Alzheimer-Demenz: Hoffen auf Früherkennung

Grafische Darstellung einer Nervenzelle und der Myelinschicht
Grafische Darstellung einer Nervenzelle und der Myelinschicht (martynowi.cz / Shutterstock)

100.000 Österreicher sind an Alzheimer erkrankt. Tendenz steigend. Denn mit der Lebenserwartung nehmen auch die Demenz-Erkrankungen zu. Wo steht die Wissenschaft im Kampf gegen den Feind im eigenen Kopf?

Wir machen es vermutlich richtig, aber wir sind immer zu spät dran: Darin liegt die Krux der Alzheimer-Behandlung. Denn die Krankheit, mit der rund 100.000 Österreicher diagnostiziert sind, verläuft in unterschiedlichen Stadien. Jene Eiweißablagerungen (Plaques) im Gehirn, die man heute als biologische Symptome von Alzheimer – und als die "Schuldigen" am Abbau der kognitiven Funktionen – kennt, entstehen nicht über Nacht. Oft sammeln sie sich über Jahrzehnte an, unauffällig, ohne dass die Betroffenen über Symptome klagen. Man kann den Prozess mit einer Gefäßverkalkung vergleichen: Die Gefäße haben schon Engstellen und die Ablagerungen stellen zunehmend ein Risiko dar, die Betroffenen spüren aber noch nichts. Sobald Alzheimer auffällt, ist es jedoch – im Gegensatz zur Gefäßverkalkung – zu spät für die Behandlung. Jedenfalls mit den heute erforschten Mitteln.

Plaques wegräumen

"Natürlich zeigen die Immuntherapien auch im späteren Stadium Wirkung", erklärt der Neurologe und Alzheimer- Spezialist Prof. Dr. Dal-Bianco, "aber die Wirkung ist nur biologisch." Die Ablagerungen im Gehirn würden durch eine entsprechende Impfung zurückgehen, ein klarer Erfolg, die Betroffenen erleben dadurch aber keine Verbesserung in ihrem Alltag. Ab einem gewissen Zeitpunkt im Krankheitsverlauf, so der Neurologe, gebe es schlicht so viel Zerstörung im Gehirn, dass die Impfung nicht mehr überall hinkommt. "Und am Ende des Tages muss ich sagen: Wenn die Lebensqualität der Betroffenen nicht verbessert wird, dann ist das Wegräumen der Plaques de facto kosmetisch."

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Gesucht: Biomarker

Was fehlt, ist also die Möglichkeit, Alzheimer in einem früheren Stadium zu diagnostizieren. "Dafür braucht es einen sogenannten Biomarker, ein Signal aus dem Körper, das anzeigt: Hier bahnt sich eine Hirndegeneration an, da werden Synapsen systematisch zerstört. Wenn ich das rechtzeitig weiß, kann ich gegensteuern." Dal-Bianco nennt die Suche nach dem Warnsignal eine "ehrgeizige Idee". Es müsse diese Signalmoleküle geben, meint er, diese Nebenprodukte der Degeneration, die sich im Blut oder Speichel nachweisen ließen. Man habe sie bloß noch nicht gefunden.

((c)Nadezhda V. Kulagina / Shutterstock)

Es passiert viel

Inzwischen ist die Forschung umtriebig und versucht der Krankheit auf unterschiedlichen Wegen auf den Pelz zu rücken. Aktuell zugelassene Medikamente existieren seit der Jahrtausendwende. Davon gibt es vier verschiedene, sie behandeln aber nur die Symptome, nicht den Alzheimer selbst. Ziel ist also, ein Mittel zu finden, das den Krankheitsverlauf stabilisiert und im Idealfall hinauszögert. In Kombination mit den vorhandenen Arzneien zur Symptombekämpfung wäre das weitaus mehr als ein Etappensieg! "An eine komplette Heilung denkt im Moment niemand", so Dal-Bianco, "es geht uns darum, den Ausbruch der Krankheit zu verzögern, ihn über den Todeszeitpunkt hinauszuschieben." Der größte Risikofaktor für eine Demenz- Erkrankung ist bekanntlich das Alter. "Wenn es gelingt, den Ausbruch um nur fünf Jahre zu verzögern, hätten wir nur halb so viele Alzheimer-Patienten." Ansätze dazu sind vorhanden. Und zwar durchaus vielversprechende: Gegen die beiden Plaque-Verursacher, die Proteine Amyloid-beta (kurz: Abeta) und Tau, sind Impfungen in der Pipeline, sie müssen aber die finale Testphase 3 bestehen, an der die meisten Alzheimer- Medikamente bisher scheiterten. Auch gegen Entzündungen im Gehirn, Begleiter der Plaque-Bildung, wird erfolgreich vorgegangen – zumindest in Studien. Anders gesagt: Es mangelt weder an Ideen, noch an Forschung. Für fast alle Aspekte des Alzheimers gibt es Lösungsvorschläge. Sie müssen es nur über die letzte, alles entscheidende Hürde schaffen, um zugelassen zu werden. Alzheimer wurde 1906 das erste Mal beschrieben. Wäre die Zeit nicht langsam reif? "Ich bin kein Prophet", sagt Dal-Bianco. Doch man wisse inzwischen schon viel über diese "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" – wie sie von ihrem Namensgeber, dem Neuropathologen Alois Alzheimer, einst bezeichnet wurde.

Risiko und Prävention

So sind etwa die Risikofaktoren bekannt – und mit ihnen auch mögliche Präventionsmaßnahmen. Sieben Haupttreiber der Krankheit gibt es. Es sind die gleichen, die auch für unsere Herzgesundheit entscheidend sind: Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes, Depression, Bewegungsarmut, Rauchen, mangelnde Bildung. Entsprechend finden sich auch viele "alte Bekannte" unter den Empfehlungen zur Prävention: Wandern tut gut, denn es bietet neben einem Herz-Kreislauf-Training auch die Möglichkeit zum Tratschen. Und soziale Kontakte sind wichtig. Auch Schwimmen wird empfohlen. Und Tanzen. "Tanzen ist überhaupt die beste Sportart", erklärt Dal-Bianco. Es sei multimodal, würde die unterschiedlichsten Gehirnfunktionen fordern und fördern: Raumorientierung, soziale Interaktion, Rhythmusgefühl. Im Grunde sei aber alles zuträglich, das unser Gehirn "kitzelt" anstatt berieselt. Sprich: Brett- und Kartenspiele? Ja! Instrument spielen? Gerne! Fernsehen? Nicht so gut … Denn unsere Aktivitäten zahlen auf unsere "kognitive Reserve" ein, auf das Sparkonto des Gehirns. Je größer die Reserve, desto länger könne man im Falle einer Erkrankung davon zehren. Der Alzheimer lässt sich – derzeit – nicht stoppen. Beeinflussen lässt er sich aber. Der Schlüssel dazu liegt in der Hand jedes Einzelnen.

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco

Aktualisiert am:
Quellen

Ursprünglich erschienen im netdoktor-Magazin. (Ausgabe 1/2017)
 

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