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Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, die von Patient zu Patient sehr unterschiedlich verlaufen kann. Oberstes Ziel in der Therapie ist neben bestmöglicher Unterdrückung der Krankheitsaktivität eine gute Erhaltung der Lebensqualität. Ganzen Text lesen



Kurzfassung:

  • Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter.
  • MS ist eine Autoimmunerkrankung, Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
  • Typische Symptome sind Sehstörungen, Gefühlsstörungen in verschiedenen Körperregionen, Unsicherheiten beim Greifen oder Gehen sowie Lähmungen.
  • MS tritt in unterschiedlichen Verlaufsformen auf.
  • Die Therapie wird individuell auf jeden Patienten abgestimmt.

 


Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Aufgrund einer Fehlfunktion des Immunsystems werden Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark angegriffen und geschädigt. Dadurch können unterschiedlichste Symptome verursacht werden. Hierzu zählen:

  • Sehstörungen
  • Gefühlsstörungen in verschiedenen Körperregionen
  • Unsicherheiten beim Greifen oder Gehen
  • Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase.

In schweren Fällen führt MS zu einer zunehmenden Behinderung.

Wie häufig ist Multiple Sklerose?

MS ist die häufigste chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS). Ihre Häufigkeit schwankt von Land zu Land sehr stark, teilweise auch innerhalb eines Landes. Weltweit sind geschätzte 2 bis 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt. Die jährliche Zahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) liegt bei 3,5 bis 5 pro 100.000 Einwohner. In der Schweiz leben zurzeit rund 15.000 MS-Patienten.

Frauen sind von der schubförmig verlaufenden MS etwa zwei bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Bei der primär progredienten MS sind Männer gleich oft betroffen wie Frauen. Das Alter beim ersten Auftreten der Erkrankung liegt in der Regel zwischen dem 20. und dem 40. Altersjahr. Allerdings erkranken Jugendliche teilweise schon vor dem 20. Altersjahr, selten sogar schon im Kindesalter. Selten wird die MS auch nach dem 60. Lebensjahr diagnostiziert.

+++ Mehr zum Thema: Schubförmige MS +++

Welche Faktoren begünstigen Multiple Sklerose?

Die Auslöser von MS sind bis dato noch nicht vollständig geklärt. Die meisten Forscher gehen derzeit davon aus, dass ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren für die Entstehung dieser neurologischen Erkrankung verantwortlich ist. Folgende Faktoren sind an der Entstehung der MS beteiligt:

Immunsystem

Bei MS kommt es im Gehirn sowie im Rückenmark zu lokalen Entzündungen, bei denen vorab jene Substanz, die die Nervenfasern schützend umgibt (Myelin), geschädigt wird. Auslöser für die entzündliche Reaktion sind körpereigene Abwehrzellen (sog. autoreaktive T-Zellen), die sich aufgrund einer Fehlfunktion des Immunsystems gegen das eigene Gewebe richten und dieses zerstören.

Geografie

Das Auftreten der Erkrankung scheint mit der Entfernung zum Äquator in Zusammenhang zu stehen. MS tritt in nördlichen Regionen (etwa in Skandinavien und Nordamerika) am häufigsten auf. Auch erkranken beispielsweise im Norden der USA mehr Menschen an MS als im Süden, in Australien ist es genau umgekehrt. Eher selten kommt die Erkrankung hingegen in Japan sowie in den meisten Ländern Asiens und Afrikas vor.

Alter

MS betrifft vorab junge Erwachsene, die Erkrankung tritt meist zwischen dem 20. und 40. Altersjahr erstmals auf. Mittlerweile wird MS aber immer häufiger bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert, wobei auch Ersterkrankungen jenseits des 45. Altersjahres zunehmen.

Geschlecht

Frauen erkranken vorab an der schubförmigen MS deutlich häufiger als Männer.

Genetische Veranlagung

MS ist keine klassische Erbkrankheit. Man geht davon aus, dass nicht die Krankheit per se vererbt wird, sondern die Veranlagung dazu.

Umweltfaktoren

Auch Umweltfaktoren beeinflussen die Entstehung von MS. So konnte beispielsweise festgestellt werden, dass Kinder, die bis zum 15. Altersjahr in ein anderes Land auswandern, das Erkrankungsrisiko des „neuen“ Heimatlandes tragen.

Krankheitserreger

Bislang wurden zahlreiche Erreger, vorwiegend Viren und Bakterien, mit der Erkrankung in Zusammenhang gebracht. Ein bestimmter auslösender Erreger konnte aber nicht ausfindig gemacht werden.

Weitere Faktoren

Auch andere Faktoren wie Klima, Hygienestandards, Ernährungsgewohnheiten und der individuelle Lebensstil könnten eine Rolle in der Entstehung der Multiplen Sklerose spielen. Körperliche und seelische Belastungen sind zudem mögliche Risikofaktoren für einen akuten Krankheitsschub. Auch Rauchen scheint den Verlauf der MS ungünstig zu beeinflussen.

Wie entsteht Multiple Sklerose?

Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark sind von einer Hülle aus Fetten und Eiweissen umgeben, den Mark- oder Myelinscheiden. Sie dienen als Schutz- und Isolationsschicht. Gebildet werden sie von spezialisierten Zellen, den Oligodendrozyten.

Bei MS kommt es an diesen Markscheiden zu Entzündungen, die in der Folge zu deren Zerstörung führen können. An den betroffenen Stellen setzt eine Art Narbenbildung ein, die als Sklerosierung (Vernarbung) bezeichnet wird und namensgebend für die Erkrankung ist. Die unterschiedlich grossen, über Gehirn und Rückenmark verteilten multiplen Areale der Myelinschädigung und Sklerosierung werden Plaques genannt.

Durch die Zerstörung der Myelinscheiden wird die Erregungsleitung beeinträchtigt. Das heisst, die elektrischen Impulse, über welche die Nervenzellen miteinander kommunizieren, können nicht mehr uneingeschränkt weitergeleitet werden. Als Folge dieser Schädigung können auch die Nervenzellen selbst zugrunde gehen, wodurch Ausfallserscheinungen bestehen bleiben. Diese krankhaften Veränderungen, die zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen können, entstehen, weil sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet.

Symptome bei Multipler Sklerose

Das Erscheinungsbild der MS ist äusserst unterschiedlich. Sie kann sich in einer Vielzahl neurologischer Symptome äussern und auch Schweregrad und Verlauf unterscheiden sich von Patient zu Patient.

Sehstörungen

Zu den häufigsten und oft ersten Beschwerden gehören Sehstörungen. Die Betroffenen sehen beispielsweise auf einem Auge ihre Umwelt getrübt wie durch eine Milchglasscheibe oder haben im Zentrum des Blickfelds eine Sehschwäche. Doppelbilder können ebenfalls auftreten.

Empfindungsstörungen

Empfindungsstörungen sind häufige frühe Beschwerden. Diese äussern sich beispielsweise durch ein Taubheitsgefühl oder ein Kribbeln ("Ameisenlaufen“) an Armen, Rumpf oder Beinen. Auch eine veränderte Temperaturwahrnehmung kann auftreten.

Muskuläre Störungen

MS kann zu Muskelschwäche in Armen oder in den Beinen führen. In schwacher Ausprägung kann es zu einer raschen Ermüdbarkeit der Muskelkraft kommen. Ebenso kommen Störungen der Koordination von Armen und/oder Beinen vor. Einige schwerere Verläufe weisen eine Gangstörung mit Gangunsicherheit auf.

Psychische Symptome

Dazu gehören beispielsweise Störungen von Konzentration und Merkfähigkeit, die aber meist im Alltag gut bewältigt werden können. Danebst werden affektive Störungen (z.B. Depressionen) beschrieben. Bei vielen dieser psychischen Symptome ist es allerdings schwierig, zu unterscheiden, ob sie wirklich durch die Krankheit verursacht sind oder ein begleitendes Phänomen darstellen. Über Müdigkeit und Erschöpfbarkeit wird von den Patienten ebenfalls berichtet.

Inkontinenz

Einige Patienten leiden bereits in einem relativ frühen Stadium an einer Beeinträchtigung der Kontrolle über die Blasenentleerung, wobei meist ein plötzlicher Harndrang vorliegen kann.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

MS kann in unterschiedlichen Formen auftreten:

  • Multiple-Sklerose-Erstmanifestation (CIS)
  • schubförmig remittierende MS (RRMS)
  • sekundär progrediente MS (SPMS)
  • primär progrediente MS (PPMS)

Welche Symptome wann auftreten, zu welchen Beeinträchtigungen es kommt und wie ausgeprägt diese sind, ist individuell höchst unterschiedlich. Je nach der Art des Verlaufes wird versucht, die unterschiedlichen Formen voneinander abzugrenzen.

MS-Erstmanifestation (CIS)

Erste Anzeichen einer möglichen MS werden als MS-Erstmanifestation eingeordnet (CIS, Clinically isolated syndrome. Klinisch isoliertes Syndrom). Unter Verwendung der derzeitigen Diagnosekriterien ist zu diesem Zeitpunkt schon, in Zusammenschau der Hilfsuntersuchungen (Lumbalpunktion und MRT), eine definitive MS-Diagnose möglich, wodurch die Betreuung und frühzeitige Behandlung erleichtert werden.

Schubförmig remittierende MS

Bei der schubförmig remittierenden MS verläuft die Erkrankung in klar voneinander abgegrenzten Schüben. Ein MS-Schub ist definiert als ein neues Symptom respektive eine Verschlechterung bereits bekannter Symptome, wobei die Beschwerden länger als 24 Stunden anhalten. Die Beschwerden dauern in der Regel einige Tage bis Wochen an. Nach dem Schub bilden sich die aufgetretenen Symptome ganz oder teilweise wieder zurück, meist über Wochen.

Am Beginn der Erkrankung ist diese Remission oft vollständig, doch je länger die Symptome bestehen und die Erkrankung andauert, desto wahrscheinlicher bleiben Schäden zurück. Zwischen den Schüben ist der Gesundheitszustand des Patienten stabil, eine Verschlechterung findet nicht statt.

Sekundär progrediente MS

Die sekundär progrediente Multiple Sklerose geht aus der schubförmig remittierenden MS hervor. Die Häufigkeit der Schübe nimmt ab und wird durch eine kontinuierliche Zunahme der krankheitsbedingten Ausfallserscheinungen abgelöst. Phasen, in denen die Krankheit ruht, können zwar vorkommen, doch die Beschwerden bilden sich kaum noch zurück.

Primär progrediente MS

Bei der primär progredienten MS kommt es von Anfang an zu einer schleichenden Zunahme der Symptome. Auch hier kann die Erkrankung zwischenzeitlich ruhen, einen deutlichen Wechsel von Schüben und Remissionen gibt es bei dieser Verlaufsform aber nicht. Sie betrifft nur etwa 10 bis 15 Prozent aller MS-Patienten.

Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?

Da die MS verschiedene Stellen des Zentralnervensystems betreffen kann, ist ihr Erscheinungsbild sehr vielfältig. Dies kann die Diagnose oftmals erschweren. So können etwa MS-typische Beschwerden wie Muskelschwäche oder Seh- und Gefühlsstörungen auch durch zahlreiche andere Erkrankungen verursacht werden. MS muss daher sorgfältig von anderen Erkrankungen, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen können, abgegrenzt werden.

Anamnese

Am Anfang der Diagnostik steht stets ein ausführliches Gespräch über die Krankengeschichte und die akuten Beschwerden.

Klinische Untersuchung

Darauf folgt üblicherweise eine neurologische Untersuchung, bei der unter anderem Muskelkraft, Reflexe, Berührungs- und Temperaturempfinden, Koordination und Gleichgewicht sowie die Funktion der zwölf paarigen Hirnnerven (u.a. des Sehnervs) überprüft werden.

Besonders genau wird der Arzt kontrollieren, ob die neurologischen Veränderungen die Kriterien eines Schubes erfüllen. Dies ist der Fall, wenn die Symptome länger als 24 Stunden anhalten, mindestens 30 Tage nach dem letzten Schub aufgetreten sind und sich nicht durch eine Infektion erklären lassen.

Ist bereits eine MS bekannt, gilt es, bei neu aufgetretenen oder deutlich stärker gewordenen Beschwerden zu prüfen, ob diese durch einen neuen Schub oder ein anderes Ereignis (z.B. Fieber, Infektion) hervorgerufen wurden.

Magnetresonanztomografie (MRT)

Ein wichtiges diagnostisches Instrument ist die MRT. Mit diesem Verfahren lassen sich die MS-bedingten Entzündungsherde im zentralen Nervensystem frühzeitig nachweisen. Die MRT dient auch zur Kontrolle des Krankheitsverlaufs und des Therapieerfolges bei behandelter MS.

Liquoruntersuchung

Darüber hinaus wird zur Diagnostik aus dem Lendenwirbelkanal Nervenwasser (Liquor) entnommen und im Labor untersucht. Diese sogenannte Lumbalpunktion kann Indizien für MS liefern, aber auch andere Erkrankungen wie z.B. Neuroborreliose, ausschliessen.

Messung der Nervenleitgeschwindigkeit

Die Messung sogenannter "evozierter Potenziale“ macht Veränderungen in der Nervenleitgeschwindigkeit erkennbar, vorab im Sehnerv. Das Verfahren gehört ebenso zur Standarddiagnostik bei Verdacht auf MS wie eine umfassende Laboruntersuchung des Blutes.

(Stand der medizinischen Information: Februar 2021)

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. med. Hüseyin Duyar
Redaktionelle Bearbeitung:

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Bigaut K, De Seze J, Collongues N. Ocrelizumab for the treatment of multiple sclerosis. Expert Rev Neurother. 2019; 19(2):97-108.

Dobson R, Giovannoni G. Multiple sclerosis - a review. Eur J Neurol. 2019; 26(1):27-40.

Dargahi N, Katsara M, Tselios T, et al. Multiple Sclerosis: Immunopathology and Treatment Update. Brain Sci. 2017; 7(7):78.

Loma I, Heyman R. Multiple sclerosis: pathogenesis and treatment. Curr Neuropharmacol. 2011; 9(3):409-416.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Diagnose und Therapie der multiplen Sklerose, 2014 (letzter Zugriff am 05.11.2020).

Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft: https://www.multiplesklerose.ch/de/ueber-ms/
 

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