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Neuropathischer Schmerz (Nervenschmerzen, Neuralgie)

Nervenschmerz, Neuralgie
Der Begriff "Neuropathie“ beschreibt, dass das Nervensystem erkrankt bzw. beschädigt ist. (koto_feja / iStockphoto)

Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) entstehen durch Schädigungen oder Erkrankungen von Nervenstrukturen. Charakteristisch sind anfallsartige, einschießende, starke Schmerzen, die auf "normale“ Schmerzmedikamente wenig bis gar nicht ansprechen.

Kurzfassung:

  • Bei neuropathischen Schmerzen sind die Nervenfasern nicht nur Überträger, sondern Auslöser der Schmerzen.
  • 6–10% der Bevölkerung sind von neuropathischen Schmerzen betroffen.
  • Die Symptome hängen von der Ursache ab, werden aber allgemein als brennend, kribbelnd oder stechend beschrieben.
  • Neuropathische Schmerzen können verschiedene Ursachen haben und werden grundsätzlich in periphere und zentrale Neuropathien eingeteilt.
  • Die Behandlung von neuropathischen Schmerzen gestaltet sich schwierig und gehört in die Hände von Spezialisten.

 


Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen, Quetschungen, Entzündungen oder Erkrankungen des somatosensorischen Nervensystems, das für die bewusste Wahrnehmung der Umwelt über Sinnesorgane zuständig ist. Sie unterscheiden sich von anderen Schmerzen (physiologischer Schmerz z.B. nach Kontakt mit einer heißen Herdplatte oder Entzündungsschmerzen) dadurch, dass die Nervenfasern nicht nur Überträger, sondern selbst Auslöser des Schmerzsignals sind. Etwa 6–10% der Bevölkerung sind von neuropathischen Schmerzen betroffen, bei Tumorpatienten sind es immerhin 20%, bei chronischen Schmerzpatienten um die 35% aller Betroffenen.

Man nimmt an, dass es als Folge eines chemischen, physiologischen, strukturellen oder genetischen Einflusses zu einer unerwünschten Spontanaktivität der Nerven kommt. Diese Spontanaktivitäten verursachen Veränderungen der Struktur und Funktion der Nerven (neuroplastische Veränderungen), woraus ein Ungleichgewicht zwischen auslösenden und hemmenden Signalen resultiert und ursprünglich nicht schmerzhafte Sinneswahrnehmungen (Kleidung auf der Haut, normale Berührung) als quälend schmerzhaft empfunden werden.

Die häufige Chronifizierung (Fortbestand der Schmerzen ohne akute Ursache) verschlechtert die Chancen einer kompletten Heilung dramatisch. Diese sogenannten chronischen neuropathischen Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten erheblich.

+++ Mehr zum Thema: Schmerzmittel +++

Ursachen von neuropathischen Schmerzen

Neuropathische Schmerzen können eine Vielzahl unterschiedlicher Auslöser haben. Abhängig davon, wo die Ursache liegt, werden sie in zwei Klassen eingeteilt:

Periphere Neuropathie: ausgehend vom peripheren Nervensystem (alle Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen)

Beispiele peripherer Neuropathien:

Zentrale Neuropathie: ausgehend vom zentralen Nervensystem (Rückenmark und Gehirn)

Auslöser für zentrale Neuropathien sind:

  • Hirninfarkt
  • Neurologische Erkrankungen, wie z.B. Multiple Sklerose
  • Entzündungen und Abszesse
  • Rückenmarkverletzung (akut und degenerativ)
  • Tumoren

Symptome beim neuropathischen Schmerz

Grundsätzlich werden bei den neuropathischen Schmerzen Plus- und Minus-Symptome unterschieden, beide können sich in ihrer Intensität über die Zeit verändern.

Die schmerzhaften Plus-Symptome werden von den Betroffenen charakteristischerweise oft beschrieben als:

  • brennend
  • kribbelnd
  • stechend
  • einschießend
  • elektrisierend

Manchmal rufen bereits sanfte Berührungen eine Schmerzempfindung hervor, dies bezeichnet man als Allodynie. Von Hyperalgesie sprechen Mediziner, wenn ein schmerzhafter Reiz eine übermäßig starke Schmerzantwort des Körpers auslöst. Beides ist typisch für neuropathische Schmerzen.

Minus-Symptome sind:

  • vermindertes Vibrationsempfinden
  • reduzierte Temperatursensibilität
  • bamstiges bis taubes Gefühl (Hypästhesie) im betroffenen Areal

Da neuropathische Schmerzen einerseits schwierig zu behandeln, andererseits für die Betroffenen besonders belastend sind, besteht eine besonders hohe Gefahr der Chronifizierung. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Angstzustände und Depressionen sind damit verbundene Symptome.

Diagnose neuropathischer Schmerzen

Die Diagnose wird vom Spezialisten für Schmerzmedizin gestellt. Die wichtigsten Instrumente zur Diagnosesicherung sind Anamnese und neurologische Untersuchung.

  • Anamnese

Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Dabei erkundigt sich der Arzt nach der Krankengeschichte und hier insbesondere nach eventuellen Nervenverletzungen oder -schädigungen, etwa durch einen Unfall. Außerdem fragt er gezielt nach den typischen Symptomen und Zeichen von neuropathischen Schmerzen und sammelt Informationen über deren Dauer, Charakter und Intensität.

  • Neurologische Untersuchung

Die neurologische Untersuchung dient dazu, dem Betroffenen oft gar nicht bewusste typische neuropathische Beschwerden wie Taubheit, Lähmungserscheinungen oder Allodynie (Schmerzen bei sanften Berührungen) exakt zu erfassen. Mithilfe von thermischen, mechanischen und sensorischen Reizen werden die Haut und darunter liegende Bereiche auf die Funktion der Schmerzfasern untersucht. Zusätzlich stehen noch die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit bzw. neurohistologische Untersuchungen nach einer Nervenentnahme (Biopsie) zur Verfügung.

Stimmen Anamnese und das Ergebnis der neurologischen Untersuchung überein, steht die Diagnose "Neuropathie“ fest.

Wichtig ist aber neben der Tatsache der Diagnose "Neuropathie“ auch, ob die Ursache der Neuropathie kausal zu behandeln ist.

Behandlung von neuropathischen Schmerzen

Kausale Therapie

In der Behandlung von neuropathischen Schmerzen wird zunächst versucht, die Ursache der Neuropathie (Nervenschädigung) zu beseitigen bzw. so gut wie möglich zu behandeln. Dies kann durch ein Vermeiden der nervenschädigenden Substanz (Alkohol, Medikamente, …), eine verbesserte Einstellung des Blutzuckers, eine antibiotische Behandlung bei bakterieller Entzündung oder aber auch durch chirurgische Freilegung (Neurolyse) eines Nerven (z.B. beim Karpaltunnelsyndrom) oder Nervenplexus (z.B. bei Tumorerkrankung) erfolgen.

Medikamentöse Behandlung

Neuropathische Schmerzen sind oft schwierig zu therapieren, weil viele "klassische“ Schmerzmittel, wie etwa nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), nicht ausreichend wirken.

Folgende Substanzklassen stehen zur Verfügung und werden mit Erfolg eingesetzt:

  • Antikonvulsiva (u.a. Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin)
  • trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin)
  • selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (Duloxetin, Venlafaxin)
  • Opioide (Tramadol, Hydromorphin, Fentanyl)
  • lokale Therapie (Lidocain, Capsaicin, Botulinumtoxin)

Nicht-medikamentöse Behandlung

Physio- und/oder Ergotherapie sind hilfreich und empfehlenswert.

Besonderes Augenmerk verdient die Notwendigkeit einer speziellen begleitenden psychologischen Unterstützung, bei der der persönliche Umgang mit den Schmerzen modifiziert und dadurch die Schmerzakzeptanz verbessert wird. Damit kann die Schmerzmedikation häufig reduziert werden.

Invasive Therapie

Sind die neuropathischen Schmerzen nicht ausreichend medikamentös oder auf andere Weise zu behandeln bzw. überwiegen die Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie den Effekt der Schmerzreduktion, steht in vielen Fällen noch die Möglichkeit der Neuromodulation zur Verfügung. Hier werden rückenmarksnah Elektroden operativ eingebracht, über die mittels spezieller elektrischer Impulse die neuropathischen Schmerzen so deutlich verringert werden, dass die Medikation in der großen Mehrheit aller Fälle um 50% reduziert werden kann.

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Autoren:
,
Medizinisches Review:
Prim. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Grisold, Priv. Doz. Dr. Christopher Gonano, MBA, MMSc, MLS
Redaktionelle Bearbeitung:
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Stand der medizinischen Information:
Quellen

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Diagnostik und nicht-interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen“, 2020 (letzter Zugriff am 01.10.2020)

Geisslinger G, Menzel S, Gudermann T, Hinz B, Ruth P: Mutschler Arzneimittelwirkungen: Pharmakologie, klinische Pharmakologie, Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Aufl., 2020  (letzter Zugriff am 01.10.2020)

AKH-Konsilium: Nozizeptiver vs. neuropathischer Schmerz; nozizeptiver-vs-neuropathischer-schmerz.universimed.com/

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik neuropathischer Schmerzen. Letzte Überarbeitung 2008

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Therapie neuropathischer Schmerzen. Letzte Überarbeitung 10/2008

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