Ich Faulpelz, Du Jane

Chatbot Jane.AI als Health Coach für gesunden Lebensstil
"Komm, wir schaffen das gemeinsam!" – Jane ist Meisterin der Motivation. (Jane AI Health Coach)

Der Health Coach in der Hosentasche: Wie ein polnischer Chatbot unseren Lebenstil verbessern will.

Spazierengehen kann jeder. Egal, wie miserabel der eigene Fitness-Zustand, wie stark der innere Schweinehund und wie unentrinnbar die Anziehungskraft des Sofas scheint. Deshalb fängt Health Coach Jane auch immer damit an: "Wie wär's mit einem kurzen Spaziergang? Nur 15 Minuten? Da kannst du sicher Stress abbauen!"

"Na gut", denkt man sich, "Das wird mich nicht umbringen!" – und schwupps ist man in Janes Fängen.

Jane ist Polin. Ihre Mission ist es, Menschen zu einem gesünderen, aktiveren Lebensstil zu motivieren – und ganz nebenbei auch Daten zu sammeln, die Einblicke in das menschliche Vorsorge-Verhalten gewähren. Mit vollem Namen heißt sie Jane AI und dieses AI steht – erraten! – für "Artificial Intelligence".

Ladenhüter im App-Store

"Studien zeigen, dass Smartphone-User rund 75% ihrer Online-Zeit in Messenger-Apps verbringen", erklärt Grzegorz Przybycien. Der IBM-Entwickler ist Janes Vater und überzeugt davon, dass ein Chatbot der richtige Weg für unser Gesundheitssystem ist. Warum? Weil Chatbots die Menschen genau dort ansprechen, wo sie sind – eben in Messenger Apps.

Was für weniger Tech-affine Nutzer noch seltsam klingt, ist gut mit Daten belegt: Handy-Nutzer sind App-müde. Kaum jemand lädt sich gerne neue Apps herunter und selbst wenn, werden die einmal installierten Apps kaum geöffnet. Mehr als fünf Apps nützt de facto keiner, so die Experten, schon gar nicht regelmäßig.

Als Gewohnheitstiere installieren wir gerade mal Instagram, Facebook, Whatsapp... aber kaum die nette Zusatz-App für die Bauchmuskeln oder den Kalorienzähler, der im App-Store so eine super Bewertung hat.

1+1 = Bot

Am Institut für angewandte Psychologie der  Jagiellonian Universität in Krakau hat man deshalb zwei Tech-Trends kombiniert: Erstens den Hype um Fitness-Tracker, zweitens die grassierende Ablehnung neuer Apps. Das Ergebnis ist Jane. Als Chatbot ist sie im Facebook Messenger unterwegs. Eine Neuinstallation ist somit kein Thema. Und da in ihre Entwicklung Erkenntnisse der Sozialmedizin und Psychologie eingeflossen sind, vermag sie auch die härtesten Fitnessverweigerer zu motivieren.

Przybycien: "Es war eine Herausforderung, Jane zu programmieren. Denn wir wollten einen Bot, der zweimal täglich mit den Nutzern agiert, ohne ihnen dabei auf die Nerven zu gehen. Also muss man etwas anders vorgehen als bei Bots, die sich nur gelegentlich zu Wort melden."  

Dabei geholfen haben dem Developer und seinem Team aus Psychologiestudenten  sogenannte "Empathy Maps". Jane fühlt mit den Usern mit, sie weiß auch, dass Stimmungen im Laufe eines Tages schwanken können, dass ihre Schützlinge an einem Tag mehr, an anderen Tagen weniger Motivation brauchen. Ihre Rat- und Vorschläge laufen daher nicht nach Schema F ab. Sie werden der jeweiligen Gesprächssituation angepasst. Schlüsselvariablen sind Tageszeit, Stimmung, Krankheit, aber auch das Wetter. Ein Spaziergang ist eine sinnlose Empfehlung, wenn es bereits finster ist, draußen hagelt oder der User sich neulich ein Bein gebrochen hat...

Natural Language Processing

"Wir haben auch gelernt, den Level der Motivation zu variieren", erklärt Przybycien bei seinem Vortrag auf der ChatbotConf Vienna, "Kleinere Änderungen im Lebensstil brauchen nicht so viel Motivation wie große." Das gilt es jeweils anzupassen, wenn man den richtigen Tonfall treffen will.

Die Technik dahinter heißt  NLP (Natural Language Processing) und hilft Jane und ihren Bot-Kollegen, aus den geführten Gesprächen zu lernen.

Zukunftsträume

Der Haken: Derzeit spricht Jane nur Polnisch. Das schränkt ihren Nutzerkreis ein, ebenso wie die Datenmenge, die sie zum Dazulernen zur Verfügung hat. 

Papa Przybycien träumt von einer polyglotten Version. "Unser Gesundheitssystem ist in Wahrheit ein Krankheitssystem", sagt er, "All unser Geld fließt in Reparaturmedizin – dabei ließe sich so viel mit Prävention verhindern! Ich bin überzeugt, dass Technologien hier einen wichtigen Beitrag leisten können."

Menschen wollen ihren Lebensstil nämlich nicht ändern. Um hier trotzdem etwas zu erreichen, braucht es konstante Motivation, Fingerspitzengefühl und die richtigen "Trigger". Fräulein Jane ist gerade dabei, diese zu lernen.

+++ Jane zum Download +++

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Katrin Derler, BA

Stand der Information: Oktober 2017

Quellen

Fallstudie "Using cognitive computing to gain new insights into human health behavior", Institute of Applied Psychology, Jagiellonian University: http://ecc.ibm.com/case-study/us-en/ECCF-EDC03028USEN (Letzter Abruf: 4.10.2017)

Grzegorz Przybycien: Chatbot to study and improve people health behaviour, Vortrag im Rahmen der ChatbotConf 2017, Wien (3.10.2017)

Agata Piekut: Chatbots in Health Care, http://healthactiontank.org (Letzter Abruf: 4.10.2017)

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