Myeloproliferative Neoplasien (MPN)

Knochenmarksuntersuchung bei myeloproliferativen Neoplasien
Eine MPN entwickelt sich in der Regel schleichend und bleibt oft über Jahre symptomfrei. (OGphoto / iStockphoto)

Unter dem Begriff „myeloproliferative Neoplasien“ wird eine Gruppe bösartiger Erkrankungen des Knochenmarks zusammengefasst.

Kurzfassung:

  • Myeloproliferative Neoplasien sind bösartige Erkrankungen des Knochenmarks.
  • Sie treten gehäuft im höheren Alter auf. 
  • Dazu zählen die chronische myeloische Leukämie, die Polycythaemia vera, die essenzielle Thrombozytopenie, die primäre Myelofibrose, die Mastozytose und andere. 
  • Eine MPN entwickelt sich in der Regel schleichend und bleibt oft über Jahre symptomfrei. 
  • Die Verdachtsdiagnose MPN wird in den meisten Fällen im Rahmen einer routinemäßigen Blutuntersuchung beim Hausarzt gestellt. 

MPN gehören zu den seltenen Erkrankungen und können grundsätzlich alle Altersgruppen betreffen, treten jedoch gehäuft ab dem 60. Lebensjahr auf. Männer erkranken etwas häufiger als Frauen.

Ursachen

Die Ursache einer MPN liegt in während des Lebens erworbenen, bestimmten Genveränderungen, die zur Fehlfunktion jener Stammzellen führen, die im Knochenmark für die Produktion von Blutzellen zuständig sind. Für jede Form der MPN konnten charakteristische Genveränderungen (Mutationen) identifiziert werden. Diese entstehen zufällig aufgrund bestimmter Veranlagungen oder durch Umwelteinflüsse und bewirken, dass sich die betroffenen Blutzellen den normalen Regulationsmechanismen entziehen können und zu verschiedenen Veränderungen, wie z.B. vermehrter Zellteilung, führen. Die massiv gesteigerte Neubildung der Knochenmark- und Blutzellen kann letztlich zu Komplikationen wie Blutgerinnseln, Gefäßverschlüssen oder erhöhter Blutungsneigung führen.

Einteilung der myeloproliferativen Neoplasien

Erkrankungen aus der Gruppe der MPN haben viele Gemeinsamkeiten und lassen sich daher vor allem im Anfangsstadium schwer unterscheiden; in Einzelfällen können sie auch ineinander übergehen. Die Einteilung der MPN richtet sich danach, welche Blutzellen am stärksten betroffen sind:

Chronische myeloische Leukämie (CML)

Die CML ist eine chronische und bösartige Erkrankung des Knochenmarks, bei der zu viele weiße Blutkörperchen gebildet werden. Bei fast allen CML-Patienten kann eine bestimmte genetische Veränderung, das sogenannte „Philadelphia-Chromosom“, nachgewiesen werden. In Bezug auf den Krankheitsverlauf und die Behandlung nimmt die CML unter den myeloproliferativen Neoplasien eine Sonderstellung ein.

Polycythaemia vera (PV)

Die Anzahl der roten Blutkörperchen und damit auch die Konzentration des Hämoglobins (Sauerstoff-Transport-Protein, das dem Blut die rote Farbe verleiht), ist stark erhöht. Durch die hohe Zahl von roten Blutkörperchen wird der Blutfluss beeinträchtigt, was zu Durchblutungsstörungen führen kann. Die Lebenserwartung ist aufgrund der Komplikationen, die durch die Erkrankung entstehen können, verkürzt.

+++ Mehr zum Thema: Polycythaemia vera +++

Essenzielle Thrombozytopenie (ET)

Vermehrung der Blutplättchen auf das bis zu Zehnfache des Normalwertes. Blutplättchen spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung. Als Komplikation kann es zur Verklumpung von Blutplättchen und damit zu Durchblutungsstörungen oder Thrombosen, aber auch zu Blutungen kommen. Unter den MPN zeigt die ET den günstigsten Verlauf, die meisten Patienten haben eine annähernd normale Lebenserwartung.

+++ Mehr zum Thema: Essenzielle Thrombozytopenie +++

Primäre Myelofibrose (PMF)

Am Beginn der Erkrankung steht eine Vermehrung der Blutplättchen und weißen Blutkörperchen im Vordergrund. Gleichzeitig vermehrt sich das Bindegewebe im Knochenmark und es kommt zu einer Fibrose, die allmählich zum Versagen des Knochenmarks führen kann. Die Blutbildung verlagert sich dann in andere Organe wie Milz und Leber. Unter den MPN hat die PMF die ungünstigste Prognose.

Mastozytose

Mastzellen gehören zu den weißen Blutkörperchen und spielen eine wichtige Rolle in der Abwehr von Erkrankungen. Sie befinden sich vorwiegend im Körpergewebe und nicht im Blut, sodass sie sich bei einer Blutuntersuchung kaum nachweisen lassen. Mastzellen produzieren Histamin und andere Stoffe; bei einer Vermehrung von Mastozyten kommt es zur verstärkten Ausschüttung von Histamin und anderen Mediatoren. In der Folge entwickeln sich Symptome wie Juckreiz, Nesselausschlag, Magen-Darm-Beschwerden, Knochen-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Reizbarkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

Unklassifizierbare myeloproliferative Neoplasien (MPN-U)

Symptome

Eine MPN entwickelt sich in der Regel schleichend und bleibt oft über Jahre symptomfrei. Die stark erhöhte Anzahl an roten und weißen Blutkörperchen oder Blutplättchen verursacht zu Beginn nur sehr unspezifische Symptome, die auch im Rahmen harmloser Erkrankungen auftreten können und aus diesem Grund häufig übergangen werden. Eine eindeutige Diagnose wird in vielen Fällen erst in fortgeschrittenem Stadium gestellt.

Typische Beschwerden zum Zeitpunkt der Diagnose:

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • Durchblutungsstörungen an Händen und Füßen
  • Schwindel, Kopfschmerz, Sehstörungen
  • Erhöhte Blutungsneigung: kleine, punktförmige Hautblutungen, blaue Flecke, Nasenbluten, verlängerte Blutungen (z.B. nach einem Zahnarztbesuch) oder verlängerte Regelblutung
  • Bei fortgeschrittener Erkrankung Druckgefühl im linken Oberbauch durch Vergrößerung der Milz
  • Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme
  • Nachtschweiß, Wadenkrämpfe, Schmerzen in den Beinen, Ohrensausen, Tinnitus, Kribbeln in den Finger- und Zehenspitzen
  • Bei PV häufig stark ausgeprägter Juckreiz

Diagnose

Die Verdachtsdiagnose MPN wird in den meisten Fällen im Rahmen einer routinemäßigen Blutuntersuchung beim Hausarzt gestellt. Spätestens, wenn bei einer Ultraschalluntersuchung eine vergrößerte Milz auffällt, sollte ein Facharzt für Hämatologie aufgesucht werden; dieser kann durch weitere spezielle Untersuchungen eine genauere Diagnose stellen. Mithilfe von molekulargenetischen Untersuchungen des Blutes wird nach Genveränderungen gesucht, die für die jeweilige Erkrankung charakteristisch sind. In der Regel wird auch eine Knochenmarkpunktion vorgenommen: Dabei wird unter örtlicher Betäubung mit einer dünnen Spritze Knochenmark aus dem Hüftknochen oder dem Brustbein entnommen und unter dem Mikroskop auf Veränderungen untersucht. Diese Untersuchung wird meist durch eine Knochenbiopsie ergänzt, wodurch die gesamte Architektur des Knochenmarks dargestellt werden kann und damit eine bessere Beurteilung des blutbildenden Systems und der Bindegewebs- und Knochenanteile erreicht wird.

Behandlung

MPN sind chronische Erkrankungen, die derzeit noch nicht medikamentös geheilt werden können. Unterschiedliche Therapieoptionen können jedoch die Lebensqualität verbessern sowie zum Teil schwerwiegende Komplikationen verhindern. Bei vielen Patienten reicht es zu Beginn oft aus, im Sinne einer „Watch and wait“-Strategie die Blutwerte und die Milz engmaschig zu kontrollieren. In der Regel wird erst dann eingegriffen, wenn sich die Symptome verschlechtern oder Veränderungen auftreten. Da die Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich sein können, gibt es keine einheitlichen Therapieempfehlungen.

  • Medikamente

Sogenannte Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylsalicylsäure verhindern das Verklumpen der Blutplättchen. Zytostatika wiederum reduzieren die stark erhöhten Zellzahlen, indem sie die Neubildung von Blutzellen im Knochenmark hemmen. Alternativ können auch hormonähnliche Botenstoffe wie Interferon-alpha eingesetzt werden.

  • Aderlass

Aderlass ist eine der empfohlenen Therapien bei PV. Hierbei werden dem Patienten bis zu 500 ml Blut entnommen und dadurch die Zahl der roten Blutkörperchen reduziert.

  • Stammzelltransplantation

Die Stammzelltransplantation gilt als einzige heilende Behandlung bei myeloproliferativen Neoplasien, kommt aber aufgrund ihres Risikos nur für Patienten in jüngeren Jahren mit fortgeschrittenen Krankheitsstadium infrage. Anders als man erwarten würde, ist eine Stammzelltransplantation keine Operation, sondern eine Infusion, bei der das erkrankte Knochenmark durch gesundes eines passenden Spenders ersetzt wird. Zuvor müssen jedoch alle krankhaften Knochenmarkzellen des Patienten durch eine starke Chemotherapie und Bestrahlung abgetötet werden. Nach der Transplantation erhält der Patient Medikamente, die verhindern sollen, dass das neue Immunsystem, das durch den Spender mitübertragen wurde, den Körper des Empfängers angreift. Solche Reaktionen können sofort nach der Transplantation oder auch chronisch auftreten. Sie sind für eine erhöhte Infektanfälligkeit und andere Komplikationen verantwortlich, was dazu führt, dass etwa 10–20% der Patienten an behandlungsbedingten Komplikationen versterben. Andererseits stellt die allogene Stammzelltransplantation derzeit die einzige Chance auf Heilung dar. Treten die genannten Probleme nicht auf oder werden sie erfolgreich überwunden, können die Betroffenen ein nahezu normales Leben führen.

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Medizinisches Review:
Prim. Univ.Prof. Dr. Heinz Peter Ludwig
Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Stand der medizinischen Information:
Quellen

mpn-netzwerk.de, Selbsthilfeforum für Betroffene von myeloproliferativen Neoplasien: Essenzielle Thrombozythämie; https://www.orpha.net/data/patho/Pub/de/ET-Broschuere.pdf (letzter Zugriff: 06.12.2018)

Klinik und Polyklinik für Innere Medizin III, Hämatologie und Onkologie, Klinikum rechts der Isar: Chronische myeloproliferative Erkrankungen; http://www.med3.med.tum.de/patientenversorgung/schwerpunkte/CMPE.html (letzter Zugriff: 06.12.2018)

Leitlinie „Myeloproliferative Neoplasien (MPN)“, Stand Juli 2014; https://repository.publisso.de/resource/frl:6400558/data (letzter Zugriff: 06.12.2018)

Leitlinie „Chronische Myeloische Leukämie“, Stand Januar 2013; https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-myeloische-leukaemie-cml/@@view/html/index.html (letzter Zugriff: 06.12.2018)

Webseite Kompetenznetz bei akuten und chronischen Leukämien: „Myeloproliferative Neoplasien“, 2016; https://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/patienten/leukaemien/mpn/ (letzter Zugriff: 06.12.2018)
 

Weitere Artikel zum Thema

zur Startseite