-Bahn, wo man sich an Griffen festhält, an denen sich davor ein Träger von Grippeviren festgehalten hat.

Daher ist vor allem in der Grippezeit eine intensive Händehygiene wichtig. Es ist auch vernünftig, im Zweifelsfall jemandem nicht die Hand zu geben und das in Wien sehr beliebte Begrüßungsbussi sein zu lassen. Zwar zeigen Studien, dass dieses Küsschen nicht so schlimm ist wie der Händekontakt. Ich würde aber trotzdem niemandem ein Bussi auf die Wange drücken, von dem ich weiß, dass er oder sie Grippe hat.

Frage: Auch die Grippeimpfung ist zentrales Gesprächsthema. Wer sollte sich impfen lassen?

Redlberger: Die Grippeimpfung wird im österreichischen Impfplan an sich allen Menschen empfohlen. Ganz besonders wird sie aber chronisch Kranken und Patienten angeraten, die an einer Lungenerkrankung leiden. Impfen lassen sollten sich auch Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten. Denn sie sind Schlüsselpersonen in der Ausbreitung, weil sie viel Kontakt mit Infizierten haben. Und natürlich sollten sich die über 65-Jährigen impfen lassen.

Frage: Andererseits meinen viele Impf-Skeptiker, dass es durchaus von Vorteil sein kann, manchmal eine Grippe "durchzustehen"?

Redlberger: Aussagen wie diese kenne ich. Allerdings ist die Grippe eine Erkrankung, die man nicht unterschätzen sollte. Sie kann einen Menschen für Wochen ans Bett fesseln. Jeder, der die richtige Grippe einmal durchgemacht hat, weiß, dass es sich um eine sehr schwere Erkrankung handelt, bei der man mindestens eine oder zwei Wochen das Bett hüten muss und dann eine sehr lange Rekonvaleszenzphase hat.

Darüber hinaus kann es weitere ein bis zwei Monate dauern, bis man sich wirklich wieder voll leistungsfähig und gesund fühlt. Zusätzlich darf man die Folgeerkrankungen der Influenza nicht unterschätzen. Darunter fällt zum Beispiel die Myokarditis, also eine Herzmuskelentzündung, die sehr viele Menschen gar nicht bemerken. Es gibt nicht wenige, die an einer Myokarditis sterben: Das passiert dann meist durch den sogenannten plötzlichen Herztod, der auch bei jungen Patientinnen und Patienten vorkommt.

Frage: Warum wandelt sich das Grippevirus so oft?

Redlberger: Das Grippevirus ist ein RNA-Virus und gehört damit zu einer Gruppe von Viren, die sich ständig verändern. Diese Entwicklung wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO genau überwacht. Mithilfe dieses Überwachungssystems können die Grippe-Impfstoffe sehr präzise zusammengestellt werden, und zwar auf die jeweils zirkulierenden Stämme hin. Deshalb ist es wichtig, dass gefährdete Patientinnen und Patienten diese Grippeimpfungen alljährlich durchführen lassen.

Frage: Wie bringt man die Grippe am besten an, wenn man sie einmal hat?

Redlberger: Wenn man die Grippesymptome frühzeitig erkennt, kann man innerhalb von 48 Stunden nach Symptom-Beginn eines der beiden in Österreich zugelassenen Grippe-Medikamente nehmen. Beide wirken allerdings wirklich nur bei frühzeitiger Einnahme. Was man natürlich immer tun kann, ist die Symptome zu behandeln, etwa durch herkömmliche Grippemedikamente wie Schmerzstiller, Fiebersenker und heißen Tee. Sehr wichtig ist auch die Bettruhe: Man sollte wirklich so lange im Bett bleiben, bis man sich wieder voll leistungsfähig fühlt und auf keinen Fall zu früh wieder in den Arbeitsalltag einsteigen.

 

Danke für das Gespräch.

Zur Person: Dr . Monika Redlberger ist Assistenzärztin am Klinischen Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien und auf die Typisierung von Influenzaviren spezialisiert.

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